Von Konstanz nach Basel

Ein kleine Zusammenfassung zum Einstieg

Erlebnisreiche, besinnliche und auch anstrengende 7 Tage. 180 km durch den bunten, späten Herbst in einer kultur- und geschichtsträchtigen Landschaft unterwegs. Von den Kelten, über die Römer und die vielen alten und auch neuen christlichen Sakralbauten war sehr viel Kultur zu erleben.

11. – 17. Oktober 2017

Schon beim Start, vorbei am Bischofschloss in Markdorf, wurde der Bezug zu meinem Startort Konstanz hergestellt. Zur Zeit des Konzils in Konstanz wurde Markdorf Sommersitz der Konstanzer Bischöfe. Auch Meersburg hat deutliche Spuren dieser Zeit. In Konstanz dann das eigentliche Konzilsgebäude, das an die Zeit vor 600 Jahren erinnert.

Welches ist die schönste Wegstrecke der Jakobswege?

Immer wieder werden mir diese Fragen von neugierigen „Nichtpilgern“ gestellt. Ich sage dann immer, dass diese Frage nicht zulässig ist und Wertungen den Pilger nicht weiterbringen. Es wäre gerade so schwierig auf die Frage zu antworten, welches Stück unseres Lebensweges besonders herausragend war.

Aber ja, die Strecke Konstanz – Basel hat schon was! Speziell, wenn einen der „Goldene Oktober“ mit bestem Wetter und dem schönsten, vollen und bunten Blätterkleid der Bäume begleitet.

Wer sich außer der prächtig bunten Natur auch von der Geschichte dieser Region einfangen lässt, ist beeindruckt, was hier von den Kelten, über die Römer, die Alemannen, die Franken, die Merowinger, Karolinger, Staufer, Habsburger, bis hin zu den vorderösterreichischen Gebieten geboten war.

Die Reformationszeit, Helvetia, die Bauernkriege und Arbeiteraufstände, sind ebenfalls von Ort zu Ort ablesbar. Viele Burgen und Schlösser liegen an der Stecke. Wertvolle Kirchen und Klöster legen Zeugnis für eine bewegte Zeit in einer ganz besonderen Region.

Alte Routen neu entdecken! Das könnte das Motto sein, dieses Wegestück zu gehen.

Das Ziel, das Pilgerdrehkreuz Basel zu erreichen, war auch in der „alten Zeit“ dem Weg von Konstanz aus dem Rhein zu folgen. Die neue Markierung und Beschreibung dieser Strecke durch Berthold Burkhardt und Hans- Jörg Bahmüller ist eine wertvolle Bereicherung.

Wie weit ist es eigentlich nach Santiago?

Diese Frage wird immer wieder gestellt und dann gibt es Menschen in unserer Zeit, die diese Frage mit GPS ganz genau beantworten wollen. Das Ergebnis ist immer ungenau und für viele Neugierigen höchst unbefriedigend. Es ist ja auch so, dass die heute markierten Wege nicht den „damaligen“ Wegen entsprechen, denn niemand geht gern auf den Autobahnen, oder Bundesstraßen. Dann gibt es auch mehrere Varianten und überdies ist es auch gar nicht wichtig, denn der Genuss ist es, der den Pilger lockt.

Also dann trotzdem ein Versuch, die Neugier zu befriedigen. Von Konstanz über Einsiedeln sind es laut dem Hinweisschild in Konstanz 2340 km. Über Basel, Gy und Le Puy 2374 und über Basel und Vezelay 2227 km.

Ergebnis: Es ist nicht der Rede wert, über die Differenz zu reden, denn allein die Umwege durch unachtsame Verfehlungen auf dem Weg sind gravierender.

Es ist auch immer wieder speziell, unterwegs den Menschen zu begegnen, die gern bereit sind für ein kurzes Gespräch.

Verwunderlich ist auch, wie viele Menschen dann auch berichten, dass sie Teilstücke des Jakobsweges gegangen sind und auch schon am Ziel in Santiago de Compostela waren.

Diesen Pilgerbericht fertige ich für mich, um die schönen, erlebnisreichen Tage nochmals nach zu erleben, zu vertiefen und vor dem Vergessen zu bewahren. Vielleicht ist er auch für den einen, oder anderen Pilgerfreund ein kleines Hilfsmittel für die Planung, oder auch Anregung. Viele Menschen, die nicht gehen können, soll es ein Erfahrungsbericht sein.

Diesen Weg bin ich bewusst für meine Schwiegermutter Erika gegangen, die vor kurzer Zeit kurz vor ihrem 90. Geburtstag gestorben ist. Es ist eine Gnade, wenn man sich frei bewegen kann.

Es war wieder eine schöne Erfahrung, allein und leicht unterwegs zu sein.

Konstanz – Mammern

25 km, Sonne und warm

Der Start beginnt an der Bushaltestelle in Leimbach. Der Bus ist überwiegend mit Schülern besetzt, die nach Markdorf und nach Meersburg fahren. Auch meine Enkel Ida und Mathis sind dabei, die mich nach Meersburg begleiten. Mit beiden war ich vor einigen Jahren von Brochenzell nach Konstanz unterwegs. Die junge Generation von Morgen wundert sich, dass ein Opa mit dem Rucksack freiwillig auf den Weg gehen will. Auf der Fähre angekommen, zeigt sich ein schönes Morgenrot und der Tag erwacht.

In Konstanz angekommen, führt der Weg vorbei am Konzilsgebäude, die Imperia mit ihrer vielsagenden Symbolik im Blick mache ich mich auf den Weg zum Münster.

Hier ist seit Jahrhunderten der Aufbruch der Pilger in Richtung Südwesten; Spanien zu.

Kein Pilger ist jemals aufgebrochen, ohne die Mauritiusrotunde mit dem heiligen Jakobus gesehen zu haben. Mir war dieser Moment nicht vergönnt, denn ich war einfach zu früh und die Türen verschlossen. Ein kurzes Innehalten vor der Mariensäule und dann ging es los.

Vorbei an der Stephanskirche und an der Lutherkirche in Richtung Grenzübergang Tägerwilen in die Schweiz. Schon bin ich auf dem Weg durch die Gemüsefelder und die Bauern begrüßen mich mit einem freundlichen Grüezi. So ganz nebenbei bemerkt, bin ich jetzt bereits ein Ausländer. So schnell geht das!

Nicht weit und ich bin am Schilfgürtel des Bodensees und durch den Nebel erkenne ich die Konstanzer Bebauung am anderen Ufer. Der nächste Ort ist sehr geschichtsträchtig, denn hier in Gottlieben auf der Drachenburg wurde Jan Hus und einer der „drei“ Päpste (Johannes XXIII) inhaftiert. Jan Hus wurde dann ja auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Dieser beschauliche Ort zieht zu allen Zeiten Touristen an. So waren auch drei Motorradfahrer aus Bamberg gerade am Start, die mich mitleidig angesprochen und mir einen Platz auf ihren Höllenmaschinen angeboten haben. Alles hat seine Zeit! Ich war auf Pilgern programmiert.

Auf dem Fußweg am See entlang eröffnen sich immer wieder friedlich verträumte Blicke, die zufriedene Glücksgefühle auslösen. Die Strecke ist durch die vielen Radtouren um den See bekannt.

Die Wahrnehmung ist allerdings ganz anders, weil die Bewegung viel langsamer und bewusster vollzieht. Allein die Zeit, die ein Wanderer benötigt, die Insel Reichenau an sich vorbeiziehen zu lassen ist eindrucksvoll.

Dann ist auch bald die Höri auf der anderen Seite des Untersees zu sehen. Triboltingen, Ermatingen, Salenstein Mannenbach, Berlingen, Steckborn sind die schönen Orte, die an der Strecke liegen. Die alten und uralten, durchweg gut gepflegten alemannischen Fachwerkhäuser erzählen eine interessante Geschichte. Nicht zu vergessen ist das Anwesen Arenenberg, das eng mit Napoleon III und seiner Familie verbunden ist.

Überall in der Gärten wird emsig gearbeitet. Riesige Berge von alten, ehrwürdigen Bäumen begleiten mich. Warum wurde diese Pracht der Natur entfernt? Ein Gärtner klärt mich auf. Der Sturm in der Nacht von 2. August hat hier eine Verwüstung angerichtet, die ein Generationsgedächtnis übersteigt. Weiden, Pappeln und Koniferen, die zum Teil über 200 Jahre alt waren, wurden vom Sturm umgelegt.

In Mammern, umweit von Stein am Rhein habe ich angefangen, eine Bleibe zu suchen. Bei Romi und Rene Kuhn hatte ich ein gemütliches Zimmer und sehr nette Gastgeber. Ein anstrengender, schöner Tag ging zu Ende.

Mammern – Schaffhausen

27 km Sonne und warm

Beim sehr reichhaltigen Frühstück hat sich ein sehr interessantes Gespräch entwickelt, denn Rene war in seiner aktiven Zeit sehr viel in Asien und auch in China fast zuhause. Der Abschied fiel schwer, aber ich wollte die Morgenstunden zum Aufbruch nutzen.

Eschenz war schon bald von einer Anhöhe zu sehen. Im Hintergrund blinkt auch Stein am Rhein und die Klingenburg in der Morgensonne. In Eschenz ist der Untersee zu Ende und der Rhein ist wiedergeboren.

Dieser unscheinbare Ort hat eine sehr bedeutende, römische Vergangenheit. Hier war ein Kontrollpunkt der Handelsrute vom Rhein zum Bodensee und zurück. Beachtliche archäologische Funde berichten aus dieser Zeit.

Auch das Kloster auf der Insel Werd ist ein Kleinod, das über 1200 Jahre Christentum berichten kann. Der Heilige Ottmar, der Gründer des Klosters St. Gallen, wurde hier auf Werd in seinen späten Jahren festgehalten und ist 759 gestorben.

Es ist immer wieder interessant, wie solche Kraftorte wirken, wenn man bereit ist, sich einzulassen.

Auf diesen kleinen Fleckchen Erde ist auch ein Labyrinth angelegt, das dem der Kathedrale von Chartres entspricht. Die symbolhaften 444 Meter bin ich mit Bedacht, gegangen und habe mich inspirieren lassen.

Zurück am Ufer lese ich auf den Schautafeln nochmals die interessante Geschichte zu den Römern und dem Kloster. Bald habe ich Stein erreicht und es bieten sich Kalenderfotos, wie ich sie bisher nie wahrgenommen habe.

Der Weg führt linksrheinisch weiter nach Wagenhausen. Das ehemalige Benediktiner Propstei liegt direkt am Rhein. Die Kirche ist fast 1000 Jahre alt und damit eine der ältesten, romanische Kirchen der Ostschweiz. Da kommt so was wie Ehrfurcht auf.

Die Wege sind nun wirklich einzigartig schön. Es sind reine Fußwege und Trampelpfade, die direkt am Rhein verlaufen. Der nächste Stopp ist die Grenzstadt Diesenhofen, mit der 200 Jahre alten Holzbrücke, die nach Gailingen / Deutschland führt. Seit 1800 gehört dieser Ort zum Thurgau.

Das nächste, sehenswerte Highlight ist das ehemalige Dominikanerinnen-Kloster Katharinental. Seit fast 800 Jahren wird hier gearbeitet, gebaut und gebetet. Heute ist hier eine Rehaklinik und eine Langzeitpflege untergebracht.

Nun folgen acht Kilometer Natur pur. Rhein, Wälder, Schilf, Sumpf und deutliche Spuren von fleißigen Bibern. Schaffhausen ist dann auch in Sicht. Ein wunderbares Gesamtensemble, das über 10 Jahrhunderte entstanden ist und seit 500 Jahren zum helvetischen Staatenbund gehört. Mein Weg führt mich über die Rheinbrücke, durch die gepflegte Altstadt hinauf zur Jugendherberge „Belair“ in der Randenstraße. Ein Glücksgefühl durchzieht mich, als ich dieses, 500 Jahre alte Gemäuer mit den schönen Zwillingstürmen zu sehen bekam. Das Turmzimmer da oben, das wär’s!

Und tatsächlich dieses Zimmer hat auf mich gewartet. Hermann Hesse hat hier in diesem Haus 1914 seinen Roman „Rosshalde“ geschrieben. In diesem Haus ist eine angenehme Stimmung und im Hessezimmer hat man Ruhe und ein angenehme Möglichkeit zur Erholung. Ein eindrucksvoller Tag. Pilger brauchen mehr als den Verstand, um den Weg zu finden!

Schaffhausen – Kaiserhof

25 km, Sonne und warm

Zwischen mehreren Kindergruppen sitze ich beim Frühstück und höre die unterschiedlichen Dialekte der Schweiz. Wieder bin ich früh auf den Beinen und schlendere in Richtung Altstadt.

Unterwegs spricht mich ein Spaziergänger auf mein Ziel an. Obwohl er eigentlich zum Bahnhof müsste, begleitet er mich durch einen alten, schön angelegten Park und zeigt mir eine Abkürzung, die mich wieder an den Rhein bringt. Nach einer angeregten Unterhaltung gehen wir wieder unsere getrennten Wege. Ist das nicht schön?

Die Sonne hat wieder die Kraft, den Dunst zu verdrängen. Die Herbststimmung verspricht wieder einen schönen Tag. Bald bin ich schon bei den ersten Stromschnellen. Die tosenden Geräusche des fallenden Wassers sind zu hören. Rechtsrheinisch nähere ich mich dem Rheinfall. Obwohl so früh, bin ich nicht allein bei diesem grandiosen Naturschauspiel. Menschen aller Erdteile wurden bereits mit Bussen hier her gebracht um den größten Wasserfall zu bewundern. Von dieser Seite habe ich den Wasserfall noch nie gesehen.

Nach einer halben Stunde Fußweg habe ich diesen Ort optisch und akustisch verlassen. Nun geht es auf stillen Wegen in Richtung Altenburg. In Gedanken versunken muss ich ein Wegezeichen übersehen haben und stehe bald schon im weglosen Wald. Nach Gefühl und Gehör habe ich aber auf den „rechten Weg“ zurück gefunden.

Kurz vor Rheinau waren die Wegezeichen wieder zu sehen. Achtsamkeit ist in allen Lebenslagen ein sehr guter Wegbegleiter.

Seit 1324 verbindet die Brücke von Rheinau Deutschland mit der Schweiz. Seit einiger Zeit bin ich nun auf der deutschen Seite des Rheins. Über Balm komme ich nach Lottstetten. Dieser Ort, wie viele deutsche Grenzorte haben ihre Parkflächen vor den Einkaufszentren vergrößert, um die Fahrzeuge der Schweizer Kunden aufnehmen zu können. Auch in den Lokalen im Ort hört man Schwyzerdütsch.

Hier lege ich eine kleine Pause ein, vor ich die folgende Bergstrecke angehe. Von ca. 400 Metern üNN führt der Weg bis zu 700 Höhenmetern. Die Sonne brennt mir auf den Rücken und ich lege gelegentlich kleine Pausen ein.

Ein Blick zurück ist immer wieder eine Belohnung für die Anstrengung. Gut, dass meine Wasserflasche gefüllt ist. Ich befinde mich nun auf dem Hochrhein Höhenweg. Bald beginnt der dichte, bunte Laubwald und ich bin über viele Kilometer einfach allein in Gottes schöner Natur. Das Geräusch der trockenen Blätter unter meinen Füßen begleitet mich.

Die grüne Grenze zur Schweiz wechselt hier immer wieder. Es folgt ein Grat über einen Bergrücken, der exakt die Grenzlinie ist. Alte, schöne Marksteine weisen mich darauf hin.

Auf etwa 650 Höhenmetern ist mein heutiges Quartier im Kaiserhof bei der Familie Kaiser. Die Kaiser’s bewirtschaften noch einen Hof wie in alten Zeiten. Alle klassischen Tierarten eines Bauernhofes sind hier anzutreffen. Zusätzlich Lamas, eine Zucht von australischen Hirtenhunden und chilenischen Springmäusen. Von hier habe ich einen weiträumigen Blick in den Klettgau.

Kaiserhof – Waldshut

25 km, Sonne und warm

Mit einem kräftigen Bauernfrühstück mache ich mich fit für den nun anstehenden Anstieg. Nach einigen Höhenmetern habe ich die Nebeldecke erreicht und hoffe nun, dass die Sonne die Kraft haben möge, den Blick zu weiten. Der Wunsch wurde nach einer Stunde prompt erfüllt und so ist dann auch der Sendemast auf dem Wannenberg von der Morgensonne bestrahlt. Es ist ein unglaubliches Geschenk an einem solchen Tag in einer solchen Landschaft unterwegs sein zu können.

Der Weg steigt weiter an und bald ist der höchste Punkt dieser Pilgertour bei 697 Meter über Null erreicht. Ich bin froh, diese Etappe so gewählt zu haben. Am Himmel zeigen sich nun im Abstand von fünf Minuten riesige, weiße Vögel, die auf dem Sinkflug in Richtung Kloten unterwegs sind. Wer gelegentlich die Beschwerden aus der Region Waldshut in den Medien verfolgt, bekommt hier ein Gefühl, was es bedeutet, in einer Einflugschneise zu leben.

Nicht mehr weit und ich bin in Küssaburg angekommen. Die Burg grüßt schon längere Zeit aus der Ferne und lädt zum Verweilen ein. Vor 800 Jahren wurde diese Festung errichtet und hat eine wechselvolle, bewegte Geschichte. Es ist eine ganz besondere Stimmung hier oben auf dem Burgfried. Das alte Gemäuer ist von der Sonne im besten Licht bestrahlt. Der Blick in das Rheintal und auf der anderen Seite in den Klettgau ist durch das dichte „Wattepolster“ verwehrt. Einige Berge spitzeln gerade so eben aus der Nebeldecke. Und permanent brummen die weißen Vögel! Eine ganze Weile bewundere ich dieses Natur – und Technikschauspiel, bevor ich mich auf den steilen Abstieg nach Bechtersbohl mache.

Durch den kleinen Ort geht es dann nochmals etwas bergan. Von nun an geht es nun noch bergab in Richtung Rhein. Oberhalb von Unterlauchringen ist in einer Lichtung ein eindrucksvolles Mahnmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege errichtet. Ich sitze einige Zeit hier und sinniere über die sinnlosen Kriege, die Millionen Opfer, die Geltungsbedürfnisse der Politik und die Gier der Industrie.

Von hier ist es nicht mehr weit zur Wutach und nach Tiengen. Nun bin ich wieder mitten im Verkehrslärm und in der Zivilisation. Durch das Industriegebiet komme ich nach wenigen Kilometern wieder an den Rhein und dort zur Aaremündung. Die Aare fließt nach knapp 300 Kilometern, von den Berner Alpen kommend in den Rhein. Sie ist der wasserreichste Zufluss des Rheins.

Hier ist ein schöner Campingplatz, der auch Pilgerzimmer anbietet. Heute Abend werde ich hier einkehren. Zuerst will ich aber der Altstadt Waldshut einen Besuch abstatten. Obwohl ich früher schon des öfteren in Waldshut war, habe ich nie die Schönheit der Altstadt kennen gelernt. Auch von der bewegten Geschichte der 750 Jahre alten Stadt war ich überrascht.

Auf dem Weg zurück in die Unterkunft im Campingplatz wurde mir bewusst, wie wertvoll die Zeit ist, die ein rüstiger Rentner unterwegs verbringen kann. Ein Luxus!

Waldshut – Bad Säckingen

31 km, Sonne und warm

Der Rhein glänzt silbern, als ich mich gegen 9.00 Uhr auf den Uferweg mache. Dieses Stück Weg gehe ich nun das zweite mal. Es ist bereits vertraut und ein Genuss. Die Sonne hat den Nebel komplett vertrieben. So kommt das Atomkraftwerk Leibstadt / Schweiz in voller Größe zur Geltung. Ein Mahnmal der Moderne, das die Pilger auch in 10.000 Jahren noch sehen werden. Es wird noch in 1.000.000 Jahren strahlen. Die alten Baureste der Römer sind gerade mal 2.000 Jahre alt.

Über Dogern erreiche ich Albbruck und wechsle wieder auf die linke, schweizerische Rheinseite. In Schwaderloch werde ich von einem Wachbunker empfangen, in welchem in früheren Zeiten die Brücke gesichert wurde. Es ist Sonntag, der Ort ist wie ausgestorben. In der Kirche auf der Anhöhe habe ich einen Gottesdienst vermutet. Ich war dann aber der einzige Besucher in diesem schönen Raum.

Aus dem Gesangbuch habe ich ein paar Lieder gesungen. Es hat gut geklungen und mit einem guten Gefühl bin ich weitergezogen. Es geht „zackig“ bergan durch den Wald.

Am Waldtrauf angekommen sehe ich unten im Tal den Ort Ezgen. Hier findet gerade ein Gelände – Volkslauf statt. Auch hier spricht mich eine Frau an, die im Frühjahr von den Pyrenäen aus nach Santiago gepilgert ist.

Über Sulz, wo ich wieder auf Römer Fundamente stoße, komme ich an den Rhein. Auf diesen Wegen waren ehemals die Flößer stromaufwärts zu Fuß in Richtung Heimat unterwegs. Die Infotafeln berichten eindrücklich, welch harter, gefährlicher Beruf dies war.

Auf einer Bank unmittelbar am Rhein mache ich eine ausgiebige Pause und habe die beiden Laufenburg (Schweiz / Deutschland) im Blick. In den Städten angekommen, stelle ich fest, dass hier gemeinsam ein großes Fest gefeiert wird. Eine schöne Stimmung auch unmittelbar auf der alten Brücke.

Diese beiden Städte sind über 800 Jahre alt. Die legendäre Fasnacht ist nachweislich über 600 Jahre alt und besteht für beide Städte aus einer gemeinsamen Zunft.

Hier nutze ich auch die Gelegenheit, die befreundete Familie Endele zu besuchen. Ein herzlicher Empfang und ein gutes Gespräch bei Kaffee und Kuchen war ein tolles, ungeplantes Erlebnis. Abweichend zur offiziellen Tour gehe ich auf der deutschen Seite weiter. Über Murg komme ich dann bei Einbruch der Dunkelheit nach Bad Säckingen. Es ist gar nicht einfach, hier ein Zimmer (erschwinglich) zu bekommen.

Ein Bürger mit ausländischen Wurzeln ist mir dann spontan behilflich. Obwohl heute der längste Tag war, bin ich ganz entspannt angekommen. Die Kondition hat sich wieder sehr gut eingestellt.

Bad Säckingen – Rheinfelden

21 km, Sonne und warm

Vom Hotel Fährmann ist der Weg nicht weit in die Altstadt. Es ist gerade Markt und so wird das Zentrum aufgewertet. Im Münster St. Fridolin mache ich den Aufbruch und schaue gedanklich dankbar auf die schönen Tage zurück. Ein Ehepaar aus Nürnberg, die ebenfalls die Kirche besichtigen, waren beide auch schon in S.d.C. und erzählten mir eifrig von ihren Erlebnissen. Wieder war die Muschel am
Rucksack die Kontaktbrücke.

Als der irische Wandermönch Fridolin vor fast 1.500 Jahren, von St. Gallen kommend, in Bad Säckingen und am Oberrhein einige Klöster gründete, gab es die Legende des Heiligen Jakobus in Spanien noch nicht. Neben dem Trompeter von Säckingen gäbe es noch viele interessante Details zu berichten, denn diese Stadt, aber auch die Region hat vieles zu bieten.

Über die alte Holzbrücke sind schon seit 750 Jahren Mensch und Tier unterwegs, auch die Pilger.

Wieder linksrheinisch erlebe ich eine Genusstour direkt am Wasser. Einige Römerspuren von einem Wachturm und einem Kastell, das um 250 n Ch. gebaut wurde, bei Rhyburg begleiten mich. Bauwerke neueren Datums sind ebenfalls zu sehen. Wasserkraftwerke wurden in großer Zahl gebaut und liefern beträchtliche Mengen an Energie.

In der Schweiz fällt auf, dass von den Gemeinden viele Grillplätze für die Bürger eingerichtet wurden und sehr gut gepflegt werden. Immer wieder kommt es zu kurzen Gesprächen. Gegen 15.00 Uhr bin ich schon in Rheinfelden CH.

Meine Idee ist es, nach einer kurzen Pause noch ein Stück zu gehen, um Morgen etwas früher in Basel zu sein. Je näher man dieser Stadt am Rheinknie kommt, umso schwieriger wird es, ein erschwingliches Zimmer zu bekommen. Privatleute vermieten ihr Gästezimmer für 120 – 150 SFr ohne Frühstück! In Rheinfelden Baden habe ich Glück in einem griechischen Restaurant. Über die alte Rheinbrücke, die mit den Kantonsflaggen der Schweiz und den Flaggen der deutschen Bundesländer geschmückt ist, erreiche ich meine Bleibe.

In den beiden Rheinfelden schaue ich mich um und treffe mich am Abend mit einer lieben Reisefreundin. Theresia wohnt hier ganz in der Nähe und freut sich ebenfalls, dass wir uns wieder einmal sehen und austauschen können. Vor 11 Jahren haben wir uns das letzte Mal gesehen. Es kommt uns vor, es wäre gestern gewesen. Mit der Vorfreude auf mein morgiges Ziel gehe ich wieder über die Brücke und danke für den schönen, erfüllten Tag. Es ist noch immer angenehm warm.

Rheinfelden – Basel – Markdorf

20 km, Sonne und warm

Schon kurz nach 8.00 Uhr bin ich auf der alten Brücke in Richtung Schweiz unterwegs. Heute stehen einige Besichtigungen auf dem Programm. Wieder mit Kurzarmhemd und Hut, Regenjacke, Vlies, Stirnband, Handschuhe und Anorak im Rucksack genieße ich den Sonnenschein.

Rheinfelden war ein wichtiger Versorgungsort Augst (Augusta Raurica), das um 44 n. Chr. gegründet wurde. Frischwasser und Baumaterial kamen von hier.

Der Weg nach Augst ist kurzweilig und schon bald stehe ich vor dem ersten Schild mit Säulen Symbol, dem Hinweis auf die römischen Ausgrabungen. Die ehemalige Badeanstalt wurde rekonstruiert. Es sind die unterirdischen Heizkanäle der Fußbodenheizung zu sehen. Im ganzen Ort gibt es mehrere Zeugen aus dieser Zeit. Auch ein Theater wurde wieder so angelegt, dass es bespielbar ist. Es lebten einst immerhin etwa 20.000 Menschen in dieser Stadt. In einem Museum sind viele Schätze aus der Zeit der Römer zu sehen. Ein ausführlicher Rundgang mit vielen, aufschlussreichen Schautafeln verschaffen einen sehr guten Überblick der Römerzeit. Wirklich sehr beeindruckend.

Wieder am Rhein entlang auf romantischen Wegen werden dann langsam die Industrie Anlagen der Schweizerhallen sichtbar. Über eine Stahlkonstruktion führt dann eine Brücke in das Industriegebiet und die Romantik ist vorbei. Es sind einige Brücken über die Eisenbahn und die Autobahn zu überwinden und dann bin ich in Muttenz. Hier wird gebaut und jeder kleine Fleck wird für Erweiterungen genutzt.

Nicht mehr weit und ich bin im Basler Ortsteil und Pilgerzentrum St. Jakob angekommen. Alles trägt hier diesen Namen. Das Stadion des FC Basel, das Einkaufszentrum und das Parkhaus. Natürlich auch die Alte Gaststätte und die Kirche.

Noch bin ich nicht am heutigen Ziel, aber hier genehmige ich mir ein kühles Bier und stelle mir eine Schar von Pilgern vor.

Vor 900 Jahren soll hier schon eine Kirche für die Pilger gestanden haben. Hier und später im Siechenhaus haben die Pilger übernachtet, um dann weiter zu ziehen in Richtung Jura, Le Puy, oder Vezelay. Mein heutiges Ziel ist das Münster im Zentrum der Stadt.

Der Weg dorthin führt am Alban Kanal entlang in den Ortsteil gleichen Namens. Im Kloster St. Alban gab es früher eine Pilgerherberge. Heute ist dort eine sehr schöne Jugendherberge, die ebenfalls Pilger aufnimmt.

Nun kommt eine kleine Steigung und die St. Alban Vorstadt. Von hier sieht man schon die mächtigen, roten Türme des Münsters. Auf dem Plateau einer Erhebung hat sich schon über sehr lange Zeit sehr viel Geschichte abgespielt. Allein die Kirche soll in unterschiedlichen Phasen schon seit 1200 Jahren erbaut, geändert und erweitert worden sein. In diesen riesigen Hallen, oder in der Krypta zu stehen, sind immer wieder Momente, die einen ehrfürchtig staunen lassen. Ganz sicher haben solche Gebäude damals dazu beigetragen, dass die Bürger daran glauben mussten, dass es Größeres gab, wie den Menschen. Den Schöpfer, die Schöpfung, oder einfach Gott.

Nach einer Zeit der Besinnung habe ich mich entschlossen, von hier aus irgendwann weiter in Richtung Burgund, nach Le Puy zu gehen.

Nachdem ich so früh am Tag mein Ziel erreicht habe, kam mir die Idee vom Bahnhof Basel Baden mit dem BW Ticket nach Markdorf zurück zu fahren. Kurz vor 18.00 Uhr ging es los.

Viele Teile der Strecke, die ich über sieben Tage voller Freude und Begeisterung zurückgelegt habe, „fliegen“ nun im Abendrot an mir vorbei. Von Markdorf nehme ich mir noch die Zeit, nach Hause zu gehen, um anzukommen.

So langsam, voller Vertrauen, in Ruhe, mit Leichtigkeit, aber aufmerksam und achtsam unterwegs zu sein, das ist Pilgern.

Andere sagen auch beten mit den Füßen. Ja, das ist purer Luxus!

Markdorf

Zuhause angekommen, stelle ich immer wieder fest, wie gut diese Pilgerei für Körper, Geist und Seele ist!

Pilger sagen immer wieder, „wer aufbricht, kehrt auch wieder heim“.

Pilgern: Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, Land und Leute, die Heimat und sich selber kennen zu lernen!

Schade nur, daß auf dieser (alten / neuen) Strecke keine Pilgerstempel für den Pilgerpass zu bekommen waren.

Jakob Strauß

www.jakob-unterwegs.de