Magic Moment

Ponferrada. 3.5.2011. Jeder hat irgendwann auf dem Pilgerweg seinen ganz besonderen „magic moment“. Meinen habe ich an diesem Tag und es hat gar nichts mit dem für viele Pilger so wichtigen Cruz de Ferro zu tun.

Eine Nacht geht zu Ende.

Der „Holz-Kanonenofen“, der mitten im Raum steht, macht die Temperatur angenehm, aber nicht zu warm. Einzig, dass die Matratze etwas hart ist, ist für meine Hüfte unangenehm, da ich im Normalfall auf der Seite liegend schlafe. Letztlich habe ich aber genug Schlaf bekommen, nur eben eher unruhig.

Um Punkt sechs Uhr klingelt der Wecker. Allerdings nicht meiner, ich habe gar keinen dabei, sondern der der Norweger am anderen Ende des Raumes. Diese scheinen einen tiefen Schlaf zu haben, denn zum einen ist der Ton auf maximale Lautstärke gestellt und zum anderen dauert es bestimmt eine Minute, bis jemand reagiert. Vielleicht haben sie auch die so gerühmten Ohrstöpsel in Benutzung, von wegen der schnarchenden Mitpilger.

Nun, nicht nur sie sind jetzt wach.

However, ich stehe kurze Zeit später auch auf, gehe ins Bad und packe dann so leise wie irgend möglich meinen Krempel.

Leider ist mein Langarm-Shirt, das ich gestern ausgewaschen habe, noch nicht ganz trocken. Ich ziehe es aber trotzdem an, mangels Alternative. Im Zwiebelprinzip, einfach das kurzärmelige darüber und nach kurzer Zeit ist es so warm genug. Die Untersocken sind allerdings noch zu nass. So stopfe ich diese mitsamt der noch feuchten Unterhose in eine Tüte und hoffe sie am Abend trocknen zu können.

Nach einem ausgiebigen Frühstück bin ich gegen halb acht unterwegs und mache mich an den restlichen Aufstieg. Da ich ja gestern schon bis auf mehr als 1000 m hoch bin, geht es ganz gut.

Ich habe auch extra darauf geachtet, meine Lebensmittelvorräte mehr oder weniger auf null zu bringen, und somit ist der Rucksack entsprechend „leicht“.

Der Weg führt durch den kleinen Ort Foncebadón, ungefähr zwei Kilometer vor Cruz de Ferro.

Es ist noch recht kühl und Nebel hängt in der Luft. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen oder irgendein Anzeichen von Leben überhaupt zu bemerken. Die steinernen Häuser liegen still, wie ausgestorben. Die erdige Straße dämpft meine Schritte und alles wirkt fast ein bisschen unheimlich.

Ich laufe weiter die leere Hauptstraße entlang, als ich plötzlich Musik höre. Im ersten Moment denke ich, mein Gehirn spielt mir einen Streich, aber als ich weitergehe, wird diese lauter.

Es hört sich nach Mönchsgesang der modernen Art an, wie die „Gregorians“. Noch wenige Schritte und ich komme an der hiesigen Herberge vorbei, die ich als Quelle identifiziere.

Ich bleibe stehen, denn gerade beginnt ein neues Lied, „Hymne“, im Original von Barclay James Harvest. Wie hypnotisiert lausche ich der Musik. Sie hüllt mich ein wie der Nebel um mich her. Die Worte legen sich schwer auf meine Schultern und machen mich zugleich leicht und frei. Der Moment ist so voller Magie und schön, dass in mir, aus mir, Tränen hochsteigen und meinen Blick verschleiern vor Glück.

Als das Lied zu Ende ist, ist es still.

Aber es ist eine gefüllte Stille, in der die Stimmen nachhallen.

Immer noch ist niemand weit und breit zu sehen und ich frage mich kurz, ob ich mir die Musik nur eingebildet habe. Oder spielte sie nur für mich? Das möchte ich gerne glauben. Ich weiß nicht, wie lange ich dort stehen bleibe, aber irgendwann scheint es, als erwachte ich aus meiner Trance, und langsam, aber mit beschwingtem Schritt und einem Lächeln setze ich meinen Weg fort.

Ich denke, wir erinnern uns nur an die bedeutenden Momente, vereinzelte Leuchtfeuer im Dunkel der alltäglichen Wanderung.

Die Wahrheit ist, dass es die kleinen Schritte sind, die uns zu diesen „magic moments“ führen. Sie sind bedeutend.

Und wenn wir zurückschauen, sehen wir, es sind nicht nur die Höhepunkte, sondern auch gerade die Tiefpunkte im Leben, die definieren, wer wir sind und wer wir werden.

Vielleicht weil ich gerade einen solch magischen Moment erlebt habe, der einfach nicht zu toppen ist, vielleicht auch, weil die Gruppe Leute, die gerade das Cruz de Ferro stürmen, sehr unfeierlich scheint, jedenfalls bin ich ein wenig enttäuscht von diesem Ort.

Gut, ich gebe zu, dass ich mich ja auch nicht wirklich damit beschäftigt habe, denn ich wollte ursprünglich den Camino del Norte laufen.

Viele Pilger bringen von zu Hause oder auch unterwegs einen Stein hierher und legen ihn ab. Oft mit einer Botschaft darauf. Es ist ein symbolisches Loslassen.

Mir ist gestern, als ich darüber nachdachte, eingefallen, dass ich ja keinen Stein oder was auch immer zum Ablegen dabeihabe. Doch dann dachte ich: Brauche ich nicht, denn ich fühle momentan keine Last, die ich loswerden möchte.

Ich habe manches schon auf dem Weg gelassen. Was noch übrig ist, lasse ich dann los, wenn die Zeit dafür kommt.

Und als ich Helmut davon erzählte, eben dass ich keinen Stein habe, aber auch keine Lasten zum Ablegen, kamen wir auf die Idee, ich könnte ja einen prophylaktisch ablegen, nur so für zukünftige eventuelle Probleme.

Doch nützen würde es nichts und ich lasse es. Es scheint mir nicht richtig.

So steige ich den Steinhügel hinauf, bleibe einfach einen Moment dort stehen und danke meinen Schutzengeln.

Dafür, dass sie mich bis hier begleitet haben, und ich bitte um Schutz für den Rest meines Weges.

(aus ‚Manchmal muss man einfach weiterlaufen‚)