Camino del Norte, auf der Spur des Phönix

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Auf unserer Facebook-Seite bekamen wir die Nachricht von Tim. Er ist den Camino del Norte gepilgert, und hat auf seinem Blog und auf Instagram darüber berichtet. Wir könnten aus seinen Veröffentlichungen ja einen Reisebericht für diese Seite hier formen.

Gesagt, getan.

Hier ist also der Reisebericht von Tim.

Die Spur des Phönix – was soll das?

April 17, 2016

Noch n Blog?
Ja, noch n Blog!

Und zwar aufgrund der ständigen Transformation. In diesem Fall der Meinigen, die ich für mich und eventuelle Interessenten an dieser Stelle wegdokumentieren möchte.

Der Phönix („Der Wiedergeborene/Der neugeborene Sohn“) ist ein mythischer Vogel, der am Ende seines Lebenszyklus verbrennt oder stirbt, um aus dem verwesenden Leib oder aus seiner Asche wieder neu zu erstehen.
(Quelle: Wikipedia)

Da für mich ein neuer Lebenszyklus vor der Tür steht, und weil ich keinen blassen Schimmer habe, wie dieser aussieht, habe ich mich dafür entschieden, mal einen neuen Weg zu gehen: den JAKOBSWEG, um genau zu sein: den Camino del Norte – ein Weg entlang der nordspanischen Küste.

Es wird vermutlich wie im richtigen Leben: Ein unbekannter Weg, der täglich neue Herausforderungen, Entscheidungen, Erfahrungen und Begegnungen mit sich bringt.

Warum muss es denn der Jakobsweg sein?

  • „Ich bin dann mal weg…“ habe ich weder als Buch gelesen, noch als Hörbuch gehört oder als Kinofilm geguckt.
  • Ich bin noch nie mehr als 10 km am Stück gewandert…
  • Ich bin keinen Mikromillimeter religiös gläubig, ganz im Gegenteil.

Ja, also… warum denn nun?

  • Ich glaube, ich werde Spanien-Fan (einen Glauben habe ich, nur nicht, wie ich Eingangs schon erwähnte, an die Religion!)
  • Ich bin Fan von Meer und Sonne!
  • Ich bin ausdauernd!
  • Ich möchte ein paar Wochen nur mit den wichtigsten Dingen auskommen: Harmonie von Geist und Körper
  • Ich mag die Herausforderung und bin offen für Veränderung (liest sich wie eine schlechtes Bewerbungsschreiben…)

Warum muss denn sowas in einem Blog festgehalten werden?

Das ist wirklich eine gute Frage…

Wenn man so einen Weg für sich geht, dann kann es einem doch ganz egal sein, ob das verrückte Internet das mitbekommt, der Blog ein Bombensuchmaschinenranking erfährt, Affiliate-Anbieter einem unzählige Millionen Cent für ebenso viele Klicks offerieren, das Ding viral wie ein Katzenvideo wird oder sonst einem Mist, dem ich mich eigentlich versuche zu entziehen….

  • Vielleicht weil ich IT-ler bin?
  • Vielleicht weil ich Familie und Freunden hiermit digitale Postkarten schicken möchte (im Sinne der „Holschuld“?!)?
  • Vielleicht weil ich den Blog in ein paar Jahren lese und darüber schmunzeln werde
  • Vielleicht weil Du Interesse am Pilgern bekommen hast und ich Dich dabei eventuell unterstützen kann?
  • Vielleicht weil ich meiner Deutschlehrerin aus der sechsten Klasse zeigen möchte, dass ich auch mit einer Note 6 in der sprachlich-literarischen und geistesgeschichtlich-kulturellen Bildung dazu in der Lage bin, ein paar schlau klingende Wörter aneinander zu klötern…

Wer weiß das schon?

Wie mein alter Kumpel Laotse zu sagen pflegte: „Der Weise redet nicht, der Redende weiß nicht“.

Ich bin gespannt, was mit mir geschieht und auch mit diesem Blog.

Der Rucksack…

April 24, 2016

…wird zu einem nicht zu unterschätzenden Wegbegleiter.

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Ich habe mich für einen 45 Liter (plus 10) Rucksack entschieden, der Kollege bringt all inclusive satte 8,9 Kilogramm auf die Wage.

Adios companeros…

April 28, 2016

… und viele Grüße vom Flughafen Hamburg. Endlich verstärkt sich das Gefühl der Wanderlust, der Neugier und Spannung.

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Freude ist auch mit dabei, vor allem auf noch besseres Wetter als es in good old Germany ohnehin schon ist…

Und Dankbarkeit: über die guten Wünsche und Worte meiner Freunde und Familie und über die Möglichkeit, so nen Trip zu starten. Viele haben gesagt „Boah, das ist so mutig“… Aber der Zeitpunkt passt halt momentan ausgezeichnet. Es wäre also feige, den Weg JETZT nicht auf mich zu nehmen😉

Hasta pronto de Irun!

Esta magnifico

April 28, 2016

… im Sinne von „Es ist n Knaller“

Der Anflug auf den Iruner Flughafen hat mir schon mal einen Vorgeschmack auf meine erste Etappe nach San Sebastian entlang des 545 Meter hohen Jaizkibel, direkt am Meer, vermittelt.

Dann der Weg zu meiner Unterkunft, es war magisch: Salz auf den Lippen, Sonnenschein, tolle Architektur (die hat bestimmt auch n Namen, aber ich bleibe bei der Beschreibung „toll“), fröhliche Menschen an der Strandpromenade, in den Tapasbars, in den kleinen muckeligen Gässchen (ausgelassen, wie der Speck in der Pfanne…)

Es hat sich so richtig angefühlt!

Und dann kam es zu einem Hattrick der Premieren.

  • Erste Unterkunft, die ich über Airbnb gebucht habe (alles muy bien mit Familienanschluss)
  • Erste Unterkunft, die ich überhaupt im Vorfeld gebucht habe
  • Zum ersten Mal habe ich ansatzweise geschnallt, auf was ich mich hier eingelassen habe… ich spreche diese Sprache nicht (mein ausgeprägter Vokabularschatz an Schimpfwörtern und Alkoholika ist nur bedingt hilfreich), ich habe, dank jahrelanger und stumpfer Navigation mittels technischer Hilfsmittel, keinen besonders ausgeprägten Orientierungssinn und es ist ein verdammt langer Weg….. (ja, ich weiss, Schachtelsätze mögen Deutschlehrer nicht)

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Aber so isses mit dem Punkrock: Herausforderung annehmen, Haltung bewahren, Herausforderung meistern!

Ich freu‘ mich drauf!!!

¡Buenas noches!

Laeuft…

April 29, 2016

…bei mir, wie die jungen Menschen so zu sagen pflegen.

 

Ich hatte einen wirklich guten Start!

Meine Zimmermutti namens Maria Jesus (echt jetzt!) hatte mir ein schoenes Fruestueck vorbereitet und dann gings los.

Oehm… wohin denn???

Ich dachte, ich muss einfach der gelben Muschel folgen?! Zwei Frauen am Strassenrand zeigten mir den Weg zur Muschel, die eine nach links, die andere nach rechts. Nach kurzem brabbeln in ihrer, wie ich fand Phantasiesprache, einigten sie sich auf eine Richtung. Ich fragte noch mindestens sechs andere Auskunftswillige auf dem Weg zur Muschel nach dem Weg zur Muschel.

Und da war sie!!!

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Ich hatte also den Einstieg gefunden und von dieser Stelle ging es die naechsten ca. 20 Kilometer nahezu allein entlang der Kueste ueber traumhafter Wanderwege, eine kurze Wasserueberquerung mit einer kleinen Faehre – ein Traeumchen, achso: und Wetter war naturlich auch…

Dann wurde ich durch mir in regelmaessigen Abstaenden begegnenden Menschen zu einer Uebernachtung in ihrer religioesen Gemeinschaft eingeladen. Ich lehnte dankend ab.

Als ich den Berg nach San Sebastian herunterkam, las ich einen Zettel, dass die Pilgerherbergen dieses Wochenende bereits voll ausgebucht sind.

Na toll… zurueck zu den Mormonen? Neeee, ich probiere mal mein Zelt aus!

Doch als ich durch das bunte und laute Treiben der Stadt schlenderte, ein Kontrastprogramm deluxe zu den letzten fuenf Stunden, sah mich ein spanisch sprechender Rucksacktraeger, der mir eine Pilgerherberge zeigte.

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Dort bekam ich tatsaechlich noch ein Bettchen und sogar einen Internet-PC mit ohne Umlaute.

Gut’s Naechtle!

38 Jahre ohne Fußpflege…

Mai 1, 2016

… zahlen sich aus.

Resümee nach 3 Tagen / 60 Kilometer -> Meine Hobbitfüße sehen aus wie eh und jeh: vergammelt und verhornt, aber blasenfrei (ich weiss, dass das mehr Information ist, als Du Dir eigentlich erwünscht hattest…)

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Was ich Dir sonst noch so mitteilen kann?

Es fühlt sich gut an! Ich muss gar nichts und kann alles (im Rahmen meiner Möglichkeiten).

Ach so, einen habbich noch… treffen sich ein Holländer, zwei Deutsche, eine Kanadierin, ein Japaner und zwei Italiener auf dem Jakobsweg…

Was erstmal wie ein schlechter Witz klingt, wird zu einer interessanten Geschichte über Gemeinschaft, Naturgenuß, gutes Essen & Trinken mit Kaminabend, deren Ende ich noch nicht kenne…

Aber morgen ist ja auch noch ein Tag!

(Ich hoffe, ich schlafe diese Nacht ein paar Stunden am Stück – mit den anderen 20 Peregrinos in einem Raum)

You never walk alone…

Mai 3, 2016

…even if you want to.

Heute sollte eine harte Etappe auf uns zukommen, 30 km und 2000 Höhenmeter (hoch und runter) und die wollte ich schön alleine abrocken und zack war ich mit zwei neuen Italienern unterwegs.

Der eine, 27 Jahre, englischsprachig, wenig Sport – viel Party, 13 Kg Rucksack bei 65 Kg Körpergewicht (normalerweise sagt man 10% Rucksack vom Eigengewicht) und n paar Turnschuhe an den Füßen, Respekt!

Der andere, 64 Jahre, nur italienisch sprechend, Marathonathleth plus 175 km Ultramarathon, molto Respekt!

Die zwei haben sich kennengelernt und waren schon zwei Tage gemeinsam unterwegs.

Rate mal, wen wir auf eigenen Wunsch und aus folgendem, im Bild festgehaltenem Grund, auf halber Strecke zurücklassen sollten?

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Naja, und der andere hat mich im Bergziegenstyle die 30 km und weils so schön war noch 5 weitere mitgeschleift.

Nur die Herberge haben wir vergebens gesucht…

Nach unzähligem Nachfragen bei der spanischen Bevölkerung auf Italienisch/Spanisch/Englisch/Hand&Fuß wurden wir dann aber nach 4 weiteren km mit einer Top Unterkunft belohnt. Ausserdem wurden wir mit frischen Eiern und selbst-gebackenen Kokosmakronen der Einheimischen beglückt. Dann gab es ein lecker Pilgermenü (3 Gänge + Traubensaft für 8 EUR) und eine Herberge nur für uns Alleine!

Du kannst Dir nicht vorstellen, was das bedeutet!!! In Ruhe schlafen! Ohne Schnarchen! Ohne morgendliches Aufwachen im Dominoeffekt (steht einer auf, steht der nächste auf usw.)

Geil!

Buenas noches e buona notte!

Der geht raus an meine Deutschlehrerin.

Mai 4, 2016

Hola, die Wanderei gibt mir soviel Zeit zum Denken -Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft (boah, ich kenne Zeitformen…) – dass ich mich an eine Schulfaufgabe erinnere.

Sie lautete: schreib eine Geschichte im Alfred Döblin Style – Berlin, Alexanderplatz. Guter Style, genau das richtige, da sich meine Eindrücke, bedingt durch das krasse Kontrastprogramm vom spanischen Dschungel in die Millionenmetropole namens Bilbao, überschlagen.

Also: 6.40 Uhr, der Wecker klingelt… aufstehen, obwohl ich das Glück hatte, die Albergue (so sag der Spanier) mit nur 2 weiteren teilen zu dürfen.

Ich hätte also long ausschlafen können.

Aber schon wieder hatte mich die 64 jährige italienische Bergziege animiert, über mein Entfernungs- und Leistungsziel zu schießen.

Es war sensationell, 10 Stunden, nahezu wortlos, allein zu zweit. Und noch n Berg, und wieder rauf, und wieder runter, und wieder rauf… zwischendurch wieder nette Bekanntschaften geschlossen, dieses mal zwei Brasilianer… Den Koreaner vom ersten Tag auch wiedergetroffen…

Endlich, Bilbao!

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Eine Millionenmetropole deluxe. Krasser Tapetenwechsel…

Lamberto und ich entschlossen uns für die Pilgerluxusvariante, ein Hotelzimmer, mit Einzelbett und warmer (!) Dusche (keine Selbstverständlichkeit in der Albergue). Luxus pur!

Eine Stunde bewegungslos, glücklich und kaputt wie ein Hund auf dem Bett gelegen, Rückenschmerzen gelindert, ab unter die Dusche, die warme.

Schnell noch in die Pinxto-Bar nebenan, mitten in der Altstadt. Traumhaft.

Ab ins Bett.

Von wegen: „Can you take a picture, please“. “ Si, claro“

Auf dem Bild waren 10 abgefuckte Punkrocker aus Brooklyn zu sehen, „The Dictators“ waren grad auf Tour in Europa.

Trinke ich halt noch n Bier mit denen…

Die Kapelle musste weiter.

Jetzt aber, zurück ins Luxusbett. Was höre ich denn da aus der Kneipe? „Twisted again“ von Dag Nasty.

Geil. Naja, ein Bier geht noch… und gastfreundlich wie der Spanier nunmal ist, lud er (in diesem Fall bestehend aus 2 Frauen und einem Mann) mich auch gleich zum nächsten ein.

Supergeil, ich war so am Ende… die Situation und die lustige Runde wurden dann von einem total unangenehm Besoffenem aufgelöst.

Gute Nacht!

Boah, ausgeschlafen und vor allem: durchgeschlafen!!!!

Spanisches Standardfrühstück, bestehend aus Cafe con leche, Orangensaft, Toastbrot mit Marmelade und Croissant, zu mir genommen.

Stadterkundung!

Erstes Ziel: Camelback kaufen (Trinkblase fürn Rucksack), dabei per Pedes die Stadt erkundschaftet.

Tour de cultura. Altstadt, enge Gassen, Museen, Parkanlagen, Flussflair, Kathedralen (plural!) Guggenheim Ausstellung, ein Eindruck jagt den nächsten.

Siesta im Restaurante, eine Nachricht vom durch Fussverschleiss verlorengegangenem Italiener „Treffen vor der Kathedrale – warten in der Bar“ dieses mal mit zwei weiteren Peregrinos.

Noch einem Italiener (sind hier stark vertreten, zumindest in meinem Dunstkreis) und einer Spanierin.

Dann zum Essen weitergelaufen und dort eine Deutsche von Vorgestern getroffen, die einen Rumänen im Schlepptau hat. Der Rumäne kennt mich aber auch schon von Erzählungen… verrückt.

Nun sitze ich wieder im Hotel und freue mich darauf, den Camino morgen alleine zu bestreiten.

Naja, zumindest die ersten Stunden / Kilometer. Denn darauf ist Verlass, die Wege der Peregrinos werden sich bestimmt noch ein paar mal kreuzen bis Santiago.

Und das ist auch gut so.

Denn Raum und Zeit vermischt sich nach und nach (Wann war ich wo?) aber die Menschen bleiben mir definitiv im Herzen!

Musik ist akustisches LSD…

Mai 6, 2016

Die heutige Etappe war von optischen Reizen so abschreckend, dass es mal Zeit für ein Akustikprogramm war.

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Jaaaa, die Musik.

Jetzt weiss ich, was ich vermisst habe. Jedes Lied löste in intensivster Art und Weise Erinnerungen an Situationen und Menschen aus. Sie lies mich in Windeseile die hässlichen Industrieausläufer von Bilbao passieren, und zwar in eleganten und majestätisch wirkenden Tanzbewegungen (ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Aussenstehende das ähnlich wahrgenommen haben!?)

Die Strecke entlang der Straße war wirklich hart, aber natürlich blieb ich nicht lang alleine und es begleitete mich eine gestern Abend kennengelernte Pilgerin aus Deutschland, mein erstes deutsches Pilgergespräch.

Und schließlich verwandelte sich die Umgebung.

Wir kamen zum heutigen Streckenhighlight nach Portugalete. Um den Fluss nach Getxo zu passieren, mussten wir uns für 40 cent von der 160 m langen Hängebrücke mit ihren 61 m hohen Türmen schwebend über das Wasser tragen lassen.

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Einige Kilometer entlang der Autobahn: Ruhe, grünes Inland und endlich wieder am geliebten Wasser!!!

Dort wartete auch schon das verschlafene Dörfchen samt ihrer auf Spendenbasis finanzierten Albergue auf mich.

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Und da waren sie auch schon wieder, die üblichen Verdächtigen aus der halben Welt und weitere, mir bis dahin unbekannte, Menschen. Aber das sollte sich nach einem gemeinsamen Menü de Peregrino schnell ändern…

Lecker Essen, Traubensaft und interessante Gespräche und Geschichten.

Buenas noches!

Wie aus einem schlimmen Tag ein guter wurde…

Mai 8, 2016

Es fing schon total mies an…. und zwar als ich morgens aufwachte. Ich bin jemand, der normalerweise mit scheissguter Laune aufwacht.

Diesesmal war es anders. Ich hatte die ganze Nacht ca. 1 Stunde geschlafen, und zwar mit 20 Peregrinos in einem winzig kleinen Zimmer, in der die Luft zum Schneiden war und die Akustik der eines Löwenkäfigs glich.

Und nein, Ohrenstöpsel haben da nicht geholfen!!!

Meine im Hochbett unter mir schlafende Mitpilgerin hatte sicherlich einen Traum, bei dem es um ungleichmäßige Rythmusbewegungen ging, so dass ich nahezu Seekrank wurde.

Naja, eigentlich eine Nacht wie immer… aber dieses mal kam ich nicht zur Ruhe.

Gegen 6.20 geriet der Erste in Aufbruchstimmung.

Also: los gehts. Sachen packen, frühstücken, ab dafür. Es regnete! Selbst der einzigartig und außergewöhnliche Platz an der grünen Steilküste, der mich zu einer entspannenden Runde QiGong einlud, entspannte mich nicht.

Auch das zweite Frühstück und der aufklarende Himmel trug nicht zur Besserung bei.

Erst als ich meinen Freund Don Peregrino Alternativo wiedertraf, ging es bergauf (sowohl was meine Laune betraf, als auch das Höhenpofil). Wir hatten eine wirklich tiefsinnige und lustige Etappe hinter uns gebracht.

Und dann sind wir auch noch in einer Spitzenunterkunft abgestiegen, in der wir (durch Zufall?) unser beider Caminofreunde getroffen haben, in einem Kloster mit Möglichkeit zum Kochen!

Großartig! Salat, Pasta, Paprika, Melone, Brot und Traubensaft…

Ich war und bin dankbar.

Freude kann so einfach sein!

Radio Camino

Mai 10, 2016

Eine Besonderheit des Caminos ist, dass die Menschen gleichzeitig zum Medium und zur Legende werden (geworden sind und immer sein werden).

Ich habe Menschen und deren Geschichten kennengelert, die mir bis dato unbekannt waren.

Andere kannte ich bereits aus Erzählungen anderer Peregrinos, bis ich sie dann wirklich kennengelernt habe oder bis heute nicht kenne.

Zum Beispiel:

Kennste den Holländer, der sechs Sprachen spricht und seit 3 Monaten unterwegs ist? (und zwar aus Holland – also schon gute 2.000 Kilometer hinter sich hat)?

Oder das junge (und zarte) Mädel aus Tirol, mit einem 20 Kilo schweren Rucksack?

Oder den Peregrino Alternativo mit italienischen Lederschuhen zur passenden Jacke und Fön im Gepäck?

Oder den Koreaner, der beim Laufen ohnmächtig wurde und vom nachfolgendem Peregrino „geweckt“ wurde?

Oder den 64 Jährigen Ultramarathonathleten?

Oder den 70 jährigen Stuttgarter mit Bybass und Demenz?

Oder die 18 jährigen Abiturientin?

Oder den Italiener, der irgendwo in Polen gestartet ist, dann nach Rom gelaufen ist, gerade in Richtung Santiago de Compostela läuft und dann irgendwo nach Norwegen will???

und und und …

Stay tuned for radio camino!

sleep, walk, eat, repeat…

Mai 12, 2016

Es ist jeden Tag das Gleiche, nur anders. Und so langsam finde ich meinen Rhythmus.

Manchmal alleine, manchmal mit dem inneren Kreis der „Peregrinos mañana“. Es fühlt sich jeden Tag gut und richtig an. Ich weiss nicht, wo ich abends mit wem strande, aber ich bin immer gut aufgehoben.

Naja, heute war es knapp… es ereignete sich in etwa folgendermaßen:

Wir sind Montag in Santander angekommen und sind zu viert voll dekadent im Hotel abgestiegen (Peregrino Alternativo Style halt… 25€ pro Nase). Wir wollten schließlich ne Party starten und nicht um 22.00 in der Herberge das Licht ausschalten (wie es dort nun mal das Gesetz des Peregrinos ist).

Party, am Montag: super Idee.

Aber wie so oft kamen die Dinge automatisch zu uns und in diesem Fall war es die beste Bar, die die Stadt an diesem Tag für uns hergab. Kicker, Dart, Erasmus Studenten und Cuba Libre, eine saubere Mischung.

Dort haben wir es auch ganz gut ausgehalten und sind danach noch bis 3.00 Uhr an den Strand.

Der Plan für mañana: Wellenreiten.

Wir schliefen königlich bis 7.00 Uhr (Peregrino Rhythmus…)

Und dann: Wellenreiten ohne Wellen… hmmm.

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Na gut, dann lümmelten wir eben einfach so bis 12.00 Uhr am Strand herum.

Doch dann rief der Camino und wir kamen in Aufbruchstimmung.

Aber dieses Mal sollte die Route nicht entlang des immer hilfreichen gelben Pfeils (die Jakobswege sind alle relativ idiotensicher mit dieser Art Wegweiser ausgestattet) führen, da wir keinen Bock hatten, erneut durch das triste Industriegebiet zu laufen, sondern einfach mal entlang der Küste.

„Wir werden schon ankommen“ dachten wir uns… es war wunderschön!!!

Allerdings ohne Orientierung und über Stock und Stein entlang der Steilküste. Es wurde zunehmend später und wir schlugen wieder die Richtung des Caminos ein.

An einem Stadtplan angekommen, stellten wir fest, dass es bereits 18.00 Uhr war und wir noch 10 km bis zur nächsten Herberge vor uns hatten. „Könnte knapp werden“ dachten wir uns..

In diesem Moment hupte uns von hinten eine Spanierin freundlich an und fragte, wo wir hinwollten.

Als wir antworteten, zeigte ihr Zeigefinger zuerst an ihre Stirn und dann auf die Rücksitzbank.

Kleinlaut aber unendlich dankbar nahmen wir Platz und ließen uns in für uns raketenartiger Geschwindigkeit zum gewünschten Ort bringen.

Es lag zwar nicht auf ihrem Weg, aber sie ist ja nunmal eine hilfsbereite Spanierin…

In der Herberge angekommen, ergatterten wir die letzten zwei freien Betten. Wir waren völlig erschöpft und dankbar!

Eine schöne, gemütliche und saubere Herberge. Hinzu kam noch, dass wir zwei bekannte Pilger trafen und uns ein paar Franzosen noch selbst gekochtes Essen anboten.

Es wurde noch besser, als zwei ältere Spanier eine Gitarre von der Herbergsmutter bekamen und im allerklassischsten Stil lauthals und mit voller Stimme ein paar spanische Volkslieder trällerten.

Herrlich!

Wandern ist die schönste Art zu reisen

Mai 14, 2016

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Ich nähere mich einem Ort und bin gespannt, was es dort so geben wird.

Ich bin an diesem Ort und finde heraus, was es dort so gibt.

Ich entferne mich von dem Ort und denke darüber nach, was es dort so gab.

Und all das in einer für mich sonst nicht alltäglichen Geschwindigkeit.

Und dann kommt auch schon wieder der nächste Ort…

Und noch ein und: ich kann mir sicher sein, dass der nächste Ort, der zu mir kommt, etwas Neues und Gutes mit sich bringt!
Die Vorstellung, dass ich die Strecke, für die ich ca. fünf Wochen zu Fuß benötige, an einem Tag mit Auto, Zug, Bus oder Flugzeug abreissen könnte, ist schon ein bisschen irrwitzig!?

Aber ich habe herausgefunden, warum ich das mache.

Weil ich es kann!!!

Die Zwirbeldrüse und ihr Kind…

Mai 16, 2016

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Hier noch ein kurzer Nachtrag zum Thema „Wandern ist die schönste Art zu reisen“.

Und zwar gibt es zwei weitere faszinierende Aspekte.

Der eine ist die sportliche Ertüchtigung.

Der andere der erstaunliche Gedankenfluss.

Die körpereigene Biochemie ist hier das Bindeglied.

Denn durch das Wandern mit leicht erhöhtem Herzrhythmus wird nicht nur der Bewegungsapparat gestärkt, sondern auch der Fettstoffwechsel trainiert. Zusätzlich fängt der dröge Kopp irgendwann an, immense Endorphinmengen auszuschütten. Im Falle eines Alleingangs komme ich auf gute Gedanken und bei einer Wanderung zu zweit ebenfalls, nur mit kommunikativem Austausch.

Großartig!!!

Ich habe aufgegeben!

Mai 16, 2016

Gegen 6.00 Uhr geht das morgendliche Aufwachdomino los – der Erste, der an seinem Gepäck rumkruschelt, weckt die anderen.

Dann frühstückt jeder in seinem eigenen Stil und Tempo, eine kurze Verabschiedung à la „buen camino“ und dann gehts los.

Einige laufen in Gruppen, einige alleine – so wie ich meistens.

Es dauert ungefähr ein oder zwei Bars (eine übliche Zeit- und Entfernungseinheit auf dem Camino) und dann treffe ich auf altbekannte und/oder neue Peregrinos und wir nehmen das erste oder zweite oder dritte Frühstück gemeinsam ein.

Meistens bestehend aus Cafe con leche e croissant.

Dann geht es weiter in bestehender oder neuer Wanderformation.

Hier noch ein Stop an einem beeiendruckenden Naturschauspiel oder da ein Stop in der nächsten Bar, vielleicht aber auch noch ein Picknick.

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Da lasse ich mich einfach vom Camino leiten… „et kütt, wie et kütt“ sacht der Rheinländer (obwohl ich von denen hier noch keinen getroffen habe, NOCH nicht!).

Ich kann mir allerdings sicher sein, dass ich spätestens beim Einchecken in der nächsten Albergue wieder auf mindestens einen Bekannten treffe.

Jeder geht aus seinem eigenen Grund, sein eigenes Tempo, seine eigene Distanz, seinen eigenen Camino. Und es ist jedesmal eine Überraschung (ich weiss ja nicht, wen ich treffe) und Freude, denn dann werden gemeinsame und eigene Erlebnisse des Tages reflektiert oder neue Geschichten geschrieben.

Ich habe es also aufgegeben daran zu glauben, ich würde den Camino alleine gehen und jeden Tag neue Menschen treffen.

Die Richtung der Peregrinos ist ja auch klar: Santiago de Compostela.

Da kann man sich also hin und wieder treffen.

Nur das Ziel variiert, abhängig von der zur verfügung stehenden Zeit der Menschen.

Allerdings ist es schön, eine bekannte Gruppe Menschen um mich zu haben, mit denen ich interessante Gespräche teile, gemeinsam koche, Essen gehe oder die Umgebung erkunde.

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Heute beispielsweise wollte ich 10 Kilometer weiter laufen, doch ein Bier, die Gruppendynamik und eine wirklich tolle Unterkunft (ein kleines Häuschen mit Küche, Bad, Garten, Wäsche Service und Familienanschluss bei gastfreundlichen Menschen) nahm mir die Entscheidung ab.

Es gab ein Überraschungsmenü bestehend aus dem essbaren Inhalt der Pilgerrucksäcke plus Zugabe der Herbergsmutter.

Mañana ist ja auch noch ein Tag.

Ich hatte es gewusst!

Mai 17, 2016

Und zwar schon morgens nach dem Aufstehen: Heute schlafe ich im Zelt!

Allerdings hatte ich es mir anders vorgestellt. So isses halt mit den Erwartungen…

Ein großartiges gemeinsames Frühstück in der idyllisch autarken sechs Personen Herberge: Porridge mit frischem Obst und Kaffee, dann noch kurz durchfeuteln und ab dafür.

Heute hieß es endlich „Camino solo“, was so viel bedeutet, wie: ich mache mich allein auf die Socken.

Es war eine wunderbare Landschaft, die langsam an mir vorbeizog und ich hatte genug Zeit für mich und die Natur.

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Nach ein paar Stunden der Wanderei plagte mich ein kleines Hüngerchen und das wunderschöne Städtchen namens Ribadesella kam mir gerade gelegen.

Ich setzte mich in ein Café und war auch wieder bereit für Gesellschaft.

3, 2, 1…. saß ein Teil meiner Caminocumpañeros Paul, Mark, Merle und Jessica neben mir.

Wir aßen und teilten die Strecke eine Weile.

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Die letzten 18 Kilometer lief ich mit Jessica und Merle. Und irgendwas ging schief (vielleicht lag es an der schönen Strecke entlang der Küste), denn auf einmal war es 18.00 Uhr, die Herberge war noch 5 Kilometer entfernt und es gab nur noch ein freies Bett (Radio Camino hatte uns bereits über die Sachlage informiert).

Wir hatten an diesem Tag viel gemeinsam erlebt und wollten den Abend auch gemeinsam beenden also kamen wir nach einem beratschlagenden Bierchen zu dem Entschluss, uns mit ausgestrecktem Daumen auf die Straße zu stellen.

Drei Autos später nahm uns (natürlich) eine nette Spanierin mit – drei stinkende Pilger mit Gepäck in einem vollgepacktem Kleinwagen, muchas muchas gracias!!!

Als wir in der Herberge ankamen, nahm sich eine der Damen das freie Bett, die andere eine freie Couch und ich konnte endlich mal mein Zelt aufbauen.

Die 2 Kilo (inklusive Luftmatratze) wollte ich schließlich nicht umsonst die letzten 400 km mit mir rumgeschleppt haben.

In der Herberge warteten bereits Stefan, Mark und Katharina auf uns und wir ließen den Abend gemütlich in einem 2 km entfernten Restaurant ausklingen. Wir aßen uns für 9 Euro pro Person pickepackesatt!

Ein Gefühl von Freude, Genuss und Dankbarkeit machte sich breit!

Eine neue Etappe…

Mai 21, 2016

Natürlich ist der Camino jeden Tag anders… die Landschaft, die Herbergen, die Erlebnisse, die Menschen… aber seit heute ist es anders.

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Die komplette, bereits lieb gewonnene Pilgergruppe, die mal einen Tag vor oder hinter mir oder mit mir zusammen gelaufen ist, sich dann aber dennoch irgendwie in unregelmäßigen Abständen wiedergetroffen hat, hat sich aufgelöst.

Aus Gründen der Planänderung, der Planverfolgung oder des Zeitdrucks.

Dabei verspüre ich gerade wieder tiefste Dankbarkeit, dass ich genug Zeit habe, die Reise in meinem Tempo zu genießen.

Es wird für mich neue Bekanntschaften geben, außerdem weiß ich den Alleingang ebenso zu schätzen. Dabei fällt mir doch immer mehr auf, was ich vermisse: meine Familie, Freunde und die Musik!

Dank der landschaftlich überaus unattraktiven Etappe konnte ich mich voll und ganz der Musik widmen, leider nur aus der Konserve.

Aber es hat gerockt wie Sau!

Und derweilen konnte ich intensiv an Familie und Freunde denken.

Der Camino hat es also wieder gerichtet und den Tag überaus positiv abgeschlossen.

Eine Unterkunft der Extraklasse

Mai 23, 2016

40 km, empfahl mir der schlaue Pilgerführer von Cordula… die spinnt doch!

Ich nahm mir vor, mir nichts vorzunehmen und pilgerte in den Tag hinein, vielleicht werden es 20 km oder 25 km.

Doch das Wetter lud zum Laufen ein und die Strecke war schön und abwechslungsreich durch Wälder, kleine Dörfer und entlang der Küste. Cordula schrieb, dass ich die Großstädte wohl überstanden hätte und es jetzt nur noch grünes Land und blaue Küsten gäbe.

Sie sollte Recht behalten.

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Es wurde immer später und das sonnige Wetter lud mich zum Zelten an einem besonderen Ort ein: eine kleine Bucht mit Steilklippe. Ausgezeichnet.

So oder so ähnlich hatte ich es mir vorgestellt.

Eine Pilgerlegende!

Mai 24, 2016

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Heute nahm mich ein kleines runzeliges und herzliches Männchen in einer Albergue in Empfang.

Er zeigte mir die wichtigsten Dinge: Bett, Waschraum, Getränkeautomat.

Er selbst schlief draußen in seinem Zelt und ich entschied mich dafür mein Zelt neben seinem aufzubauen. (Eine Nacht ohne Schnarchorchester ist wirklich unbezahlbar!)

Ich zog uns zwei kühle Bier und er sagte er heiße Antonio.

So ein kühles Bierchen schmeckt nach einem langen Wandertag in der Natur ungefähr 100 mal besser als sonst – das ist wie mit dem Jugendherbergstee, man fragt sich immer: Warum schmeckt der so gut? Das Geheimnis liegt in der ganztägigen Bewegung und abendlichen Belohnung.

Wie auch immer… nach ein paar Minuten der Kommunikation gemixt aus Englisch, Spanisch, Hand und Fuß legte er mir einen Zeitungsartikel einer deutschen Zeitung vor.

Der Artikel beschrieb seine Geschichte.

José Antonio Garcia Calvo überlebte 1998 als einziger unter 17 Männern ein Schiffsunglück, seitdem ist er auf Wanderschaft.

Er hatte bereits fantastische 106.000 km auf dem Buckel (20.000 km davon legte er mit dem Fahrrad zurück).

Er ist also bereits mehr als zweimal um die Welt gepilgert, durch Nepal, Südamerika, Europa…. unglaublich!!!

Als er nach Rom lief, hatte er eine Unterhaltung mit dem Papst und in Tibet wohnte er fünf Tage beim Dalai Lama…

Wau!

Und momentan arbeitet er drei Wochen als Herbergsvater.

Danach pilgert er natürlich in Richtung Santiago de Compostela, dann in seine Heimat Cadiz und danach wüsste er noch nicht, wo seine Pilgerreise hinginge. (Let’s see what mañana brings).

Eine ganz besondere Begegnung!

Als er mir einen „Buen Camino“ wünschte, bekam ich eine Gänsehaut.

Die erste Blase!

Mai 26, 2016

Nachdem ich wunderbar ausgeschlafen mein Zelt und meine sieben Sachen zusammenpackte, hatte ich eine unheimliche Wanderlust.

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Ich brauchte nur noch Verpflegung.

Aber es dauerte nicht lange und eine Bar zum Frühstücken kam zu mir und kurz darauf ein Supermercado, alle Reserven aufgefüllt und los geht’s.

Nach einigen Kilometern kam ich an eine Kreuzung mit zwei Wegweisern. Ich entschied mich für einen Weg.

Und dann hieß es die nächsten zwei Stunden bergauf (zwischendurch auch mal bergab, aber überwiegend bergauf).

Dann wurde mir klar, dass das der 800 Meter hohe Berg war, den ich auf Empfehlung des Pilgerführers umgehen wollte… naja:

Vorwärts immer, Rückwärts nimmer.

Aber diese Anstrengung fühlte sich gut an und ich konnte mir sicher sein, dass mich hier niemand störte.

Als ich wieder an der Küste ankam, traf ich auf eine demotivierte und nach einer Albergue suchenden Pilgerin. Die nächste war ca. 10 km entfernt und wir zogen uns gegenseitig dorthin.

Dort traf ich auch wieder bekannte und liebgewonnene Pilger, von denen ich mir sicher war, sie nicht mehr zu treffen.

Welch eine Freude.

Hinzu kamen zwei Überraschungen: ich war an diesem Tag 44 km gewandert und hatte mir endlich, nach ca. 600 km, eine Blase gelaufen, unter der Hornhaut!!! („Faszinierend“ wie mein alter Kumpel Mr. Spok diese Kuriosität kommentiert hätte).

Dieser Tag wurde mit einem Pilgermenü und guten Gesprächen ausgiebig zelebriert.

Kurzzeitiger Abschied von der Küste

Mai 27, 2016

Hoppla, nur noch 200 km bis Santiago de Compostela…

Entfernungen, die ich zu Fuß bewältige, relativieren sich. Mittlerweile bin ich durch das Baskenland, Kantabrien und Asturien gewandert. Die Strecken zeichneten sich vor allem durch schöne Küstenwege aus und nun stehen die letzten Etappen bevor.

Hasta luego, liebe Küste, wir sehen uns in Muxia und Finisterre wieder.

Nun geht es durch das Inland Galiciens.

Und siehe da, auch hier ist es schön!

Der Camino durch Galicien zeichnet sich durch wunderschöne Landschaft und wenig Infrastruktur, im Sinne von Bars und Supermärkten, aus.

Ein Vorteil ist ein Nachteil – und umgekehrt.

Heute morgen hatte ich eine besondere Begegnung. Aufstehen, Sachen packen, Frühstück im Cafe – Fehlanzeige… es war noch zu früh. Naja, dann halt nicht.

Ich machte mit ohne koffeinhaltige Starthilfe auf die Socken.

10 km mit permanenter Steigung durch das Gebirge. Es war atemberaubend, sowohl der Anstieg als auch das Naturschauspiel.

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Das Dorf, das ich hinter mir ließ, lag in Nebelschwaden, der Tau tropfte von den Blättern, die Sonne kam raus, Vögel zwitscherten, Grillen zirpten, der Bach rauschte.

Und auf einmal stand ein Schild vor mir „Breakfast donativo“ (was so viel heisst wie: bekommstn Frühstück und zahlst wasde willst).

Eine Frau bat mich herzlich in ihren Garten und brachte mir ein Frühstück mit Kaffee, Toast, selbst gemachter Marmelade und Kuchen.

Innerhalb weniger Minuten fühlte ich mich wie zu Hause. Sie sprach sehr gut Englisch, zeigte mir ihr Haus und ich half ihr beim Abwasch.

Sie gelangte vor drei Jahren zur Entschleunigung auf den Camino.

Danach entschied sie sich, dieses idyllische Häuschen zu kaufen und zu renovieren. Sie ist Malerin und beherbergt Pilger auf Spendenbasis.

Ich hätte dort den ganzen Tag verbringen können, aber nach zwei Stunden rief mich der Camino.

Ich setzte mich noch kurz in den Garten und genoß den Moment.

Dann nahmen wir mit einer herzlichen Umarmung Abschied, sie läutete dreimal an der Glocke über der Haustür und wünschte mir ein „Buen Camino“.

Buen Kamino

Mai 29, 2016

Das war ein Scheißtag!

Hangover deluxe (dank eines tollen Abends zuvor mit gemeinsamer Kochzeremonie & Vino tinto de la casa für 1,05 eur pro Flasche bis 2.30 Uhr – ich stellte fest, dass meine Leber proportional zu meiner Beinmuskulatur wuchs), Regen, Regen, Regen, kein Geld, kein Geldautomat, kein Essen mehr, kein Wasser mehr und das rechte Sprunggelenk ließ mich jeden Schritt spüren.

Die wunderschöne Waldlandschaft samt ihrer überfluteten und weichen Mooswege holte da auch nichts mehr raus.

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Die Etappe war „nur“ 24 km lang. Aber unter diesen Voraussetzungen fühlten sie sich an wie 42 km…

So, genug der Heulerei. Ich wollte hier nur mal wegdokumentieren, dass der Jakobsweg nicht jeden Tag Erdbeerkuchen bedeutet.

ABER: am Ende des Tages war natürlich wieder alles in Butter:

Dankbarkeit und Zufriedenheit machten sich breit – kleine, private Herberge, 10 Betten, von denen nur vier durch bekannte und nette Pilger belegt wurden, ich bekam etwas Geld von einer Pilgerin geliehen, es gab ein Superessen mit selbst gemachtem Käse, Trinken und einem ordentlichen Kamin, also quasi nem buen Kamino ;)

Das Ende ist nah!

Mai 30, 2016

Die Anzahl der Kilometerangaben auf den Wegweisern wird kleiner, auch das erste Straßenschild nach Santiago erscheint.

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Ich habe das Gefühl, dass in der Pilgergesellschaft um mich herum, der Drang, den Weg abzuschließen, größer wird.

Eine gewisse Kollektivaufregung liegt in der Luft.

Mich selbst zieht es ebenfalls sehr stark nach Santiago – ich möchte ankommen, aber eigentlich auch nicht, denn dann wäre es ja vorbei, bzw. dann wären es nur noch 100 km bis ans Ende der europäischen Welt, nach Muxia und Finesterre.

Meine Schuhe quietschen bei jedem Schritt und die Socken habe ich bereits zweimal gestopft.

Es ist für mich kein pilgern mehr, es geht darum, Kilometer zu laufen.

Die schöne grüne Landschaft hat eine inflationäre Wirkung auf mich – es gibt hier schliesslich keine Küste und kein Meer mehr.

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Und der hohe und permanente Niederschlag minimiert die Pilgerromantik.

Auch bin ich gespannt, wie es sein wird, wenn ich auf hunderte andere Pilger vom Camino Frances, Camino Primitivo und Camino Plata in Arzua (von dort sind es noch ca. 50 km) treffe.

Und natürlich auch, was mich in der Pilgerhauptstadt vor dem Herren erwartet. Party? Pilgerabschluss? Tausende Pilger? Pilgerkommerz?

Ich lasse mich überraschen…

Vielleicht wird es auch einfach nur wie ein großes Festival ohne gescheite Musik.

Naja, der Camino wird es schon richten.

One Beer – one stamp

Mai 30, 2016

100 km vor Santiago benötigt der Pilger, der ein Zertifikat / eine Compostella erhalten möchte, zwei Stempel pro Tag in seinem Credential.

Diese Stempel gibt es in einer Herberge oder in einer Bar.

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Da wir heute auf Tausende Pilger der verschiedenen Jakobswege stießen und es zuging wie auf dem Jahrmarkt, entschlossen wir uns dafür, an jeder Bar einen Stempel und ein Bier abzuholen.

Wir hatten allerdings unterschätzt, dass diese Strecke jeglichen kommerziellen Komfort für die Pilger bereithielt.

Somit legten wir die 25 km Strecke in satten 10 Stunden zurück und genossen den Pilgerstrom auf unsere spezielle und spirituelle Art und Weise.

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Wir bestaunten einige an uns vorbeiziehende Aussagen von Pilgern über andere Pilger wie „das sind doch gar keine richtigen Pilger“ oder „die lassen sich ihr Gepäck ja mit dem Bus hinterherbringen“ oder „Pah, die sind ja nur 100 km gelaufen“.

Urteil hin oder her, mir wurde erneut klar:

Jeder geht seinen eigenen Camino!

Angekommen?

Juni 2, 2016

Es war ein merkwürdiges Gefühl.

Die Kilometer schmolzen dahin, der Tourismus riss scheinbar nicht ab, im Gegenteil: es wurden permanent mehr Pilger… wo kamen die bloß alle her?

Ich lief bereits 800 km zu Fuß und verbrachte die vergangenen Tage im mañana Style (eine spezielle Philosophie, die sich im Laufe des Weges entwickelte: heute wird gelaufen und morgen? Morgen ist mañana!).

Teilweise verbrachte ich Stunden bzw. Tage entlang der Wanderwege völlig alleine, teilweise in Begleitung einzelner, teilweise mehrerer Pilger, die ich mir aussuchte oder sie mich (oder der Camino?).

Aber mittlerweile musste ich mich durch die Massen an Pilgerscharen durchwühlen.

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Ich erreichte nun endlich dieses Santiago de Compostela, stand auf dem Platz der Kathedrale und es war… furchtbar.

Kommerz, Kommerz, Kommerz – naja, auch der Jakobsweg ist ein Geschäftsmodell.

Und dieses erlösende und erhabene Gefühl, von dem ich hörte blieb aus.

Erst als ich in meiner Albergue saß und meiner Familie schrieb, dass ich in Santiago angekommen war, überkam mich ein überwältigendes und unbeschreibliches Gefühl.

Diese Stadt war auf keinen Fall mein Ziel, der Weg dorthin war es.

Und ich wollte weiterziehen, nach Finesterre, aber nicht, um dort meine Sachen zu verbrennen (wie es Tradition vieler Pilger vor mir war) und auch nicht, um meine Socken zu rauchen, sondern um mit meinem Freund „Peregrino Alternativo“ die Strände abzuklappern und ein paar Wellen zu reiten.

Doch zuvor zelebrierte ich diese wunderbare Zeit, meine persönlichen Erkenntnisse und die guten Gespräche mit meinen Mitpilgern.

Zunächst mit einer Handvoll Menschen an einem sonnigen Plätzchen in der schönen Altstadt, dann mit einer immer größer werdenden Runde Pilger, mit denen ich selbst den Weg geteilt hatte oder ein anderer.

Ich freute mich für und über Jeden, der bei uns war.

Es lag eine besondere Energie und Magie aus Zufriedenheit und Gemeinschaft in der Luft.

Ich hätte eine weitere Woche so verbringen können, aber der Camino nach Finesterre rief…

Angekommen!

Juni 3, 2016

Ich verließ zu einer gewohnt unchristlichen Zeit die Herberge und stellte mich an der Schlange wartender Pilger zur Ausgabe der Compostella an, derweilen machte ich mir Gedanken über das heutige was, wie und wohin.

Ich wollte nach Finesterre, ans Ende der Welt… dorthin, wo jeder Pilger mal gewesen sein muss, um den spektakulären Sonnenuntergang an der Westküste erlebt zu haben.

Aber vorher musste ich eine Bar mit Cafe con leche, Croissant und WIFI aufsuchen.

Ok, das Frühstück stand vor mir, wo wollte ich hin? Und warum?

In Finesterre ist es doch bestimmt so bumsvoll wie in Santiago und die Pilgerromantik wurde mir bereits vor 50 km von 1001 Pilger pro geraubt. Es ist schon eine gewisse Zeit her, dass ich Erwartungen an Erlebnisse oder einen Ort hatte…

Und auf einmal wurden die Vorstellungen, die nächsten Tage mit meiner wunderbaren Frau in einem Häuschen am Meer zu verbringen, immer intensiver. Ich wollte sie eigentlich erst in ein paar Tagen besuchen, aber sie hätte bestimmt nichts dagegen…

Auf den Gedanken folgte die Veränderung, folgte der Klick zur Flugbestellung, folgte die Abreise.

Ich sattelte die Hühner und setzte mich in den Zug, der mit einer ungewohnt hohen Geschwindigkeit zum Flughafen raste.

Ein paar Stunden später hatte ich hunderte von Kilometern zurückgelegt und war endlich angekommen, in meinem Santiago!

Atheist bleibt Atheist!

Juni 4, 2016

Auf dem Camino gibt es allerhand monumentale Denkmäler und Gotteshäuser zu bestaunen.

Die sind wirklich beeindruckend und es steckt soviel jahrhundertealte Überlieferung, Handwerkskunst und Erfahrung in den Bauten.

Allerdings werde ich auch mit der Historie und Ideologie von Religion (ungeachtet welcher Ausprägung) konfrontiert und nach meinem Geschmack tropft mir zu viel Blut aus den Fugen dieser Monumente.

Jeder sollte zu seinem eigenen Glauben finden dürfen und für mich ist eins klar:

Ich glaube an die Liebe, alles andere kommt von allein!

Danke…

Juni 6, 2016

…für dieses unvergessene und einmalige Erlebnis.

An meine Gesundheit, im speziellen meine Füße.

An meine Familie und meine Freunde!

An meine Mitperegrinos: Christiano, Mattheo, Lamberto, Stefan, Magic Merle, Olga, Bert, Paul, Giselle, Jessica, Marco, Wilfried, Yoshi, Bo, Simon, Kathrin, Katharina, Mark, Astrid, Eva, Mira, Dennis, Marc, Sebastian, Wolfgang, Antonio, Barbara, Achim, Christian, Nina, Philipp, Bego, Paul, Kurt, Nadine, Olli, Alexandra, Jenny, Basti, Harry, Janne, Rainer.

An die Herbergsväter und -mütter und alle hilfsbereiten Spanier.

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Mucias Gracias!

https://diespurdesphoenix.wordpress.com/