Jakobsweg Tag 4

28.05.2011 Roncesvalles – Burguete – Espinal – Viscarret – Linzoain – Zubiri

Zubiri TollwutbrückeEs ist jetzt 18:00 Uhr, ich sitze am traumhaften Fluss von Zubiri an der Brücke „Puente de la Rabia“. Das bedeutet „die Tollwutbrücke“ und die Einheimischen behaupten, dass es reicht, die Brücke dreimal zu unterqueren, um von Tollwut geheilt zu werden.

So wütig bin ich heute nicht und so genügt es mir, am schattigen Ufer ein Plätzchen zu suchen und meine Tagesereignisse zusammenzufassen.

Heute Morgen habe ich richtig gut ausgeschlafen und bin erst 7:45 Uhr los zum Abstieg nach Burguete. Das Wetter ist schön, aber auf über 1000 Meter Höhe noch empfindlich kalt. Ich habe höllische Schmerzen in den Füßen, rede mir aber ein, dass beim Abstieg ja andere Stellen belastet werden als beim Aufstieg. Ich laufe allein und das ist gut so. Das ist mein Weg und den will ich jetzt nicht teilen. Unterwegs treffe ich meine beiden Australierinnen, die Schwestern Ann und Verena von gestern Abend. Die haben so gute Laune, da könnte ich neidisch werden. Sie freuen sich über Regen, das Grün, die Wälder, den Geruch von Ginster, es scheint mir fast, die kämen aus Bitterfeld und hätten noch nie einen grünen Wald gesehen.

Pilgerweg von Burguete nach EspinalFrühstück gibt es nach 4 km im Örtchen Burguete und schon überrumpelt mich wieder die spanische Mentalität. Ich zahle mein bescheidenes Mal mit einem 10 Euro Schein und bekomme 2,25 Euro zurück. Beim Frühstücken beobachte ich die anderen Leute und komme zu dem Entschluss, dass die niemals für dieses Gericht 7,75 gezahlt haben. Also gehe ich zur vermeintlichen Chefin des Hauses und frage, was denn ein Café con Leche und ein Stück Schokokuchen kostet. 2,75 ist die verblüffende Antwort. Umständlich versuche ich ihr im lauten und vollen Laden zu erklären, dass ihr Kollege mir eben 7,75 dafür abgenommen hat und plötzlich finde ich mich in einem Geschrei zwischen Kunden, der Chefin, dem Kellner und ich schein der Mittelpunkt dieser Aufregung zu sein. Die Sache wird mir schon langsam peinlich, ich habe das Gefühl, die holen hier gleich die Feuerwehr, um die Gemüter wieder abzukühlen, als die Chefin zur Kasse geht, mir 5 Euro gibt und mir gestikulierend zu verstehen gibt, dass es noch früh am Morgen ist und der junge Angestellte noch müde im Kopf sei.

Abstieg nach Zubiri

Ich ziehe weiter und es geht durch wunderschöne Wälder und über Berge in einem ständigen Auf und Ab schließlich in das Örtchen Viscarret. Dort treffe ich wieder einmal einen Österreicher. Die scheinen hier in der Überzahl zu sein. Er selbst macht den Eindruck, als hätte er das Leben persönlich erfunden, sitzt bereits beim dritten Kaffee, lädt mich zu noch einem ein, hat keinerlei Eile und erzählt mir, dass er aus Vorarlberg kommt und ich zum Skifahren nicht mehr nach Tirol fahren soll. Sie spielten mir dort nur die heile Bergwelt vor und in Wirklichkeit wollen die uns Touristen überhaupt nicht. Ich muss sagen, mir gefällt dieses Spiel bis jetzt ganz gut. Wir unterhalten uns noch ganz nett und ich ziehe weiter zur Passhöhe del Erro. Hier findet man die lang gestreckten Felsen Pasos de Roldán, welche der Größe nach der Schrittlänge des Helden Roland entsprechen sollen. Sollte der Fußgeruch gehabt haben, dann könnte das bei diesen Maßen ganze Völkerstämme ausgerottet haben.

Passhöhe von ErroVon nun an geht es nur noch bergab nach Zubiri. Es ist inzwischen wahnsinnig heiß und so gönne ich mir eine Pause unter einem Baum mit Panoramablick. Eine kleine Stärkung aus dem Rucksack und meine Gedanken lasse ich mit dem leichten Wind in den Baumwipfeln ziehen. Ich nutze die Gelegenheit um ganz zu entspannen und Platz für neue Ideen und Inspirationen zu schaffen.

Während meiner Arbeit habe ich viel mit Gestaltung zu tun. Leider vergessen die meisten Leute, dass es nicht um die Gestaltung an sich geht, sondern es geht immer um die Menschen, für die es gilt, eine Atmosphäre zu schaffen. Dabei ist es völlig egal, ob im Privatbereich, im Konzertsaal, in der Montagehalle oder im Büro. Ich habe mir das Thema: „Erst der Mensch, dann das Produkt.“ zum Leitmotiv meiner Arbeit gemacht und dieser Weg hilft mir dabei, die Dinge unabhängig von Zwängen und vorgefertigten Meinungen zu betrachten.

Ich genieße die Ruhe, die Farben, das Spiel des Lichtes, betrachte Berge, scharfkantige Felsen, weiche Flussläufe und beobachte die Menschen. Wenn ich in Pamplona bin, werde ich mir Zeit nehmen mich mit der Architektur der Stadt vertraut zu machen, dort gibt es jede Menge interessante Gebäude aus verschiedenen Epochen zu sehen. Ich teile den Tagesablauf in die drei Bereiche Konzentration, Kommunikation und Regeneration ein. Das kann man auf alles übertragen und jeder wird sich in diesen drei Bereichen wiederfinden. Wenn ich diese Bereiche nun mit entsprechenden Farben und Materialien gestalte, dann ist es möglich, für jeden Menschen die für ihn richtige Atmosphäre zu schaffen.

Schluss mit dem Abschweifen, ich habe für heute Nacht noch kein Lager. Der weitere Abstieg ist anstrengend und ich treffe zwei nette Einheimische. Sie erklären mir, dass sie sich nun entschlossen hätten auch einmal die Pyrenäen zu überqueren und beschreiben mir den Unterschied zwischen der spanischen und der baskischen (Ihrer Heimatsprache). Ich verstehe nur so viel, dass baskisch einfacher ist als spanisch und die Basken einen sehr großen Nationalstolz haben. Na die müssen es ja wissen.

Tollwutbrücke von ZubiriAuf der Brücke nach Zubiri empfängt mich strahlend Sonnenscheinchen Bine. Ich glaube die schickt mir der Himmel (oder das Licht). Sie erzählt mir, dass es im ganzen Ort keine Betten mehr gibt und sie mir noch eines reserviert hat. Bett 103. Also checke ich ein. Es gibt sogar Duschen, saubere Toiletten und ein Menü. Ich lehne dankend das Essen ab und gehe zur Alimentation. Dort ist zwar offen, aber keiner da. Also nehme ich mir die ausgepreisten Sachen aus dem Regal, lege das Geld auf den Tresen und jetzt sitze ich am Fluss und mache Siesta.

Das Leben ist schön. Im eiskalten Wasser baden die ganz mutigen Wanderer, vielleicht hat das etwas mit der Tollwut zu tun. Ich gönne mir ein Bad bis zu den Knien und habe Angst, dabei auf den glitschigen Felsen abzurutschen. Zu viele Leute haben hier einen Fotoapparat dabei und ich habe keine Lust, morgen auf dem Titelblatt der Lokalzeitung zu erscheinen. Später hole ich mir noch ein kühles Bier aus der Bar und verbringe den Abend am Fluss. Inzwischen hat sich hier eine Gruppe Pferde mit ihren Fohlen zum Baden eingefunden.

Die Abendsonne spiegelt sich im kristallklaren Wasser. Wo ist meine Kamera?

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1 Seppi September 8, 2011 at 12:53

hallo,
ich kann leider nur den schönen bericht über tag 4 lesen – alle anderen tagesberichte sind auf folgende seite verdrahtet: http://www.buerokomplett.de/news/cat/jakobsweg-pyrenaeenueberquerung/page/1/
würde mich über einen persönlichen kontakt des autors unter a.lederle@reginova.de freuen.

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