Ökumenischer Pilgerweg / Via Regia

Der Ökumenische Pilgerweg orientiert sich am historischen Verlauf der „Königstraße“ Via Regia. Er knüpft so seit 2003 an die Geschichte der Pilger vergangener Jahrhunderte an und bietet auf kompletter Länge Pilgerherbergen an. Andrea und Gert Kleinsteuber sind ihn im Mai 2012 gewandert und haben diesen ausführlichen Bericht mitgebracht.

Der Artikel steht im Original auf ihrer eigenen Webseite.

Fragen und Antworten gibt es in unserem Forum in der Kategorie „Andere Pilgerwege“.

 

Die Vorbereitung

Mehr durch Zufall erfuhren wir von einem Pilgerweg, der fast direkt vor unserer Haustür vorbei führt, die Via Regia oder auch ökumenischer Pilgerweg durch Sachsen, Sachsen Anhalt und Thüringen.

Der Weg hat seinen Anfang in Görlitz, verläuft über Bautzen, Kamenz, Großenhain, Strehla, Wurzen, Leipzig, Merseburg, Freyburg, Naumburg, Eckartsberga, Erfurt, Gotha, Eisenach bis nach Vacha, womit schon die wichtigsten Orte am Weg benannt sind.

Durch die Presse hatten wir von einem kleinen Pilger- und Kulturverein in Kleinliebenau bei Leipzig gehört, der sich zur Aufgabe gemacht hat, Pilgern eine Unterkunft bereit zu stellen. Ein kleines Kirchlein, welches früher zum Rittergut gehörte wurde mittels Geldern vom Landkreis Delitzsch, von Sponsoren und durch viel Eigenleistung wieder zum Leben erweckt. Doch dazu später mehr.

Unser Interesse war nach unserem Camino Frances im Mai / Juni 2011 und den immer noch nachwirkenden sehr positiven Erlebnissen jedenfalls geweckt. Und wir wollten uns das ganze mal näher ansehen.

Also beschlossen wir Anfang 2012 von zu Hause aus los zu laufen.

Warum nicht ab Görlitz?

Die Flüge für den Camino Primitivo im September 2012 waren bereits gebucht und dafür waren drei Wochen meines Urlaubes schon fest verplant. Und soviel Urlaub bekommt auch ein deutscher Beamter nicht, dass er auf zwei langen Pilgerwegen pro Jahr unterwegs sein kann. Also beschlossen wir von zu Hause aus los zu laufen. Und das war ein ganz neues Gefühl, einfach mal die Türe hinter sich zu zu schließen und los zu laufen.

Werbeliner See sürdlich von Delitzsch

Werbeliner See sürdlich von Delitzsch

Ein wenig neugierig war ich natürlich auch auf den Weg.Ich machte diverse Recherchen im Internet, klamüserte die Routenführung aus, besorgte mir Adressen und Rufnummern von Herbergen und setzte mich aufs Fahrrad, um eine schöne und kurze Strecke von Delitzsch nach Kleinliebenau zu erkunden. Man kennt die Verbindungen eigentlich nur mit dem Auto. Muschelschilder sucht man natürlich vergebens, da man erst kurz vor Kleinliebenau auf den Weg trifft.

Schlammiger Weg vor Lindenthal

Schlammiger Weg vor Lindenthal

Bei Frost setzte ich mich also aufs Fahrrad, um diesen Weg zu erkunden. Bis an die Kreisgrenze an der A14 ging das ja gut. Da kenne ich mich mit Radwegen aus. dann wird es aber zusehends schwieriger und ich musste mehrmals umdrehen, weil der Weg in eine Sackgasse führte. Besondere Hindernisse stellten dabei die B6, die Bahnlinie Leipzig – Schkeuditz und die Flüsse Weiße Elster und Luppe dar. Die Auenwälder waren schrecklich schlammig, da die oberen Schichten des Bodens anfingen aufzutauen. Es war eine richtige Schlammschacht und ich hatte weder genügend zu Trinken noch etwas zu Essen mit. Ich hatte die Strecke gründlich unterschätzt, noch dazu, dass mir eine steife Briese entgehen blies.

Rittergutskirche Kleinliebenau

Rittergutskirche Kleinliebenau

Ich hielt mich in Kleinliebenau auch gar nicht lange auf und blies in der Hoffnung auf Rückenwind zum Rückzug. – Pustekuchen – am Nachmittag schlief der Wind ein und ich musste wieder kräftig in die Pedale treten. Erst in der Dämmerung kam ich mit einem Hungerast (Radfahrer wissen wovon ich spreche) zu Hause an. Und eine sichere Vorstellung vom Weg hatte ich immer noch nicht.

Mein verschlammtes Fahrrad

Mein verschlammtes Fahrrad

Ich hatte es immer noch nicht gelernt, mich etwas zurück zu lehnen und die Sache auf mich zu kommen zu lassen. Und das war die Strafe dafür.
In der Folgezeit wurden dann noch diverse Anschaffungen getätigt, die auch mit dem Camino Primitivo im Zusammenhang standen. Wir brauchten neue leichte Treckingstöcke, neue Regenjacken und andere wichtige und unwichtige Dinge. Es machte jedenfalls wieder Spaß, den Rucksack zu füllen.

Treckingstöcke auf der relativ flachen Via Regia?

Also erstens gibt es auch diesen und jenen Anstieg, zweitens brauchen wir die ganz sicher auf dem Camino Primitivo und drittens hatte sich zwischenzeitlich unser Streckenplan geändert und wir wollten hinter Eisenach auf den Rennsteig abbiegen und auf diesem bis nach Oberhof gehen. In Suhl wohnen Freunde von uns und die wollten wir mal zu Fuß besuchen.

Von Eisenach nach Oberhof, das sind mindestens zwei Etappen. Also musste noch eine Unterkunft am Rennsteig her. Das ist einfacher gesagt als getan. Viele Bauden, die es zu DDR Zeiten dort gab, sind unterdessen der Marktwirtschaft zum Opfer gefallen. Am Rennsteig selbst gibt es kaum Ortschaften. es ist ein Kammweg und die Altvorderen wussten, dass es da oben immer zieht und bauten ihre Häuser ins Tal. Nach langem suchen fanden wir aber in Freidrichroda eine kleine bezahlbare Pension, die jemanden auch für nur eine Nacht aufnimmt.

1. Tag Delitzsch – Kleinliebenau

Die Zeit vergeht wie im Fluge und ich habe oft gelächelt, wenn ältere Leute dies in Bezug zu ihrem Alter brachten. Jenseits der 50 bekommt man das dann auch mehr und mehr zu spüren und kann darüber gar nicht mehr so richtig lächeln.

Und so war er dann auch wieder schnell da, der Tag, an dem wir für 14 Tage unsere Haustür hinter uns verschließen.

Und das soll alles in den Rucksack

Und das soll alles in den Rucksack

Am Abend bevor wir losgingen, legten wir nochmals alles auf dem Fußboden aus, was wir glaubten zu brauchen auf unserem Fußmarsch. Ich werde jetzt hier keine Packliste aufschreiben, nur soviel, dass der größere der beiden Rucksäcke natürlich meiner (7,5 kg) und der kleinere, der von Andrea ist (6,3 kg). Hinzu kommt noch je eine Flasche Wasser (1 kg). Da liegen wir wieder ganz im Limit und in etwa gleich mit dem, was wir auf dem Camino Frances auf dem Rücken hatten. Zusätzlich war dieses Mal eine Isomatte mit. Die wird ausdrücklich im Pilgerführer verlangt, den wir neben den Pilgerausweisen beim Verein ökumenischer Pilgerweg e.V. über diesen Link bestellt hatten. Der Pilgerfürer ist zwar sehr informativ und schön gestaltet aber mir war er etwas zu schwer und zu groß.

Links meiner, rechts Andreas Rucksack

Links meiner, rechts Andreas Rucksack

Ich habe mir das wichtigste, die Karten und die Daten der Herbergen rauskopiert und so wieder einige Gramm vom Rücken genommen. So richtig voll war er dieses Mal nicht, mein 35+10 Liter Deuter Rucksack und auch Andrea´s 35 Liter Gröden hatten noch viel Luft. Das sollte uns noch zum Guten gereichen, denn wir mussten oft Verpflegung bunkern. Doch dazu bei passender Gelegenheit später mehr.

Wir beide vor unserem Haus

Wir beide vor unserem Haus

6.30 Uhr standen wir also vor unserem Haus. Das Wetter spielte mit und sollte auch auf dem gesamten Weg so bleiben, der Rucksack war angenehm leicht und unsere Vorfreude war groß.

Aber es ist schon seltsam, wenn man im Pilgeroutfit durch sein Heimatdorf läuft. Hier kennt jeder jeden und einige hatten uns das immer noch nicht abgenommen, dass wir die 800 Kilometer auf dem Camino Frances wirklich alle gelaufen sind. Von unserem Vorhaben wusste eigentlich jeder, hingen doch noch die Plakate unseres Heimatvereis in den Glaskästen des Ortes.

Erst vor einer Woche hatte ich auf einer Veranstaltung des Vereins, in dem wir beide Mitglied sind, einen Vortrag über unseren Camino gehalten und am Ende verlauten lassen, wo wir so in diesem Jahr noch hin laufen. Ich sehe es ihnen nach, diesen Zweiflern. Hatte ich doch noch vor wenigen Monaten selbst nicht daran geglaubt, dass man solche Strecken, bei denen man selbst mit dem Auto eine Pause einlegt, auch zu Fuß zurücklegen kann.

Lindenallee vor Brodau

Lindenallee vor Brodau

Die ersten Kilometer bis zur Autobahn A14 verliefen schleppend. Hier kennen wir von unseren Radtouren um die neu entstandenen Seen im Süden von Delitzsch jeden Stein. Zu Fuß sind wir selten auf diesen Wegen, obwohl wir auch hier schon einige Vorbereitungstouren gemacht hatten, um zu testen, ob die Schuhe passen und der Rucksack sitzt. Wir sind sonst eher nördlich von Delitzsch in der Goitzsche, ebenfalls einem ehemaligen Braunkohlen – Tagebaugebiet unterwegs, da hier die Natur schon weiter ist bei der Rückeroberung der geschundenen Landschaft. Nun also ein ganz neues Wandergefühl, wir gehen in eine Richtung, nicht im Kreis zum Auto zurück. Die Häuser unseres Dorfes wurden immer kleiner und bald hatten wir das Nachbardorf und den Werbeliner See erreicht.

Auf dem unteren Seeweg klingelte es plötzlich hinter uns. Unser Vereinsvorsitzender kam mit dem Fahrrad nach, um uns zu verabschieden. Oder wollte er nur kontrollieren ob wir wirklich laufen?

In der Landfleischerei Radefeld legten wir unsere erste Rast ein. Bis dorthin sind es schon 14 Kilometer und noch taten die Füße nicht sonderlich weh. Nach einem Kaffee ging es dann weiter in Richtung Schkeuditz.

Der Weg am Porsche-Werk entlang zieht sich schrecklich in die Länge und ist alles andere als idyllisch.

Neben einer neu gebauten Straße verläuft er unter jungen Alleebäumen, die noch keinen Schatten spenden, als asphaltierter Radweg dahin, links das Porsche Werk und rechts die Südbahn des Flughafens Halle Leipzig mit dem riesigen Logistikzentrum von DHL. Ab und zu begegneten uns Radfahrer, die nur mitleidige Blicke übrig haben. Es war für uns überhaupt spannend, wie die Leute auf uns reagieren. In Spanien weiß jeder am Weg, warum da Leute mit einer Muschel am Rucksack (fast) immer in die eine Richtung gen Westen laufen (manche laufen auch zurück); Aber hier in Deutschland?

Brücke über die Luppe

Brücke über die Luppe

Auch der Weg entlang der B6 nach Schkeuditz, ebenfalls eigentlich als Radweg gedacht, war wenig geeignet, darauf zu laufen. Irgend wann merkt man den harten Asphalt bis in die Hüften, von den Füßen mal ganz zu schweigen. Na jedenfalls waren wir froh, als wir in Schkeuditz in einer Eisdiele am Markt saßen und Pause hatten. Es war inzwischen auch recht warm geworden, sehr warm für Anfang Mai. Aber besser als Regen, so tröstet man sich dann.

Wegzeichen auf der Via Regia

Wegzeichen auf der Via Regia

Doch wir hatten noch nicht eine Muschel gesehen, kein Wunder, denn wir waren immer noch nicht auf dem richtigen Weg. Den erreichten wir, nachdem wir uns auf einigen Straßenkilometern entlang der B186 vor den heranbrausenden LKW im Graben in Sicherheit gebracht hatten, nach der Brücke über die Luppe. Auf dem Luppedamm verläuft der Pilgerweg, den die Pilger nehmen, wenn sie aus Richtung Leipzig kommen.

Wir gehen weiter bis zur nächsten Abzweigung und sehen hier endlich das erste Zeichen, das darauf hindeutet, dass wir richtig sind. Die Wegzeichen sind verdammt klein und man muss ganz schön aufpassen, um keins zu übersehen.

Es gibt sicher eine Deutsche Norm, die die Größe dieser Zeichen festlegt. Manche sind auch nur mit einer Schablone und etwas blauer und gelber Farbe auf Steinen oder Baumstämmen aufgemalt. Gelbe Pfeile wie in Spanien gibt es nicht. Der Muschelboden zeigt immer in Richtung es Weges. Geht es also nach links, ist die Muschel um 90 Grad nach links gekippt. Auf Zeichen, die zu einer Herberge weisen, ist ein kleines gelbes Haus abgebildet, dessen Dachspitze in Richtung der Unterkunft zeigt. Eigentlich ganz einfach und bis auf die die Abschnitte in den größeren Städten ist der Weg auch sehr gut gekennzeichnet.

Zwei Kilometer später hat man dann den Ortseingang von Kleinliebenau erreicht. „Man tun mir die Füße weh! Gleich am ersten Tag 34 Kilometer!“ Aber was soll man machen? Wir wollten es doch so. „Nützd doch nüschd“ sagt Andrea dann immer.

Mit dem Auto hin bringen lassen, kam nicht in Frage. So lehnten wir auch das Angebot eines unserer Vereinsmitglieder, das uns in Schkeuditz aus seinem Auto ansprach, da er uns erkannt hat, dankend ab. Er wollte uns über den gefährlichen Teil entlang der B186 mitnehmen und in Kleinliebenau absetzen. Nett! Aber das wäre ja noch schöner – gleich am ersten Tag schlapp machen.

Im Schaukasten der Rittergutskirche sind die Adressen der Vereinsmitglieder des Kultur- und Pilgervereins e.V. Kleinliebenau notiert, die einen Schlüssel für die Herberge haben und ich machte mich sofort auf den Weg zu dem, der ganz ober in der Reihe stand. Na gut, er wohnte auch am nächsten ran. Zwei mal links abbiegen und ich stand vor einem Gartentor, hinter dem ein Rasenmäher brummte. Hinter dem Mäher lief ein älterer Herr hinterher, den ich nur vorsichtig ansprach, um ihn nicht zu erschrecken. Das tat er dann doch, als ich ihn auf die Schulter tippte. „Wir sind zwei Pilger auf der Via Regia und würden gern hier im Ort übernachten“, sagte ich. „Das ist schön aber bei mir bist Du verkehrt“ sagte er. „Wieso, sie stehen doch auf der Liste?“ kam von mir. „Ja, aber ich habe heute keinen Dienst!“ Wie peinlich, ich hatte nicht bis zu Ende gelesen, denn ganz unten gab es einen Hinweis, wer denn heute gerade Dienst hat. Man, das ist ja fast militärisch organisiert!

Rittergutskirche Kleinliebenau

Rittergutskirche Kleinliebenau

Doch der Herr (ich habe seinen Namen leider vergessen) hatte ein Einsehen und wollte mich, der heute nicht mehr ganz rund lief, nicht noch weiteren Strapazen aussetzen, in dem er mich quer durchs Dorf schickt. Und so nahm er seinen Schlüssel und begleitete mich zur Kirche.

Dort angekommen fragte er, ob wir uns die Kirche ansehen wollen. Eigentlich stand uns der Sinn eher nach einer Dusche und Füßen, die oben liegen. Doch nun hatte er sich die Mühe gemacht und uns außerhalb seiner Dienstzeit aufgeschlossen. Da wollten wir ihn nicht ärgern und sie interessierte uns schon diese kleine Kirche mit der wechselvollen Geschichte, die nach ihrer Entweihung fast der Abrissbirne zum Opfer gefallen wäre. Wortreich und nicht ohne Stolz erzählte er uns, wie die Kirche vor einem Bauinvestor, der das gesamte Rittergut abriss, um darauf Eigenheime zu bauen, gerettet worden ist.

Er erzählte uns von Geldgebern aus der Schweiz, vom Engagement des Landkreises, von unendlich vielen Stunden, die die Vereinsmitglieder aufgewendet haben und von Künstlern, die nicht ohne widersprüchliche Meinungen der Vereinsmitglieder die Außenanlagen gestalteten. Er erzählte auch davon, dass nun wieder Hochzeiten und Gottesdienste hier stattfinden, obwohl die Kirche nicht Eigentum der Landeskirche ist und dass der Getränkevorrat des Vereins hinter dem Altar lagert. Belustigt bemerkte ich aber nun, dass ich auch durst hatte und dringend meine Schuhe von den Füßen bekommen muss.

Und so baten wir ihn, uns die Herberge zu zeigen.

Herberge in der Rittergutskirche Kleinliebenau

Herberge in der Rittergutskirche Kleinliebenau

„Da haben sie aber was richtig schönes geschaffen!“, so unsere erste Reaktion, als wir den Anbau linksseitig des Kirchenschiffes betraten. Da ist alles da, was das Pilgerherz höher schlagen lässt, eine kleine Küche mit Kochplatten, Kühlschrank, zwei Stühle mit Tisch und ein Wäschetrockner, den man nach draußen in die Sonne stellen konnte. Eine Dusche ist auch da und eine Etage höher auf einer Empore ist Platz für mindestens fünf Matratzen, die in einer großen Kiste lagerten.

Schlafraum im ersten Stock

Schlafraum im ersten Stock

Alles war blitzblank und liebevoll ausgestattet. Nach einer kurzen Einweisung ging der nette Herr dann wieder zu seinem Rasenmäher und wir unter die Dusche. In der Annahme, dass niemand weiter kommt, legten wir zwei Matratzen in die Zimmermitte, breiteten darauf die Isomatten aus, die auf der Via Regia aus hygienischen Gründen verlangt werden und ruhten erst mal für ne halbe Stunde. Es liegt sich besser als gedacht auf so einer einfachen Schaum – Matratze, auf alle Fälle besser als in quietschenden und durch gelegenen Stockbetten, wie wir sie oft auf dem Camino Frances oft vorfanden.

Hmm, was zu Essen brauchen wir ja auch noch. Gleich hinter dem Ortsausgang gibt es einen kleinen See mit einem Campingplatz, so stand es im Pilgerführer. Neben einer weiteren Übernachtungsmöglichkeit in einem kleinen Gartenhaus oder in ausgeliehenen Zelten gibt es auch eine kleine Wirtschaft, die sich um das leibliche Wohl kümmern soll. Die große Gastwirtschaft in der Nähe der Kirche hatte ja heute leider geschlossen. Also machten wir uns auf den Weg und auf die Füße, die sich schon wieder recht gut erholt hatten. Doch leider war der Weg umsonst. Auch dort war nichts zu Essen zu bekommen. Na wenigstens ein paar Getränke verkaufte man uns im Campingplatz – Büro, ohne uns nicht zu verheimlichen, dass man das ja eigentlich nicht dürfe. Wir sind halt in Deutschland, wo die sogenannte „Freiheit“ in den Ketten der Bürokratie schmachtet. Jedenfalls fehlte den Betreibern irgend eine Genehmigung, um Getränke auszuschenken. Das Problem der Versorgung wird uns noch den gesamten weiteren Weg verfolgen, wovon wir aber hier noch nichts ahnten.

Am Abend nach dem "Abendessen"

Am Abend nach dem „Abendessen“

Zurück in der Herberge mussten wir also bereits heute unsere eisernen Reserven angreifen und setzten uns mit einem Stück Brot und Käse auf die Bank vor der Kirche.

Dann tauchte doch noch die „Diensthabende“ auf, um nochmals nach dem Rechten zu sehen. Wir fühlten uns zwar ein wenig überwacht, hatten aber durchaus Verständnis. Denn man hat hier viel Zeit und Geld investiert, um so was Schönes zu schaffen. Da will man auf Nummer Sicher gehen, dass das auch lange so bleibt und viele Pilger ihre Freude daran haben. Daß es auch recht seltsame Pilger gibt, die statt einer Spende einen Hosenknopf oder eine Tankrechnung in die Schachtel werfen erfuhren wir von ihr auch und konnten es kaum glauben. Unsere Spende lag schon drin. Man erwartet auf der gesamten Via Regia so etwa 5€ Spende als Aufwandsentschädigung pro Pilger in den aufgestellten Schachteln, ist aber auch nicht böse, wenn es dieser oder jener Euro mehr ist. Das ist sicher auch nicht kostendeckend und hat mehr symbolischen Charakter. Ihren Etat stockt dieser Verein hier in Kleinliebenau durch die Organisation von verschiedenen Veranstaltungen und durch Sponsoren auf, also auch nicht anders wie in unserem Heimatverein zu Hause.

Andrea rief dann noch zu Hause an, um zu berichten, dass wir gut angekommen sind. Und sie fragte doch tatsächlich, wie denn das Wetter zu Hause ist. „Zu Hause“ ist 34 Kilometer von hier! Da kann man mal sehen, wie weit weg die Gedanken führen, wenn man läuft.

Wir verzogen uns alsbald in unsere Schlafsäcke und blieben heute wirklich allein. Im Pilgerbuch steht, dass vor uns drei Pilger aus Dresden unterwegs sind. Nachdem wir uns auch eingetragen hatten, sagten wir: Gute Nacht!

2. Tag Kleinliebenau – Merseburg

Was soll ich sagen, ich habe ausgezeichnet geschlafen. Die Sonne scheint wieder. Meinen Füßen geht es ganz gut und so machen wir uns nach einem kurzen Frühstück um 7 Uhr auf den Weg. Heute sind es nur 18 Kilometer bis Merseburg und der Weg verläuft laut Beschreibung häufig über Wiesen- und Feldwege und an Tagebau – Seen entlang. Gespannt waren wir beide auf die Unterkunft in Merseburg. Denn diese ist in der Neumarktkirche, direkt im Kirchenraum auf einer Empore unter gebracht. Das verspricht spannend zu werden.

Direkt nach Kleinliebenau verlässt man an der Autobanhunterführung unter der A9 den Freistaat Sachsen und wir sind nun in Sachsen Anhalt, dem Land der Frühaufsteher. Wer ist eigentlich auf diesen blöden Werbeslogan gekommen, der überall an den Autobahnen steht, wenn man die Landesgrenze zu Sachsen Anhalt überfährt? Was soll das suggerieren? Das alle anderen Langschläfer sind? Nun gut ein wenig Recht haben sie schon. Im Osten der Republik wird früher aufgestanden. Das sind jedenfalls meine Erfahrungen mit Arbeitskollegen, die aus den „gebrauchten Bundesländern“ kommen. Sie erscheinen etwas später und schauen dann etwas skeptisch, wenn man 15.30 Uhr das Haus schon verlässt, weil man bereits 6.30 Uhr da war.

Und so hielten wir es auch bisher auf unseren Pilgerwegen und überhaupt im Urlaub. Die Zeit ist viel zu kostbar, als das man sie verschläft. Am Morgen ist man noch frisch und hat Tatendrang. Dieser lässt erfahrungsgemäß nach 14 Uhr bei mir schlagartig nach. Oder sollte das daran liegen, dass schon über 20 Kilometer in den Beinen waren?

Der Körper stellt sich auf seine Lebensgewohnheiten auf Dauer ein und da ich schon fast mein ganzes Leben um 6.30 Uhr aufstehe, bin ich auch im Urlaub um diese Zeit wach. Einen Wecker brauche ich kaum. Und warum soll ich mich dann noch im Bett rum wälzen, wenn draußen so ein Kaiserwetter ist?
Zum Glück denkt Andrea ähnlich. Sie ist zwar genetisch bedingt ein Morgenmuffel. Das kann man ihr aber nicht vorwerfen – weil eben genetisch bedingt.

Horburg

Horburg

Und so sind wir auch heute schon zeitig auf den Beinen und laufen gerade durch Horburg, einem kleinen Ort direkt an der Autobahn, der mal richtig groß werden sollte. Denn der Kirchturm in diesem Dorf überragt den Rest mit gewaltigen Ausmaßen. In der Pfarrkirche wird die Horburger Madonna aufbewahrt, eine Skulptur, die der Werkstatt des berühmten Naumburger Meisters zugeordnet wird. Leider war auch diese Kirche wie fast alle am Weg verschlossen.

Auenwald hinter Horburg

Auenwald hinter Horburg

Nach dem Ort läuft man parallel des Goseweges. Gose das ist ein obergäriges Bier, das in Gosenschänken in Leipzig ausgeschenkt wird und besonders Menschen anzuraten ist, die etwas – na sagen wir mal – hartleibig sind. Ist nicht jedermanns Sache, meine übrigens auch nicht, in Leipzig aber Kult.

Am Raßnitzer See

Am Raßnitzer See

Weiter geht der Weg durch einen schönen Auenwald immer parallel zur Luppe über Dölkau nach Zweimen. Hier ist die Wegführung etwas widersprüchlich, denn die Kennzeichnung führt geradewegs zu einer gesperrten Luppebrücke. Die Brücke hat wirklich ihre besten Tage lange hinter sich. Wir haben aber Mut und ignorieren die Sperrung, auch um nicht weiter nach einem anderen Weg suchen zu müssen. Außerdem können wir beide schwimmen. Es fiel uns negativ auf, dass man auch hier immer noch den Lärm der A9 hört und die lag schon lange hinter uns.

Hinter Zweimen läuft man dann über herrliche Wiesenwege bis zum Raßnitzer und Wallendorfer See. Auch das sind Restlöcher ehemaliger Braunkohlen – Tagebaue, die jetzt mit Wasser gefüllt sind und zum baden und zum angeln einladen. Man versucht es auch mit sanftem Wassertourismus. Was das auch immer bedeuten soll. Hauptaugenmerk gilt aber dem Naturschutz und der Umgestaltung eines Gebietes, dass in früheren Jahren unter der Industrie schwer gelitten hat. Die blühenden Landschaften, die uns unser Altbundeskanzler versprochen hat, hier werden sie Wirklichkeit und das ist nicht ironisch gemeint. Wer so wie wir von Kindes Beinen an in einer Gegend gewohnt hat, die mit dem Wort Natur nicht mehr zu vereinbaren war und sich nicht vorstellen konnte, dass das mal je besser wird, freut sich über jeden See, jeden Baum und jeden Grashalm, der neben den ehemaligen Grubenstraßen wächst. Wer heute z.B. Bitterfeld, den Inbegriff für Dreck zu DDR Zeiten sieht, wird seinen Augen nicht trauen.

Wir wohnen in einem Ort, der wenn es nicht anders gekommen wäre, jetzt umringt wäre von Braunkohlen – Tagebauen. Ein Streifen von etwa 2 Kilometern wäre nach Süden Richtung Leipzig und nach Norden Richtung Bitterfeld „stehen“ geblieben – ein Horror diese Vorstellung. Diese Pläne lagen unter Verschluss und wurden erst nach der Wende der Allgemeinheit bekannt.

Strand am Wallendorfer See

Strand am Wallendorfer See

Aus diesem Grund interessieren wir uns sehr für diese Gegenden, wo noch vor nicht all zu langer Zeit die Erde aufgerissen wurde für minderwertige Braunkohle.
Doch zurück zum Weg: In der Nähe von Wallendorf wurde ein sehr schöner Strand angelegt und es befindet sich ein ganz neuer Steg an diesem. Der kleine Abstecher dort hin hatte sich gelohnt.

Der nächste Ort ist Löpitz, von dem aus ein sehr schöner Weg in Richtung B181 führt. Der Weg wurde laut aufgestellter Infotafeln durch die EU und den Bund gefördert. Ob sich die Förderer jemals ansehen, was hier mit dem Geld gemacht wurde? In schöner Regelmäßigkeit steht eine Bank am Wegesrand. So weit so gut. Daneben sind jedoch Fahrradständer einbetoniert, in denen die Fahrräder des ganzen Dorfes Platz finden würden, an jeder Bank wohlgemerkt. Nicht nur das es hässlich ist. Mich regt eine solche Geldverschwendung immer auf. Hätte man dagegen bedarfsgerecht gebaut und das übrige Geld dafür verwendet, das Gebaute über Jahre zu pflegen und erhalten zu können, wäre jedem mehr gedient. Aber Fördergelder müssen erst mal weg, sonst bekommt sie ein anderer. Jaaa, ich reg mich ja schon wieder ab.

Gerade weil es am Weg so viel schönes gibt, fiel uns diese Verschwendung besonders deutlich auf. Da sangen viele Nachtigallen und Amseln und aus den angrenzenden Sümpfen am Rande der Luppe drang ein Froschkonzert.

Welch ein Gegensatz – kurz vor Merseburg dringt man aus dem Dickicht des Weges und steht auf einem asphaltierten Radweg der entlang der B181 gebaut wurde. Die armen Radfahrer!

Schöner Weg hinter Löpitz

Schöner Weg hinter Löpitz

Zum Glück ist der Ortseingang von Merseburg nicht mehr fern und so liefen wir zügigen Schrittes durch den Vorort Meuschau, um gleich hinter der Brücke über die alte Saale zur Altstadt ab zu biegen. Im Pilgerführer seht, dass der Schlüssel für die Neumarktkirche in der kurz davor befindlichen Bäckerei zu bekommen sei. Und so war es dann auch. Kaum hat man die Neumarktkirche mit ihrem markanten Turm erblickt, steht man auch schon neben der Bäckerei. Die Verkäuferin wusste auch sofort, warum wir den Laden betreten hatten und holte ein Büchlein raus, in dem wir uns mit unseren persönlichen Daten verewigen mussten, um den Schlüssel zu bekommen. Der ist wohl schon mal mitgenommen worden in der morgendlichen Hektik. Hektik!! Die waren wohl noch nicht in Spanien, morgens 7 Uhr in Roncesvalles oder Burgos oder Portomarin oder oder…. Da verbreiten einige Hektik und andere lassen sich anstecken. Hier ist man sehr einsam und kann seinen Tagesablauf höchst selbst gestalten.

Das macht sehr ruhig.

Neumarktkirche St. Thomae Merseburg

Neumarktkirche St. Thomae Merseburg

Zusammen mit dem großen Schlüssel gingen wir noch die par Schritte und betraten den dunklen kühlen Kirchenraum, nachdem sich eine dicke schwere Tür öffnen ließ. Schön Kühl, das war unser erster Gedanke, denn draußen müssen es über 30 Grad gewesen sein. Etwas feucht aber kühl, schön kühl, so immer noch der Eindruck, nachdem wir den Lichtschalter gefunden hatten.

Ein kleines Schild wies uns eine Treppe hinauf und da standen wir, auf einer Balkon – artigen Empore über dem großen schmucklosen Kirchenraum. Unten stehen vor einem kleinen Altar und einem Rednerpult einige Reihen Klappstühle, fischgrätenartig angeordnet. Darüber hängt ein großes Kruzifix. Im Raum ist es sehr feucht, kein Wunder, wenn man die Geschichte der Neumarktkirche St. Thomae kennt.

Ursprünglich war die 1188 erstmal erwähnte Kirche eine kreuzförmige dreischiffige Basilika ohne ausgeschiedene Vierung mit zwei Westtürmen. Später wurden der südliche Turm und beide Seitenschiffe abgerissen. Die Kirche steht direkt am Saale – Ufer und hatte ständig mit Überschwemmungen zu kämpfen. Als Gegenmaßnahmen schüttete man immer mehr Erdreich um die Kirche auf und hob mehrfach den Fußboden im Innenraum an, wodurch noch heute die Feuchtigkeit zu erklären ist. 1973 wurde die Kirche durch die Gemeinde aufgegeben und verfiel zusehends, was der Bausubstanz noch zusätzlichen Schaden zufügte.

Anfang der neunziger Jahre wurde die Kirche aufwändig umfassend saniert, das südliche Seitenschiff , ein Turmstumpf und die Sakristei neu aufgebaut. Der Fußboden wurde wieder ausgegraben, um den ursprünglichen Raumeindruck wieder herzustellen. Bedeutendes Inventar befindet sich im Dom. So steht beispielsweise das Taufbecken in der Vorhalle des Doms.

Das alles verhindert aber nicht, dass das Gotteshaus immer noch einen traurigen Anblick bietet. Die Algen wachsen an den Wänden und das Raumklima ist garantiert nicht normal. Das kulturhistorisch bemerkenswerteste ist eine im mitteldeutschen Raum wohl einmalige Knotensäule am Eingangsportal, die wohl den Teufel von der Türe fern halten sollte.

Herberge in der Neumarktkirche

Herberge in der Neumarktkirche

Und hier sollen wir schlafen? Auf der Empore stehen zwei wackelige Feldbetten und um die Ecke liegen einige feuchte Decken. Na ein Glück, dass es draußen sehr warm ist. So ist das hier sehr angenehm. Aber bei kühlen Temperaturen oder Regen ist diese Unterkunft grenzwertig. Nasse Klamotten bekommt man hier ganz sicher nicht trocken. Die zwei Sanitärräume (nach Geschlechtern getrennt) bieten neben einer Toilette nur noch ein Waschbecken mit Warmwasserboiler. Das wird für einen Tag sicher gehen.

Blick zum Merseburger Dom

Blick zum Merseburger Dom

Wir legen uns nach dem Auspacken etwas hin und ich werde durch mein eigenes Schnarchen geweckt. In diesem Raum mit dieser Akustik bekommt mein Schnarchen eine ganz neue Dimension. Dann hörte ich, dass das Türschloss betätigt wird. Aha, ein Pilger, dachte ich. Doch es war eine Gruppe, die eine Besichtigungstour durchführte. Na ein Glück, dass ich schon wach war. Mein Schnarchen von der Empore herab hätte sicher zu Verwirrungen geführt. Wir hatten nicht bemerkt, dass sich am Eingang ein Schild befindet, welches man nach Draußen hängen soll, wenn die Unterkunft belegt ist. So kommt es nicht zu ungewollten oder auch peinlichen Begegnungen.

Der Merseburger Dom

Der Merseburger Dom

Wir nahmen schnell unsere Sachen und verschwanden auf die Straße, um die Veranstaltung nicht zu stören. Außerdem hatten wir sowieso vor, uns den Dom anzusehen. Wir gingen also über die Saalebrücke, von der man schon die Schokoladenseite des Doms und des Stadtschlosses erblickt. Die Domstufen hinauf und rechts halten, schon steht man vor dem Portal. Pilger, die einen Pilgerpass vorweisen können, genießen auf der Via Regia freien Eintritt in die bedeutenden Baudenkmäler, die sonst Eintritt kosten. Und so betreten wir den ehrwürdigen sehr beeindruckenden Sakralbau.

Alles was man über den Merseburger Dom schreiben kann, erfährt man, wenn man dem Link folgt.

Besonders die Orgel und das Gestühl hatten es mir angetan. Und so füllte sich weiter die Speicherkarte meines Fotoapparates.

Nachdem Andrea eine Kerze in der Vorhalle angezündet hatte, traten wir wieder in die heiße Nachmittagssonne, auf der Suche nach einer Möglichkeit etwas zu essen. Schnell fanden wir ein kleines Kaffee, in dem wir nicht nur gut bewirtet wurden, sondern von der Kellnerin auch einiges über Merseburg erfuhren. Der Niedergang der Industrie im Südraum von Halle an der Saale hat auch Merseburg schwer getroffen. Die Abwanderung vor allem von jungen gut ausgebildeten Einwohnern nagt an der Existenz der Stadt. Die Einwohnerzahl von ehemals über 80 Tausend hat sich fast halbiert und übrig geblieben sind (original Ton der Kellnerin:) Alte, Arbeitslose und Ausländer. Sie bezeichnete ihre Heimatstadt deshalb als Stadt der drei großen A. Das klang alles sehr verbittert und resignierend, was angesichts der schönen alten Stadt zusätzlich schmerzt.

Unter diesen Problemen leiden aber viele Städte in Ostdeutschland, vor allem diese, die als Schlafstätten für einen Industriestandort dienten, der nach der Wende abgewickelt wurde. Ich habe das Wort schon immer gehasst! Zehntausende waren von Heute auf Morgen arbeitslos, eine Katastrophe. So entstanden gerade in solchen Orten soziale Brennpunkte, getrieben von Arbeitslosigkeit, Ausweglosigkeit und niedrigem Bildungsniveau. Nicht die Menschen sind Schuld daran, sondern das gesellschaftliche Umfeld. Und so zeigt sich auch das Stadtbild.

Ich würde ja hier lieber viel mehr Werbung für die schöne Stadt machen. Aber ich will bei der Wahrheit bleiben oder wenigstens bei dem, wie sie mir erschien. Denn die vielen „Penner“ (mir fällt jetzt kein besseres Wort ein), die an vielen Ecken ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem trinken von Alkohol nachgehen, nähren leider diesen recht negativen Gesamteindruck.

Domblick

Domblick

Nach ein paar Runden durch das Stadtzentrum und einigen Einkäufen für den Abend und die morgige weite Etappe nach Freyburg an der Unstrut, schlurften wir gegen Abend zurück zur Neumarktkirche.

Gleich neben der Saalebrücke beginnt ein Weg am Ufer entlang, vor dem ein Wegweiser zum Domblick steht. Zusammen mit einer Flasche Rotwein (Rioja) gingen wir zu der Stelle, die wir für den Domblick hielten und hatten auf einer Bank einen gemütlichen Abend bis nach Sonnenuntergang.

3. Tag Merseburg – Freyburg/Unstrut

Zum Glück war in der Nacht das Viertelstunden – Geläut der Kirchturmuhr abgestellt, sonst wäre ich noch öfter in der Nacht wach gewesen. Das Klacken der Unruh (das Wort Ticken wäre hier zu niedlich gewesen) und die Mechanik des stummen Geläutes nervten aber trotzdem vor dem Einschlafen oder besser ständigen wieder – Einschlafen. Und so schön die Kühle im Raum noch am Tag war, wenn man von der Straße herein trat, so unangenehm wurde sie in der Nacht. Andrea brauchte noch zusätzliche Decken, die ich ihr barfuß über den Betonboden laufend aus dem Vorraum zur Empore holte. Die Feldbetten knarrten lautstark, wenn man sich bewegte. Nein das war keine so gute Nacht. Und unheimlich war es auch mitunter. Weil die Akustik des großen Raumes jedes kleine Geräusch verstärkte und es unmöglich war dieses zu orten. Man hört und achtet dann auf jedes Knacken im Gebälk über der Kassettendecke, auf jedes Rascheln in den Ecken. „Sind hier Mäuse?“ „Ja bestimmt!“ In welcher Kirche gibt es keine?

Abmarschbereit in Merseburg

Abmarschbereit in Merseburg

6.30 Uhr – endlich aufstehen. Die Isomatte hatte ihren Dienst erfüllt, in dem sie auch nach Unten die Körperwärme nicht entfliehen ließ. So hatte sich ihr Mitnehmen nun schon mehrfach rentiert. Es sind einfache EVA – Schaum Matten, die nur 2 cm dick sind, nur 180 g wiegen und etwa 30€ kosten. Zur zusätzlichen Raum- und Gewichtseinsparung habe ich an den Matten dann noch die Sinn – freien Ränder abgeschnitten und die Längen unserer Größe angepasst. Da wir beide nur an Sonntagen gewachsen sind, konnten so nochmals etwa 50 g pro Matte und ein paar Zentimeter an Umfang der Rolle, die Außen am Rucksack hängt, eingespart werden. (Nein wir sägen nicht die Zahnbürsten ab!)

Der Rucksack war schnell gepackt. Alles da? Noch mal einen Kontrollblick in alle Ecken und schon hatten wir die Kirchentür wieder von Außen verschlossen. In der Bäckerei gab es gleich das Frühstück und noch ein paar frische Semmeln für den Weg.
Der ist heute etwas länger und es sollte die anstrengendste Etappe auf unserer Via Regia werden. Auf dem Weg aus der Stadt gab es eine Umleitung wegen Brückenbauarbeiten. Durch die Beschreibung im Update des Pilgerführers, das man sich vor Beginn der Wanderung noch einmal herunter laden sollte, haben wir die Strecke aber ohne Probleme gefunden. Vorbei am Bahnhof geht man bald durch einen sehr schön angelegten Park mit großen Wasserflächen. Nach Überquerung der B91 betritt man den Tiergarten von Merseburg. Die Gehege sind einfach in den Park gebaut und man zahlt dafür keinen Eintritt. Der Garten ist völlig offen und viele fleißige Leute waren gerade dabei, neue Pflanzen auf den angelegten Beeten zu setzen oder einfach Ordnung zu machen. Der Garten machte einen sehr gepflegten Eindruck.

Feuchtgebiet hinter Merseburg

Feuchtgebiet hinter Merseburg

Dann verlässt man die Stadt endgültig und geht über eingewachsene Pfade durch eine Art Sumpf. Hier sollte man lieber einen Mückenschutz auftragen, denn die Biester waren selbst am Morgen schon ziemlich lästig. Wir versuchten durch schnelles Gehen und wildes um uns schlagen ohne Stiche durch zu kommen, was fast gelang. Am Ohr hatte mich eine erwischt. Dann betritt man einen schnur geraden Beton – Weg, der bis nach Frankleben führt. Au Backe, bereits jetzt wurde es schon heftig warm, so ohne Schatten. Was soll das erst am Nachmittag werden? Wir hatten höchstens erst drei von den 34 Kilometern hinter uns gebracht.

Vor Frankleben geht es über die A38 und man sieht das Dilemma, das Frankleben heimgesucht hat. Der halbe Ort lebt im Schatten einer riesigen Lärmschutzwand. Aber Frankleben hat einen kleinen Lebensmittelladen (nur für die, die hier mal lang laufen wollen und gerade jetzt einkaufen müssen). Uns nützte der offene Laden leider noch nichts. Noch waren die Wasserflaschen fast voll und etwas zu Essen hatten wir heute genügend mit.

Runstädter See

Runstädter See

Bald hinter Frankleben erreicht man den Runstädter See und den größeren Geiseltalsee, beides wiederum ehemalige Braunkohlen – Tagebaue. Zwischen diesen Seen verläuft die stark befahrene L178. Und auf dem parallelen Radweg gingen wir lange auf dem Asphalt geradeaus mitten im Verkehrslärm, bis endlich ein Wegweiser uns auf den Uferweg des Runstädter See verwies. Welch eine Erholung, trotz des andauernden Asphaltbelages. Man hörte wieder die Vögel singen. Um den halben See muss man herum laufen, bis der Weg nach rechts abzweigt. Uns überholte kurz vor dem Abzweig ein recht sportlicher Radfahrer, der uns aber wenig später nach kam. Ich saß gerade auf einem Grenzstein, um endlich den kleinen Felsen in meinem rechten Schuh los zu werden, der mich schon geraume Zeit ärgerte. Und so sprach der Radfahrer, der wesentlich älter war, als er zunächst erschien uns an. „Ich spreche jeden an und bin neugierig auf solche wie Euch. Ihr geht wohl diesen Pilgerweg?“ sprach er etwas entschuldigend.

Wir kamen gar nicht erst zu einer ausführlichen Antwort, denn der eigentliche Grund für sein Anhalten war, dass er etwas los werden wollte, nämlich seine gesamte Lebensgeschichte. Höflich, wie wir sind, hörten wir gespannt zu. Na gut, ich tat erst mal wenigstens so. Aber aus seinen wilden Fahrradgeschichten, er hatte fast die ganze Welt mit dem Fahrrad bereist, klang heraus, das er kein Spinner sein kann. Seine Geschichten hatten Zusammenhang und waren schlüssig. So gekonnt lügen können sonst nur Schriftsteller wie Karl May. Nun gut, ein wenig durch den Wind war er schon. Doch die Erklärung folgte auf dem Fuß, ohne ihn gefragt zu haben. Er hatte in seinem Berufsleben mit Quecksilber zu tun und deshalb ein Nervenleiden davon getragen. Nur auf dem Fahrrad kommt er aus dem Alltag heraus und vergisst seine Unzulänglichkeiten und Schmerzen.

Eigentlich wollte ich weiter, der Weg war noch lang und es wurde immer heißer. Aber irgendwie fesselten mich seine Geschichten, wie er Gelegenheitsarbeiten in den verschiedensten Ländern suchte und fand, um seinen Lebensunterhalt auf den Reisen zu bestreiten, wie und wo er seine Nächte verbracht hatte.

Durch meine Radfahrerei kannte ich aus Interesse mehrere solche Typen, die die Welt per Pedale erobert hatten. Die versuchten aber nun daraus klingende Kasse zu machen mit verschiedenen Publikationen.

Dieser drahtige alte Mann versuchte seine Erlebnisse dadurch an den Mann zu bringen, in dem er Menschen ansprach. Bestimmt wird er sonst oft fassungslos allein stehen gelassen. Ich gehorchte aber dem Anstand und meinem Interesse und blieb sitzen, eine lange Zeit, eigentlich zu lange.

Doch so spontan wie er auftauchte, war er wieder verschwunden. Lange haben wir uns noch über diesen Mann unterhalten, obwohl wir doch eigentlich eher still sind beim Gehen.

Der hatte uns imponiert.

Weg nach Rossbach

Weg nach Rossbach

So merkten wir fast nicht, dass wir den Großkaynaer See ebenfalls schon lange hinter uns gelassen hatten und nun auf Rossbach zusteuerten. Der Weg führt zuerst leicht ansteigend und dann wieder bergab über weite Felder. Getreide so weit das Auge blickt. In der Ferne am südlichen Horizont steht eine Reihe Windkrafträder auf einer Anhöhe (Ich wage nicht von Berg zu sprechen aber für hiesige Verhältnisse geht es doch schon ziemlich bergauf dorthin.) „Da müssen wir noch hin heute“ waren meine Worte. Sofort begann Andrea ihre Wasserflasche zu untersuchen. „Du, wir brauchen frisches Wasser!“ Meine Flasche war auch fast alle. und so hielt ich Ausschau nach einer Möglichkeit diese aufzufüllen. Am Ortseingang von Rossbach waren auf einem Sportplatz eine Menge Leute dabei, ein großes Festzelt aufzubauen. Ein paar Karussells und Buden gab es auch schon. Hier soll am bevorstehenden Pfingstwochenende sicher ne Feier steigen. Wo körperlich arbeitende Männer sind, muss es auch was zu trinken geben – also hin. Aber auf meine Frage nach Wasser wurde ich nur ungläubig angesehen. Oder lag es an unseren Rucksäcken und an unserem Outfit, dass man uns so musterte? Ein Arbeiter verwies uns zu den Gauklern: „Die haben vielleicht was zu verkaufen!“ „Nee, wir brauchen nur einen Wasserhahn mit Trinkwasser, den wird es doch im Sportlerheim geben oder?“ so meine Antwort und Frage. Ich glaube, hätte ich nach ner Flasche Bier gefragt, würde ich schon längst eine in der Hand halten. So aber tat man so, als ob wir einen unmöglichen Wunsch geäußert hätten und jeder mied unsere Blicke. Nun wurde es mir aber zu bunt. Ich – rein ins Sportlerheim. Hier muss es doch irgend wo einen Wasserhahn geben! Eine Frau lief mir mit fragendem Blick über den Weg. Die scheinen alle hier in heller Aufregung zu sein und ich traute mich kaum sie anzusprechen. Aber zumindest sollte sie den Grund für meine Anwesenheit hier erfahren:“Ich suche einen Wasserhahn“. Sie führte mich in einen Waschraum mit vielen keinen Waschbecken. Verzweifelnd versuchte ich die Flaschen unter den Hahn zu bekommen – geht nicht – fluchte ich. Ich schnell hinterher hinter der Frau, die schon wieder verschwunden war. „Das geht nicht. Ich bekomme die Flaschen nicht unter den Hahn. Gibt es nicht eine Stelle, wo man die Fußballschuhe vom Schlamm befreien kann?“ Ja, den gab es, in einer Toilette. Das war mir jetzt aber auch egal und ich füllte beide Flaschen mit Wasser. „Das hat aber lange gedauert“ meinte Andrea draußen. Und ich erzählte ihr die Geschichte. „Dass man in Deutschland schon nach Wasser betten muss?“ sagte sie scherzhaft.

Wieder zurück an der Kreuzung, wo wir den Weg verlassen hatten, fanden wir den weiteren Verlauf sehr schnell wieder. Durch eine lange Eigenheimsiedlung geht es zu einer Weggabelung an der ein Herbergsschild ganz deutlich nach links zeigte.

Siesta

Siesta

Wir standen am Straßenrand auf einer frisch gemähten Wiese unter einem schattigen Baum. „Das ist eine schöne Stelle, um Mittag zu machen. Ich wollte sowieso in der Karte mal nachsehen, wie es hier weiter geht“ Und schon saßen wir im Gras und packten unsere Lebensmittel aus. Die Karten hatte ich auf dem Handy, dass aber schon im Schatten heute ganz schlecht ablesbar war. Ein Bewohner eines schicken Eigenheimes kam von Gegenüber auf uns zu und meinte, dass es früher hier unter dem Baum eine Bank gab und viele Pilger diese auch genutzt hätten. Aber irgend ein Taugenichts hat sie geklaut und nun müssen die Pilger auf der Wiese sitzen. „Ihr könnt aber zu mir rüber kommen und euch auf meine Bank setzen.“ Wir lehnten dankend ab, denn seine Bank stand in der Sonne. „Braucht ihr irgend was? Wasser oder so?“ – zu spät. Schade, wir hätten seine Hilfsbereitschaft gerne genutzt und ihm ein gutes Gefühl gegeben. Ich fragte ihn deshalb dann noch nach dem richtigen Weg, obwohl ich ihn ja eigentlich schon kannte. Ja, meinte er, an dieser Stelle verlaufen sich viele Pilger, da sie das Herbergsschild als Wegweiser deuten und das Muschelzeichen geradeaus fehlt. Und sie fragen dann auch nach dem rechten Weg, wenn sie ihren Irrtum in der Sackgasse bemerkt haben. Er deutete auf die Straße, die wir gekommen waren und meinte:“Immer gerade aus, bergauf, an einer alten Fabrik vorbei bis zur B176, dort links und gleich wieder rechts durch den Ort Pettstädt. Ihr müsst Euch immer nach den Windrädern orientieren die oben auf dem Kamm stehen (siehste!? meinte ich zu Andrea). An den Windrädern geht ihr entlang, bis ihr auf die alte Göhle trefft, das ist der Wand oberhalb von Freyburg. An der Napoleon – Eiche biegt ihr links ab und ihr seid bald in Freyburg.“ Das klang alles sehr gut. Aber als ich auf die Frage, was „bald“ bedeutet, zur Antwort bekam: „Na etwa 15 Kilometer oder 3-4 Stunden“, ließen wir doch etwas die Ohren hängen.

Also los! Nüdsd doch nüschd! Wir verabschiedeten uns von dem netten Herrn und hatten so erfahren, dass man diesen relativ jungen Pilgerweg schon wahr nahm und es bereits Menschen gab, die nicht fragend hinterher blickten, wenn man am Grundstück vorbei läuft und freundlich grüßt.
Es ging wirklich merklich bergauf und bald tauchte die alte Fabrik, die noch irgend was zu machen schien und die Fernverkehrsstraße auf.

Anhöhe hinter Pettstädt

Anhöhe hinter Pettstädt

Hinter Pettstädt erreichten wir dann die Anhöhe mit besagten Windrädern, sechs Stück an der Zahl. Und wir hätten nie gedacht, das Windräder so weit voneinander entfernt in der Landschaft stehen. Apropos Landschaft, von dieser Anhöhe hat man eine weite und schöne Aussicht ins Burgenland und hinüber nach Merseburg, dass schon recht weit entfernt liegt. Die Schritte wurden immer schwerer und das letzte Windrad schien irgend jemand immer weiter weg zu versetzen. „Bis zur Göhle schaffen wir es noch, dann machen wir Pause“.

Pause unterm Apfelbaum

Pause unterm Apfelbaum

Wir schafften es nicht. Schon 2 Kilometer davor stand ein sehr ein- und ausladender Apfelbaum, dessen Schatten uns förmlich zu Boden zog. Das war jetzt nötig! Doch lange halte ich es so rumliegend nicht aus. Wenn sich die Schmerzen gelegt haben, will ich weiter. Lange Pausen erzeugen nur eins, noch mehr Schmerzen. Denn wenn man da beobachtet wird, wie man versucht aufzustehen, könnte man denken auf einem Ausflug der Einwohner der hiesigen Seniorenresidenz zu sein. Je länger die Pause, desto länger die Schmerzen danach. Es dauert eine ganze Weile, bis sich die Gehstelzen wieder an ihre Pflicht erinnern und das machen, was sie sollen. Also entweder Pause nur ganz kurz oder richtig ausgiebig, das ist meine Erfahrung.

Die alte Göhle vor Freyburg

Die alte Göhle vor Freyburg

Endlich angekommen in der alten Göhle, versuchten wir die beschriebene Stelle mit der Napoleon – Eiche zu finden und erwartet einen uralten üppigen Baum. Doch was war das? Ein verkohlter Baumstumpf ragte aus der Erde und vor ihm ein Schild, dass die Eiche leider einem Blitzschlag zum Opfer fiel, ein Verein sich aber gewogen gefühlt hat, hier an dieser Stelle einen neuen zu Pflanzen. Und da stand sie, die neue Napoleon – Eiche, ein Schwiepe (umgangssprachlich hier für dürres Holz), die aber auch gar nichts gemein hatte mit dem großen Feldherren, der fast ganz Europa erobert hatte. „Na der wächst ja noch.“ Und um das zu beschleunigen ging ich mal „pullern“ (umgangssprachlich hier für kleine Notdurft). Erleichtert setzte ich den Weg durch den sehr schönen Eichen- und Buchenwald fort. Alles trug frisches saftiges Grün. Bei einem solchen Anblick mag ich den Frühling besonders und bin der Überzeugung, dass das für mich die beste Zeit ist für diesen Weg.

Blick auf Freyburg

Blick auf Freyburg

Noch über die B180 und dann geht es nur noch bergab bis in die Stadt. Und wie es bergab ging! In der Nähe des Berghotels zum Edelacker verläuft entlang der Weinberge ein Fußweg mit vielen steilen Stufen zur Stadt hinunter. Nach über 30 Kilometern schmerzt da jeder Schritt doppelt. Aber man hat von hier oben eine herrliche Aussicht auf die schöne Stadt an der Unstrut.

Blick über die Unstrut zur Neuenburg

Blick über die Unstrut zur Neuenburg

Wir kennen Freyburg recht gut, weil wir vor Kurzem erst einen Ausflug mit dem Heimatverein hier her gemacht – und an einer Führung durch die hier ansässige Sektkellerei Rotkäppchen teilgenommen hatten. Danach ging es damals noch in einen Weinkeller zur Verkostung – sehr empfehlenswert, die Besichtigung und natürlich auch der Wein. Freyburg liegt an der Unstrut in mitten eines vom Fluss geformten Talkessels. Der kalkreiche Boden und das Mikroklima an den Hängen ist seit Jahrhunderten ein Garant für erfolgreichen Weinanbau. Hier wird seit 1000 Jahren Wein gekeltert. Später dann begann man mit der Flaschengärung und man verlor, als das Modegtränk Champagner aufkam, einen Prozess um den Namen gegen das Weinanbaugebiet der Campagne. Seit dem heißt das prickelnde Getränk aus Wein, dass unter Zusatz von Zucker in der Flasche vergohren wird, eben nicht Champagner sondern (für deutsche Zungen eh einfacher auszusprechen) – Sekt. Die Kellerei ist so erfolgreich, dass sie bereits einige namhafte Kellereien in ganz Deutschland aufgekauft hat. Es gibt viele Weingüter, die zu verschiedenen Anlässen und Feiern ihre Tore für Besucher öffnen oder in den zahlreichen Weinwirtschaften ihre Produkte verkosten lassen. Und das alles ist eingerahmt durch ein schönes mittelalterliches Stadtbild. Freyburg ist echt eine Reise wert.

Nun, wir sind hierher sogar gelaufen und es ist viel erhebender, wenn man durch die Pforte einer Stadt zu Fuß tritt als dass man sie mit dem Auto auf er Suche nach einem Parkplatz durchfährt.

Wir waren nun aber auf der Suche nach unserer Unterkunft. In der Nähe des Bahnhofes gibt es die einzige Pilgerunterkunft in Freyburg. Die Familie Fiedelak, Betreiber einer Karosseriewerkstatt, empfängt hier die Pilger und bietet ein einfaches Zimmer mit zwei Stockbetten an. Man muss ja sehr dankbar sein, dass es Menschen gibt, die sich die Mühe machen und Unterkünfte für Pilger bereit halten. Ohne sie wäre ein solcher Weg nicht organisierbar, weil es die Pilgerzahlen nicht hergeben, dass der Verein oder die jeweilige Kommune dafür Sorge trägt, dass eine Herberge betrieben wird. Hier auf der Via Regia sind es meist Familien, Kirchenvereine, christliche Bildungsstätten oder Pfarrhäuser, die einen einfachen preiswerten Unterschlupf, wie ihn sich ein Pilger wünscht gewähren. Natürlich könnte man auch überall Pensionen oder Hotels buchen. Das ist aber erstens umständlich, weil man in Deutschland besser voraus bucht, zweitens wird das recht teuer und drittens, es vereinbart sich nach meiner Ansicht nicht mit dem eigentlichen Pilgergedanken, nämlich etwas Enthaltsamkeit vom täglichen Überfluss zu üben, um das wieder schätzen zu lernen, was einem sonst tagtäglich in den Schoss fällt.

Herberge in Freyburg

Herberge in Freyburg

Das Zimmer schien früher eine Küche gewesen zu sein. So klebte noch eine Fliesenreihe an der Wand. Die Betten hatten Aufkleber von einer LPG (für nicht Ossis – Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) und hatten neben viel Rost auch noch etwas Farbe auf den Stahlgestellen. Mit all diesem Zustand habe ich absolut kein Problem, es ist trocken und ich habe ein Dach über dem Kopf. Aber was ich hier leder bemängeln musste, war eine mangelnde Hygiene. An den vorhandenen Küchengeräten waren Schmutzränder, die wahrscheinlich noch von vor der Umnutzung als Pilgerunterkunft entstanden sein müssen. Der Mülleimer quoll über vom Abfall der Vorgänger. Wenn es nicht so ekelig wäre, würde ich auch noch beschreiben, was sich alles noch im Papierkorb in der Toilette befand. Ich mache da durchaus der Familie keinerlei Vorwürfe. Aber das muss doch auffallen und da kann man doch mal selbst Hand anlegen. Wir Deutsche zeigen doch so gerne mit Fingern auf andere Kulturen. Hier kommen fast nur Deutsche durch und wir sollten uns jeder selbst erst mal an die Nase fasen, bevor wieder mal die Schuld bei den Anderen gesucht wird.

abends an der Unstrut

abends an der Unstrut

Wir packten hier nur das Notwendigste aus und verschwanden in die Stadt. Heute gingen wir mal richtig Essen, kein Käse heute, keine gummiartige Semmel, die man den ganzen Tag im Rucksack hatte, kein Würstchen aus der Folie. Es wurde heute griechisch. Wir gehen ganz gerne zum Griechen, auch zu Hause. Hier in Freyburg sitzt man am Ufer der Unstrut und schaut auf die Einfahrt zur Stadt und beobachtet die vielen Ortsfremden Autofahrer auf der Suche nach einem Parkplatz.

Hätten zu Fuß herkommen sollen! Rufe ich ihnen zu.

4. Tag Freyburg – Roßbach

Am Abend noch ne Flasche Roten und wir hatten in dieser Nacht etwas besser geschlafen. Schnell was gegessen etwas löslichen Kaffee und alles eingepackt, runter auf den Hof und los. Nur nicht so schnell mit den „jungen“ Pferden. Denn Herr Fiedelak holte uns zurück in sein Büro. Er stand sehr feierlich auf, was ein wenig merkwürdig aussah in seiner Arbeitskleidung, nahm bedeutungsvoll ein kleines Büchlein in die Hand und aus den Herrnhuter Büchern las er uns dann die Losung für diesen Tag vor und wünschte uns Glück auf den Weg. Wir bedankten und herzlich und wünschten ihm auch alles Gute.

Nun aber los. Zurück über die Unstrutbrücke zweigt der Weg rechts ab und führt linksseitig vom Ufer aus der Stadt.

Herzöglicher Weinberg in Freyburg

Herzöglicher Weinberg in Freyburg

Der Weg verläuft hier gemeinsam mit dem Saale – Unstrut Radwanderweg und so verwunderte es uns nicht, dass uns heute viele Radfahrer begegneten. Andere Pilger waren ja bisher Fehlanzeige. Unterhalb des herzöglichen Weinberges verläuft der Weg entlang der Unstrut auf einer Fahrstraße mit betonierten Fahrspuren bis nach Großjena.

Das bei Freyburg recht enge Tal öffnet sich nun in Richtung Blütengrund, einer Auenlandschaft kurz vor Naumburg.

Die größte Sehenswürdigkeit in Großjena ist der Weinberg des Bildhauers Max Klinger. Sein restauriertes Landhaus beherbergt eine Gedenkstätte, in der sich das Grabmal des Künstlers und eine Plastik Max Klingers befindet.

Wenig später fallen dem aufmerksamen Wanderer auf der linken Seite große Felsreliefs ins Auge. Was mögen die bedeuten? Sie befinden sich auf den terassenförmigen felsigen Absätzen zwischen den Weinbergen linksseitig der Unstrut.

Steinerne Bibel

Steinerne Bibel

Einige Infotafeln klärten uns auf. (Nein, ich habe nicht die Infotafeln abgeschrieben) Ich bemühe hier mal Wikipedia. Dort heißt es:

Steinerne Bibel
Der Hofjuwelier J.C.Steinauer aus Naumburg hatte eine ausgefallene Idee: Im Jahre 1722, dem zehnjährigen Regentenjubiläum des Herzogs Christian von Sachsen-Weißenfels, ließ er in seinem Weinberg nahe der Ortschaft Großjena ein in Deutschland einzigartiges Denkmal errichten: Das steinerne Festbuch, ein 200 m langes Relief aus 12 Bildern, zeigt Szenen aus dem Alten Testament, welche die Arbeit im Weinberg, den Weingenuß und dessen Folgen zeigen und natürlich dem Herzog huldigen. Außerordentlich wie der Anlaß seiner Entstehung gestalten sich auch die Probleme der Erhaltung. Die Reliefs sind aus einer anstehenden Felsstufe des mittleren Buntsandsteins gehauen. Die figurengeschmückte Balustrade entlang der oberen Terrassenkante wurde anhand alter Aufnahmen und einigen vorhandenen Resten rekonstruiert.

Ich denke, das ist nicht nur einmalig in Deutschland. Wir ließen uns Zeit und betrachteten die Bilder ausgiebig und ohne Hast. Heute waren es ja nur 12 Kilometer. Diese Streckenplanung war uns wichtig, um genügend Zeit für Naumburg zu haben. Dutzende Male sind wir auf dem Weg zu unseren Freunden nach Thüringen über die B87 durch diese Stadt gefahren, ohne je angehalten zu haben, um uns diese einmal anzusehen. Nun ist endlich Gelegenheit dazu. Vor allem der Naumburger Dom mit seinem Domschatz und den Stifterfiguren des Naumburger Meisters im Westchor erlangte Weltruhm und wird jährlich von tausenden Touristen besucht.

Personenfähre über die Saale

Personenfähre über die Saale

Doch noch waren wir auf dem Weg dorthin. Und vor Naumburg mussten wir noch die Saale überqueren. Am Blütengrund mündet die Unstrut in die Saale und hier gibt es eine Personenfähre. Die Fähre lag zwar am Steg. Aber niemand war zu sehen. Wozu hängt da die Fährglocke? Um den Fährmann zu rufen. Und schon bimmelte ich mit der großen Glocke. Der aufgeschreckte Fährmann rief aber aus dem um die Ecke liegenden Kaffee: „Es ist noch nicht 9 Uhr!!“ mit etwas barscher Stimme. Nun gut, das hätte ich wirklich lesen können, so groß waren die Betriebszeiten angeschrieben. Also kehrten wir auch noch schnell in das Fährkaffee ein, um eben einen solchen zu trinken, bevor der Fährmann heute seinen Dienst aufnahm.

Auf den überall aufgehängten Fotos war das Ausmaß des letzten Hochwassern zu sehen. Demnach hätte ich an meinem jetzigen Standpunkt mindestens zwei Meter unter Wasser gestanden.

Die Unstrut kurz vor ihrer Mündung in die Saale

Die Unstrut kurz vor ihrer Mündung in die Saale

Unten auf der Saale lagen noch fest vertäut die Ausflugsboote und warteten auf Kunden. Die Unstrut ist von hier Fuß aufwärts auf über 71 Kilometer schiffbar. Und das liegt daran, dass es seit 1795 12 Schleusen im Fluss gibt, die die Wassertiefe auf 80 cm halten. Das reichte für die damaligen Lastkähne aus. Heute gibt es nur noch die drei Ausflugsboote, einige private Motorboote und die unzähligen Wasserwanderer. Hier im Blütengrund gibt es neben einem großen Campingplatz auch einen Kajak- und Kanuverleih, bei dem wir auch schon Kunde waren. Vor allem auf der Saale flussabwärts von Camburg bis Naumburg macht es einen riesen Spaß unterhalb der berühmten Burg Saaleck und durch Bad Kösen über die Stromschnellen zu paddeln. Auf der Unstrut geht es dagegen wegen der vielen Wehre und Schleusen etwas geruhsamer zu.

Die "fröhliche Dörte"

Die „fröhliche Dörte“

Eins der Ausflugsboote heißt übrigens die „fröhliche Dörte“ und hat eine beeindruckende Geschichte vorzuweisen.

Das 1887 gebaute Elbe – Fährdampfschiff, damals in Dresden Blasewitz im Dienst, war nämlich 2004 an einer dramatischen Rettungsaktion dreier Kinder und ihrer Lehrerin, die am Freyburger Wehr bei Hochwasser mit ihrem Kanu gekentert waren beteiligt. Die Dörte geriet selbst in eine Wasserwalze, lief voll und sank wenig später. Zwei Monate danach wurde sie mit großem Aufwand gehoben, restauriert und fährt nun wieder neben den anderen Ausflugsbooten „Reblaus“ und „Unstrutnixe“ innerhalb der Saale Unstrut Schiffahrtsgesellschaft mbh die Touristen, Vereine und Arbeitskollektive hin und her auf Unstrut und Saale.
Es war zwischenzeitlich 9 Uhr geworden, der Fährmann hatte seinen Kaffee ausgetrunken, machte seinen Kahn fertig und setzte uns mit seiner Gierfähre für einen Euro über.

Der Blütengrund

Der Blütengrund

Der anschließende schöne Weg durch den Blütengrund endet am Stadtrand von Naumburg. Und hier enden leider auch die Wegzeichen. Vom Dom oder der noch höheren Wenzelskirche ist nichts zu sehen. An deren Türmen hätte man sich orientieren können. So ist man aber auf seinen Orientierungssinn angewiesen. Auch die Beschreibung im Pilgerführer, die ich mir auszugsweise kopiert hatte, half nicht entscheidend weiter. Wir nahmen irgend eine der Seitenstraßen, liefen nach Himmelsrichtung und waren am Ende fast richtig.

Marktplatz mit Stadtkirche St. Wenzel

Marktplatz mit Stadtkirche St. Wenzel

Die Altstadt betritt man durch das Marientor und geht über den Marienplatz und (wen wundert´s) die Marienstraße zum Markt. Hier fällt sofort die mächtige Stadtkirche St. Wenzel auf, die zwar etwas verdeckt, aber trotzdem den Blick sofort auf sich zieht.

Hildebrand - Orgel in St Wenzel

Hildebrand – Orgel in St Wenzel

Wir überquerten den Marktplatz, um nach der Pforte zu suchen. An der Rückseite fanden wir dann am Ende einer großen Freitreppe eine offene Tür. Eine nette Dame am Einlass nahm uns die Rucksäcke ab und passte auf diese während unseres Rundganges auf. Ein kräftiger Herr kam mit bedeutungsvollen Schritten auf uns zu und hatte seinen Blick auf meine Kamera gerichtet. Ihm schnell zuvor kommend fragte ich artig, ob ich ein paar Fotos machen dürfe. „Aber nur ein paar für den persönlichen Gebrauch!“ brummte es mir entgegen. Verständlich, versucht man doch mit dem Verkauf von Ansichtskarten den Etat für den Erhalt der Kirche etwas aufzubessern. Ich hoffe, er ist mir trotzdem nicht allzu böse, wenn ich hier ein Foto von der berühmten Hildebrand – Orgel ein stelle. Es finden hier regelmäßig Konzerte statt. Der Link führt zu einer Seite, auf der man sich über die Veranstaltungen informieren lassen kann.

Am Ausgang steckte ich dann noch ein paar Münzen durch den Schlitz der Spendenschachtel und Andrea spendete wieder eine Kerze. Die nette Dame am Einlass und Kartenverkauf wollte alles zu unserem Weg wissen und als wir dann noch erzählten, dass wir im vorigen Jahr auf dem Camino Frances und in Santiago de Compostela waren, war sie hin und weg. Wir hätten uns gern noch länger mit ihr unterhalten, hatten aber einen straffen Zeitplan. Denn nun stand der Naumburger Dom auf dem Plan. Auf dem Weg zum Dom, den man wirklich nur von ganz fern sieht oder wenn man sich in einer der Zufahrtsgassen zum Domplatz befindet, fiel uns ein netter Freisitz im Steinweg auf. Bocks heißt das Restaurant und beherbergt auch eine Kochschule. Für das Mittagessen war es noch zu früh. Also tranken wir nur etwas und versprachen der netten Kellnerin, dass wir nachher wieder kommen. Also rauf mit den Rucksäcken und ab zum Dom. Etwas auffällig waren wir schon zwischen all den gebügelten Touris aus dem In- und Ausland, die uns etwas von der Seite beäugten. An der Kasse des Doms staunten die aber nicht schlecht, als wir nicht nur nicht bezahlen mussten, sondern auch an der Warteschlange vorbei eine abschließbare Box für unsere Rucksäcke bekamen. Natürlich ließen wir auch hier unseren Pilgerausweis abstempeln.

Vor dem West - Lettner des Naumburger Doms

Vor dem West – Lettner des Naumburger Doms

Wenn man den Naumburger Dom St. Peter und Paul und vor allem die Stifter – Figurengruppe im Westchor, voran die Skulptur der Markgräfin Uta gesehen hat, weiß man, weshalb diese Sehenswürdigkeiten Weltruhm erlangt haben. Der Ausdruck der Figuren ist derart lebendig und aussagekräftig, dass man wirklich glaubt, hinter diesen Gesichtern einen Charakter zu erkennen. In vielen Sakralbauten, die ich bis jetzt gesehen habe, blicken viele der dargestellten Figuren demutsvoll gen Himmel und haben eigentlich alle einen ähnlichen Gesichtsausdruck.

Westchor mit Stifter - Figurengruppe

Westchor mit Stifter – Figurengruppe

Hier blicken die Figuren lächelnd in die Runde oder verschmitzt zum Nachbarn. Auch alle Verzierungen sind derart genau der Natur abgeschaut, dass es möglich ist, an den steinernen Blättern die Pflanzenart zu erkennen. Wenn man bedenkt, dass dies alles aus Stein gehauen ist, ist es noch beeindruckender, mit welcher Meisterschaft und welcher Akribie dieses Werk geschaffen wurde. Im angrenzenden Domgarten kann man eine Ausstellung bewundern, die die Pflanzen und ihre Pendants aus Stein gegenüber stellt. Es ist wirklich verblüffend, mit welcher Sicherheit man die Pflanzen wieder erkennt.

Blick zu den Westtürmen vom Domgarten aus

Blick zu den Westtürmen vom Domgarten aus

Die Fotos habe ich übrigens mit ausdrücklicher Genehmigung gemacht. Für 5 Euro kann man eine Foto – Genehmigung erwerben. Nur im Raum, in dem der Domschatz liegt, ist fotografieren verboten. Weitere Fotos gibt es über den Link im Text des obigen Vorwortes.

Die Erhaltung dieser Kunstwerke von Weltruhm kostet natürlich viel Geld und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Eintrittspreise hier etwas höher sind. Zu bedenken ist auch, dass sich der Dom allein über eine Stiftung finanziert. Weder von der Landeskirche noch von Stadt oder Land gibt es dafür einen Etat. Wer mehr über den Dom und seine Geschichte wissen möchte, folgt einfach dem obigen Link.

Steinweg vor "Bocks" Restaurant

Steinweg vor „Bocks“ Restaurant

Nach einer zweistündigen ausgiebigen Besichtigungstour hatten wir nun ein wenig Hunger und kehrten zurück zu dem Restaurant, in dem wir schon am Vormittag gewesen sind. Wir hatten sogar die gleichen Plätze wieder eingenommen und bestellten von der sehr vielversprechenden Karte was leichtes, einen Salatteller. Ich habe noch nie ein so gutes Dressing auf meinem Salat gehabt. Wenn der Rest der Speisen auch so gut ist, dann ist dieses Bocks Restaurant ein echter Tipp für gute Küche in Naumburg.

Nun wurde es aber Zeit, dass wir uns auf die Socken machten und so suchten wir nach Hinweisen, wie wir aus der Stadt kommen. Leider ist man da größtenteils auf die Beschreibung aus dem Pilgerführer angewiesen. Die Muscheln sind in Naumburg nur ganz spärlich gesät. Man hält sich am Besten immer an den Verlauf der B180 in Richtung Westen, also nach Freburg bis hinter die Eisenbahn – Überführung am Ortsausgang von Naumburg.

"An der Saale hellen Strande" (Volkslied)

„An der Saale hellen Strande“ (Volkslied)

Dort macht der Weg noch einen kleinen Rechtsschwenk durch´s Grüne bis ans Ufer der Saale. Hier fällt ein blaues Schild auf.

Da steht, dass es hier bis 1960 eine öffentliche Badeanstalt an der Saale gab. 1893 hat hier Franz Kayser „Kayser´s Badeanstalt“ eröffnet.

„Geht nur immer munter,
nach der Saale runter,
s´kostet ´nen Groschen nur
und das genügt.“
dichtete der Verein der Flußbader 1892.

1960 war´s dann vorbei mit der Baderei, denn die Saale wurde zu einem der schmutzigsten Flüsse Deutschlands. Es sollen sogar Moped – Fahrer darin ertrunken sein, weil sie den Fluss für eine Asphaltstraße hielten, oder war das die Pleiße?…. Nee, war´n Witz. Durch den Niedergang der Industrie an der Saale und den Bau von vielen Klärwerken hat die Saale heute fast wieder Badequalität. Fische gibt es auch wieder. Und wenn man ganz genau hinsieht, gibt es wie im Volkslied (von Franz Kugler 1826 auf der Rudelsburg geschrieben) auch wieder die hellen Strände der Saale.

Kurz vor Roßbach muss man etwas aufpassen. Da hat sich durch den Neubau der Saalebrücke die Wegführung etwas geändert. Aber man sieht ja schon den Ort und kann nach Himmelsrichtung laufen.

Weinmeile Roßbach

Weinmeile Roßbach

Roßbach ist ein Weindorf. Und das sahen wir ganz deutlich, denn hier war irgend was am laufen. Alles wuselte durch die Gegend und die Häuser und Straßen wurden festlich geschmückt. Hier wurde gerade das Fest der Saale – Weinmeile vorbereitet. Zwischen Bad Kösen und Roßbach öffnen am Pfingstsamstag und – Sonntag die Winzer ihre Höfe zur Verkostung ihrer Vorjahres – Weine. Es wurden Stände aufgebaut und überall standen Bänke und Tische. Hier muss richtig was los sein und man rechnet mit mehreren Tausend Besuchern, wenn man sich die provisorischen Parkplätze auf den Wiesen vor dem Ort ansah. Staunend schlenderten wir durch den Ort, ohne aber unser eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren. Denn hier gab es wieder Muschelzeichen. Und die führten uns zum katholischen Jugendbildungszentrum St. Michael. Schon fast am Ortsausgang etwas oberhalb des Ortes fanden wir dieses als einen modernen Neubau vor.

Kath. Jugendbildungszentrum St. Michael

Kath. Jugendbildungszentrum St. Michael

Da stand eine Seitentür offen und ich hörte Stimmen. „Wir möchten hier gern übernachten.“ „Da müssen sie mal ins Haupthaus gehen an die Rezeption“ entgegneete mir ein junger Mann, der mit einigen anderen jungen Leuten an Computern saß. Aha, ein Computerkabinet haben die hier. Eine lange Eisentreppe führt zum Haupteingang, hinter dem sich auch gleich so eine Art Vorraum befand mit einer Rezeption.

„Guten Tag!“ sagten wir laut.

Doch die Jugendlichen, die auf den Sitzgruppen lümmelten waren alle schwer mit ihren Smartphones beschäftigt. Eine Seuche ist das! Wir warteten geduldig auf jemanden, der hier Verantwortung übernommen hat oder jemanden kennt der dieses Amt ausführt, denn auf meine Frage, ob hier mal jemand kommt an diese Rezeption, erntete ich nur desinteressiertes Schulterzucken von einem Smartphone – Jünger. Ich machte mich auf die Suche im Haus. Küche! Das ist gut.

„HALLO!!?“ rief ich hinein. Um die Ecke rumorte es und wenig später kam eine junge Frau auf mich zu. „Sind sie die Pilger?“ „Ja“ sagte ich natürlich.

Man hatte uns wirklich schon erwartet. Nun ja, ich hatte ja auch vorher von Freyburg aus angerufen, wegen eines freien Zimmers. Denn das Bildungszentrum wird fast wie ein Hotel geführt. Da können sich Gruppen anmelden und übernachten. Da ist es auch schnell mal ausgebucht, so hörte ich. Also anrufen ist besser. Da kann man sich, wenn es ausgebucht ist, noch eine Unterkunft in Naumburg suchen. Aber so waren wir auf der sicheren Seite und einen sehr guten Eindruck machte das Haus auch auf uns, alles neu und sehr modern.

Das Pilgerzimmer

Das Pilgerzimmer

Den Stempel in den Pilgerausweis und schon führte uns die Mitarbeiterin in unser Zimmer. „Das ist das Pilgerzimmer.“ Wow! Das war mal eine Unterkunft! Richtige Betten mit Bettbezügen, ein Tisch, Stühle und Schränke. Unsere eigene Dusche ist über den Gang, gegenüber vom Zimmer. Aus dem Fenster blickten wir auf den Volleyball – Platz, auf dem sich gerade einige Jugendliche und eine Schwester in Schwesterntracht schafften. Sah irgendwie ulkig aus. Ich konnte mein Grinsen nicht verbergen und sie grinste zurück. Über dem Bett ist an der gelben Wand die Strecke er Via Regia mit den wichtigsten Orten aufgemalt und wir sehen, dass wir schon ein ganzes Stück dieses Weges kennen, aber auch noch ein ganzes Stück vor uns haben.

Blick nach Naumburg

Blick nach Naumburg

Nachdem wir geduscht und unsere Sachen gewaschen haben, wollten wir noch die Gegend erkunden. An der Kirche links vorbei führt ein Weg steil bergauf auf einen Hügel über dem Ort. Von hier hatten wir eine schöne Aussicht auf Naumburg.

Wieder herab gestiegen vom Berg, gingen wir noch einmal durch den Ort, das heißt, ich ging allein, da Andrea noch die Wäsche abnehmen wollte. Ich wartete auf einer Bank, von der aus ich das bunte Treiben der Festvorbereiter beobachten konnte. Ich war neugierig und setzte mich auf eine Bank, die noch näher ran war an dem Treiben. Gar nicht lange und ich kam ins Gespräch mit einem Einwohner. „Das ist neben der Weinlese der Höhepunkt des Jahres.“

So sieht das auch aus, denn da steckt viel Arbeit drin. Die großen zweiflügligen Holztore zu den drei – Seiten – Höfen standen weit offen und man konnte sehen, wie schön sie geschmückt waren und wie viele Bänke und Tische unter aufgestellten Zelten auf Besucher warteten. „Du bist wohl einer von den Pilgern?“ Schon wieder diese Frage. Auch hier hatte man den Weg also bereits wahrgenommen, erstaunlich bei den geringen Pilger – Zahlen. Wir hatten immer noch keinen anderen Pilger gesehen. Man lud mich zu einer Flasche Bier ein. „Wein gibt´s erst am Wochenende. Da müsst ihr noch länger bleiben. Ihr verpasst da richtig was“ sagte mir der Bierausgeber. „Nee, wir müssen weiter. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Aber vielleicht kommen wir im nächsten Jahr mal mit dem Auto her, um uns das Spektakel zu betrachten.“

Schade, dann gibt´s auch keinen Wein für mich.

Von Weiten sah ich Andrea nach kommen und gemeinsam suchten wir eine Möglichkeit für das Abendessen. Die Weinwirtschaft im Ortszentrum hatte leider gerade geschlossen. Als wir von Naumburg kamen glaubte ich eine Kneipe am Ortseingang gesehen zu haben. Weiter bis zum Ortseingang, da gibt es die urige Kneipe „Zur Hupe“. Wie es zu dem Namen kam, konnte ich zwar nicht in Erfahrung bringen aber denken konnte ich es mir schon, denn die Kneipe liegt direkt an der Straße, einem Bahnübergang und einem Haltepunkt der Bahn. Na ja, und Lokomotiven hupen halt, bevor sie los fahren.

Thüringer Rostbrätel

Thüringer Rostbrätel

Thüringer Rostbrätel Hmmm! Wir sind zwar noch nicht in Thüringen, aber dieses Gericht gibt es in jeder ostdeutschen Gastwirtschaft, die was auf sich hält. Es zog zwar etwas um die Ecke aber trotzdem wollten wir draußen sitzen nach diesem wiederum sonnigen und heißen Tag.

Morgen geht es nach Eckartsberga, auch ein Ort an der B87, den wir nur vom Durchfahren kennen. „Die haben da eine alte Ritterburg, die sehen wir uns an.“
Auf dem Rückweg wurde unser Vorhaben, noch ein Gläschen einheimischen Wein zu kosten leider enttäuscht.

Alles hatte sich bereits wieder beruhigt im Ort. Die Leute waren fort und die Hoftore waren wieder zu.

Na gut, gehen wir halt auch schlafen.

Naumburg in der Abendsonne

Naumburg in der Abendsonne

5. Tag Roßbach – Eckartsberga

Es war gestern Abend nicht so einfach mit dem Einschlafen. Eine große Gruppe Jugendlicher bewohnte außer uns noch das Jugendbildungszentrum. Ich glaube es waren Schwesternschüler und natürlich -innen. Das konnte man aus den unüberhörbaren (nein, ich lausche nicht!) Gesprächen am Nachbartisch heraushören, als wir am Abend noch auf der Terrasse gesessen hatten. Und etwas Alkohol muss ebenfalls geflossen sein. Denn mit der Nacht setzte dann auch eine rege Unterhaltung zwischen den Häusern ein. Etwa 250 Meter oberhalb gibt es noch ein älteres Nebengebäude und über diese Entfernung rief man sich dann so allerhand Sachen zu. Als pubertäres Geplänkel würde ich es mal bezeichnen. Na jedenfalls war an Schlaf die ersten zwei Stunden nicht zu denken. Wir wollten aber auch nicht die Spielverderber sein, waren schließlich auch mal jung.

Also raus aus den Federn und frühstücken. Ja, man bietet hier ein sehr gutes Frühstück an. Als wir gehen wollten, kam dann noch der Dekan des Bildungszentrums, um uns einen guten Weg zu wünschen und sich zu erkundigen, ob es uns in seinem Hause gefallen hat. Natürlich haben wir die jungen Leute nicht verpetzt.
Der Tag schien wieder strahlend zu werden und so machten wir uns auf den Wag nach Eckartsberga. Dort wollten wir im Pfarrhaus übernachten und hatten schon am Vortag die Pfarrerin Frau Plötner – Walter angerufen, um zu fragen, ob das möglich sei. Sie ist wahrscheinlich bis 19 Uhr unterwegs aber Herr Röder in Lissdorf, ein Ort vor Eckartsberga hat auch einen Schlüssel, so antwortete sie. Das hatten wir im Pilgerführer auch schon gelesen. Also konnten wir uns ohne Hast auf den Weg machen, da alles in sicheren Tüchern war.

Aufstieg zum Göttersitz

Aufstieg zum Göttersitz

Gleich hinter Roßbach lauert ein schöner Anstieg auf den Göttersitz. Das ist ein Höhenzug zwischen Freyburg und Bad Kösen, der als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist. Das Ziel des Naturschutzgebietes ist die Erhaltung des Muschelkalkgebietes mit seinen charakteristischen Felsfluren, Trocken- und Halbtrockenrasen sowie naturnahen Laubwaldbeständen. Und durch diesen Laubwald liefen wir gerade eine schöne alte Katzenkopf – Pflasterstraße steil bergauf. Es ist sogar anzunehmen, dass wir hier auf einem Stück historischer Via Regia laufen. Im Verlauf der Via hat man versucht der historischen Wegführung möglichst nahe zu kommen. Natürlich ist das nicht überall möglich. Denn die bedeutsame Handelsstraße unserer Vorfahren wurde auch später genutzt und der jeweiligen Zeit angepasst, überbaut nennt man das. Nun macht es keinem Pilger viel Freude, stundenlang zwischen den Autos auf einer Bundesstraße wie der B87 zu laufen. Also haben die Organisatoren sich zum Ziel gesetzt, Pilger gerechte Wege zu finden, die möglichst nahe am eigentlichen, historisch verbrieften Verlauf der Via liegen. Einige historische Abschnitte, die in Vergessenheit geraten waren, mussten aber auch wieder begehbar gemacht werden. Neben der Kennzeichnung des Weges und der Organisation von Unterkünften, muss das eine Wahnsinns Arbeit gewesen sein. An dem, was wir bis jetzt gesehen haben, können wir beurteilen, dass das sehr gut gelungen ist. Nun können wir nur diesen Weg beurteilen, da wir in Deutschland noch nicht auf anderen Pilgerwegen unterwegs waren. Aber es wird immer wieder gesagt, dass der ökumenische Pilgerweg einer der am besten ausgebauten und organisierten Wege in Deutschland ist. Es gibt ein lückenloses Netz von Herbergen und Unterkünften und eine lückenlose Beschilderung. (bei allen bereits angesprochenen kleinen Unzulänglichkeiten.) Deshalb wird es für mich hier an dieser Stelle im Blog Zeit, einmal Danke zu sagen, Danke den Verantwortlichen und den vielen kleinen Helferlein, die diesen Weg ins Leben zurück gerufen haben.

Blick vom Göttersitz nach Bad Kösen und zur Rudelsburg

Blick vom Göttersitz nach Bad Kösen und zur Rudelsburg

Wir sind also nun auf dem Göttersitz, sitzen auf einer Bank oberhalb eines eingezäunten Weinberges und schauen von Oben auf Bad Kösen mit seiner Saline, auf die Saale und oberhalb des Flusses zur Burg Saaleck und zur Rudelsburg. Wir befinden uns im Burgenlandkreis und hier trifft man sie halt häufiger, die stolzen Bergfriede aus einer längst vergangenen Zeit, die umringt von dicken Mauern auf den höchsten Erhebungen der Gegend stehen, um eine bessere Übersicht über das Land zu haben. Wir haben hier auch eine schöne Übersicht. Ich als Ritter, ich hätte hier eine Burg gebaut. Ein schöner Ausblick, den wir eine Zeit lang genießen, bevor wir weiter gehen.

Der nächste Ort ist Punschrau. Hier fiel uns eine Tafel auf, die an einem Hoftor angebracht war. Oben prangte eine schwedische Flagge und daneben ein Reiterbild des Schwedenkönigs Gustav Adolf. Das machte mich neugierig auf den daneben stehenden Text in altdeutscher Schrift. Hier stand, dass die Armee Gustav Adolf´s während des Aufmarsches gen Naumburg hier in Punschrau biwakiert und er selbst im Gasthof Punschrau Quartier bezogen hat. Die Schweden hatten von Eckartsberga kommend große Verbände an der Saale zusammen gezogen und hatten bei Bad Berka einen Brückenkopf gebildet. Wenig später fiel Naumburg in schwedische Hände und nach dem 30 Jährigen Krieg war die Blütezeit Naumburgs so wie vieler mitteldeutscher Städte erst mal zu Ende.
Sehr interessant, doch weiter auf der Via Regia, denn wir wollten heute noch auf die Eckartsburg.

Hunger! - Bäckerauto in Spielberg

Hunger! – Bäckerauto in Spielberg

In Spielberg, dem nächsten Ort machten wir Pause und bemerkten, dass wir ja eigentlich kaum noch was zu Essen hatten. Und wie das so ist, bekommt man gerade dann so richtigen Hunger. Ja, was nun? Nach einer Tienda wie in Spanien suchen, hat in Deutschland keinen Sinn. Fast alle kleinen Dorfläden, die es zu DDR Zeiten noch gab, sind der Marktwirtschaft und den großen Einkaufstempeln auf der grünen Wiese zum Opfer gefallen. Die alten Leute in den abgelegenen Dörfern, die nicht mehr mobil sind oder keinen mobilen Enkel in der Nähe haben, sind auf fahrende Händler angewiesen, die ab und zu ihre Runde mit fahrenden Verkaufsständen über die Dörfer drehen.

Und genau so ein Fahrzeug mit Backwaren kam gerade ins Dorf gefahren. „Der kommt ja wie gerufen!“ sagte ich zu Andrea und sprang auf, um ihn anzuhalten. Zu meinem Erstaunen hielt er wirklich und machte seine große Klappe vom Verkaufsstand auf. Viel konnte er nicht mit uns verdienen. „4 Semmeln und 2 Pfannkuchen und schönen Dank, dass sie angehalten haben. Wir wären sonst verhungert im reichen Deutschland.“ so meine Ansprache. Es war mir völlig egal, was es kostet. Die Sachen von den fahrenden Bäckern oder Fleischern sind wegen des Aufwandes eh etwas teurer als die in der Kaufhalle. Mit großem Vergnügen verzehrten wir unsere Pfannkuchen und hatten nun auch noch etwas Wegzehrung. Ich weiß auch nicht, weshalb wir von Naumburg nichts mitgenommen hatten. Und in Roßbach gibt es ja keine Möglichkeit sich zu versorgen.

Getreidefelder wie in der Meseta

Getreidefelder wie in der Meseta

Zwischen weiten Getreidefeldern (man kam sich manchmal schon vor wie in der Meseta) ging es nun viel zügiger voran in Richtung Lissdorf. Etwa eine Stunde vor Lissdorf rief ich bei Herrn Röder an, wegen des Schlüssels für das Pfarrhaus in Eckartsberga. Seine Frau meinte, das ist kein Problem, rufen sie nochmals an, wenn sie in Lissdorf sind. Wir wanderten dann später durch Lissdorf und hofften auf einen kleinen Hinweis, wo wir Herrn Röder finden könnten. Und so kamen wir jedoch ohne Hinweis bis zum Ortsausgang, wo eine Bank und eine Infotafel zum Ort steht. Hier rief ich noch mal an und Herr Röder meinte, dass er uns den Schlüssel nach Eckartsberga bringt. „Na ich kann ihn doch gleich mitnehmen. Da müssen sie nicht….“ „Gut, bleiben sie wo sie sind, ich komme.“ Wenig später knatterte eine Art Gartenfräse mit Einachsanhänger auf uns zu.

Herr Röder in Lissdorf

Herr Röder in Lissdorf

Ein alter Mann stieg etwas schwerfällig herab und stellte sich vor. Nachdem das Formelle erledigt war, begann er zu erzählen, von der Geschichte des Dorfes (Wir befanden uns auf historischem Boden, um den sich vom Schwedenkönig bis zu Napoleon viele gestritten hatten und auf dem schon viele Schlachten geschlagen wurden.). Er beschrieb uns besonders einen Kampf, den er pesönlich gefochten hat, nämlich um den Erhalt der Kirche in Lissdorf.

Die Kirche in Lissdorf

Die Kirche in Lissdorf

Er war früher LPG Vorsitzender und hatte einigen Einfluss, den er bei den Oberen nutzte, um die Kirche zu erhalten. Baumaterial war eigentlich immer zu bekommen in der DDR. Man musste nur wissen wo, von wem, durch wen und wo für (oft für Westgeld). Da war aber auch die Rede von den in Briefen geschmuggelten Kupfernägeln aus der Schweiz für das Dach der Kirche. Die Zeit war fast vergessen, so fasziniert hörten wir ihm zu. Fast vorsichtig fragte er dann, ob wir uns die Kirche denn mal ansehen wollten. Fast überrascht hörte er unsere Antwort: „Natürlich gerne!“ Und so gingen wir zurück ins Dorf und er knatterte mit seinem Gefährt vorn weg. Die Kirche machte schon von Außen einen sehr gepflegten Eindruck. Nun ja, jede Kirche macht einen gepflegteren Eindruck als die in unserem Heimatdorf – leider. Auch innen war alles pico bello. Zu unserer Freude stellte er dann auch noch das drei stimmige Geläut der Kirche an. Wenn man rechtzeitig anruft als Pilger oder er welche auf dem Weg sieht, erklingt das Geläut auch, wenn die Pilger in das Dorf eintreten. Das ist eine sehr nette und rührende Geste und zeigt eine gewisse Wertschätzung der Menschen, die sich auf Pilgerschaft begeben. Mindestens 15 Minuten raubten wir so den Lissdorfern ihre Ruhe.

Mit dem Versprechen, vielen von dem eben Erlebten zu berichten und viele hier nach Lissdorf zu diesem herzlichen und gastfreundlichen Mann zu schicken, verabschiedeten wir uns mit dem Schlüssel für das Pfarrhaus in der Tasche und dem Hinweis von ihm, am Ortseingang von Eckartsberga an der Napoleoneiche (schon wieder eine!) sich ganz links zu halten und den Schotterweg nach unten in die Stadt zu gehen. Denn es sind schon viele Pilger an der Stadt vorbei gegangen, weil man sie von dort aus nicht sieht.

Weg nach Eckartsberga hinab, im Hintergrund die Eckartsburg

Weg nach Eckartsberga hinab, im Hintergrund die Eckartsburg

Als wir dann später an der Stelle waren, bemerkten wir, dass der Hinweis wichtig war, denn die Muschel könnte wirklich in zwei Richtungen zeigen. So aber betraten wir ohne Umwege schon gegen 14.30 Uhr die Stadt.

Das Pfarrhaus in Eckartsberga

Das Pfarrhaus in Eckartsberga

Das Pfarrhaus war dann auch recht schnell zu finden, war es doch ganz sicher in der Nähe des Kirchturms zu vermuten, den man schon von Weiten ausmachen konnte. Frau Plötner-Walter war auch noch da. Und eine Frau aus dem Ort, die gerade dabei war, die Feier einer goldene Konfirmation vorzubereiten. „Es ist besser, wenn ihr hier hinten in meinem Büro euren Schlafplatz einrichtet. Vorn im Gemeinschaftsraum habe ich nachher noch Chorprobe.“ Wir zerrten also zwei von den recht betagten Matratzen unter dem Treppenabsatz hervor, schleppten diese ins Büro und machten unser Nachtlager fertig. „Alles was im Kühlschrank ist und daneben an Getränken steht, dürft ihr mit verbrauchen. Wenn ihr was nehmt, dann steckt bitte eine Spende in die Schachtel.“ Uns verblüffte etwas dieses Vertrauen, dass man uns hier entgegen brachte. Das sollte aber nicht das letzte Mal sein, dass wir verblüfft werden auf diesem Weg. „Ich muss dann erst mal los. Vielleicht sieht man sich heute Abend noch einmal.“ Und schon verschwand die große hagere Frau, die mit ihren Kindern in der oberen Etage des Pfarrhauses wohnt. Nachdem wir uns die Kirche noch angeschaut hatten, machten wir uns auf in den Ort.

Die Kirche von Eckartsberga

Die Kirche von Eckartsberga

Eckartsberga hat etwa 2400 Einwohner, ist also eine sehr keine Stadt, weswegen die Besichtigungstour recht kurz ausfallen konnte. Wichtig war hier vor allem das Vorhandensein einer Einkaufsmöglichkeit, einer Gastwirtschaft (die sogar ein Pilgermenü anbietet) und einer Eisdiele, die wir sofort heimsuchten. Danach hatten wir wieder genügend Kraft, den Burgberg zu erklimmen.

Die Eckartsburg

Die Eckartsburg

Die Eckartsburg, gelegen am Südwestlichen Rand des Finne – Höhenzuges ist das Wahrzeichen von Eckartsberga. Kein Wunder, hat die Stadt doch ihre Existenz dieser Burg zu verdanken. 966 hat Markgraf Ekkahart der Erste die Burg an der Via Regia erbaut und hatte so seinen Einfluss auf die wichtige Handelsstraße gefestigt. Die exponierte Lage auf dem Sachsenberg mit weiter Aussicht ins Thüringer Becken garantierten ihm gesicherte Einnahmen. Die Burg ist teilweise erhalten und man kann den 36 Meter hohen Bergfried besteigen, nachdem man in der auf dem Burghof befindlichen Gaststätte einen Obolus hinterlegt hat. Der mit 22 Metern Höhe etwas kleinere Bergfried diente in früheren Zeiten als Gefängnis und Folterkammer. Er ist eingerüstet und nicht begehbar. Der begehbare hohe Bergfried war früher Unterkunft und diente als Wachturm. Im dritten der 5 Geschosse ist ein Diorama über die Schlacht bei Jena und Auerstedt von 1806 aufgestellt. Wenn man ein 50 Ct. Stück in den Automaten wirft, wir das Licht eingeschaltet und es erscheinen Armeen von Zinnsoldaten, die im Schlachtgetümmel aufeinander zustürmen. Eine Stimme erklingt aus einem Lautsprecher und erklärt den Ablauf der Schlacht. Die zugehörigen Orte werden synchron mit kleinen Lämpchen illuminiert. Sowas hätte ich mir im Geschichtsunterricht gewünscht. Die Schlacht dauerte aber sehr sehr lange und wir wollten endlich hinauf auf den Turm, um die Aussicht zu genießen. Aber erst als die Stimme verstummte, bestiegen wir weiter die knarrende Holztreppe. So viel Kulturhistorie musste sein für 50 Ct.

Aussicht vom Bergfried Richtung Westen

Aussicht vom Bergfried Richtung Westen

Oben angekommen erwartete uns wirklich eine fantastische Aussicht. Auch das Wetter spielte mit und man konnte über das Thüringer Becken hinweg die Höhenzüge des Thüringer Waldes bereits sehen. Auch einen schönen Blick auf Eckartsberga hat man auf der gegenüberliegenden Seite des Turmes. Dann sah Andrea einen Einkaufsmarkt am Stadtrand an der B87 in Richtung Apolda liegend. „Wollen wir nicht für heute Abend etwas frisches Gemüse holen?“ – „Das sind mindestens 2 Kilometer bis da raus. Meinst Du nicht, dass ich heute schon genug gelaufen bin?“ Aber Andrea ist da sehr (na sagen wir mal) beharrlich. Und so stiegen wir auf der anderen Seite des Berges wieder hinab und ich trottete bis zum Penny hinterher. Auf dem Rückweg dachte ich mir:“Und das für ne grüne Gurke!“

Warten auf die nächste Etappe

Warten auf die nächste Etappe

Wir saßen noch nicht lange vor dem Pfarrhaus auf der Bank. Ich hatte mir gerade ein Bier aufgemacht, da humpelte etwas durchs Tor des Pfarrgartens, jaaaa, ein Pilger!, vielmehr eine Pilgerin. Sie war heute in Freyburg gestartet, hat ihren Weg in Königsbrück begonnen, wohnt ursprünglich in Gera und ich habe ihren Namen vergessen. Das ist eine Schande, Orts- und Städtenamen kann ich mir über Jahre merken aber bei Menschen und den zugehörigen Gesichtern versage ich kläglich. Na egal jetzt ist es eh zu spät. Sie war nicht mehr so gut zu Fuß und war heilfroh, hier angekommen zu sein. Wir informierten Sie über das Notwendigste zur Unterkunft und ich half ihr bei der Einrichtung ihres Nachtlagers. Sie bekam den großen Gemeinschaftsraum für sich allein, da allem Anschein nach die Chorprobe entweder schon stattgefunden hatte oder ausgefallen war. Nachdem sie sich etwas erholt hatte, gingen wir gemeinsam in die Stadt hinunter und setzten uns in die Gastwirtschaft, die mit dem Pilgermenü geworben hatte. Und siehe da, an unserem Tisch saßen plötzlich noch zwei Pilgerinnen, die aber nur auf einem Wochenendtrip waren und auf alle Fälle nie in diesen Herbergen übernachten würden. Na gut, mit dem Wort Pilgerinnen habe ich da wohl etwas daneben gelegen. Das Pilgermenü wurde übrigens deshalb zum Pilgermenü, in dem zu dem von der Karte bestellten Essen am Ende eine Banane dazu gereicht wurde. Na ja, der gute Wille zählt. Und geschmeckt hat das preiswerte Essen zudem ausgezeichnet.

Am Abend saßen wir dann noch draußen im Pfarrgarten bei einer Flasche Wein und wir luden die Pfarrerin, die erst spät nach Hause kam, zu uns ein. Wir erfuhren von ihr, dass sie außer der Pfarre hier in Eckartsberga noch etliche andere betreut und zusätzlich gibt es da noch Pfarren in der Umgebung, die verwaist sind. Da kümmert sie sich auch noch dort um ihre Schäfchen. Wir fragten, wie sie das denn z.B. Heiligabend macht. „Ich habe da Freiwillige, die meine ausgearbeitete Predigt verlesen und das machen sie richtig gut. Anders ist das nicht zu bewerkstelligen. Feierabend ist da meist erst sehr spät, so wie heute.“ Hochachtung vor dieser Frau, denn neben ihrer vielen Arbeit warteten dann auch noch die Kinder zu Hause. Ja und dann bringt sie auch noch die Zeit auf und empfängt Pilger oder setzt sich mit diesen am Abend in den Garten und unterhält sich mit ihnen.

Unter diesen Eindrücken gingen wir spät in der Nacht schlafen und dachten an die netten Menschen, die wir an diesem Tag wieder kennen gelernt hatten.

6. Tag 26.Mai 2012 Eckartsberga – Stedten

Frühstück in Eckartsberga-001

Frühstück in Eckartsberga

Die Sonne ging gerade auf hinter der Eckartsburg, als wir die Stadt Richtung Südwest verließen. Zuvor hatten wir vor dem idyllisch liegenden Pfarrhaus noch ausgiebig gefrühstückt. Unsere Mitpilgerin schlief noch und wollte lieber allein laufen, was in Anbetracht ihrer Beschwerden an den Füßen auch nachvollziehbar war. Wir hätten unser Tempo sicher stark drosseln müssen, um zusammen bleiben zu können. So gingen wir wieder bei schönstem Wanderwetter durch die morgenlichen Dörfer und Felder. Heute wollten wir bis nach Stedten am Ettersberg. Auch hier versprach die Unterkunft außergewöhnlich zu werden. Denn diese befindet sich wiederum in einer Kirche. Die Schlafplätze sollen im Kirchturm der St. Kilian Kirche in Stedten untergebracht sein und im Pilgerführer versprach man uns eine schöne Aussicht von diesem Turm ins Weimarer Land.

Der erste Ort, den wir ansteuerten heißt Seena. Das ist auch eins dieser Dörfer, die man wohl nie zu Gesicht bekommen hätte, wenn man nicht zu Fuß unterwegs wäre, da es an keiner großen Fernverkehrsstraße liegt oder auch sonst über keine besondere Sehenswürdigkeit verfügt, die es für einen Ausflug dorthin qualifizieren würde.

Kirche in Seena

Kirche in Seena

Der Nachteil, dass man hier am A… der Welt wohnt, wird durch die Ruhe, die man hier hat, aber sicherlich wett gemacht. Die Dörfer, die wir bis jetzt gesehen haben, waren alle sehr schön heraus geputzt. Oft gibt es neue Straßen mit neuer Beleuchtung, die Stromkabel liegen längst neben der neuen Kanalisation in der Erde, die Kirchen sind renoviert und jeder hat sein Haus und sein Grundstück nach seinem Geschmack und seinen finanziellen Möglichkeiten heraus geputzt. Da hat sich viel getan in den 23 Jahren nach der „Wende“. Einzig mit der Abwanderung der jungen Leute haben diese Dörfer stark zu kämpfen. Nur wer Besitz hat, bleibt dauerhaft auf dem Land und nimmt lange Anfahrtswege zur Arbeit in Kauf. Das Landleben hat auch seinen Reiz, weil es oft ein ausgeprägtes Wir – Gefühl auf den Dörfern gibt. Die Leute treffen sich in Vereinen oder einfach am Gartenzaun. Jeder kennt jeden. Sieht man mal vom allgemein bekannten „Knallerbsenstrauch“ ab (nicht Wissende googeln mal nach Stefan Raab und „Knallerbsenstrauch“), sind das eigentlich paradiesische Zustände.

Feuerwehr Seena

Feuerwehr Seena

Hier in Seena scheint es eine zwar kleine aber aktive Feuerwehr zu geben, für mich als freiwilliger Feuerwehrmann sehr interessant. Ein alter Robur stand neben dem winzigen Gerätehaus und der riesige Grill war noch warm. Hier gab es gestern ne Sause, sicher mit viel Bier und Thüringer Rostbratwürsten. Ja wir sind fast in Thüringen. Irgendwo hinter Seena haben wir die Landesgrenze passiert. Herr Röder sprach in Lissdorf von einem Schild, was er aufgestellt hatte. Oder wollte er es nur und die Bürokratie hatte was dagegen?

 Grün

Grün

Falls eins da stand, wir hatten es leider verpasst. Thüringen, das grüne Herz Deutschlands, das Land der Bratwürste, wie es Reinald Greebe besingt, sollte uns weiterhin schönes Wetter bescheren. Der Weg verläuft auch hier über Feldwege, nur manchmal auf wenig befahrenen Ortsverbindungsstraßen, aber immer idyllisch und leicht zu finden.

Rast in Oberreißen

Rast in Oberreißen

Da lang!

Da lang!

Das Getreide stand satt auf dem Halm und Grün ist zu dieser Jahreszeit die vorherrschende Farbe. Man muss beim Gehen fast ständig nach unten sehen. Nicht nur weil öfter mal ein Stein im Weg liegt, sondern weil einem die Feldmäuse förmlich über die Füße laufen. Auf Wegen, die durch Strauchwerk oder Bäume begrenzt waren, fielen uns die vielen kleinen Überreste von Nagern auf, ein Zeichen, dass es hier auch viele Greifvögel gibt. Und so musste man oft die Schrittweite im letzten Moment korrigieren, um nicht auf die Nager – Leichen zu treten.

Alles Natur pur hier und wenn dazu dann auch noch die Sonne scheint, wird es zum wahren Vergnügen, hier entlang zu gehen. Wenn da nur nicht wieder dieses aufkommende Hungergefühl wäre.

Angekommen in Nermsdorf im Weimarer Land, ebenfalls ein sehr schön rausgeputztes Dorf, hatten wir wieder Glück mit dem Bäckerauto. Wir hatten uns gerade auf einer Picknick – Bank häuslich eingerichtet, als wir das Klingeln hörten, dass der fahrende Bäcker ertönen ließ, um den Einwohnern zu signalisieren, dass sie nun ihre frischen Brote und Brötchen holen können, für mich auch das Signal, unseren Proviant zu ergänzen. Der kam wieder wie gerufen. Ohne diese fahrenden Händlern sähe es traurig für die Pilger aus, auf der Via Regia. Sie müssten viel mehr Proviant mit schleppen in ihrem Rucksack. Eine eiserne Reserve hatten wir trotzdem immer noch übrig, denn wer kennt schon den Fahrplan der Händler.

Frühstück in Nermsdorf

Frühstück in Nermsdorf

In Buttelstedt gab es noch mal Wasser aus dem Eisschrank, denn unsere Wasserflaschen waren nicht nur fast leer, das wenige Wasser darin war in der Sonne auch mächtig warm geworden und schmeckte mittlerweile wie eingeschlafene Füße.

Straußenfarm hinter Schwerstedt

Straußenfarm hinter Schwerstedt

Das Frischwasser war auch bitter nötig, denn die Temperaturen hatten auch an diesem Tag wieder sommerliche Werte erreicht und der Weg bis Schwerstedt, auf einem ehemaligen Bahndamm schnurstracks geradeaus neben der Straße entlang führend, wurde länger und länger. So langsam wurde es Zeit, dass wir ankommen. Am Ortsausgang von Schwerstedt machten wir noch mal Halt an der riesigen Straußenfarm, neugierige Blicke auf beiden Seiten des hohen Zaunes.

St. Kilian in Stedten

St. Kilian in Stedten

Wenig später war Stedten erreicht. Und da standen wir nun vor der Kirche St. Kilian, die ganz frei ohne Umzäunung mitten auf einer Wiese im Dorf steht. Ein wenig enttäuscht war ich schon von dem dicken etwas behäbig wirkenden Kirchturm. Ich hatte einen hohen Turm erwartet, von dem man aus, wie versprochen weit ins Land sehen könnte. Dieser hier war aber nicht nur besonders dick, sondern auch ziemlich kurz geraten. Er sah also fast so aus wie ich. :)

Sanierte Kirche St Kilian in Stedten

Sanierte Kirche St Kilian in Stedten

Müde und schwitzend setzten wir uns in den Schatten des Turmes auf eine Bank und warteten auf den Schlüssel, den uns eine Frau aus dem Dorf bringen wollte, welche ich zuvor angerufen hatte. Die Rufnummer erfährt man übrigens auf einem kleinen Schild, das in einem Fenster der Kirche hängt. Kurze Zeit später schloss uns die Frau auf und wies uns in die Herberge ein. St Kilian war bis 2006 fast völlig verfallen und wurde danach aufwändig saniert. Über das Europäische Fördermittelprogramm LEADER zur Entwicklung des Lebens auf dem Lande wurden die Gelder dafür zur Verfügung gestellt, so stand es auf einer Infotafel in der Kirche.

Pilgerzimmer im Kirchturm

Pilgerzimmer im Kirchturm

Bei der sehr gelungenen Sanierung dachte man zum Glück daran, hier eine Pilgerunterkunft zu integrieren. Rechts und Links des Einganges gibt es deshalb moderne sanitäre Einrichtungen und eine kleine Küche. Zwischen diesem Bereich und dem eigentlichen Kirchenraum befindet sich eine Glastür. Auf der Empore gibt es zwei und im Glockenturm 6 Matratzen. Und aus den kleinen Fensterchen im Turm gibt es wirklich eine schöne Aussicht auf den Ort und die Umgebung, wenn auch nicht so spektakulär, wie ich es als Hobbyfotograf erhofft hatte. Die Unterkunft ist sehr geräumig und sauber, was wir bei der Verabschiedung der Dame auch dankend und anerkennend sagten. „Last den Schlüssel einfach stecken. Ich hole ihn mir dann morgen früh wieder ab.“ Mit ihrem Hinweis, dass die Frau im Getränkestützpunkt um die Ecke sich um die Pilger kümmert und es bei ihr auch was zum Essen gibt, war sie so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen war. Nach der großen Wäsche und dem „Betten“ machen, schauten wir dann mal ins Dorf, auf der Suche nach besagtem Getränkemarkt. Weit mussten wir nicht laufen. Der Ort ist wirklich nicht sonderlich groß. Im Garten steht eine „Blume“, die aus Hunderten von „Kümmerling“ – Flaschen zusamen geklebt ist. Das muss er sein, der beschriebene Getränkestützpunkt. Doch da hängt ein Schild: „Ab 19 Uhr geöffnet.“ Unverrichteter Dinge machten wir Kehrt und gingen zurück zur Kirche. Dort war unterdessen unsere „fußlahme“ Mitpilgerin eingetroffen. Sie hatte sich verständlicher Weise viel Zeit gelassen und lief heute schon wesentlich besser als gestern. Sie machte es sich auf der Empore bequem (hatte wohl in der vorigen Nacht mitbekommen, dass ich ein wenig zum Schnarchen neige). Ein paar Worte zum Weg und schon war es 19 Uhr und wir machten uns auf zum Abendessen, das heißt, wir hofften welches zu bekommen.

Abendessen im Getränkemarkt

Abendessen im Getränkemarkt

Am Getränkemarkt kam dann schon ein älterer Herr auf uns zu und rief zu uns über den Gartenzaun: „Ihr seid doch die Pilger? (Man scheint es uns wirklich anzusehen. Oder liegt es vielleicht daran , dass sich sonst kein Fremder hier in diesen Ort verirren würde?) „Natürlich“ sagten ich. „Ihr wart doch vorhin schon mal da, weshalb seid ihr denn nicht rein gekommen?“ „Na das Schild, die Öffnungszeit…!“ „Quartsch – Öffnungszeit, wenn wir da sind, könnt ihr auch rein kommen. Wir haben Würste auf dem Grill, esst ihr welche mit? Da hinten steht der Kühlschrank, hol dir mal ein Bier!“ Na das lasse ich mir doch nicht zweimal sagen! So gefällt mir das, völlig unkompliziert, man glaubt sich auf einer Gartenparty bei Freunden. Die Würste waren übrigens ausgezeichnet, Thüringer eben….

Am Abend vor der Kirche

Am Abend vor der Kirche

Am Abend saßen wir dann noch mit unserer Pilgergefährtin auf der gemütlichen Holz – Sitzgruppe vor der Kirche und quatschten über alles Mögliche. Und da erfuhren wir auch, dass wir ab Morgen wieder allein sind, denn sie hört morgen auf und muss zurück nach Gera. Der Urlaub ist vorbei, morgen ist Pfingsten und da will sie wieder zu Hause sein. Also verabschiedeten wir uns schon jetzt, denn wir wollten wieder rechtzeitig aufbrechen. Morgen geht es in die Landeshauptstadt nach Erfurt.

7. Tag Stedten – Vieselbach

Am Morgen hinter Stedten

Am Morgen hinter Stedten

Auch heute liefen wir nach dem kurzen Frühstück vor der Kirche in Stedten sehr früh los. Wir verabschiedeten uns nochmals von unserer neuen aber kurzen Bekanntschaft aus Gera, denn sie wollte erst später los ziehen in Richtung Erfurt. Ein prüfender Blick in den Schlafraum, die Küche und das WC – nichts vergessen – und los. Die Sonne ging gerade auf, als wir durch die noch feuchten Wiesen in Richtung Ottmannshausen liefen. Sie stieg wie an bisher jedem Tag in einen fast wolkenlosen Himmel. Man was hatten wir bisher ein Schwein mit dem Wetter! Die unbenutzte Regenkleidung war unterdessen am Boden des Rucksackes angekommen und wir hofften, das die da auch an den nächsten Tagen bleiben kann.

DDR Landtechnik

DDR Landtechnik

Am Ortseingang des kleinen Ortes Ottmannshausen fiel mir ein Hof auf, auf dem viele alte Landmaschinen aus DDR – Zeiten standen. Ob Mähdrescher E512, Geräteträger RS09, Traktor Famulus, Bagger T157 (auch scherzhaft Erdbeerpflücker genannt) oder Zugmaschine ZT300, all die Maschinen kannte ich noch gut und ich wunderte mich, wer wohl auf die Idee kommt so etwas zu sammeln bei dem erforderlichen Platzbedarf. Manches machte auch nicht den Eindruck, dass es noch einsatzfähig ist. Am erstaunlichsten an dem Morgen war dann aber ein sehr schmuckes Freibad am Ortsausgang das winzigen Dorfes. Wie sich ein so kleines Dorf ein solches Bad leisten kann, ist mir echt unklar. Unsere Stadt kann sich nicht mal einen ausreichend großen Raum leisten für die 46 Mitglieder unseres Heimatvereins.

Freibad in Ottmannshausen

Freibad in Ottmannshausen

Die Gegend wurde allmählich hügeliger. Links gingen wir gerade um den Ettersberg herum, auf dem sich sich die Gedenkstätte des KZ Buchenwald befindet und hinter dem die Stadt Weimar liegt. Durch Weimar führt eine Wegalternative der Via Regia, die wir aber nicht gehen wollten. Rechts schauten wir über eine Ebene in Richtung Sömmerda. Da erblickte man deutlich die Trassenführung der in Bau befindlichen neuen ICE Strecke von Leipzig nach Erfurt. Lange sah man hier nur fertige Brücken, die verloren und einsam auf den Feldern standen. Nun schien es wieder vorwärts zu gehen mit dem Bau. Auf einer Anhöhe vor Ollendorf sahen wir dann bereits die Häuser von Erfurt am Horizont. Es war Feiertag heute und so war in den Dörfern noch weniger los als sonst. Man schlief sich wahrscheinlich aus. Uns so waren wir oft die Einzigen, wegen denen die Dorfköter kläfften.

Via Regia

Via Regia

Die Etappe bis Erfurt ist nicht sehr lang, und wir wollten zudem nur bis Vieselbach, einem kleinen Ort im „Speckgürtel“ vor Erfurt, der Landeshauptstadt des Freistaates Thüringen. Vieselbach liegt etwas 7 Kilometer vor Erfurt und dem echt langweiligen Weg durch die Gewerbegebiete vor der Stadt. In Vieselbach hatten wir eine private Unterkunft in einem Eigenheim. Und das kam so: Der Ehemann einer Vereinskameradin arbeitet die Woche über in Erfurt. Und damit er nicht jeden Tag von Delitzsch nach Erfurt fahren muss, hat er eine Einliegerwohnung in Vieselbach gemietet. Als man im Verein nun mit bekam, was wir vor hatten und wo wir entlang laufen würden, kam dann sofort das Angebot, dass wir doch dort übernachten könnten, da er selbst die Wohnung am Wochenende ja nicht braucht. Wir nahmen dankend an. Denn in Erfurt sind die Unterkünfte nicht nur etwas teurer, man kommt auch des Öfteren nicht rein, weil sie ausgebucht sind. Gerade im Augustiner Kloster, der ersten Adresse für einen Pilger in Erfurt, übernachten oft Gruppen und da schickt man schon mal einen Pilger weiter, obwohl dort extra Pilgerzimmer eingerichtet wurden.
Erfurt ist touristisch sehr begehrt oder es finden viele Veranstaltungen statt. Da kann es auch in den Pensionen oder Hotels knapp werden mit den Betten. Also hier sollte man nicht unbedingt auf sein Glück vertrauen, sondern lieber rechtzeitig voraus buchen, um noch an eine preiswerte Unterkunft zu gelangen.

Schönwetterpanorama vor Erfurt

Schönwetterpanorama vor Erfurt

Das alles interessierte uns heute überhaupt nicht. Wir wanderten immer noch über blühende Wiesen und durch wogende Getreidefelder. Wir kamen wieder gut voran, so dass wir bereits Mittags vor dem mittels meines Navi gefundenen Haus in Vieselbach standen und klingelten. Wir waren etwas zu zeitig und so dachten wir zunächst, dass niemand zu Hause wäre. Doch so leicht gebe ich nicht auf. Und so fand ich die Besitzer in ihrem Garten am Pool. Herzlich begrüßten sie uns und vor allem der Ehemann wollte alles vom Weg wissen, da er selbst auch schon auf dem Camino Frances war. Bei einer Flasche Bier entspann sich eine lange Fachsimpelei, bevor man uns die Unterkunft zeigte. Und diese Unterkunft war für uns der reine der reine Luxus und eigentlich hätte ich mich sofort hinlegen können.

Die Krämerbrücke (einzig bewohnte Bücke nördlich der Alpen)

Die Krämerbrücke (einzig bewohnte Bücke nördlich der Alpen)

Trotzdem wollten wir uns ja eigentlich Erfurt ansehen und so taten wir etwas, was sonst bei uns etwas verpönt ist auf einer Pilgerreise und wir nur in Notsituationen machen würden. Wir stiegen in einen Bus. 20 Minuten später standen wir im Zentrum von Erfurt und hatten uns die Gewerbegebiete und Betonsilos der Erfurter Vorstadt gespart. Heute waren wir ganz normale Touristen, ohne Rucksack auf dem Rücken, ohne Stöcke in der Hand, ohne auf der Suche zu sein nach dem nächsten Wegweiser oder der nächsten Herberge. Einzig das Outfit war noch Pilger – gerecht, denn natürlich hatten wir den guten Zwirn, den man Sonntags sonst trägt nicht mit im Rucksack hierher getragen. Wobei ich mich frage, wie das manche Pilger auf dem Frances gemacht hatten, die man am Tag auf dem Weg sah nd die abends im Jacket über die Plaza Mayor streiften. Am heutigen Tagesende hatten wir aber trotz unseres kurzen Weges schmerzende Füße, denn das Zentrum von Erfurt muss man sich wirklich erlaufen.

Der Erfurter Fischmarkt

Der Erfurter Fischmarkt

Auch Pilger, die hier nur durch gehen wollen, sollten sich die Zeit nehmen und einige Runden drehen. Das ist es wirklich wert. Andreas Vater stammt aus der Nähe von Erfurt und sie kannte die Stadt am Fluss Gera zumindest von Früher. Ich war noch nie in Erfurt, bin auch hier bisher nur durch oder vorbei gefahren. Sehenswürdigkeiten wie die Krämerbrücke, den Fischmarkt oder den Dom kannte ich nur von Fotos oder Fernsehberichten. Sie sind es aber Wert, dass man sie persönlich in Augenschein nimmt, genau so wie tausende andere Touristen dies täglich tun. Nun will ich hier nicht die Werbebroschüre des Stadtmarketing abschreiben. Wer mehr über Erfurt wissen will, sollte sich diese Seite mal näher ansehen. Hier steht eigentlich das Wichtigste über Erfurt drin.

Wir schlenderten also ohne Hast durch die Straßen der Altstadt, einzig in der Sorge etwas zu verpassen. Die Krämerbrücke wurde von allen Seiten fotografiert, sobald man sie in all den Touristen – Scharen mal unverdeckt vor die Linse bekam. Auf dem Fischmarkt saßen wir in einem Freisitz und schauten uns beim Mittagessen die herrlichen Bürgerhäuser an am Platz an, während ein Staßenmusikant Bob Dylan spielte.

Der Domplatz

Der Domplatz

Und im Erfurter Dom haben wir unseren Pilgerstempel bekommen, nachdem wir uns auch die Severikirche auf dem Domberg angesehen hatten. Auch die etwas weniger spektakulären Wege durch kleinen Gassen der Altstadt sind sehr sehenswert und man entdeckt immer wieder interessante Details an den Fassaden der mit viel Liebe rekonstruierten mittelalterlichen Häuser. Die Stadt war heute besonders voll. Oft mussten wir uns durch die Menschenmassen schlängeln und die Wartezeiten in den gut besuchten Straßenkaffees waren heute etwas länger. Das Pfingstwochenende und das schöne Wetter hatten viele Menschen in die Stadt gespült. Und ehrlich, ich laufe lieber 30 Kilometer straffen Schrittes durch die Landschaft, als dass ich wie hier an diesem Pfingstsonntag langsam durch die Gegend schlendere und laufend stehen bleiben muss. Da schmerzen mir die Füße noch mehr und dieser Trubel nervt auch ganz schnell, wenn man bisher tagelang durch die einsame Natur gegangen ist. Pilger kennen das Gefühl, hier schnell wieder raus zu müssen, wenn der Reiz des Neuen abgeklungen ist.

Im Erfurter Dom

Im Erfurter Dom

Unsere Vermieter waren auch sehr erstaunt, als wir schon vor 18 Uhr wieder vor ihrer Tür standen. Nun wollten wir die Gastfreundschaft der netten Leute nicht noch weiter strapazieren und uns im Ort selbst etwas zu Essen beschaffen. Es war Pfingsten, da wird doch irgend was offen sein. Von Fern hörten wir, wie eine offenbar größere Musikanlage abgestimmt wurde. Immer wieder vernahm man Wortfetzen oder kreischende Klänge von Gitarren. Ich versuchte die Quelle akustisch zu orten und meinte, dass der Krach (Musik sollte erst später daraus werden) vom Sportplatz kommt. Da wo Musik ist, da sind Menschen. Da wo Menschen sind, da gibt es was zu Essen und zu Trinken. Also machten wir uns auf, unseren Hunger zu stillen. Der Sportplatz war leicht zu finden. Man musste nur den Anderen hinterher gehen. Hinter den mit Planen als Sichtschutz bespannten Bauzäunen um den Sportplatz stiegen verdächtige blaue Rauchfahnen auf, die nach Thüringer Rostbratwürsten dufteten. Nichts wie rein hier, denn mir tropfte bereits der Zahn, bzw. ich hatte eine Pfütze auf der Zunge. Acht Euro Eintritt – pro Person !! Verhandlung nicht möglich! Das war die bisher teuerste Bratwurst meines Lebens. Andrea staunte nicht schlecht, als ich fast ohne zu Murren das Geld hin legte. Wer da spielt und was das für Musik sein würde, war mir zunächst völlig egal. Ich hatte Hunger und auch ein bisschen Appetit wegen des betörenden Geruches. Mit unseren Würsten und einem Becher Bier bzw. Radler in der Hand setzten wir uns an einen Tisch, an dem bereits ein anderes Pärchen saß.

Konzert mit "Accustica"

Konzert mit „Accustica“

Die Techniker waren immer noch beim Stimmen. „Was iss´n das für ne Truppe?“ „Accustica aus Erfurt. Die kennt ihr wohl nicht? Die sind lustig.“ , schallte es mir schreiend wegen den“Musikanlagenstimmern“ von Gegenüber entgegen. „Nee, kenn ich nicht. Wir sind nicht von hier.“ Die Band schien hier aber so ne Art Kultstatus zu genießen, denn man sah viele Groupies, die ein T-Shirt mit einem Logo der Band trugen.

Der Platz füllte sich zusehends und das scheinbare Alter der Anwesenden hatte eine Spanne, die man auf einem Rockkonzert eher nicht vermutet. Da war von 7 bis 70 alles vertreten und alle schienen in freudiger Erwartung, was mich zuversichtlich stimmte, die 16 Euro doch ganz gut angelegt zu haben. Die Bandmitglieder saßen am Nachbartisch, was mir aber erst recht spät auffiel, da sie wie du und ich aussahen und auch keinerlei Allüren zeigten. Das sah eher aus wie ein Familienausflug mit Kindern.

Dann schien das los zu gehen und schon sahen die Kollegen ganz anders aus auf der Bühne. Das saß der Schlagzeuger zum Beispiel in Polizei Uniform an der Bude und schaffte sich. Und das ging richtig ab, was die da oben machten. „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“, ein Kindergarten – Lied aus meiner frühesten Kindheit in einer Rockversion – der Platz tobte und alle sangen mit – ich auch. Schaut euch mal das Video bei Youtube an und ihr werdet meine Begeisterung verstehen. Leider konnten wir nicht bis zum Schluss bleiben, da wir ja am nächsten Tag wieder was vor hatten, nämlich bis nach Gotha zu laufen. Das verträgt sich nicht, wenn man bis in die späte Nacht auf dem Rockkonzert ist und dann am nächsten Morgen los läuft, um 30 Kilometer zu laufen. Schweren Herzens brachen wir deshalb auf. Auf dem Heimweg versuchten wir noch einige Titel mit zu bekommen, die durch die Straßen von Vieselbach schallten.

Die Fenster der Wohnung waren aber recht dicht, so dass wir noch eine ruhige und erholsame Nacht bekamen.

8. Tag Vieselbach – Gotha

Wir haben gut geschlafen bei Familie Tilp in Vieselbach und zu allem Überfluss hat Frau Tilp uns noch ein wunderbares, reichhaltiges Frühstück zubereitet. Herr Tilp hatte dann ein Einsehen, dass das so mit dem vollen Magen nichts wird mit dem Rucksack bis nach Erfurt und fuhr uns mit seinem Auto bis zum Domplatz. Es wäre uns auch heute zu weit gewesen. Und die Gewerbegebiete zwischen Vieselbach und Erfurt sind wirklich nicht besonders erbaulich. Genug der Ausreden??
Die Straßen an diesem Montag Morgen waren fast menschenleer. Es ist Pfingstmontag und die meisten horchten wohl noch an ihren Matratzen. Uns sollte es Recht sein. Bei wenig Verkehr auf den Straßen waren wir ruck zuck in Erfurt und liefen nach der Verabschiedung unseres Gastgebers, den Wegweisern folgend, die hier wieder recht häufig anzutreffen waren, zunächst in Richtung des EGA Geländes durch Erfurt.

Wegweiser in Erfurt

Wegweiser in Erfurt

Parallel zur B7, die in Richtung Gotha führt, liefen wir abseits dieser Bundesstraße und damit fern von Verkehr und Lärm, der mit dem Fortschreiten der Tageszeit einsetzte, durch den Bühlauer Hohlweg. Schöne Vorstadtvillen und ältere Eigenheime säumten den Weg. An einem Haus fiel uns ein Schild auf: „Santiago de Compostela 2364 km“ und daneben ein kleines Autosymbol und neben einem kleinen Fußgänger stand 3000 km. Eine Jakobsmuschel war auf dem Wegweiser ebenfalls angenagelt. Wir diskutierten noch lange, weshalb der Schild – Aufsteller die Entfernung nach Santiago mit dem Auto so genau kennt, wobei die zu Fuß ja nur sehr grob geschätzt sein konnte. Es sollte doch ein großer Zufall sein, wenn ausgerechnet an dieser Stelle es noch genau 3000 Kilometer wären. Auch der große Unterschied zwischen Straßen- und Fußweg- Kilometer erschien mir doch recht fragwürdig. Aber die Geste und die Tatsache, dass dieses Schild ausgerechnet hier steht, zeigt doch mal wieder, dass man diesen Weg und seine Pilger wahrnimmt und würdigt. Wir wollten ja in diesem Jahr auch noch in Santiago einlaufen, auch wenn da zu diesem Zeitpunkt noch einige Flug- Bus- und Fuß- Kilometer dazwischen lagen. Und wir diskutierten, ob wir das (angenommen wir hätten so viel Urlaub und würden das versuchen) bis zum vereinbarten Zeitpunkt schaffen könnten. Ergebnis: Wir hätten das zeitlich ganz bequem geschafft. Ob es körperlich machbar gewesen wäre, steht auf einem ganz anderen Blatt. Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch vor, den Camino Primitivo allein von Oviedo aus zu gehen und unser Freund Jörg wollte mit seiner Tochter zwar die gleichen Flüge nach Asturias nehmen aber mit dem Bus weiter nach Leon fahren. Während wir also von Oviedo aus los gelaufen wären, hätten Jörg und seine Tochter sich in Hospital de Orbigo auf den Weg gemacht. Wir wollten uns dann nach jeweils 10 Etappen in Palas de Rei treffen und den Rest gemeinsam gehen. Jörg hatte so vor, seinen 2010 abgebrochenen Camino Frances zu vollenden und wir hatten die Möglichkeit einen neuen und wie wir jetzt wissen, völlig anders artigen Weg gehen. Wer nun in meinem Blog schon den Bericht über unseren Camino Primitivo gelesen hat, weiß dass es ganz anders gekommen ist. Die Familienplanung von Jörgs Tochter war halt etwas schneller und er ist kurz nach unserem gemeinsamen Weg von Oviedo bis nach Finisterre zum zweiten Mal Großvater geworden, was ja auch schön ist.

Schmira

Schmira

Doch ich schweife ab vom Thema. Also zurück zur Via Regia!

Blick zur Burg Gleichen (vorn) und zur Mühlburg

Blick zur Burg Gleichen (vorn) und zur Mühlburg

Sehr schnell hatten wir Erfurt hinter uns gelassen. Auf dem ein wenig ansteigenden Weg nach Schmira sahen wir noch einmal die Silhouette der Stadt mit den markanten Türmen des Domes und der Severikirche. Rechts von uns erblickten wir den Erfurter Flughafen. In Schmira packten wir zum zweiten Frühstück auf einer Bank unsere Mitbringsel aus. Mehr als ein Apfel war nicht drin. Ich war immer noch vom tilpschen Frühstück satt. Hinter Schmira geht ein ganz neuer asphaltierter Radweg leicht aber stetig bergauf zur A71, die wir über eine schmale Brücke überquerten. Von hier sieht man bereits die markanten Hügel mit den „drei Gleichen“. So werden die Burg Gleichen bei Wandersleben, die Mühlburg bei Mühlberg und die Veste Wachsenburg bei Holzhausen genannt. Die Burgen aus dem 8. und 11. Jahrhundert hatten nie den selben Besitzer und sehen auch äußerlich sehr unterschiedlich aus. Weshalb nennt man sie dann trotzdem die „drei Gleichen“? Wie so oft versucht eine Sage dies zu erklären: Der Begriff „die drei Gleichen“ entstand nach einem Kugelblitzereignis am 31.Mai 1231, als nach einem Blitzeinschlag alle drei Burgen gleichzeitig brannten und diese wie Fackeln weithin sichtbar waren. Die Mühlburg und die Burg Gleichen sind heute gut erhaltene Ruinen. Nur die Wachsenburg wurde restauriert und es befindet sich heute ein Hotel in den mittelalterlichen Gemäuern.

Steinkreuz vor Kleinrettbach

Steinkreuz vor Kleinrettbach

Gleich hinter der Autobahnbrücke hätten wir uns fast das erste Mal verlaufen. Das Wegzeichen war hier stark verwittert, nur sehr undeutlich erkennbar auf einen Stein in einem Abwassergraben gemalt und zu allem Überfluss auch noch durch Unkraut verdeckt gewesen. Auf alle Fälle für die, die uns hier auf dem Weg folgen wollen: Nach der Autobahnüberführung rechts halten. Ich verweise hier mal über einen Link sicherheitshalber auf diese Stelle.

Steinkreuz hinter Kleinrettbach

Steinkreuz hinter Kleinrettbach

Auf der heutigen Etappe fielen uns einige steinerne Kreuze auf, die am Weg standen. Eins davon entdeckten wir östlich und eins westlich von Kleinrettbach. Auf einer Infotafel am letzteren war zu lesen, dass das Kreuz hierher 350 Meter versetzt wurde, da es ursprünglich mitten auf einem Feld stand, wo es natürlich im Sommer nicht zu sehen gewesen war. Nun steht es direkt am Thüringischen Jakobsweg. Wiederum gibt eine Sage Auskunft über den Ursprung des Kreuzes: Im Dreißigjährigen Krieg standen sich östlich und westlich des Ortes Kleinrettbach zwei feindliche Truppen gegenüber, die sich jedoch im Nebel verfehlten. So blieb der Ort verschont, und zum Dank errichtete man an den Lagerstellen je ein Steinkreuz. Diese zwei Kreuze hatten der Sage zu Folge also einen recht positiven Hintergrund. Jedoch wurden viele solcher Steinkreuze als Sühnekreuze aufgestellt. Sühnekreuze sind Denkmäler des mittelalterlichen Rechts. Es wurden sogenannte Sühneverträge zwischen verfeindeten Parteien geschlossen, die eine Blutfehde wegen eines begangenen Mordes oder einer anderen Gewalttat zu beenden. Das Kreuz war der für alle sichtbare Teil des Vertrages. Steinkreuze sind dagegen ab dem 16. Jahrhundert entstanden und als Wetter-, Pest-, Stationskreuze von Pilgern und Prozessionen oder auch als Grenzmarkierungen gesetzt worden. Da Inschriften verwittert oder schriftliche Dokumente kaum mehr vorhanden sind, ist es schwierig das eine vom anderen zu unterscheiden. Vieles beruht auf Erzählungen und Sagen, was das Ganze für uns heute spannend und interessant macht.

Der ganze Tag auf Asphalt

Der ganze Tag auf Asphalt

Die Eintönigkeit der asphaltierten Radwege verlangten heute nach solchen interessanten Stellen. So sehr ich solche Radwege als Radfahrer mag, so sehr ersehnte ich heute einen naturbelassenen Feldweg, wie wir sie bisher häufig vorfanden. Da hilft es nur, den Randstreifen der Wege zu benutzen, damit die Füße auch mal etwas Abwechslung bekommen. Abwechslung bekamen wir in Tüttleben. Da beobachteten wir am Ortsausgang ein Quad, welches mit affenartiger Geschwindigkeit kreuz und quer über eine Wiese fuhr. Was das zu bedeuten hatte, erkannten wir aber erst, als wir näher kamen. Auf der Wiese waren etwa 3 Meter breite Streifen, ähnlich einem Verkehrskindergarten gemäht und auf diesen Streifen verlegte das Quad ein Seil um zahlreiche Umlenkrollen, die sich in den Kurven der Strecke befanden. Am Rand der Wiese stand ein Turm aus Baugerüsten, auf dem einige Leute standen. Nun war klar, was wir hier sahen, ein Windhundrennen.

Windhundrennen in Tüttleben

Windhundrennen in Tüttleben

An dem Seil wurde der „falsche Hase“ befestigt, der mit einer Wahnsinns Geschwindigkeit mittels einer kleinen Seilwinde über den Parcours gezogen wurde. Mein erster Eindruck: Die dummen Hunde hetzen dem „Hasen“ hinterher, die schlauen kürzten durch das hohe Gras ab, was aber zum Ärger der Besitzer zur Disqualifikation führte. Man klärte uns aber auf: Windhunde jagen mit den Augen, was für Hunde, die ja eigentlich Nasen – Tiere sind, schon recht seltsam ist. Man sah aber, dass die Windhunde, sobald sie die Beute aus den Augen verloren hatten, verwirrt stehen blieben und querfeldein über den Platz irrten, was die Besitzer sehr ärgerlich machte. Aus allen Teilen Europas waren hier Hundebesitzer mit ihren Schützlingen angereist. Da waren Italiener, Holländer und sogar Briten, die am Vereinsgelände ihre Camper geparkt hatten. Wir sahen so etwas zum ersten Mal. Unser Wauwau ist ja eher ein Lagerhund, sprich: Er hat es nicht so mit dem Laufen und liegt recht dekorativ im Haus rum frisst ab und zu und muss danach kurz in den Garten. Er hat ein sogenanntes Hundeleben und ich wünsche mir manchmal, wenn es ein zweites Leben geben sollte, so möchte ich als mein Hund auf die Welt zurück kommen.

So interessant wie das alles hier war, der menschliche Ehrgeiz bringt schon seltsame Geschöpfe hervor. Ob es den Tieren da immer auch gut geht oder ihnen ihr Leben zudem Spaß macht, kann bezweifelt werden, wenn man sich so manche Züchtungen anschaut. Und so einige exotische Exemplare entdeckte ich auch an diesem Ort. Von Tierquälerei möchte ich da gar nicht erst anfangen, um betroffenen Lesern nicht zu nahe zu treten. Aber es ist anzunehmen, dass der Ehrgeiz zu gewinnen, bei manchen Menschen derart übersteigert ist, dass das Tier darunter zu leiden hat. Viel mehr als die verschiedenen Rennen der Windhunderassen interessierten uns jetzt aber die blauen Rauchsäulen über dem Vereinsgelände. Ja, es gab auch hier wieder Thüringer Rostbratwurst und andere Leckereien wie selbst gemachte, original italienische Pizza oder geräucherte Forellen. Es war kurz nach 12 Uhr und damit genau die richtige Zeit, für ein Mittagessen. Wir hatten uns eh darauf geeinigt, jede gebotene Gelegenheit zu nutzen, uns mit Lebensmitteln bedarfsgerecht einzudecken. Nicht immer ist ein Brotauto in der Nähe, wenn man Hunger hat. Das hatte uns der bisherige Weg gelehrt. Und wenn das Essen dann auch noch bereits fertig zubereitet serviert wird – um so besser. Es war nicht mehr weit bis Gotha und so nahmen wir uns viel Zeit. Bei der Familie von Rhoden, bei der wir heute nächtigen wollten, hatten wir uns telefonisch bereits angemeldet. Frau von Rhoden rief sogar zurück, als Reaktion auf meinen Spruch, den ich auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. „Natürlich können sie kommen. Falls wir nicht da sind, der Schlüssel hängt….“ (Nee, das schreibe ich lieber nicht so öffentlich). Verwundert über das Vertrauen, das uns wildfremden Menschen wiederum entgegen gebracht wurde, steuerten wir auf die Adresse in Gotha Siebleben zu. Gespannt waren wir schon auf diese Familie, die den kleinen Zusatz „von“ in ihrem Familiennamen trägt. Sollte es sich tatsächlich um „Blaublüter“ handeln? Das Haus vor dem wir nun standen, sah eigentlich gar nicht nach „Adligen“ aus, oder entsprach zumindest nicht unseren eingebildeten Vorstellungen, ein zweistöckiges altes Reihenhaus mit grünen Fensterläden, ordentlich aber unauffällig saniert.

Herzlich Willkommen!

Herzlich Willkommen!

Der große Schlüssel zum Kastenschloss des Hoftores befand sich tatsächlich am vereinbarten Ort. Was uns dann erwartete, als wir den Hof betraten, haute uns fast um. Da stand ein großer rustikaler Tisch auf dem kleinen Hof unter einem Nussbaum. Auf diesem Tisch stand eine Karaffe Wasser und zwei Gläser hinter einem handgeschriebenen Zettel. Voll Rührung lasen wir den Zettel: „Herzlich Willkommen! Wir sind heute unterwegs. Fühlen sie sich wie zu Hause. (Pilgerzimmer ist über der Werkstatt, Bad + Küche im Wohnhaus.) Wir kommen am späten Abend zurück.“ Da öffnete eine Familie ihr Wohnhaus, uns, die sie zuvor nie gesehen hatten. Ich stellte mir vor, wie ich mich als Hausbesitzer verhalten würde, wenn wildfremde Menschen um Einlass bitten und ich nicht da wäre, wenn sie ankommen.

Aufgang zum Pilgerzimmer

Aufgang zum Pilgerzimmer

In der heutigen Zeit, wo viele Hausbesitzer über noch sicherere Schlösser oder noch bessere elektronische Sicherungsanlagen nachdenken oder für solche bereits Unsummen ausgegeben haben, wird üblicherweise öffentlich zu Misstrauen gegenüber seinen Mitmenschen aufgerufen. Die Familie war gerade im Aufbruch, viel zu wenig Zeit, um sich näher Kennen zu lernen. Nur ein paar Sätze konnten wir wechseln, zu wenig für ein umfassendes Bild, wen wir da vor uns hatten und vor allem wen sie da vor sich hatten. Und wenn wir nur 5 Minuten länger bei den Windhunden geblieben wären, hätten wir sie gar nicht mehr gesehen. „Falls wir im Garten übernachten und uns nicht noch mal sehen, werfen sie den Schlüssel in den ….“ Diese Menschen gewährten uns einen intimen Einblick in ihre Familie, in dem sie ihr Haus für uns öffneten. Wir waren völlig perplex. Unsere erste Aufmerksamkeit galt dem Pilgerzimmer. Über eine steile Holzleiter an der Stirnseite der Werkstatt kommt man in einen Raum auf dem Spitzboden.

Das Pilgerzimmer

Das Pilgerzimmerdas Pilgerzimmer

Drinnen befanden sich zwei Matratzen, eine Stehlampe, ein Hocker und ein kleiner Tisch, auf dem die Spendenkasse, das Pilgerbuch und der Stempel lagen. Draußen stand auf einem winzigen Absatz ein dafür viel zu großer Schaukelstuhl aus Korb vor dem Eingang. Alles sieht sehr rustikal aus, zeugt aber von einem ausgeprägten Sinn für Formen und Farben. Genau so sah es auch im Wohnhaus aus, welches wir zugegebenermaßen sehr gespannt betraten, um zu duschen. Ein neugieriger Blick in die Räume des Erdgeschosses verriet uns, dass hier ganz besondere Menschen leben. Ich glaube, dass hier kaum ein Möbelstück jünger als 100 Jahre alt war.

Die Katze des Hauses

Die Katze des Hauses

Alles war stimmig, schlicht, aufgeräumt und äußerst passend eingerichtet. Man hätte zwar das Inventar komplett in ein Museum geben können, jedoch schien alles seinen Zweck noch zu erfüllen. In der heutigen Wegwerfgesellschaft war es für mich sehr wohltuend, so etwas zu sehen. Hier wohnen Leute mit Wertschätzung für das Können und den Zeitgeschmack unserer Vorfahren. Man benutzte alltäglich praktische und funktionale Sachen, die bei anderen längst im Sperrmüll gelandet waren. Und diese Dinge des alltäglichen Lebens erfüllten weiterhin sehr gut ihren Zweck. Man folgt hier einer Lebensweise, die uns zwar völlig fremd erscheint, manchen vielleicht sogar sonderlich vorkommt aber bei näherer Betrachtungsweise eigentlich erstrebenswert ist. Das Leben in unserer Überflussgesellschaft erzeugt immer noch mehr Begehrlichkeiten nach dem letzten Schrei oder dem was uns die Werbung suggeriert. Und wenn der Reiz des Neuen vorbei ist, merkt man erst, wie überflüssig manche Dinge sind und wie viele davon eigentlich nur Statussymbole sind. Diese Unterkunft und die Lebensweise dieser „Herbergseltern“ verkörpern am ehesten unsere Motive, die uns zum Pilgern gebracht haben, nämlich wieder zu lernen mit einfachen Mitteln aus zu kommen und trotzdem zufrieden zu sein. Es ist sicher recht einfach, für die beschränkte Zeit einer Pilgerschaft dieses Leben zu leben. Aber wenn im Ergebnis man nur einen Teil dieser Lebensweise im Alltag auf Dauer umsetzen kann, würde es der Gesellschaft sicher besser gehen.

Doch wieder zurück zur Unterkunft:

Vieles war selbst gezimmert oder liebevoll restauriert. Kein Wunder, denn der Hausherr verfügt über eine gut eingerichtete Schreinerwerkstatt unter unserem Pilgerzimmer.
Ein kurzer Blick in die Werkstatt, die übrigens auch offen stand, ließ mein Heimwerkerherz höher schlagen. Da gab es Werkzeuge, die ich noch von meinem Großvater kannte. Man kann meine Begeisterung für diese Unterkunft vielleicht aus diesen Zeilen heraus lesen. Und ich nehme an, dass die Familie von Rhoden mir nicht böse ist, wenn ich das hier so öffentlich darstelle.

Große Wäsche (Energieklasse AAAAA)

Große Wäsche (Energieklasse AAAAA)

Bevor wir es uns in der Dämmerung auf dem Hof bei einer Flasche Roten noch bequem machten, drehten wir noch eine Runde durch den Ort. Siebleben ist ein Vorort von Gotha, ein lang gezogenes Straßendorf an der B7. Der Ort hat 5 Restaurants und 3 Kaffees. Die größten Sehenswürdigkeiten sind die vielen Orte von Bedeutung auf dem Seeberg das Schloss Mönchhof mit Park und Schlossteich, die Kirche St. Helena mit Kirchgarten und Denkmal und die Gustav Freytag Gedenkstätte. Davon sahen wir aber nur einen kleinen Teil, denn auch am heutigen Tag waren wir bereits satt von den Eindrücken, die wir unterwegs gesammelt hatten. Und irgend wann will man eigentlich nur noch DA sitzen, so wie der dicke Mann mit der Knollennase im Loriot – Sketch „Feierabend“.

Und so will ich auch für heute schließen und nur so da sitzen. Morgen laufen wir die vorletzte Etappe auf der Via Regia bis nach Mechterstädt. Es wird immer hügeliger.

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9. Tag Gotha/Siebleben – Mechterstädt

Ein wenig fühlt man sich wie in einem Zelt in dieser Pilgerunterkunft, ist sie doch im Dachstuhl der Werkstatt untergebracht. Die Lehm verputzten Wände wirken wie Zeltwände und der Dachstuhl wie das Gestänge.

#In der Nacht habe ich wiederum sehr gut geschlafen, musste aber gegen 4 Uhr mal raus (War wohl doch ein Glas Rotwein zu viel gestern Abend.). Da die Toilette sich im Haus befindet, tastet man sich die steile Holzstiege hinunter, was im Halbschlaf und dem schummrigen Licht gar nicht so einfach war. Da macht sich die Mitnahme einer Kopflampe bezahlt. Meine lag leider irgendwo zwischen Roßbach und Stedten am Wegesrand, jedenfalls der Teil davon, der das Licht erzeugen sollte. Nur noch das Gummiband und die Grundplatte baumelten an meinem Rucksack. Schade, die Lampe war wirklich gut und die Batterien reichten recht lange. Ich hatte sie immer draußen am Rucksack hängen, da sie drinnen mal von allein angegangen war und dann die Batterien leer waren, als ich sie brauchte. Inzwischen habe ich aber eine neue baugleiche Lampe.

Aufbruch in Siebleben

Aufbruch in Siebleben

Nach dem Frühstück im Hof verschlossen wir nun das Hoftor der bemerkenswerten Herberge der Familie von Rhoden in Siebleben. An diese werden wir noch lange denken. Etwas verschlafen trotteten wir entlang der B7 durch die Vorstadt von Gotha. Der Berufsverkehr brauste an uns vorbei und nach den vielen ruhigen Tagen in der Natur und wegen der Feiertage nervte das schon etwas. Hier sieht man auch noch ganz deutlich die graue Vergangenheit der Stadt. Die alte Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Coburg-Gotha war Industriestadt (Straßenbahnen, Flugzeuge, Maschinenbau, Druckindustrie) und auch Militärstandort. Und so findet man neben diversen Industriebrachen, die vom Niedergang der Großindustrie nach der Wende 1989 zeugen, auch verfallende Kasernenbauten aus Kaisers Zeiten. Gotha wurde wegen der großen industriellen Bedeutung am Ende des 2.Weltkrieges durch die Alliierten bombardiert und erlitt schwere Schäden. Ich kannte Gotha nur von einem Besuch Anfang der Neunziger. Und da bot die Stadt immer noch einen schlimmen Anblick. Sie erschien grau/schwarz, so wie viele Industriestädte der ehemaligen DDR. An vielen Stellen sah man noch die Hinterlassenschaften der abziehenden sowjetischen Besatzungstruppen. Riesige militärische Übungsgelände bei Ohrdruff oder auf dem Kriegberg bei Gotha begründeten diese hohe Truppenkonzentration.

Marktstraße mit Blick zur Margarethenkirche

Marktstraße mit Blick zur Margarethenkirche

Nun lief ich nach 20 Jahren wieder durch Gotha, hatte keine besonders schönen Erinnerungen an die Stadt und so auch keine besonderen Erwartungen an diese. Wir gingen an langen hohen Zäunen entlang, an denen Schilder hingen, die darauf hinwiesen, dass hier ein Wachschutzunternehmen für Ordnung sorgt. Dahinter waren jedoch nur leere verfallene Gebäude, für die sich bisher noch kein Investor fand. Auch der große Busbahnhof, den wir überquerten wirkte nicht besonders einladend oder einfallsreich. Komisch, dass die meisten Städte ihre Visitenkarte so vernachlässigen. Auf Bus- oder Eisenbahnhöfen kommt man an in einer Stadt und dort bekommt man doch seinen ersten Eindruck von dieser. Wenn der aber schon nicht der beste ist….? Nun muss sich Gotha aber mächtig ins Zeug legen, damit ich es in guter Erinnerung behalte.

Historisches Rathaus von Gotha

Historisches Rathaus von Gotha

Je näher man aber an das Zentrum heran kommt, so schöner wird die Stadt. Auf dem Neumarkt machten wir eine kurze Rast auf einer Bank an der Margarethenkirche. Die Kirche war leider verschlossen und so sahen wir uns die schön restaurierten Kauf- und Patrizierhäuser am Neumarkt näher an. Nun noch die Marktstraße hinauf und man steht auf dem Hauptmarkt. Hier fallen besonders das historische Rathaus und die Innungshalle mit dem Glockenspiel ins Auge. Am Rathaus vorbei blickend, sieht man das Schloss Friedenstein. Das Wahrzeichen Gothas ist der größte früh – barocke Feudalbau Deutschlands. Das Angebot an Sehenswürdigkeiten ist riesig. Die begehbaren Kasematten, der Schlosspark, die Orangerie, das Schloss Freidrichthal, das Winter- und das Prinzenpalais, das herzöglichen Museum und der älteste Englischen Garten auf dem europäischen Kontinent warten auf eine Besichtigung. Um sich all das ansehen zu können, bedarf es sicher mehr als eines Tages in Gotha. Wie sollten wir das schaffen, wenn wir zu Fuß durch die Stadt gehen und noch 24 Kilometer vor uns haben? Also kamen wir erst gar nicht auf die Idee, dafür Zeit aufzuwenden. Wissen aber nun, dass der erste Eindruck zum Glück falsch war und es Gotha inzwischen Wert ist, dass man sich die Stadt einmal näher ansieht. Heute aber nicht, denn wir wollten (wie schon geschrieben) ja noch einige Kilometer unter die Füße nehmen. Durch die Eigenheim- und Schrebergartensiedlung „Die Klinge“ ging es immer leicht ansteigend aus der Stadt heraus. Auf der rechten Seite sahen wir den Bürgerturm, einen 30 Meter hohen Aussichtsturm auf dem Krahnberg. Die 158 Stufen hätten wir sicher erklommen, wenn der Weg an diesem vorbei geführt hätte. Doch er hatte nicht. Wir hofften es zwar, denn er wäre eine gute Landmarke und eine gute Möglichkeit gewesen sich zu orientieren.

Auf dem Kriegberg

Auf dem Kriegberg

Hier auf dem Kahnberg und dem anschließenden Kriegberg waren die Wegzeichen sehr rar. Und so waren wir froh, dass wir einen Förster mit seinem Hund trafen, der uns sagen konnte, wie es weiter geht. Eigentlich muss man nur die Hauptrichtung Westen einhalten und bei Gabelungen auf den breiteren Wegen bleiben. Die Wege hier oben auf dem Kriegberg gingen mehr und mehr in Betonpisten über. Diese Betonpisten sind Überbleibsel eines riesigen Truppenübungsplatzes, der sich hier oben befand. Dass früher hier viel mehr stand, davon zeugen die vielen Abzweigungen, die ins Nirgendwo führen. Von den Altlasten, die die sowjetischen Truppen hier hinterließen, war bis auf die Betonpisten oberflächlich nichts mehr zu sehen. Was unter der Erde hier noch alles liegen könnte, will ich gar nicht wissen. Doch einen Vorteil hat die frühere militärische Nutzung auch. Das Areal konnte nie intensiv landwirtschaftlich genutzt werden und ist so weitestgehend frei von Düngemitteln oder Pestiziden geblieben. Der Kriegberg entwickelte sich so zu einem der bedeutsamsten Flächen für Arten- und Biotopschutz des Landes.

Ein sehr interessantes Geheimnis hat dieser Berg auch zu bieten. Denn hier soll seit Oktober 1757 die französische Krigskasse prall gefüllt vergraben liegen. Völlig überstürzt mussten die Franzosen hier ihr Lager verlassen und hatten die Kasse zurück gelassen. Auf dem beabsichtigten Rückweg wollten sie sie dann wieder ausgraben. Doch dazu kam es nicht mehr. Keiner der verantwortlichen Offiziere überlebte den Krieg und so ist die Kasse bis heute verschollen. Wenn also jemand hier viel Zeit und einen Schachtschein hat…..?

Doch Geld allein macht auch nicht glücklich. Und so wanderten wir weiter über die weiten Grasflächen mit den vereinzelt stehenden Bäumen und dem niedrigen Strauchwerk. Weit weg von Verkehrslärm hört man die Stimmen der Singvögel, die hier in großer Anzahl vorkommen und die hier eine ideale Umgebung finden. Nach 2 Stunden hatten wir den höchsten Punkt unserer heutigen Etappe erreicht.

Blick zum großen Inselsberg

Blick zum großen Inselsberg

Von hier hat man einen schönen Ausblick zum großen Inselsberg, einer der höchsten Erhebungen im Thüringer Wald. Dort wollten wir in zwei Tagen sein und wir wollten da auch drüber. Er sah eigentlich schon recht nah aus aber auch mächtig hoch. Und so machte ich mir Gedanken, ob es nicht einen Weg drum herum gibt. Aber noch war es nicht soweit und so sollte ich eher an den Umweg über Eisenach denken, der noch vor uns lag. Etwa 10 Kilometer zieht sich das Gebiet des Kriegberges hin. Das Betonband sollte aber den gesamten Tag unter den Füßen bleiben. Man durchquert auf dieser Etappe nicht eine Ortschaft. Wir laufen wieder nördlich, parallel zur Bundesstraße B7, die hier den ursprünglichen Wegverlauf der Via Regia darstellt. Die Piste war zwar hart aber immer noch besser, als an der Bundesstraße entlang zu laufen. Nur schade, dass man so die meisten Ortschaften im wahrsten Sinne des Wortes Links liegen lässt.

Steinkreuz bei Aspach

Steinkreuz bei Aspach

Also kamen wir auch nicht durch Aspach, in dessen Nähe wir wieder ein Steinkreuz erblickten. Dieses war gut erhalten und man sah recht deutlich ein großes Richtschwert und die Jahreszahl 1839 auf dem Stein. Das Kreuz erinnert an die letzte öffentliche Hinrichtung 1839 im Herzogtum Gotha und wurde erst 1929 aufgestellt. Einer Überlieferung zu Folge war hier der Tatort, an dem ein Schusterjunge erschlagen worden ist.

Man schaut recht selten zurück auf so einem langen Fußmarsch, öfter nur zur Seite. Dieses Mal schaute ich aber zurück und entdeckte noch weit weg ein einsames Fahrrad uns nach kommen. Ansonsten waren wir bisher wieder sehr einsam unterwegs. In der flimmernden warmen Luft sah ich, dass der Radfahrer langsam näher kam. Man fühlt sich sofort verfolgt und schaut öfter nach hinten. Beim nächsten Umdrehen war dann zu erkennen, dass es eine Frau war und das Rad ziemlich bepackt war. Die Frau grüßte freundlich beim Überholvorgang und ich entdeckte am ihrem Gepäck eine Jakobsmuschel. Noch ehe ich hinter ihr her rufen konnte, stieg sie auch schon vom Fahrrad. Sie komme aus Jena, ist heute den ersten Tag unterwegs und wir wären die ersten Pilger, die sie trifft. Sie freute sich sichtlich und mindestens genau so wie wir, dass sie mal jemanden mit dem gleichen Ziel getroffen hat. Auch wenn das nur relativ zu betrachten ist, da sie heute noch bis nach Eisenach wollte und wir die Stadt ja erst einen Tag später erreichen würden. Man tauschte sich noch über dieses und jenes aus und schon saß sie wieder auf ihrem Drahtesel.

Unendliche Betonpiste vor Mechterstädt

Unendliche Betonpiste vor Mechterstädt

Wir verabschiedeten uns, sahen ihr nach und wunderten uns etwas, als sie plötzlich nach rechts vom Weg abbog. Dort geht es nach Neufrankenroda. „Na vielleicht will sie sich nur die dortige Herberge mal ansehen?“ In Neufrankenroda befindet sich die Familienkommunität SILOA e.V. Das ist eine Art Kommune von mehreren Familien, die zusammen leben, eine Landwirtschaft gemeinschaftlich betreiben und sozial wie kulturell sehr rührig ist. Hier werden unter anderem auch Pilgerunterkünfte angeboten. Von dieser Art des Zusammenlebens und – wirtschaftens hatten wir schon im vorigen Jahr auf dem Camino Frances gehört. Ein Mitpilger, mit dem wir auch heute noch Kontakt haben, verfolgt ein ähnliches Konzept der gemeinsamen Bewirtschaftung eines Bauernhofes in der Lüneburger Heide. Leider passte die SILOA nicht in unseren Etappenplan. Es wäre sicher sehr interessant dort gewesen. Also ließen wir den Abzweig nach Neufrankenroda rechts liegen und gingen weiter. Auch unsere Radfahrerin trafen wir wieder. Sie überholte uns wenig später zum zweiten Mal. Sie hatte sich einfach nur verfahren. So ist das mit dem Rad. Man sieht oft nur die Hälfte und da übersieht man eben auch mal sehr schnell so ein kleines blaues Schildchen oder verwechselt es. Denn am Abzweig stand nur das Hinweisschild mit dem kleinen gelben Häuschen und kein Muschelschild geradeaus. Also blickten wir ihr wieder hinterher und beneideten sie gar nicht um ihr Fahrrad. Denn sie quälte sich furchtbar eine lange Steigung hinauf und musste für ein paar hundert Meter sogar absteigen und ihr Rad schieben. Dann hat man außer dem Gewicht des Gepäcks auch noch das Fahrrad am Hals. Nee, das wäre nichts für mich. Das wird auch nicht dadurch aufgewogen, dass man bei Gefälle die Füße hoch nehmen kann. Und wenn dann auch noch Gegenwind dazu kommt….!

Gleich nach einer Abzweigung hatten auch wir wenig später die Steigung geschafft und es war Zeit für eine Rast. Wir rollten die Isomatten auf und legten uns nach einem kleinen Snack in die Sonne. Da tauchten schon wieder Pilger auf. „Was ist denn heute los?“ Es war ein Paar aus Baden Würtemberg, dass sehr spät in Neufrankenroda losgegangen war und heute noch bis Eisenach wollte. Die würden wir also auch nicht wieder sehen. Nach etwas Smalltalk zogen sie von dannen und wir waren wieder allein.

Abzweig nach Mechterstädt

Abzweig nach Mechterstädt

Es konnte nicht mehr weit sein bis zum Abzweig nach Mechterstädt. Und dann standen wir vor einem Wegweiser, der uns nach links vom eigentlichen Weg zur Herberge im Bodelschwingh – Hof Mechterstädt leiten sollte. Die Unterkunft liegt zwar etwas abseits vom Weg, ist aber in allen Punkten empfehlenswert. Der Bodelschwingh – Hof ist eine Einrichtung der Diakonie und bietet geistig- oder körperlich behinderten Menschen ein Heim und ein menschenwürdiges Dasein. Neben dem Heim werden verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten in sogenannten geschützten Werkstätten angeboten. Wir haben eine Gärtnerei und eine Schlosserei gesehen und auch in der Küche helfen die Behinderten fleißig mit. Es ist eine Einrichtung mit viel Tradition, denn schon 1949 gründete hier ein kriegsversehrter und heimatvertriebener Gärtner im Auftrag der Evangelischen Kirche auf brach liegendem Land eine Gärtnerei. Hilfsbedürftigen Menschen sollte so eine Bleibe und eine sinnvolle Beschäftigung gegeben werden. Das Ziel dabei ist neben einer Therapie auch die Integration ins soziale Leben.

Unterkunft im Bodelschwingh - Hof

Unterkunft im Bodelschwingh – Hof

Heute ist das hier eine sehr moderne Einrichtung und wir staunten nicht schlecht über die Ausmaße der Einrichtung. Bei einer Rekonstruktion wurden unter einer neu angebauten Terrasse am ersten und damit ältesten Haus im Gelände drei Gästezimmer eingerichtet. Hier soll die Möglichkeit gegeben werden, dass vor allem Besucher, die von weit her kommen, längere Zeit bei ihren Angehörigen bleiben können. Ein schöner Nebeneffekt ist so entstanden, dass nun auch Pilgern eine Zuflucht geboten werden. Der Eingang zur Unterkunft war schnell gefunden und auch jemand, der uns hinein ließ. Was wir hier vorgefunden haben, hat Hotel Niveau.

Pilgerunterkunft mit Hotelniveau

Pilgerunterkunft mit Hotelniveau

Ein neues Doppelbett mit richtiger Bettwäsche versprach eine bequeme Nachtruhe. Eine eigene Dusche und das persönliche WC sind auf Pilgerwegen auch nicht Normalität. Auf dem Gang könnte man an einer kleinen Küchenzeile auch sein eigenes Essen kochen. Das hatten wir aber heute nicht vor, denn im Ort war doch sicher was zu finden. Wir wollten auch nach einer Einkaufsmöglichkeit für die Wegzehrung suchen. Auf der Suche nach der Verwaltung der Einrichtung musste ich mehrmals nach dem Weg fragen. Schließlich wollte ich doch noch unseren Obolus für die Unterkunft los werden, denn eine Spendenkasse suchte man im Zimmer vergebens. 10€ kostet es hier pro Person – ein sehr angemessener Preis. Die beiden netten Damen in der Kasse hielten mich sicher mehr als eine halbe Stunde auf, wollten sie doch alles ganz genau wissen, woher wir kommen und wo wir hin wollen und warum und wie es uns geht. Und als ich dann noch erzählte, dass das hier nur ein kurzes Zwischenspiel ist und wir nach dem Camino Frances im vorigen Jahr in diesem noch einmal nach Santiago laufen wollen, waren sie vollkommen fasziniert und löcherten mich weiter mit ihren Fragen. Doch auch ich erfuhr noch viele Interessantes über die Einrichtung.

Später gingen wir in den Ort, der etwa 700 Meter südlich des Hofes liegt. Dort fanden wir auch schnell einen kleinen Supermarkt für unsere Einkäufe. Etwas ratlos waren wir aber, als wir den morgigen Weg nicht gleich fanden. Denn man muss nicht den gleichen Pfad zurück zum Jakobsweg gehen, sondern kann etwas abkürzen. Im Landgasthof „zum Stern“ gegenüber gab es ein schmackhaftes Abendessen und eine sehr nette Bedienung, die uns dann auch erklärte, wie wir morgen aus dem Ort kommen. In der Dämmerung saßen wir noch lange vor der Unterkunft und sahen einem fantastischen Sonnenuntergang hinter den Hörselbergen zu. Über die gilt es morgen zu klettern und es soll mächtig steil dort hinauf gehen.

Sonnenuntergang an den Hörselbergen

Sonnenuntergang an den Hörselbergen

10.Tag Mechterstädt – Eisenach

Heute war nun der letzte Tag angebrochen, an dem wir auf der Via Regia unterwegs sind. Sicher wäre es auch schön gewesen, weiter bis Vacha zu gehen. Wir waren aber auch noch nie auf dem Rennsteig gewesen, obwohl wir sehr oft im Thüringer Wald sind, da wir dort Freunde haben. Und so standen wir 8 Uhr auf der Straße, um diese Etappe anzugehen. Sie versprach mit der Überschreitung der Hörselberge etwas anstrengender und recht interessant zu werden. Warum heute so spät? Im Bodelschwingh – Hof gibt es ein hervorragendes Frühstück im Speisesaal und das wollten wir uns natürlich nicht durch die Lappen gehen lassen. Wir gingen nun wieder hinunter zum Ort Mechterstädt, um auf der am Vortag erkundeten Abkürzung wieder auf den Jakobsweg zu kommen. Auch an diesem Abzweig steht ein Wegweiser, wahrscheinlich für Pilger, die den Weg in umgekehrter Richtung gehen oder die den ersten verpasst oder übersehen hatten.

Wieder auf dem Weg

Wieder auf dem Weg

Im nächsten Ort Burla verließen wir dann die Betonpiste, die uns schon am Vortag etwas nervte und liefen dann auf der Ortsverbindungsstraße nach Hastrungsfeld. Zuvor überquerten wir aber die neue A4. Die alte Streckenführung der Autobahn ging zuvor direkt über die Hörselberge, war recht kurvenreich, schmal und dadurch natürlich auch sehr unfallträchtig. Diese Lage der sehr stark befahrenen Ost – West Verbindung zwischen Dresden und Kassel bzw. Frankfurt Main führte dazu, dass die Hörselberge als Ort der Erholung, des Naturerlebnisses und des Naturschutzes zunehmend an Bedeutung verloren. Der immer dichter werdende Verkehr mit seinen Begleiterscheinungen Lärm und Schmutz und der nicht mehr zeitgemäße Zustand der Fahrbahnen machten einen Neubau notwendig, für den es auf der alten Trasse aber keinen Platz gab, ohne nicht noch mehr das Biotop zu zerstören. Und so verläuft nun dank privater Investoren diese Autobahn weit entfernt im Norden um den Höhenzug herum. Ich kannte den alten Streckenabschnitt ganz gut und war gespannt, ob man noch den Verlauf der alten Autobahn erkennen kann.

Der Briefkasten von Frau Holle

Der Briefkasten von Frau Holle

Ich weiß jetzt übrigens auch wo Frau Holle wohnt – in Hastrungsfeld. Jedenfalls steht hier ihr Briefkasten und es gibt ein Frau Holle Haus. Dies ist das ehemalige Schulhaus des Ortes, welches nun, da es nicht mehr benötigt wird, als Vereinshaus genutzt wird. In der Adventszeit findet hier auch das Frau Holle Fest statt, bei dem die alte Dame den Winter einläutet oder besser „einschüttelt“.

 

Aufstieg auf den großen Hörselberg

Aufstieg auf den großen Hörselberg

Vom Ortskern aus führt ein Weg hinauf auf den großen Hörselberg mit seinem Hörselberg – Haus. Zur Bewirtschaftung des Gasthauses und eines Sendemastes auf dem Gipfel führt ein Fahrweg hier hinauf. Wir nutzten aber den im unteren Bereich abzweigenden Waldweg, der zwar etwas steiler aber wesentlich kürzer und schöner ist. Mitten durch einen schönen Buchen- und Eichenwald führt der Pfad direkt bis zum Kammweg. Wenn man eine Bank am Waldrand erblickt, hat man es fast geschafft. Wir traten etwas schnaufend aus dem Wald und staunten über die herrliche Aussicht zu den Höhenzügen des Thüringer Waldes, hinunter ins Tal der Hörsel und zu den Ortschaften Sattelstädt, Kälberfeld und Schönau. Wie auf einer Spielzeugeisenbahn lag die Landschaft vor uns und wir sahen wie ein Zug gerade durch Kälberfeld fuhr. Die B7 schlängelt sich im Tal durch die Orte und wenn man näher an den Abhang heran tritt, sieht man noch den Verlauf der alten A4 etwa 100 Meter tiefer. Nur noch Kiesberge waren übrig geblieben von dem ehemals lärmenden Asphaltband.

Aussicht vom großen Hörselberg

Aussicht vom großen Hörselberg

Das muss früher kein wirkliches Vergnügen gewesen sein, hier oben zu stehen. Ich bin die alte A4 schon oft gefahren und war immer froh, wenn ich hier durch war, die Autobahn wieder breiter wurde und geradeaus geht. Der Name Hörselberg kam recht oft vor im Verkehrsfunk. Staus und Unfälle waren an der Tagesordnung. Die Kiesberge werden langsam von Pflanzen überwuchert und man fand hier eine Pflanzenart, deren Samen über 70 Jahre in der Erde ruhen kann und trotzdem noch keimfähig ist. Die Autobahn ist vor etwa 70 Jahren gebaut worden. Die Samen des roten Klatschmohns schlummerten so lange unter den Fahrbahnen.

Kammweg am Hörselberg

Kammweg am Hörselberg

Einige Schritte weiter und wir standen am Hörselberg -Haus. Ob die Gastwirtschaft schon geöffnet war, überprüften wir erst gar nicht. Für das Frühstück war es noch zu zeitig. Hier zweigen viele Wanderwege ab, die durch das beliebte zirka 40 Quadratkilometer große Wandergebiet führen. Wir wählten den Kammweg, weil man da die schönste Aussicht genießen kann und weil es auch einen Wegweiser zum kleinen Hörselberg gab. Immer wieder öffneten sich schöne Panoramen.

Die Pfade auf dem Hörselberg

Die Pfade auf dem Hörselberg

Sogar die Wartburg war schon am Ende des in Ost-West Richtung verlaufenden Tales zu sehen. Zur Wartburg wollten wir morgen hinauf. Wir waren beide noch nie auf der Wartburg – eigentlich eine Schande, gilt sie doch als DIE deutsche Burg. Dann führte uns der Weg nach rechts in den Wald. Schmale verschlungene Pfade führten durch einen dunklen, tiefen Wald. Kein Wunder, dass hier viele Sagen und Mythen entstanden. Richard Wagner ist hier an der Venusgrotte zu seinem Tannhäuser inspiriert worden. Um das Hörselbergloch, wie die Venusgrotte auch genannt wird, entspann sich durch Volkssagen ein wahrer Frau Holle – Kult. In frühgeschichtlicher Zeit war für die hier lebenden Menschen der Höhenzug der Sitz von Naturgöttern und viele der Schauergeschichten hatten ihren Ursprung an diesem geheimnisvollen Ort. Dies ist alles nicht verwunderlich, läuft man doch durch den dichten dunklen Wald mit dicken, knorrigen Bäumen. Trotz hellen Sonnenscheins war es unter dem dichten Blätterdach ziemlich dunkel und etwas unheimlich.

Über die Hörselberge verlief früher die Grenze zwischen den Herzogtümern Sachsen – Gotha und Sachsen – Eisenach. Einige verwitterte Grenzsteine säumen heute noch den Weg. Das Gebiet ist nur 6,5 Kilometer lang. Wir schienen aber trotzdem nicht so richtig voran zu kommen und glaubten schon ewig lang auf diesen verschlungenen schmalen Wegen unterwegs zu sein. Vielleicht war das auch ein Grund dafür, dass wir uns hier etwas verliefen.

Lichtung am Fuß der Hörselberge

Lichtung am Fuß der Hörselberge

Hier und da gab es zwar Wegweiser zum kleinen Hörselberg und auch ein paar Muschelschilder waren zu finden. Trotzdem haben wir uns verlaufen. An dieser Stelle sind wir statt nach rechts, links abgebogen. Und so sind wir viel zu zeitig herunter ins Tal abgestiegen. Ich weiß auch bis heute nicht, ob dort an diesem Abzweig ein Wegweiser stand. Doch so tragisch war das dann auch nicht. Denn wenn man sich im Tal an den Verlauf der Hörsel hält, kann man sich eigentlich nicht verlaufen. In Wutha trafen wir dann auch wieder auf den richtigen Verlauf des Weges. Als ich mir das zu Hause auf der Karte mal ansah, stellte ich fest, dass der Umweg gar nicht so groß war. Aber ich wäre eigentlich schon lieber so lange wie möglich auf dem Berg geblieben. Vom kleinen Hörselberg, der am richtigen Weg liegt, gibt es noch einmal eine schöne Aussicht. Die hatten wir also leider verpasst.

Hauptbahnhof Eisenach

Hauptbahnhof Eisenach

Der anschließende Weg bis nach Eisenach verläuft lange an der Eisenbahnstrecke Erfurt – Eisenach entlang und durchquert parallel zur Hörsel einige Gewerbegebiete, was nicht so attraktiv war. Und dann ist plötzlich Schluss mit den Wegweisern. Ein Passant, den wir am Hauptbahnhof von Eisenach nach dem Weg fragten, führte uns leider in die Irre, oder besser in eine Sackgasse. Denn ein Baustellenzaun versperrte uns plötzlich den Weg. Auch mein sonst sprichwörtlich guter Orientierungssinn versagte hier. Ich war als Kind letztmals in Eisenach und konnte mich an kaum etwas erinnern. Es half nichts, ich musste mein Handy aus dem Rucksack kramen und das Navi bemühen, was gar nicht so einfach war, da das Gerät in diesem engen Tal lange keine Satelliten fand. Die Adresse des Neulandhauses hatte ich ja und nun sah ich wenigstens auf der Karte die ungefähre Lage in der Stadt. Auf alle Fälle mussten wir in Richtung Wartburg bergauf gehen.

Das Neulandhaus

Das Neulandhaus

Und wie es da bergauf ging! Aber ohne jemanden zu fragen, ging es dann doch nicht. Wenn auch nur zur Sicherheit, damit wir nicht umsonst den Berg hinauf laufen. Dann hatten wir das Neulandhaus entdeckt, am Rand einer sehr schönen Siedlung mit Gründerzeit – Villen. Und es war wirklich das letzte Haus, bevor die schmale Katzenkopf – Pflasterstraße in einen Waldweg übergeht. Wie man hier im Winter hinauf kommt, bleibt ein Rätsel.

Unser Zimmerchen

Unser Zimmerchen

Das imposante gelbe Holzhaus ist die Bildungsstätte für Jugendarbeit der evangelischen Kirchen Mitteldeutschlands. Hier werden auch kostengünstige Übernachtungsmöglichkeiten für Eisenach – Besucher angeboten. Ach ja, Pilgern auf dem ökumenischen Pilgerweg wird gegen Spende natürlich auch eine Unterkunft gegeben. Ein junger Mann stellte sich als Leiter des Hauses vor und begrüßte uns herzlich. Das Zweibettzimmer in das er uns brachte, lag im oberen Stockwerk und war sehr gemütlich. Man hat eine schöne Aussicht auf Eisenach von hier oben. Die genügte uns natürlich nicht und so entschlossen wir uns, den beschwerlichen Weg hinab in die Stadt und später natürlich wieder hinauf, in Kauf zu nehmen. Runter ging es natürlich schneller und wir kamen genau auf dem Marktplatz heraus.

Eisenacher Markt und Georgenkirche

Eisenacher Markt und Georgenkirche

Hier fällt natürlich sofort die Georgenkirche ins Auge. Als wir in den Vorraum eintraten ertönte gerade Orgelmusik, leider nur die letzten Takte des Musikstückes. Danach war Ruhe – leider. Wenigstens einen Blick durch die verglaste aber leider verschlossene Zwischentür konnten wir erhaschen. Wieder auf dem Markt, auf dem mir besonders das Rathaus gefiel, beobachteten wir, dass die Stände des Wochenmarktes gerade abgebaut wurden. Hier gab es nun auch nichts mehr zu sehen. Also drehten wir noch einige Runden durch die belebten Gassen der Altstadt. Immer auf der Hut, ja nicht eine zu vergessen, bogen wir mal hirr und mal da ab. Man konnte schnell etwas übersehen. So zum Beispiel das „Schmale Haus“ am Johannisplatz, Deutschlands wahrscheinlich schmalstes bewohntes Fachwerkhaus.

Markt mit Stadtschloss und Rathaus

Markt mit Stadtschloss und Rathaus

Aber irgendwann kamen wir zum dritten Mal am gleichen Geschäft vorbei. Oder lag es daran, dass hier irgendwie alles gleich aussah? Ich habe den Eindruck, dass sich Deutsche Innenstädte immer mehr ähneln und nur die Reihenfolge der Geschäfte den Unterschied macht. Ich weiß nicht, woran es lag. Vielleicht tue ich der Stadt auch Unrecht. Aber irgendwie sagte mir Eisenach nicht sonderlich zu. Dieser Mischmasch von historischem Fachwerk, hohen Gründerzeit – Häusern und gesichtslosen „Lückenschließern“ ergibt kein gemeinsames, homogenes Ganzes. Sicher ist Eisenach im Krieg stark beschädigt worden und viele solche Lücken konnten erst nach der Deutschen Wiedervereinigung geschlossen werden. Aber was da manchmal angerichtet wurde, sind nicht immer architektonische Höhepunkte und nicht jeder kann sich mit dem Geschmack der Städteplaner anfreunden. Das ist nicht nur hier in Eisenach so, auch bei uns in Leipzig, wenn ich da nur an das Bildermuseum auf dem Sachsenplatz denke. Doch zurück nach Eisenach: Entsetzlich fand ich zum Beispiel ein wirklich hübsches kleines Fachwerkhaus, dass aber nur noch mit seiner Fassade aus einem Neubau „guckte“. Es sah aus, als ob es jeden Augenblick erdrückt wird.

Lutherdenkmal, Nikolaitor und Nikolaikirche auf dem Karlsplatz

Lutherdenkmal, Nikolaitor und Nikolaikirche auf dem Karlsplatz

Am Karlsplatz treffen sich einige Straßen und so ist es nicht verwunderlich, dass wir auch hier mindestens drei mal am Luther – Denkmal und am Nikolaitor und der Nikolaikirche waren. Für den Besuch eines Museums, wie zum Beispiel das Bach- oder Lutherhaus war es bereits zu spät und so suchten wir uns nur noch ein kleines Kaffee, nachdem wir uns geeinigt hatten, dass wir für das Abendessen etwas einkaufen und oben im Neulandhaus essen. So saßen wir noch eine ganze Zeit in dem Kaffee und ordneten unsere Eindrücke über diese Stadt. So verklang langsam unsere Hektik, die bei unserem Streifzug leider aufgekommen war. Einige Zeit später schnauften wir wieder den Berg hinauf. Oben angekommen, packten wir in einer Sitzecke vor dem Neulandhaus unsere Lebensmittel aus und aßen zu Abend. Die übrigen Bewohner schauten zwar etwas merkwürdig, aber daran muss man sich gewöhnen, wenn man durch Deutschland pilgert.

Der Weg wird zwar häufiger wahrgenommen als wir zunächst annahmen. Aber es gibt im Vergleich zu Spanien viele Leute, die etwas merkwürdig schauen, wenn man mit seinem Rucksack durch die Orte geht. Und so zogen wir ein Resümee über diesen bisher zurück gelegten Weg, den wir ja morgen verlassen wollten.

Gründerzeit Villa in der Nähe des Neulandhauses

Gründerzeit Villa in der Nähe des Neulandhauses

Wir sind durch herrliche Landschaften und interessante Orte gelaufen. Wir haben unser Heimatland von einer ganz anderen Seite kennen gelernt. Wir haben herzliche Menschen getroffen, die uneigennützig dafür sorgen, dass dieser Weg lebt. Wir dachten an die vielen unsichtbaren Helfer, die dafür sorgen, dass man sich nicht verläuft, in dem sie die Beschilderung pflegen. Wir dachten auch an jene, die diese Wegführung entlang der alten Via Regia einst erkundet oder wieder entdeckt hatten und mit ihrer Auswahl einen sehr guten Kompromiss zwischen der ursprünglichen Wegführung und dem Verlangen nach Ruhe und Naturnähe gefunden hatten. Wir dachten aber auch an den Teil des Weges, den wir noch nicht gesehen hatten und fassten den Entschluss, später einmal vom Anfang des Weges in Görlitz bis nach Hause zu laufen.

Wir verglichen diesen Weg mit dem Camino Frances, den wir vor einem Jahr gegangen waren und stellten fest, dass es doch etwas ganz anderes ist, hier „zu Hause“ zu laufen. Verständigungsprobleme, wie wir sie in Spanien oft hatten, gab es hier glücklicherweise nicht. So begreift man Zusammenhänge in Geschichte und Gegenwart besser. Auch das Klima war angenehmer. Wobei wir mit dem Wetter ja wirklich großes Glück hatten. Dafür trafen wir aber auf andere Dinge, die wir so nicht erwartet hätten. Besonders die Einsamkeit und die Probleme bei der Versorgung tagsüber forderten unsere besondere Beachtung. Das Problem mit der Verpflegung war leicht zu lösen. Man musste nur etwas mehr mitführen im Rucksack. Aber da wir die meiste Zeit allein unterwegs waren, kaum andere Pilger trafen und auch wenig Kontakte mit den Herbergseltern hatten, kam dieses Pilger – Feeling, wie wir es auf dem Frances genossen hatten, nicht so richtig auf.

Ich denke, dass die Einsamkeit für Pilger, die ohne Begleitung unterwegs sind, zu einem Problem werden kann. Für mich wäre das jedenfalls eines. Es ist auch was anderes, Strecken zurück zu legen, die man kennt, weil man sie früher oft mit dem Auto zurück gelegt hat. Dies erzeugt ein ganz anderes Gefühl für Entfernungen und einen anderen Bezug dazu. Das Gesamterlebnis „Via Regia“ ist für uns sehr, sehr positiv ausgefallen. Ich wünsche mir aber, dass noch mehr Menschen diesen Weg entdecken und sich entschließen, ihn unter ihre Füße zu nehmen. Wenn dieser Blog ein wenig dazu beiträgt, würde es mich freuen. Und nicht zuletzt trägt dieser Weg sicher dazu bei, so manches Vorurteil über Ostdeutschland und seine Bewohner bei vielen Landsleuten und auch bei Besuchern aus anderen Ländern abzubauen, Grenzen in den Köpfen nieder zu reißen.

Morgen gehen wir noch hoch zur Wartburg und dann bis zur Weggabelung an der „Wilden Sau“. Hier biegt der ökumenische Pilgerweg nach rechts auf den Rennsteig ab, mit dem er ab hier für einige Kilometer identisch ist. Wir aber werden links abbiegen und ab hier dem großen „R“ folgen.

Ich werde auch über diese zwei Tage etwas schreiben und einige Fotos einfügen, obwohl der Rennsteig ja kein Pilgerweg ist. Warum eigentlich nicht? Pilgern ist eine innere Einstellung und die beginnt in einem selbst und an der eigenen Haustür. Da muss keine Muschel oder kein gelber Pfeil die Richtung weisen.

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Buen Camino, wünschen Andrea und Gert aus Delitzsch.

  • Hallo euer Bericht gefällt mir.
    Ich wollte am September den Jakobsweg gehen, und habe mir ein Ein-Mann-Zelt gekauft für den fall wo Herbergen besetzt währen. Brauch ich das wirklich?

    Mit freundlichen Grüßen

    Edmond Kirtz
    https://www.facebook.com/edmond.kirtz

    • Hallo,
      wenn Du den Camino Frances meinst, von dem Du glaubst kein Bett zu bekommen, dann kannst Du dein Zelt ruhig zu Hause lassen. Wenn Du es brauchst, um den Kopf frei zu bekommen, nimm es mit. Benutzen wirst Du es nicht. Es gibt genügend Betten am Weg, egal ob in stattlichen, kirchlichen oder privaten Herbergen, ob in Jugendherbergen, Hostals, Pensionen oder Hotels. In der zweiten Hälfte des September ebbt der Pilgerstrom etwas ab. Gerade auf den letzten 100 km ab Sarria, wo es zu Engpässen kommen kann, wirst Du erst am Ende des Monats sein. Und auch da hat man aufgerüstet um jedem ein Bett bieten zu können. Also nur ruhig Blut Wildes Zelten wird zwar von den Ortdnungskräften meist hingenommen, ist aber in Spanien ebenfalls verboten. Zeltplätze sind selten und an den Herbergen gibt es nicht überall die Möglichkeit, ein Zelt aufzustellen.
      Mit einer leichten Luftmatratze oder Isomatte, die Du mitnehmen könntest, tust Du mehr als genug, um etwas vorzubeugen. Denn auch wenn die Betten alle belegt sind, ein Plätzchen für eine Matte findet sich immer. Und manchmal liegt es sich darauf besser als in einem durch gelegenen Stockbett.

      Buen Camino, Gert.

  • Thomas Mertins

    Hallo Andrea , hallo Gert,
    herzlichen Dank für eure umfangreiche Wegbeschreibung. So alles paßt, werde ich den Weg ab Donnerstag von zu Hause aus über Naumburg bis Eisenach oder Vacha gehen. Durch Euch habe ich viele gute Anregungen bekommen. Seid herzlich gegrüßt.
    Thomas

  • Hallo Thomas,
    na dann viel Freude auf dem Weg.
    Wir werden uns am 23.9. auf den Weg von Görlitz bis nach Hause machen, also den Rest des ÖP unter die Füße nehmen. Sicher folgt darauf hin wieder ein neuer Bericht in meinem Blog und hier.

    Gruß Gert

  • Ines Mingram

    Guten Tag Gert, wir ( 2 Mütter mit 3 neunjährigen Mädels) möchten gern den ökumenischen Pilgerweg in den Herbstferien für eine Woche gehen. Wir können keine Informationen finden, ob die Streckenabschnitte auch kürzer gehalten werden können. Überall soll die tägl. Strecke zw. 20-und 30km lang sein. Wie ist die Beschaffenheit der Wege und ist das für zwei Frauen mit 3 Kindern machbar? Wir wohnen ebenfalls in der Nähe von Delitzsch. möchten aber frühestens in Klein Liebenau starten. Wie weit ist es da bis zur nächsten Herberge? Finde ich diese Informationen nur im Pilgerführer? Vielen Dank Ines

  • Hallo Ines,
    kennst Du meine Tabelle? Ich habe mal alle verfügbaren Informationen in ihr zusammengefasst, damit man nicht den schweren Pilgerführer mitnehmen muss.
    Hier der Link zum Infomaterial:
    https://dl.dropboxusercontent.com/u/86024350/%C3%B6komenischer%20Pilgerweg.zip

    Die Wege sind sehr gut begehbar, oft auch asphaltiert oder Beton. Hinter Kleinliebenau gibt es die nächsten Herberge in Hordorf, das sind aber nur 2 Kilometer, also Unsinn. Die nächsten Herberge ist in Merseburg. Das sind 18 Kilometer und eine sehr schöne Strecke oft über Wiesenwege und an den Tagebauseen entlang. Übernachtung dort ist in der Neumarktkirche. Den Schlüssel gibt es in der Bäckerei kurz davor. Das erfährst Du aber auch in der Tabelle.
    Es gibt aber in der Tat auch längere Etappen, bei denen zwischendurch keine Herbergen sind und auch keine andere Möglichkeiten zu übernachten. Ob das was ist für 9 Jährige, müsst Ihr einschätzen. Ich stelle mir das schwierig vor, die Motivation der Kinder aufrecht zu erhalten.
    Wenn Du willst, können wir uns auch persönlich bei mir treffen. Schicke mir eine Mail und ich teile Dir meine Kontaktdaten mit. Wir sind aber nur noch bis zum Freitag da, denn dann machen wir und auch wieder auf die Socken.
    Meine Mailadresse: klumpen38@hotmail.com

    Gruß Gert