Wege zum Glück oder der Weg ist das Ziel!

Der Jacobsweg ist ein großer Lehrmeister, um Kleinigkeiten und das Wesentliche zu erkennen und glücklich zu werden.  Nur Mut!

Reisebericht vom portugiesischen Jacobsweg von Porto nach Santiago de Compostela

Mai 2009

1. Tag Porto

So, da bin ich nun wieder auf dem Camino, die Pilgerschaft soll in Porto beginnen und mich nach Santiago führen. Ich sitze hier bei wunderschön milden Temperaturen unweit vom historischen Nationalmuseum, in einem gemütlichen Cafè und meine Pension Franca ist auch nur einen Katzensprung entfernt.Besser hätte ich es nicht antreffen können. Der Flug ging von Düsseldorf über Palma nach Porto. Als ich in Porto angekommen bin, war ich nur froh, dass die Flugstrapazen endlich vorbei waren. Nach der Gepäckausgabe musste ich feststellen, dass mir mein Taschenmesser gestohlen wurde. Früher wäre ich sehr sauer gewesen und hätte es auch meinen Mitmenschen zu verstehen gegeben, aber heute reagiere ich total locker, weil es wichtigere Sachen in meinem Rucksack gibt, die ich nun wirklich brauche. Ich hoffe natürlich, dass dies mein einziger Verlust auf dem Weg bleibt.Heute Abend bin ich dem Dieb fast dankbar, den so habe ich auf dem Camino meine 1. Lektion gelernt, ärgere dich nicht über Sachen, die sich nicht mehr ändern lassen. Danke Dieb! Und viel Spaß mit dem Messer.Mein erster Eindruck über Porto ist, das es hier nicht so modern ist, wie es mir in spanischen Städten erscheint. Den richtigen Weg in Porto zu finden ist recht kompliziert, und selbst die Portugiesen haben so ihre Schwierigkeiten mit ihrer Stadt, oder liegt es doch an meinen Sprachproblemen, aber alle sind sehr hilfsbereit. Mein Ehrgeiz hat schließlich gesiegt, ich habe die Kathedrale dann doch gefunden, wo mein Weg für mich beginnen soll. Ich denke darüber nach , die ersten Kilometer mit dem Bus zu fahren, wo ich mir die Industrieanlagen und die langweiligen Außenbezirke sparen kann, aber eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Ich freue mich schon auf morgen und werde den Tag gemütlich beenden.

2.Tag Rates

Es ist faßt 18 Uhr und ich sitze in meiner Alberge auf portugiesischen Boden und genieße die Ruhe nach 20 km Fußmarsch. Leider führte mich der heutige Tag größtenteils an einer Nationalstraße entlang, was bei dem Fahrstil der Menschen hier nun wirklich kein schönes Erlebnis ist. Zum Glück gab es auf dem Weg keine großen Steigungen und für den Anfang war es schon OK, aber morgen soll es endlich landschaftlich besser werden. Viele Menschen, die meinen, dass man alleine pilgern muss, haben Recht, was sich auch später immer mehr herausstellte. Nur du alleine bist Herr deiner eigenen Gedanken, du alleine bestimmst dein Reisetempo, und du bestimmst, wann du eine Pause brauchst. Auch stellte ich später fest, dass deine Gedanken dein Reisetempo bestimmen. Da ich auf dem Weg keinem einzigen Pilger begegnet bin, war es eine Wohltat für mich. Später in der Alberge habe ich mich doch über die große Anzahl der Pilger gewundert. Wo kamen die denn alle her? Ich musste mein Zimmer mit 10 anderen Pilgern teilen, und für meine erste Nacht war es schon recht gewöhnungsbedürftig. Es sind überwiegend Portugiesen hier, für die ist es ja ein Heimspiel. Ansonsten sind hier viele Franzosen, Holländer und was die vier australischen Ladies hier wollen, war mir auch nicht so recht klar. Aber jeder hat so seine persönlichen Gründe für den Weg. Meine Reiseplanung ist sehr wagemutig, morgen sollen es noch einmal schlappe 15 km werden, danach folgen dann Tage mit 30 km und mehr. Schauen wir mal, ob das mit meinem 11 kg Rucksack und meinen Füßen zu schaffen ist.

3.Tag Barcelos

Gerade habe ich mein Pilgermenü genossen. Es bestand aus einer Kohlsuppe, einem Salat und Hähnchenteilen mit Pommes und Reis. Echt lecker! Leider brachte mir der Kellner alles zusammen, sah wohl kurz vorm verhungern aus. Der heutige Tag war wirklich sehr schön, er führte mich über Feld- und Wiesenwege und im Frühling ist die Natur ein Genuss… Als ich in Barclos angekommen bin, zeigte mir eine Portugiesin den Weg zu meiner Pension, die im Handbuch als sehr schön beschrieben war. Da ich total müde war, habe ich erst einmal in einem frischen, sauberen Bett Siesta gemacht. Nach einer ausgiebigen Dusche, die einer Campingdusche entsprach, vielleicht ist dieses Zimmer ja für Holländer bestimmt, habe ich mich in einem Cafe hingesetzt und die Menschen und die Stadt auf mich wirken lassen. Nach der Pause ging ich durch die Stadt spazieren und kam an einer Kirche vorbei und hörte, dass dort Messe ist. Ich hatte das Bedürfnis daran teilzunehmen und nach der Messe fragte der Pfarrer mich, ob ich auf dem Weg nach Santiago wäre. Ich sagte ja, aber im selben Augenblick fiel mir eine treffendere Antwort ein. Nein auf dem Weg zu mir, aber er führt mich über Santiago! Als ich in meiner Pension angekommen bin, habe ich mich erst einmal richtig erschrocken. Es lag eine Katze auf meinem Balkon, die ich dort nun wirklich nicht vermutet hatte. Nachdem ich die Balkontür geöffnet habe und sie ihre Angst über den Pilger verloren hatte, galt ihr Interesse meinen wohlriechenden Socken. Jetzt kommt sie in unregelmäßien Abständen vorbei und schaut nach dem Rechten.

4.Tag Ponte Lima

Um 6 Uhr klingelte der Wecker mich aus dem Schlaf. Ich hatte etwas Angst vor dem heutigen Tag mit seinen Entfernungen. Die ersten Km sind erst einmal eine Überwindung für mich und es dauert immer, bis ich meine Pilgerbetriebstemperatur erreicht habe. Ich habe mich sogar auf meinem Weg verlaufen, da ich doch glatt einen Hinweispfeil übersehen habe, ich nahm es mit Humor. In Portugal ist die Ortsbeschilderung sehr schlecht. Als ich ein Schild mit dem Namen Portella gelesen habe, war ich sehr verwundert. Dieser Ort war in meinem Handbuch viel näher an meinem Ziel eingetragen. Das kann doch gar nicht sein, dachte ich mir und wurde fast schon übermütig, was sich später auch rächen sollte. Es gab 2 Porella, ein Portella und ein Portella Tamel, und ich Trottel falle noch darauf ein. Verlass dich immer auf dein Gefühl, es betrügt dich nicht!

5.Tag Valenca

Ja, ich bin heute wieder so weit gelaufen und habe milde gesagt den Mund voll mit so vielen Km am Tag und dann die Sonne noch dazu. Dies ist meine letzte Nacht in Portugal und morgen habe ich dann Spanien erreicht. Für heute Abend sehne ich mich nur nach meinem Bett und morgenfrüh werde ich mir dann die Altstadt ansehen.

6.Tag Mos

Es ist Sonntag und ich sitze alleine in einem Cafe in der Altstadt und genieße den herrrlichen Kuchen mit reichlich Kaffee. Die Gelegenheit eines preiswerten Frühstücks konnte ich mir nicht entgehen lassen. Spanien wird mit Sicherheit nicht so preiswert. Es geht meinen Blasen sehr gut und bin eigentlich nur froh den gestrigen Pilgertag geschafft zu haben. Wenn ich auf dem Weg in meine Gedanken vertieft bin, merke ich meine Müdigkeit kaum und meine Fußprobleme haben sich in Luft aufgelöst. Allerdings verfiel ich gestern doch in meinem alten Trott und wäre am liebsten zu dem Portugiesen zurückgekehrt, der sagte, dass es nur 4 km bis zur Stadt wären, gefühlt habe ich aber 8 km und hatte keine Lust mehr. Ich hätte ihm lautstark meine Meinung geigen können.

7.Tag Pontevedra

Als ich gestern mein Tagebuch in der Alberge zur Seite gelegt habe, kam doch noch ein Pilger in die Alberge. Es war ein 64-jähriger Belgier, der aus gesundheitlichen Gründen seinen Stattsdienst aufgeben musste und nun von Santiago nach Fathima pilgert. Er hat für diese 460km Zeit bis September. Ich war sehr erstaunt, was er auch merkte, dann sagte er einen treffenden Satz zu mir, was bringt es mir, wenn ich hier den Tod finde und so habe ich mehr Zeit mich selbst zu finden. Ja dieser Satz stimmt! Auch mir kommt es vor, als hätte ich meinen persönlichen Camino- Schritt gefunden.

8.Tag Calais de Reis

Es gibt Tage im leben, denen ich eine Überschrift geben kann. Dem heutigen Tag habe ich die Überschrift“ Die Wasserschlacht von Galicien“ gegeben. Aber alles nach der Reihe, gestern habe ich wieder einmal sehr schlecht geschlafen, aber so langsam gewöhne ich mich an die kurzen Nächte. Die Alberge war wirklich sehr schön und modern, aber mit 15 Pilgern in einem Raumzu schlafen macht nicht immer Freude. Entweder schnarcht einer oder ich schlafe neben einer Hippie-Pilgerin, die an ihrem Pilgerstock Heublumen gebunden hat, die fürchterlich stinken. Ich wollte ihr schon sagen, dass sämtliche Hunde und Heublumen in der Alberge verboten seien. Morgens gabe es dann zum Trost ein super Frühstück in einem gemütlichen Cafe. Kaum wollte ich durchstarten, setzte plötzlicher Starkregen ein. Da ich keine Regenjacke dabei hatte, war ich in wenigen Minuten nass bis auf die Haut. Es gibt wirklich schöneres und ich stand erst am Anfang meines Weges. Als ich dann noch einen Feldweg hinauf musste, war es um meine Wanderschuhe geschehen. Sie fühlten sich an wie vollgelaufenes Rettungsboot. Jeder Schritt tat mir weh. Meine Reaktion war, dass ich einfach laut “ Geil“ gerufen habe. Ich nahm es mit Humor. Nach 10km kam ich in ein Dorf und stürmte in das erste Cafe am Ort. Ich hatte wirklich Angst um mein Pilgerbüro ( Pass, Handy, Kamera, Flugtickets, Pilgerpass und Handbuch). Ich dachte, wenn die Sachen nass sind, habe ich ein Problem. Zum Glück war mein Büro trocken geblieben. In dem Cafe gab mir die Küchenoma, eine alte Spanierin, ein trockenes T-Shirt, ich war ihr echt dankbar. Nach einer Pause sollte es weitergehen, aber meine Füße taten mir höllisch weh und es ging nur noch im Schritttempo weiter.. Auf einmal hielt ein Auto neben mir, und der Fahrer deutete an, mich ein Stück mitzunehmen. Ich dachte, sehe ich schon so Mitleidserregend aus, denn eigentlich halten die Spanier nur, wenn ein Pilger bereits am Boden liegt. Ich bin natürlich zu Fuß weiter, denn ich hatte auch meinen Stolz. Als ich in Calais angekommen bin, steuerte ich sofort die Schule an, welche als meine Alberge ausgeschildert war. Leider hatte sie zu. So ein Mist dachte ich mir, in diesem Fall stimmte mein Handbuch also nicht. Ich war wirklich sauer, die nächste Alberge war 18 km entfernt, eindeutig zuviel für mich. Wenige Meter von der Schule gab es ein Hotel, wo ich mich für diese Nacht einquartiert habe. Endlich mal ein frisches Bett und weit und breit keine Hippie-Pilgerin.

9.Tag Pardon

Eigentlich wollte ich heute bis Teo 12 km vor Santiago pilgern, aber da mein Bett so gemütlich war, habe ich bis 9 Uhr geschlafen. Für meine 30 Km eindeutig zu lange, dachte ich sofort. Kurz hinter Calais de Reis kam mir dann der Gedanke, wieso ich mich eigentlich für Santiago so abhetze. Es reicht ja, wenn ich heute 18 km laufe und es ruhiger angehen lasse. Gerade auf den letzten km vor Santiago überschätzen sich viele und wollen einfach nur ankommen. Den gleichen Fehler werde ich nicht machen. Ob nun Mittag oder am späten Nachmittag ankomme, sollte ja wohl egal sein. So konnte ich den heutigen Tag  genießen und das Wetter spielte auch mit. Jeder Schritt war eine Wohltat für mich und morgen ist ja Stadtpilgern angesagt. An meinen kurzen Nächte habe ich mich gewöhnt und wundere mich schon über meine körperlichen Kräfte auf dem Camino. Aber ich merke auch wie mein Akku langsam leer wird. Im übrigen sitze ich gerade in einem Cafe und habe den heutigen Tag zu meinem Kalorientag erklärt. Ich habe in den Tagen vorher einfach zu wenig gegessen. So, jetzt warte ich auf meinen Salat, danach wird es einen Grillteller geben, und für den Nachtisch habe ich auch schon meine Kreativabteilung eingeschaltet. Die Kellnerin schaute nicht schlecht, sah wohl kurz vorm verhungern aus.Für das Essen habe ich sogar auf meine Dusche verzichtet, was ich sonst nicht mache. Nach dem Schreiben dieser Zeilen bin ich dann zurück zur Alberge gegangen und was sah ich dort, den Wanderstock mit den Heublumen, na super, dachte ich mir. Aber heute schläft sie einige Betten von mir entfernt.

10.Tag Santiago

Das Ankommen in Santiago war noch einmal ein zähes Stück Arbeit für mich. Bis kurz vor der Stadt bin ich noch einsame Pilgerwege gegangen. Eigentlich schön, sollte jeder meinen, aber wenn eine Stadt auf mich wartet, bin ich nur froh endlich angekommen zu sein. Als ich dann vor der Kathedrale stand, habe ich nur meinen Rucksack von Leib gerissen und den Augenblick des Ankommens auf mich wirken lassen. Es war schon überwältigend für mich, an dem Ort angekommen zu sein, welchen ich 2005 als abgeschlossen angesehen habe, aber erst 2009 als neuer Mensch ankommen sollte. Ach ja, keiner braucht mich auf diese geheimnisvolle Hippie- Pilgern ansprechen, wie diese Geschichte ausging behalte ich schön für mich.

Manche Wege dauern Recht lang!

In Santigo vor der Kathedrale habe ich mir geschworen, wenn der Weg mich wieder ruft, wird es einen Pilger geben, der sich auf dem Weg macht.

Peter Klüppelholz

2003 Burgos nach Shagun, 2005 St. Jean-Pied-de Port nach Santiago ,2006 Huesca nach Punte la Reina 2009 Porto nach Santiago, 2012 Wuppertal nach Köln, 2013 Köln über Aachen nach Lüttich, 2014 ( Planung Lüttich- Grenze Frankreich)