Mecklenburgische Seenplatte

Im April 2011 wurde im Herzen Mecklenburgs ein neuer Pilgerweg eröffnet.

Insgesamt 250 km leitet er durch die Landschaft der Mecklenburgischen Seenplatte. Abwechslungsreiche und zum Teil unberührte Natur lädt ein, in Stille zu gehen. Die Dichte an altehrwürdigen Kirchen ermöglicht in den meisten Dörfern Einkehr, Besinnung und Gebet. Pfarrhäuser, Einwohner am Weg, Hotels öffnen gern ihre Türen .

Andrea und Gert Kleinsteuber sind den Weg im Mai 2013 gewandert und haben diesen ausführlichen Bericht mitgebracht. Der Artikel steht im Original auf ihrer eigenen Webseite.

1. Etappe, Friedland – Staven 15 Kilometer

Der Himmelfahrtstag sollte unser erster richtiger Lauftag werden. Also hieß es, sich schon am Vortag mit den nötigsten Lebensmitteln einzudecken und dies alles im Rucksack mit zu nehmen.

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Krümel und Andrea am Etappenstart in Friedland

Auch aus dem Grund sind unsere Rucksäcke in Deutschland schwerer. Die Versorgung ist einfach schwieriger als an höher frequentierten Pilgerwegen wie beispielsweise in Spanien, wo sich am Weg durch die hohen Pilgerzahlen eine entsprechende Infrastruktur gebildet hat. In Deutschland dagegen gibt es in den Dörfern kaum noch feste Einkaufsmöglichkeiten und wenige Gastwirtschaften, die zur richtigen Zeit geöffnet sind, eine bedauerliche Entwicklung, die wir auch schon an der Via Regia zu spüren bekamen . Pilgerverpflegung ist in diesem Sinne recht eintönig, haltbare Wurst, meist Salami oder Schinken, ein Stück Käse, etwas Brot, ein paar Tüten instant Kaffee und Trinkwasser. Das war es schon. Von Friedland bis Staven gibt es keine Einkaufsmöglichkeit und am Feiertag wäre eh alles zu gewesen. In Staven wird nur eine kleine Verkaufsstelle betrieben, die aber meist schon geschlossen ist, wenn ein Pilger von Friedland aus eintrifft.

Krümel fuhr also zusammen mit uns am Morgen nach Friedland. Wir hatten es nicht eilig, da es heute nur 12 Kilometer sein sollten, die wir vor uns hatten. Er wollte dann weiter zurück nach Neubrandenburg laufen und am Abend unser Auto zurück vor sein Haus holen. Angekommen in Friedland war die Kirche entweder noch oder schon wieder verschlossen. Schade, wir hätten gern einen Stempel von hier im Pilgerpass gehabt.

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Am Ortsausgang von Friedland

 

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Hinter Friedland

Heraus aus der Kleinstadt nördlich von Neubrandenburg geht es durch die Mühlenstraße, an deren Ende sehr schöne alte Fachwerkhäuser stehen. An der Datze, einem kleinen aufgestauten Flüsschen, liefen wir angeregt plaudernd bei diesigem Wetter entlang. Man nennt es das Datzetal, obwohl von einem Tal nicht viel zu sehen ist. Gemächlich fließt der Fluss, der eigentlich ein Bach ist, durch das flache Land, durch Pappel Alleen, deren Bäume über und über mit Mispeln behangen sind.

Am schnurgeraden Verlauf des Flussbettes erkennt man, dass da der Mensch Hand angelegt hatte. Von den Feldern münden hier und da Entwässerungsgräben in der Datze. Man wechselt mehrmals die Uferseite. Aufpassen muss man an der Stelle, wo man das zweite Mal wieder zur linken Uferseite wechselt. Hier führt auch ein Weg nach halb rechts. Der richtige führt aber weiter die Datze entlang. Diese wie auch die nächste Abzweigung ist nicht beschildert. An der nächsten Brücke, vor der sich ein Wehr befindet, nimmt man die asphaltierte Straße nach rechts. Diese führt direkt nach Roga. Am Ortseingang von Roga ist schon von Weitem ein Storchennest zu sehen. Zu unserer Zeit saß bereits ein Storch auf dem Nest und brütete.

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Ortseingang Roga

Vorbei an der Kirche, die ebenfalls leider verschlossen war, kamen wir an einen Abzweig, der der Grund wurde, weshalb wir dann doch drei Kilometer weiter liefen an diesem Tag bis nach Staven. Auf einem kleinen Grünen Wegweiser, auf dem „Staven 4,5 km“ steht, ist auch eine Muschel angebracht. Nur leider zeigte dieses Schild in die falsche Richtung. Nach der Beschreibung und auch nach meinem gezeichneten Track geht hier der Weg geradeaus über einen Betonplattenweg aus dem Dorf heraus direkt nach Staven. Dieses Schild verwies uns aber nach links in Richtung Bassow, das selbst schon 3 km etfernt war. Wenn man die Muschel allein gedeutet hätte, deren Strahlen in die richtige Richtung zeigte und unter der kein kleiner Pfeil (wie später üblich) vorhanden war, wären wir hier richtig gelaufen. So haben wir uns aber von dem Schild wirr machen lassen. Möglich, dass ein Witzbold dieses Schild auch verdreht hat. Erfahren werden wir es wohl nie. Leider habe ich das Schild nicht fotografiert. Da wir aber auf der Karte sahen, dass es von Bassow ebenfalls einen 3,5 km langen Weg nach Staven gab, folgten wir Krümel, der in Richtung Neubrandenburg eh hier hätte links abbiegen müssen.

Die Etappen von Friedland nach Neubrandenburg unterscheiden sich landschaftlich deutlich von den nachfolgenden. Von Seen und Wäldern ist weit und breit nichts zu sehen. Dafür gibt es weites Land mit einzelnen „Inseln“ auf denen Bäume stehen. Alles war um diese Jahreszeit saftig grün und die Rapsfelder leuchtend gelb. So bekommt man auch Tiere vor die Kamera, die als sehr scheu gelten, wie hier diese Kraniche.

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Sind wir wirklich richtig?

Einen Kilometer hinter Roga (Roga Ausbau) sahen wir ein paar kleine Findlinge unter einer großen Linde liegen, eine willkommene Einladung zu einer kurzen Rast. Nochmals holten wir die Wegbeschreibung heraus, um bestätigt zu bekommen, dass wir etwas abgekommen waren vom Weg. Ein Anwohner, der neugierig geworden war, kam zu uns und wir erzählten ihm natürlich, was wir hier treiben. Etwas verwundert verschwand er wieder in seinem Haus und wir hievten die Rucksäcke wieder auf den Rücken, um weiter zu ziehen. Schnell waren wir dann in Bassow, wo wir uns nochmals bei Krümel für die Gastfreundschaft bedankten und uns von ihm verabschiedeten. Man sieht sich immer zwei mal im Leben, rief ich ihm zu. Und das sollte keine Drohung sein.

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Löwenzahn – Wiese hinter Bassow

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Ortseingang Staven

Und während er mit erhöhtem Tempo weiter in Richtung Neubrandenburg zog, bogen wir rechts ab, um gemächlich durch vom Löwenzahn gelb gefärbte Wiesen und einen kleinen Wald in Richtung Staven zu wandern. Nach dem trüben Wetter am Vormittag, mit ein paar Regentropfen, die aber nicht rechtfertigten, die Regenkleidung anzuziehen, kam nun sogar die Sonne heraus. Trotzdem blieb es kühl, eigentlich ideales Wanderwetter. Staven kam bald in Sicht und aus der

Ferne vernahm man aus einer Gartenanlage Party – Stimmung. „Ach ja, es ist ja Himmelfahrt / Männertag. Mann, so weit gelaufen und nicht mal ein Bier bekommen.“ Das hatte ich auch noch nie. Etwas neidisch horchte ich, wo der Lärm her kommt, um dann schließlich festzustellen, dass es leider doch eine private Feier und keine Gartenkneipe sein muss. Zu Hause fuhren die Kumpels jetzt mit dem Rad von Kneipe zu Kneipe. Was soll´s – weiter!

Schnell hatten wir das Pfarrhaus gleich hinter der kleinen Kirche gefunden.

 

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Pfarrhaus Staven

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Pilgerzimmer im Pfarrhaus

Kurz nach dem Klingeln rappelte es hinter der Tür. Wir hatten uns zwar angemeldet, aber nicht abschätzen können, wann wir eintreffen. Und so waren wir froh, als Frau Kretschmer öffnete und uns freundlich ins Haus bat. Nach einer kurzen Einweisung im Erdgeschoss, führte sie uns eine steile Treppe hinauf ins Dachgeschoss, wo zwei kleine Zimmer für die Pilger bereitgehalten werden.

Wir zählten fünf Schlafmöglichkeiten auf Betten oder Liegen in den zwei Zimmern. Ein paar Blumen standen auf dem Tisch und neben der Bibel stand eine Flasche Mineralwasser mit Gläsern. Hier fühlten wir uns sofort willkommen. Im Erdgeschoss befindet sich das Bad, das WC und eine kleine Küche mit allem, was man benötigt. Frau Kretschmer zeigte uns auch den großen Garten mit Schafen, einem kleinen Teich und einem Gewächshaus. Nach dem wir alles im Haus erledigt hatten (Dusche, Betten machen, Essen), setzten wir uns noch eine Weile im Garten in die Sonne. Frau Kretschmer und später Herr Kretschmer, der der Pastor in Staven und in mehren umliegenden Gemeinden ist, kamen hinzu und wir unterhielten uns über den Weg, über unsere Beweggründe zu pilgern und über die umfangreiche Arbeit eines Pastors. Schon auf dem ökumenischen Pilgerweg haben wir von den vielfältigen Aufgaben und dem langen Arbeitstag eines Pastors erfahren. Wie im weltlichen Sektor gibt es offensichtlich auch bei der Kirche Personalmangel und man muss Hochachtung aufbringen für diese Arbeit am Menschen. Hier wie auch in nachfolgenden Pfarrhäusern, in denen wir aufgenommen wurden, hatten wir den Eindruck, dass so ein Pastor viel Zeit im Auto verbringt, um von einer Gemeinde zur anderen zu fahren. Die Zeiten, wo jedes Dorf „seinen“ Pastor hat, sind lange vorbei. Das hatte ich auch schon zu Hause festgestellt. Ja und dann erklären sich solch eigentlich bereits voll ausgelasteten Menschen auch noch bereit, Pilgern Unterkunft zu bieten. Da kann man nur den Hut ziehen und danke sagen.

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Im Pfarrgarten

Als es draußen zu kühl wurde, lud uns Familie Kretschmer in ihre Küche zum Abendessen ein. Vielleicht war es etwas unhöflich. Aber wir mussten das Essen leider ablehnen, denn erstens hatten wir bereits gegessen und zweitens, alles was wir heute essen, müssen wir morgen nicht im Rucksack weiter schleppen. Man wird ziemlich geizig und sparsam auf so einem Pilgerweg. Man wirft nichts weg und da wird auch mal ein Brötchen gegessen, was schon zwei Tage alt ist. Man lässt es im Rucksack, weil man nicht genau weiß, wann man wieder zum Einkauf kommt. Wir bedankten uns aber herzlich und setzten uns wenigstens mit an den Tisch. Herrn Kretschmer versprach ich, Rückmeldung zu geben wenn wir unseren Weg beendet haben, was zwischenzeitlich bereits erfolgt ist. Er liest sicher auch hier mit und ich grüße ihn herzlich. Vielleicht kann er dabei helfen diesen oder jenen gut gemeinten Hinweis umzusetzen.

In der Dämmerung verzogen wir uns in unser Kämmerlein. Draußen hatte einsetzender Regen die Männertagsfeierlichkeiten in der Nachbarschaft zum Verstummen gebracht. Auch die verführerisch duftenden Grills, die überall ihre blauen Rauchsäulen in den Himmel steigen ließen, waren verschwunden. Der erste Tag war ein voller Erfolg. Wir waren bereits weit weg vom Alltag, hatten einen sehr schönen Weg und wurden liebevoll aufgenommen in Staven. Morgen ist es etwas weiter bis nach Burg Stargard und wir wollten etwa 8 Uhr los laufen. Das hieß, dass gegen 7 Uhr die Nacht vorbei sein würde. Ein Vorteil so einer Pilgerreise ist, dass man was hat vom Tag und nicht bis in die Puppen im Bett liegt. So wie das Vorankommen vergeht auch die Zeit scheinbar langsamer.

Na denne, gute Nacht und bis morgen.

2. Etappe, Staven – Burg Stargard, 28 km

Der Wecker musste gar nicht zum Aufstehen rufen. Wir waren eigentlich schon lange wach, als die bekannte und manchmal auch verhasste Melodie erklang. Obwohl man recht zeitig aufsteht, schläft man auf dem Weg eigentlich sogar länger als zu Hause. Man geht fast immer früh zu Bett. Fernsehen oder andere Freizeitdiebe gibt es nicht. Man ist auch weit weg vom Weltgeschehen, von Skandalen, vom Mord und Totschlag und allen negativen Schlagzeilen die in unseren Medien reißerisch aufgemacht werden. Man glaubt gar nicht, wie gut das tut. Wir hören und sehen mittlerweile bewusst weg, um unsere innere Ruhe schneller zu finden. Ein schönes Beispiel war der Skandal mit den angeblich Viren verseuchten Gurken in Spanien im Mai 2011. Da wir nichts davon verstanden, was in den überall flimmernden Bar – Fernsehern lief, glaubten wir in Anbetracht der immer wieder gezeigten Gurkenbilder an Berichte über eine gute Gurkenernte. Wir waren unbewusst einer (wie sich später herausstellte) unbegründeten Hysterie entgangen. Das sollte uns eine Lehre bleiben.

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Noch schnell einen Kaffee und los!

Schnell war alles wieder in den Rucksäcken verpackt. Dabei machten sich die neuen Rucksäcke sehr gut. Durch die Möglichkeit diese nicht nur von Oben, sondern auch über einen großen Reißverschluss – Zugang von Vorn zu packen, bekam man schnell Ordnung im Gepäck. Eine Gefahr birgt natürlich ein größerer Rucksack. Man erliegt all zu schnell der Möglichkeit, zu viel oder unnützes Zeug einzupacken. Da musste ich mich ganz schön zusammenreißen.

Nur noch einen Kaffee und ein Stück Brot mit Marmelade, dann konnte es los gehen. Verabschiedet von den Kretschmers hatten wir uns schon am Abend. Und so wollten wir so früh am Morgen nicht stören.

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Feldweg hinter Satven

Der Weg aus Staven heraus ist gut gekennzeichnet. Gleich neben der Kirche steht eine Informationstafel. Wir mussten in Richtung Neuenkirchen gehen. Es ist noch etwas diesig und ziemlich kalt. Hinter alten still gelegte Bahngleise geht es außerhalb von Saven gleich rechts in leichtem Auf und Ab einen Sandweg entlang. Kurz vor Neuenkirchen die Autobahn A20, die man über eine Brücke überquert. In Neuenkirchen ist der Weg sehr gut gekennzeichnet. Hier wollten wir nach der ersten Etappe ursprünglich übernachten, da uns die 12 Kilometer bis Staven als etwas zu kurz erschienen. Wegen des Feiertages am gestrigen Tag waren die Quartiergeber aber leider nicht zu Hause. Auch die Bemühungen von Frau Albrecht eine andere Unterkunft in Neuenkirchen zu organisieren oder einen Stellplatz für unser Zelt blieben erfolglos. Und so zogen wir durch das erwachende Dorf. Viele hatten offensichtlich den Brückentag genutzt, um frei zu machen.

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Luftfahrtausstellung in Neuenkirchen

Plötzlich ein Anblick, der so gar nicht in die dörfliche Idylle passte. Da standen auf einem großen Grundstück Jagdflugzeuge und Militärhubschrauber in großer Anzahl. Das sehen wir uns näher an, sagte ich. Und schon verließen wir den gekennzeichneten Weg. Und richtig, hier standen Mig 17, 21 und 23 neben diversen imposanten Hubschraubern in erstaunlich gutem Zustand. Ein Schild am Tor brachte Aufklärung. Es handelt sich um das Gelände des Interessenvereins Luftfahrt Neuenkirchen e.V.. Öffnungszeit ist nur Sonntags ab 16 Uhr. Irre, auf was für Ideen man so kommt. Ein paar Fotos und schon zeihen wir weiter.

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Wegweiser hinter Neuenkirchen

Am Ortsausgang muss man etwas aufpassen, um das kleine Schildchen mit der Muschel nicht zu übersehen. Dieses wies uns auf einen schwarzen Feldweg, der halb links von der Asphaltstraße abzweigt. Am rechten Wegesrand befand sich eine eingezäunte Buschreihe, in der sich ein Rehbock verirrt hatte. Völlig hektisch versuchte er auszubrechen, als er uns bemerkte, was ihm nach vielen Fehlversuchen, bei denen er gegen den Drahtzaun sprang, dann endlich gelang. Mit seltsamen Geräuschen, die wie ein Schimpfen klangen, sprang er durch das Rapsfeld davon. Auf dem Video konnte ich das einigermaßen festhalten. Überhaupt ist so eine offene Landschaft besser geeignet, Tiere zu beobachten.

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Gerade noch erwischt vor dem Abflug

Und so bemerkten wir auch wieder einige Kraniche. Leider diese uns auch. Und so flogen sie unter den typischen eindringlichen Rufen davon. Gar nicht mehr weit entfernt sahen wir bereits die Neubaublöcke von Neubrandenburg. Doch wie der gesamte Weg verläuft dieser selten direkt zum Ziel und so zogen wir noch manche Schleife, gingen einmal sogar in der entgegen gesetzten Richtung, um dann wieder auf die Datze zu treffen. An dieser entlang führt der Radweg von Friedland nach Neubrandenburg und man kann sich dann auch nach der Radwegbeschilderung richten. Die Datze hat nun auch ihre wahre Größe angenommen. Man hätte bequem drüber springen können.

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Wiese vor Küssow

In einem Unterstand am Radweg machten wir nochmal Rast, um dann weiter nach Küssow, einem Vorort von Neubrandenburg zu laufen. Die Sonne kam nun heraus und die Natur sah plötzlich noch lebendiger aus. Das frische Grün im Kontrast zu den leuchtend gelben Rapsfeldern blendeten fast das Auge. Nach dem langen Winter schien nun alles auf einmal aufzubrechen, wie eine Staumauer, die man plötzlich öffnet. Vor Küssow dann ein kleines Hindernis, eine geschlossene Bahnschranke. An dieser muss man einen Knopf betätigen, wenn man drüber will. Und sollte sich kein Zug angemeldet haben, öffnet sich diese auch nach dem Ruf sofort.

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Kirchenruine in Küssow

Kurz hinter der Schranke sollte man den Blick nach links wenden. Dort befindet sich ein kleiner Friedhof und auf diesem in mitten eines gepflegten Rasens die Ruine einer alten Feldsteinkirche, die man sich unbedingt ansehen sollte. Es ist erstaunlich welche Ausstrahlung auch solch eine Ruine haben kann. Wieder zurück auf der Straße gingen wir durch eine gepflegte Siedlung bis zur B104. Hier verweist die Muschel nach rechts. Doch keine Angst, man muss nicht auf die Bundesstraße. Auf einem Radweg gingen wir etwas Abseits der viel befahrenen Straße durch eine Gartenanlage. Doch dann verschluckt einen die Stadt. Überall Autohäuser, Tankstellen und Hochhäuser. Nach der langen Zeit in weiter Flur kommt man sich reichlich deplatziert vor. Viele Passanten oder die Autoinsassen, die an den Ampeln standen, schauten recht irritiert auf uns, die wir mit unseren Rucksäcken brav an den Fußgängerampeln warteten.

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2. Frühstück in Sicht

Dann in der Ferne ein großes Werbeschild „Kaufland“. Da gibt´s zweites Frühstück! Also hin. In der Hektik des Wochenendeinkaufs, man muss bedenken, es war gerade Feiertag und da sind die Kühlschränke natürlich leer vor dem Wochenende, kamen wir uns noch deplatzierter vor. Wir verzogen uns in eine Imbiss – Ecke zwischen einem Bäcker und einem Fleischer. Vom einen gab es Kaffee und vom anderen Baguette mit irgend was drauf. Laufend schielte jemand auf unsere abgestellten großen Rucksäcke. Keiner wagte aber einfach mal zu fragen. Komisch diese Städter, auf dem Land wären wir schon lange in einem ausgiebigen Gespräch vertieft. Die Stadt dagegen ist anonym und kalt, noch dazu in einem solchen Neubauviertel. Nee, da würde mich niemand hin kriegen. Ich bleib auf dem Lande. Da weiß zwar jeder von jedem fast alles, was manchmal auch peinlich sein kann. Aber alles ist freundlicher, wärmer und herzlicher. Na ja, bis auf ein paar Nörgler, Streithähne und Spaßverderber hinterm Maschendrahtzaun, die es halt überall gibt, die aber auch bald ganz einsam werden auf so einem Dorf.

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Kleiner Tiergarten im Lindetal

Wie schon geschrieben, wollten wir nicht noch einmal durch die Innenstadt Neubrandenburgs. Und so bemühte ich die Karte in meinem GPS Gerät, um den kürzesten Weg ins Lindetal zu finden. Dort trifft man wieder auf den Pilgerweg, den wir nun verließen. Durch großzügige Grünanlagen fanden wir schnell den steilen Abstieg in des idyllische grüne Tal. Man glaubt kaum soeben noch in einer Plattenbausiedlung gewesen zu sein. Unten angekommen, fanden wir einen kleinen Tiergarten vor, der durch Behinderte betreut wird. Rechts und links des Weges war ein Barfußweg angelegt, der in der Durchquerung einer Furt durch die Linde und in einem Streifen mit Glasbruch für die ganz mutigen gipfelte. Burg Stargard ist bereits ausgeschildert und hier und da findet sich auch eine Muschel. Beachtet man beides, kann man sich nicht verlaufen.

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Im Lindetal

Entlang der Linde, einem etwa 3 Meter breiten Flüsschen, welches sich durch das teils sumpfige Tal schlängelt, wanderten wir durch einen üppig grünen Laubwald. Links des Weges betrachteten wir und die Ruinen einer alten Papiermühle, die einst vom Wasser der Linde angetrieben wurde. Der Schornstein, der da plötzlich im Wald auftaucht, ist kaum zu übersehen und wirkt ziemlich seltsam so mitten im Wald stehend. An einer Lichtung mit Bänken waren noch die Hinterlassenschaften einer Männertagsfeier zu sehen. Hier waren es noch 3,5 Kilometer bis Burg Stargard. Es ging leicht berauf und neben uns wurde eine Schafweide eingezäunt, für eine große Herde, die etwas abseits eingepfercht vor sich hin blökte. Kurz vor der Kleinstadt geht es noch mal durch einen Wald und auf einer Bank links am Wegesrand saßen vier Frauen im reiferen Alter, die sich offenbar auf einer Radtour befanden und diese nun mit einem Piccolöchen krönten. Gut gelaunt sprachen sie uns an und wir stillten natürlich ihre Neugier. Und schon fand sich eine der Damen, die ebenfalls schon in Spanien gepilgert ist. Sofort wurde das Gespräch zur Fachsimpelei. Man wollte das Gewicht unserer Rucksäcke wissen und diese sogar aufsetzen. Es war ein lustiger Abschluss unseres heutigen Weges. Mit einem Hinweis, wo wir in Burg Stargard entlang laufen müssen, um zu unserer Unterkunft zu gelangen, verabschiedeten sie sich von uns, um uns später laut rufend noch einmal am Ortseingang mit ihren Rädern zu überholen.

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Villa Martha in Burg Stargard

Die „Villa Martha“ eine kleine Pension, die für Pilger preiswerte Zimmer anbietet, war schnell gefunden. In Burg Stargard gibt es noch eine zweite private Unterkunft bei Frau Heinke im Sabeler Weg 5. Dort hatte ich auch angefragt, wurde aber leider etwas zu spät zurück gerufen. Schade, dort wäre es sicher auch sehr nett gewesen. So bekam ich aber von Frau Kämig, der Betreiberin der Pension „Villa Martha“ am Telefon zu hören: “ Na für Pilger haben wir doch immer einn Bett“. Sehr schön! Herr Kämig, der auch schon gepilgert ist, empfing uns freudig an der Tür. Er führte uns in ein sehr schönes Zimmer – purer Luxus für Pilgerverhältnisse und deren Erwartungen.

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Stadtkirche St. Johannes

Nach dem Auspacken, das hier nicht so umfangreich ausfiel, da wir die Schlafsäcke nicht benötigten, einem Bad in der Wanne und der notwendig gewordenen Wäsche gingen wir für einen kleinen Einkauf, einen Kaffee, ein Eis und ein Bier auf den Marktplatz gegenüber der Stadtkirche St. Johannes. Einkaufen mussten wir, da es bis Carpin, das wir erst übermorgen passieren würden, keine Einkaufsmöglichkeit gibt. Also hieß es wieder etwas auszuwählen, was nahrhaft ist, leicht und nicht so schnell verdirbt. Zu Hause sucht man immer nach großen Packungen für wenig Geld. Hier geht es nur noch ums Gewicht und das geringe Packmaß. Der Preis spielt eine untergeordnete Rolle. Als eiserne Reserve haben wir aber immer etwas Trockenobst, einige Müsliriegel und Nüsse dabei. Das macht schnell satt und gibt Energie. Für den Abend kauften wir noch ne Flasche Rotwein, welche wir im Garten der Pension beim Abendessen leerten.

Der zweite Tag war nun auch schon Geschichte. Und die Bilder, die ich vom Weg vorher im Kopf hatte, stimmten so gar nicht mit der Wirklichkeit überein. Alles war bisher noch schöner und noch interessanter. Vor allem hatte ich nicht gedacht, so viel Kontakt mit den Menschen auf dem Weg zu bekommen, ein Eindruck, der sich in den nächsten Tagen noch verstärken sollte.

Unter einem herrlich kitschigen gold gerahmten Bild mit einem Jungfernreigen schliefen wir in den super bequemen Betten schnell ein. Morgen sind es 21 Kilometer bis Rödlin, eine Entfernung, die uns kaum schrecken kann.

3. Etappe, Burg Stargard – Rödlin, 21 Km

Gut haben wir geschlafen unter dem Jungfernreigen im Goldrahmen. Um halb Acht gab es Frühstück – und was für eins. Frau Kämig hat den ganzen Tisch voll gestellt mit Sachen, die ein Pilger in Selbstverpflegung sonst seltener zu Gesicht bekommt.

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Üppiges Frühstück in der Pension Villa Martha

„Wer soll das alles essen?“ fragte ich. Und schon machte ich mich über die gekochten Eier her. Zwei Semmeln wanderten dann noch in den Rucksack. Die Kämigs mögen es nachsehen. Noch ein kurzes Schwätzchen mit der Chefin, die uns dann noch die Pilgerstempel in den Pilgerpass drückte. Und schon standen wir wieder um 8 Uhr auf der Straße. Diese Herberge können wir vorbehaltlos empfehlen, waren wir uns einig.

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Hinauf zur Burg Stargard

Der Weg führt gut gekennzeichnet aus der Stadt heraus in Richtung Burgberg. So ein Burgberg gleich am Morgen ist gar nicht so mein Fall – vor allem nicht nach so einem Frühstück. Schnaufend setzte ich einen Fuß vor den anderen um mich nach oben zu wuchten. Mein Rucksack wollte eindeutig in die entgegen gesetzte Richtung. Ich hatte noch immer nicht die idealen Einstellungen gefunden. Die Last sollte in der Hüfte auf den Beckenknochen! Die muss man erst mal finden bei mir, von ner Hüfte ganz zu schweigen. Bei mir gibt´s nur zwei Alternativen, entweder über dem Bauch oder darunter. Ich entschied mich für darunter weil mein Bauch erst sehr weit oben aufhört. Und so stellte ich die Schultergurte so lang wie möglich ein, damit die Last wirklich auf den Hüftflossen des Rucksackes liegt. Dadurch schaukelte er etwas hin und her beim gehen. Ne Weile ging das ganz gut, dann bekam ich Kreuzschmerzen, die ich durch eine für mich untypisch hohe Pausenfrequenz bekämpfte. Andrea begann sich schon zu wundern.

Doch noch war es nicht so weit, wir sind noch beim Anstieg zur Burg. Dickes Kopfsteinpflaster in einem Hohlweg gibt den Schuhen schlechten Halt. Und so bin ich wieder mal froh, dass ich wenigstens einen Trekkingstock in der Hand halte.

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Burg Stargard

Die Burg Stargard haben wir uns nur von Außen angesehen. Ich weiß auch gar nicht, ob sie schon offen war um diese Zeit. Außerdem war Samstag. Vielleicht beim nächsten Mal. Dann ging es endlich wieder etwas bergab. Man, das ist ja wie in Thüringen! Ein Mann kam uns nach und fragte neugierig, wo wir denn her kommen und wo wir hin wollen. Brav sagten wir das, was wir in diesen Fällen bisher immer geantwortet haben. Dass wir auf dem PWMSP (hab ich natürlich ausgesprochen) sind und am Donnerstag in Friedland gestartet sind. Und das wir heute noch bis Rödlin wollen und dann die kommenden Tage nach Fürstenberg und Mirow wollen, um dann entgegengesetzt des eigentlichen Wegverlaufes über Neustrelitz wieder zurück nach Neubrandenburg zu gelangen. Ob er uns so richtig geglaubt hat, blieb ungewiss. Denn er schaute etwas seltsam. Aber es sollte nicht die letzte Begegnung mit ihm sein.

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Rast vor Holldorf

Im anschließenden Waldstück vor Holldorf machten wir wieder mal Rast. und ich schaute hier nicht so glücklich aus, weil ich immer noch mit meinem Rucksack kämpfte. Andrea wollte mir was abnehmen -na so weit kommt´s noch! Ich sollte das Zelt zurück lassen in der nächsten Herberge und später mit dem Auto abholen. Nein! – meine trotzige Antwort. „Wir brauchen das noch“.

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Waldpanorama

Hinter Holldorf geht es ausnahmsweise mal auf der Straße entlang. Und kurz vor Ballwitz quälte mich plötzlich ein dringendes menschliches Bedürfnis. Und es quälte mich wirklich sehr sehr dringend! Und wenn man mal einen braucht, ist eben kein Busch in der Nähe. Also ging ich etwas verkrampft durchs Dorf und erspähte eine Bank an einem Weiher. Wenn ich mich da ne Weile hinsetze, vielleicht vergeht´s wieder. Es verging nicht! Und dann eine Begebenheit, die man nur auf einem Pilgerweg erleben kann. Denn für jedes Problem kommt plötzlich wie aus dem Nichts eine Lösung daher.

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Rettung in der Not – das Pfarrhaus in Ballwitz

Diese Lösung bestand im Pfarrhaus von Ballwitz, dessen Tür ganz weit offen stand. Das schickt der Himmel! dachte ich mir. Ohne an den tieferen Sinn der Redewendung zu denken. Eh es zu spät war, rannte ich ohne Rucksack und Stock zu der Tür. Eine Frau wischte gerade den Hausflur. „Oh je, jetzt komm ich auch noch ungelegen. Ist der Pastor da?“ Und schon stand ich drin. Ich hatte es ja eilig, wollte aber nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Ich klopfte an der Bürotür und trat ohne auf Antwort zu warten ein. Herr Rudolph, so heißt der Pastor wie ich später erfuhr, war in ein Telefongespräch vertieft und bat mich, mal kurz draußen zu warten. Natürlich antwortete ich etwas zerknirscht. Kurze Zeit später bat er mich herein. Gleich setzte ich an mit meinen Erklärungen, wer und wo und warum…. „Moment bitte“ und er räumte einen kleinen runden Tisch frei, an dem zwei Sessel standen. „Setzen wir uns doch erst einmal“. Na gut, dachte ich, besser ist es und höflich auch. Und die Schweißperlen standen mir wahrscheinlich schon auf der Stirn. Meine Erklärungen wiederholte ich in rasendem Tempo und kam dann endlich zum eigentlichen Grund meines Überfalls. „Natürlich haben wir hier eine Toilette“. Und er zeigte mir den Weg. In meiner Hektik übersah ich fast, dass die Klobürste im Becken stand. Was ich aber übersah, dass es an Papier fehlte. Zum Glück gab es noch eine Nachbarbox, in der welches war. Mann war ich erleichtert. Da wird so ein Tag gleich richtig entspannend.

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In der Kirche von Ballwitz

Zurück zu Herrn Rudolph ging dieser noch mit uns zur Kirche und erzählte uns etwas aus der Geschichte dieser. Wie es z.B. zu dem modernen Taufbecken kam oder woher der Kronleuchter stammte. Zum Schluss legte er uns noch nahe, unbedingt die Kirche in Zachow zu besuchen. Und gab uns einige Tipps, wie wir an den Schlüssel kämen, falls sie verschlossen ist. Wir bedankten uns herzlich und machten uns wieder auf den Weg. Ein Sandweg führte uns dann nach Zachow, das nur 2,5 Kilometer weiter entfernt ist. Vorher jedoch noch eine Begegnung, die uns zum lachen brachte. Da kam doch tatsächlich der Herr, der uns am Morgen ausgefragt hatte, mit einem Tandem angefahren, hinten drauf seine Frau. Er grüßte mit wilden Handbewegungen und sie schaute uns ungläubig an. „Ich wette, seine Frau hat ihm nicht geglaubt und nun wollte er den Beweis antreten, dass da wirklich zwei Irre mit dem Rucksack zu Fuß nach Mirow wollen.“ so meine Erklärung.

Gleich am Ortseingang von Zachow fiel uns ein großes Grundstück auf, mit Reithalle und einem Oval für Pferderennen. Auf der großen Koppel liefen Islandponys umher, ein Anblick, den man in Deutschland so nicht vermutet. Hier hat jemand mit sehr viel Geld sich nieder gelassen und das in einem winzigen Ort ohne Durchgangsverkehr – seltsam. Es führt nur eine befestigte Straße nach Zachow und groß schien es nicht zu sein.

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Dorfkirche Zachow

Sofort im Dorfbild fiel uns die kleine Kirche auf, ein rechteckiger Fachwerkbau mit einem hölzernen, pyramidenförmigen Glockenturm. Dieser Anblick war ebenso ungewöhnlich. Doch das Dorf sollte noch ungewöhnlicher werden und uns zum Staunen bringen. Gleich hinter der Kirche befindet sich die Pilgerherberge der Familie Rhode-Schäper, von der wir bereits wussten, dass an diesem Wochenende niemand zu Hause war. Gleich daneben noch ein schmuckes Eigenheim, aus dessen Tür eine Frau auf uns zu kam. Wir fragten nach dem Grundstück, dass uns Herr Rudolph wegen des Kirchenschlüssels genannt hatte. „Den Kirchenschlüssel? Den hab ich auch. Wollen Sie sich auch unsere Schmiede ansehen?“

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Die Schmiede

Gern, sagten wir. Und schon verschwand sie wegen des Schlüssels, um mit uns wenig später zur Schmiede zu gehen. Die Schmiede war nie eine solche. Sie ist nur im Stil einer alten Dorfschmiede neu aufgebaut worden und beherbergt nun ein Dorfgemeinschaftshaus. Wir staunten nicht schlecht, als wir den Raum betraten. Nun muss man wissen, dass wir zu Hause in unserem Dorf, welches immerhin über 800 Einwohner hat, in einem Heimatverein aktiv sind, der seit Jahren um ein größeres Vereinshaus kämpft. Bei jeder Versammlung hoffen wir, dass nicht alle Mitglieder kommen. Aber seit wir in die große Kreisstadt Delitzsch eingemeindet worden sind, ist unser Ortsteil nur noch das fünfte Rad am Wagen und die Mittel werden nicht danach verteilt, wie viele Aktivitäten im Ortsteil es gibt, sondern schön gleichmäßig nach dem Prinzip Gießkanne. Auch wenn bei uns richtig was los ist, werden wir genau so behandelt wie ein Ortsteil, in dem „tote Hose“ herrscht.

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Gemeinschaftsraum in der Schmiede

Nun mussten wir hier erfahren, dass in einem 68 Einwohner Dorf es möglich ist, dass fast die Hälfte der Einwohner in einem Kulturverein organisiert ist, der sich um die Kirche kümmert, vielfältige Kulturveranstaltungen organisiert und sowas wie die Schmiede aus dem Boden gestampft hat. Das fordert schon gehörigen Respekt ab. Im schön gestalteten Vereinshaus werden alte Schmiedewerkzeuge und Geräte, die in der Umgebung zusammen gesammelt wurden ausgestellt. Der Verein ZINNOBER Kulturkreis Zachow e.V., wie er offiziell heißt, hat ein proppe volles Jahresprogramm und wir kamen gerade recht, um uns eine Bilder- und Skulpturenausstellung der beiden Künstler Siegfried Besser und Anke Besser-Güth aus Sachsen anzusehen.

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Ausstellung in der Zachower Kirche

Die beiden unterstützen den Verein seit Jahren beim Kampf um die alte Kirche. Zu DDR Zeiten sollte das Dorf entvölkert werden. Unter dem Slogan „Stirbt die Kirche, stirbt das Dorf“ richten sich nun alle Bemühungen, gleich ob christlich motiviert oder nicht, für den Erhalt des Dorfmittelpunktes. Im hölzernen Glockenturm sind Balken verbaut, die nachweisbar aus dem 15. Jahrhundert stammen. Und dieser Glockenturm ist baufällig, so dass die Glocke nicht mehr geläutet werden darf. Durch solche Veranstaltungen wie heute wird Geld gesammelt. Auch die Reemtsma Stiftung konnte als Geldgeber gewonnen werden. 50.000 Euro hat die Stiftung zugesagt.

Neuster Cup war ein Stand auf dem Evangelischen Kirchentag in Hamburg. „Zachower Kirche auf Rädern – und alle ziehen mit“ heißt es auf einem Flugblatt, mit dem die Zachower auf das Problem mit ihrer Kirche aufmerksam machen wollten, um weitere Mittel zu bekommen. Die Zeit drängt und dieses Kleinod muss erhalten werden. Es wurde ein Finanzbedarf von 372.300€ ermittelt. Unter folgender Kontonummer wurde ein Spendenkonto eingerichtet:

Spendenkonto „Kirche Zachow“, KKV Neubrandenburg, EKK – BLZ 520 604 10, Konto-Nr. 105370019.

Wir haben vor Ort etwas gespendet. Sollte sich einer meiner Leser ebenfalls bereit erklären, etwas beizutragen, würde es mich sehr freuen und den Verein natürlich auch. So fasziniert wir von den Ausführungen auch waren, irgend wann mussten wir weiter. Und so verabschiedeten wir uns von Zachow und den rührigen Einwohnern. Und nehmen mit nach Hause, dass vieles geht, wenn alle an einem Strang ziehen.

Hinter Zachow erreicht man bald ein größeres Waldstück. Hier und da sah man sumpfige Stellen im Wald, weswegen  hier wieder unser Antibrumm zum Einsatz kam. Über idyllische Waldwege ging es etwas im Zickzack bis nach Wanzka. Bemerkens- und sehenswert in Wanzka ist das ehemalig Zisterzienserinnenkloster aus dem 13. Jahrhundert. Das Tor und die Klosterkirche sind das einzige, was noch zu sehen ist von der Klosteranlage. Das Kloster wurde nach dem dreißigjährigen Krieg als Steinbruch genutzt, nachdem es während der Reformation aufgehoben wurde. Die Klosterkirche wurde nach einem verheerenden Brand fast völlig zerstört, jedoch wieder aufgebaut.

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Wanzkaer See

Lange hielten wir uns nicht auf in Wanzka, hatten wir doch in Ballwitz und Zachow lange Pausen gemacht. Nur am Wanzkaer See legten wir noch mal kurz die Füße hoch. Ein paar Dorfbewohner waren ebenfalls am Steg und schon wurden wieder Fragen gestellt, wo wir den hin wollten. Witzig war, dass sie an unserem Dialekt erkannt haben, dass wir aus Delitzsch kommen. Doch Schuhe wieder an und weiter! Denn es wurde uns recht kalt. Es mochten maximal 12 Grad sein und ein frischer Wind pfiff über den See. Weit konnte es aber nicht mehr sein. Über einen Bahnübergang, wo im Bahnwärterhaus ebenfalls eine Pilgerunterkunft sein soll, geht es hinein nach Rödlin. Es wäre sicher gut, wenn die Unterkünfte überall gekennzeichnet werden würden. Am Bahnwärterhaus sahen wir nämlich kein Herbergsschild.

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Kirche in Rödlin

Dafür sahen wir schon von weitem die weiße, neu verputzte Kirche von Rödlin mit ihrem charakteristischen Glockenturm mit Kupferhaube. Eine Besonderheit ist hier, dass sich der Glockenturm seitlich am Kirchenschiff  befindet. Sie ist weit und breit die einzige Kirche im klassizistischen Baustil. Und? – Die Tür stand offen. Neugierig gingen wir hinein und wussten bereits, dass hier heute Hochzeit gefeiert wurde. Bei der Anmeldung sagte dies schon die hiesige Pastorin Pirina Kittel. Bester Laune begrüßte sie uns nun, als wir plötzlich auf Rosenblüten im Eingang standen. „Ich muss noch mal weg. Hier ist der Schlüssel zum Pfarrhaus. Sie finden sicher alles selbst“ – und schon saß sie in ihrem Auto und brauste davon. Wieder ein ruheloser  Pastor auf Rädern.

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Bestrickte Birke

Staunend betraten wir das Grundstück des Pfarrhauses. Eine dicke Birke fiel uns sofort ins Auge. Sie ist mit bunter Wolle bestrickt. Später erfuhren wir, dass die Strickdecken von einer Aktion der Gemeindefrauen stammten und es danach einfach zu schade war, die Decken wieder auf zu troddeln. Also zog man kurzerhand den Pfarrbaum an, der nun als Blickfang auf der gepflegten Wiese vor dem Haus steht. Das schöne Haus umringt ein sehr gepflegter Garten. Die Obstbäume waren mustergültig geschnitten und standen in voller Blüte. Hier muss jemand mit einem grünen Daumen am Werke gewesen sein. Frau Kittel erzählte uns später, dass dies das Werk ihres Mannes sei und sie daran wenig Abteil hat.

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Kirchsee hinter dem Pfarrhaus

Hinter dem Haus befindet sich ein Bootssteg im Kirchsee. Leider kann man den See noch nicht wieder zum Baden nutzen. Eine Schweinamastanlage ließ früher Gülle hier hinein. Die Schweineställe sind lange Geschichte. Aber der See erholt sich nur langsam. Schade eigentlich. Andererseits: Mit Badestelle wäre dieser Platz fast zu perfekt. An der Pilgerunterkunft wird noch gewerkelt. Hier auf dem Dachboden könnten ganze Fußballmannschaften übernachten, so viel Platz ist hier. Wir entschieden uns für das kleinste Zimmer, in dem ein Stockbett und zwei einzelne Betten standen. Der große Raum daneben wird offenbar für die Christenlehre genutzt. Bunte selbst gemalte Plakate, Karikaturen und Fotos zierten die Wände. Überall sah man Material zum Basteln und Spiele. Einige Papierschnipsel lagen noch auf dem Tisch. Hier ist Leben drin. Das sah man sofort.

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Pilgerunterkunft auf dem Pfarrboden

Ebenfalls in diesem Raum – eine Küche mit allem, was man benötigt, um viele Menschen zu versorgen. Und auch für Pilger ist alles da, was man braucht. Und so machten wir es uns hier bequem. Vorher jedoch musste noch was in den Magen. Im Ort gibt es die Gaststätte und Pension „Nussbaum“. Und zu unserem Glück hatte die heute geöffnet. Na ja, ein Gourmet – Tempel ist es nicht gerade. Und das Mobiliar ist auch etwas in die Jahre gekommen. Aber für ein Bauernfrühstück und ein Bier war es gut. Die Pension bietet auch für Pilger Unterkunft. 25€ pro Person verlangt man pro Nacht, berichtete mir die Kellnerin auf meine Anfrage. Nun ja, ein Pilger übernachtet dann sicher doch lieber im Pfarrhaus. Und das hat sicher nicht unbedingt unr was mit den Kosten zu tun.

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zufrieden

Als wir zurück kamen, setzten wir uns noch eine Weile in den schönen Garten. Wenig später kam dann auch Frau Kittel, mit der wir uns noch etwas unterhielten. Lange nicht, denn sie musste noch ihre Sonntagspredigt vorbereiten. Also flüchteten wir vor der Kälte in unsere Kammer und krochen schon vor der Dämmerung in unsere Schlafsäcke. Morgen geht es nach Wokuhl. Luftlinie ist das gar nicht so weit. Aber wie wir bereits gelernt hatten, der direkte Weg ist nicht immer der schönste. Und so werden wir auch morgen wieder einige Male hin und her laufen zwischen den Dörfern und so manchen Kilometer auf schönen Umwegen unterwegs sein.

4 Etappe, Rödlin – Wokuhl 24,5km

Schon vor dem Wecken war ich wieder wach und der Blick aus dem Fenster verriet, dass es wieder ein schöner Tag werden würde. Es war erstaunlich, dass trotz der nicht so berühmten Wetteraussichten, wir bisher offensichtlich in einer „Schönwetterblase“ unterwegs waren. Nur am ersten Tag hatten wir bisher etwas Regen, der uns aber kaum störte, da er nicht heftig und nur kurz war. Seither war es zwar recht kalt aber trocken und sonnig. Das ist ideales Wanderwetter. Und der Himmel zeigte ein Wolkenbild, dass jeden Fotografen erfreut.

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Blau / Grün – Meseta Stimmung kurz hinter Rödlin

Aber ich wiederhole mich. Ich wünschte mir, so sollte es auch heute wieder werden. Der Blick aus dem Fenster war jedenfalls vielversprechend. Mit solchen Aussichten fällt das Aufstehen gleich doppelt so leicht. Also machte ich schon mal Wasser für den Kaffee heiß und legte unser mitgebrachtes Frühstück bereit – wieder mal Brot, Käse und etwas Marmelade. Schnell ist alles gepackt und schon vor Acht Uhr hatten wir unsere Rucksäcke wieder auf dem Rücken. Von unserer fröhlichen und netten Gastgeberin hatten wir uns schon am Abend verabschiedet und so verließen wir gut gelaunt, vorbei an der „Strickbirke“ das Grundstück.

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Einsame Bahnlinie

 

Heraus aus Rödlin gingen wir eine ganze Zeit an der Straße entlang. Nachdem man in den Wald kommt, weist ein Wegzeichen nach links. Auch hier folgt man einer Asphaltstraße, bis man Rödlin Ausbau erreicht. Ein Hund quittierte mit lautem Gebell unsere Ankunft. Doch schnell hatte er sich wieder beruhigt, als er merkte, dass wir weiter zogen, ohne an seinem Gartentor zu rütteln. In mitten des Rödliner Ortsteiles, der nur aus ein paar Gehöften besteht, mussten wir dann halb rechts abbiegen. Die Beschilderung war bisher recht gut, so dass wir uns sicher waren, auf dem richtigen Weg zu sein.

Mitten im Wald passierten wir eine eingleisige Eisenbahnlinie, der wir noch mehrmals heute begegnen sollten. Nach etwa 2 Kilometern lichtete sich der Wald und wir traten aus diesem heraus auf einen schönen, von großen Bäumen gesäumten Feldweg. Auf der rechten Seite sahen wir schon den Schlesersee, der an den Ort Carpin grenzt.

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Zusammengesetzter Wegweiser

 

Vor einem Bahnübergang über die gleiche eingleisige Strecke hat man die Wahl zwischen zwei Wegen, geradeaus oder nach rechts. Und richtig stand hier auch ein Wegweiser. Leider war dieser zerbrochen, die abgebrochenen Teile steckten aber noch hinter dem restlichen Schild. Und so hatten wir die Möglichkeit, das Schild wieder zusammen zu setzen. Und so erfuhren wir, dass wir weiter geradeaus mussten, um nach Carpin zu gelangen, denn ein kleiner Zusatzpfeil auf dem Schild zeigte in diese Richtung. Zuvor jedoch machten wir einen Abstecher an den Schlesersee.

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Schlesersee bei Carpin

Hier befindet sich ein keiner Steg und eine Badestelle. Zum Baden war es viel zu kalt, ich nutze jedoch den Steg für einige Fotos vom idyllischen See. Zurück auf dem Weg gelangt man bald auf eine Asphaltstraße, der man nach rechts folgt, um zum Ortseingang von Carpin zu gelangen. Laut Beschreibung soll hier ein Abzweig (erneut über die Bahnstrecke) nach rechts sein. Entweder wir haben den Abzweig übersehen oder es war wirklich kein Wegweiser da. Also gingen wir vorbei am alten Bahnhof von Carpin bis zu einer Hauptstraße, wo gleich links eine hölzerne Sitzgruppe uns zu einer Pause einlud. Nach etwas Trockenobst und Müsliriegeln setzen wir unseren Weg fort. Nach meinen Aufzeichnungen mussten wir uns nun rechts halten. Ein Wegweiser stand hier nicht.

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Sonntagsüberraschung: eine offene Bäckerei in Carpin

Von weitem sahen wir einen großen Reisebus und einige Touristen mitten im Ort stehen. Als wir näher kamen, bemerkten wir, dass es hier ein Restaurant gibt und ein Landhotel. Die Reisenden hatten offenbar hier übernachtet und nun vor der Abfahrt gefrühstückt. Hmm, vielleicht fällt auch für uns was ab. Und richtig befand sich um die Ecke auch eine Bäckerei, die sogar heute am Sonntag geöffnet hatte. Diese Gelegenheit ließen wir uns natürlich nicht entgehen und füllten unseren Proviant auf. Das es heute noch irgend wo etwas zu essen gibt, war eher unwahrscheinlich. Und das hatten wir schon auf der Via Regia gelernt: Jede Chance nutzen, auch wenn dadurch der Rucksack noch schwerer würde.

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Kleine Kapelle in Carpin

Weiter durch den Ort fiel uns ein winziges keines hellblaues Haus auf, auf dem am Giebel ein Kreuz angeschlagen war. Sogar eine kleine Glocke sah man darunter hängen. Das ist wohl die kleinste Kirche, der wir auf dem Weg begegnen werden. Und so nutzen wir kurzerhand die Gelegenheit, einen Blick hinein zu werfen, da die Türe offen war und einige ältere Frauen vor der Kapelle standen und plauderten. Grüßend zwängten wir uns auf dem schmalen Weg an ihnen vorbei und betraten den Raum. Ein paar Reihen Stühle vor einem winzigen Altar, das war alles, was sich in dem Raum befand. Die junge Pastorin, die noch einige Utensilien zusammen sammelte, war bereits schon wieder in Eile und musste laut ihrer Erklärung noch zu einer Taufe. Also blieb keine Zeit für ein Gespräch. Soviel erfuhren wir aber, dass die Kapelle aus Teilen einer alten Baracke gezimmert wurde und wegen ihres Anstrichs und ihres Aussehens auch irgendwo in Skandinavien hätte stehen können. Noch schnell ein Foto und schon ging es wieder auf den Weg (so dachten wir). Eine Straßenbaustelle zwang uns auf die rechte Straßenseite. Die Ortsdurchfahrt der B198 wurde hier erneuert. Vielleicht ist dadurch der Wegweiser verschwunden und schuld daran, dass wir auf dieser Etappe ein ganzes Stück in die falsche Richtung liefen. Nach etwas über einen Kilometer, den wir auf einem Radweg entlang der B198 liefen, fiel mir unser Irrtum auf und wir kehrten um. Hier war es wieder mal von Vorteil, das GPS Gerät mit zu haben.

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Am Weg nach Bergfeld

Der zuvor aufgezeichnete Track verwies uns auf einen Sandweg in Richtung Bergfeld. In Anbetracht einer gedachten Luftlinie zu unserem heutigen Ziel bedeutete das, dass wir wieder mal einen größeren Bogen einlegen und so die Tages – Kilometerleistung wieder mal steigerten. Der einsame Sandweg zog sich ganz schön in die Länge. Über uns kreiste ein Weißstorch am leicht bewölkten Himmel und vor Bergfeld nutzen wir eine kleine Bank am Wegesrand zu einer erneuten Rast. So hatten wir Muße, den herrlichen Himmel zu betrachten, der einen schönen Kontrast zu den üppig grünen Getreidefeldern und dem leuchtend gelben Raps bildete. Ich finde wolkenlosen Himmel langweilig. Was sich aber heute da oben tat, ließ mich immer wieder zum Fotoapparat greifen. Bergfeld wirkte wie ausgestorben. Kaum ein Mensch war zu sehen. Es war inzwischen Sonntag kurz nach Mittag und die meisten würden wohl ihre Mittagsruhe halten.

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Historische Dorfschmiede in Bergfeld

Wir nicht! Und so übersahen wir auch nicht den Wegweiser, der uns kurz nach der historischen Dorfschmiede nach links auf einem schlammigen Weg in den Wald schickte. Aus einem Garten winkte uns ein freundlicher alter Mann zu. Und kurze Zeit später mussten wir vom Weg flüchten, denn auf uns zu kam bergab ein Pferdegespann mit einem Planwagen und zwei massigen Kaltblütern davor. Planwagencamping.de stand auf dem Wagen, auf dessen Kutschbock zwei vergnügte Frauen saßen, die freundlich grüßten und sich bedankten wegen der Vorfahrt, die wir ihnen gewährten. Bei dem Schwung, den sie drauf hatten, blieb uns ja eigentlich nichts weiter übrig, als in den Wald auszuweichen. Wenig später sahen wir noch mehr solcher Wagen.

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Planwagencamp Grünow

Eine ganze Wagenburg stand nahe Grünow im lichten Wald. Dies ist sicher auch eine sehr interessante Möglichkeit die Gegend kennen zu lernen, zudem eine sehr umweltfreundliche. Bullige Kaltblüter Pferde standen nebenan auf einer Koppel. Und wieder lud uns wenig später eine nagelneue Sitzgruppe zu einem Päuschen ein. Eine hoch schwangere junge Frau saß dort bereits in der Sonne und ich wunderte mich, dass sie sich in ihrem Zustand doch recht weit weg getraute von einem Ort oder einer befestigten Straße. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr, folge des Rätsels Lösung. Ihr Partner näherte sich mit seinem Jagdhund 10 Minuten später über eine Wiese. Er hatte abseits des Weges Rotwild beobachtet. Beide verabschiedeten sich von uns und wir lagen noch einige Zeit in der Sonne. Nur die Härte der schmalen Holzbänke verhinderte, dass ich einschlief. Und so mahnte ich auch Andrea zum Aufbruch.

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Panorama vor Steinmühle

Die Wolken am Himmel verdichteten sich zusehends und ich hatte die Befürchtung, dass wir heute noch nass werden könnten. Schnell erreichten wir durch einen sehr schönen Wald mit vielen sumpfigen Tümpeln wenig später den Ort Steinmühle.

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Steinmühle

Na ja, Ort ist eigentlich zu viel gesagt. Es sind nur ein paar Häuser. Das wichtigste davon ist sicherlich dasJugendwaldheim, einer Jugendbildungsstätte des Nationalparkamtes Müritz. Hier können auch Pilger ein Nachtlager finden. Heute trafen wir hier viele Wochenendausflügler und alle Bänke waren besetzt. Kinder saßen auf Ponys, die auf den Wegen geführt wurden und einige Leute ließen sich ihren Kaffee schmecken. Wir hielten uns hier nicht lange auf und entdeckten schnell den Wegweiser in Richtung Goldenbaum. Die Wegbeschreibung versprach uns nun einen Aufstieg, der „es in sich haben“ sollte.

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„Aufstieg“ hinter Steinmühle

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Goldenbaum

Und in der Tat vermutet man in dieser Gegend nicht eine so lange Steigung. Auch wenn sie sich dann doch als recht moderat herausstellte. Trotzdem hatte man hier eher den Eindruck, sich in Thüringen zu befinden und nicht in Mecklenburg. Links unter uns im Tal rauschte ein Bach, der jedem Gebirgsbach hätte Konkurrenz machen können. Doch schon traten wir aus dem Wald heraus und am Ende eines grünen Tales zeigte sich halb links der Ort Goldenbaum mit seiner großen Backsteinkirche, die leider verschlossen war. Kurz vor Ende des lang gestreckten Ortes verwies uns der Wegweiser wieder auf einen Feldweg. Was folgte, war ein größeres Waldgebiet, in welchem sich wiederum viele sumpfige Stellen mit Totholz rechts und links des Weges befanden. Und was gibt es in solch einer Umgebung bei den entsprechenden Temperaturen? – Mücken! Und so konnten wir nicht schnell genug den Mückenschutz aus dem Rucksack kramen. Schon hatten es einige Mücken geschafft, uns zu piesacken. Die waren wie wahnsinnig und umschwirrten uns angriffslustig. Zum Glück wirkte das „Antibrumm“ sehr schnell und wir hatten wieder unsere Ruhe. Einziger Nachteil, es klebt etwas auf der Haut und wenn es trocken und staubig ist, sammelt sich dieser Staub massiv auf der Haut.

Meine Himmelsbeobachtung und meine daraus resultierenden Voraussagen sollten sich leider bestätigen. Vor uns baute sich gerade eine dunkle Wolkenwand auf, als wir den Wald verließen. Und etwa 2 Kilometer vor unserem Ziel begann es so stark zu regnen, dass wir nun doch noch unsere Regenjacken überziehen mussten. Eilig passierten wir noch den Ort Grammertin und wenig später standen wir tropfnass an der Pforte des Pfarrhauses von Wokuhl.

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Angekommen in Wokuhl

Nicht gerade einladend wurden wir von einer Jungen Frau empfangen: „Haben sie sich denn angemeldet? Eigentlich sollte man doch Wokuhl aus der Liste der Herbergen raus nehmen!“ Alles stand eigentlich im Gegensatz zum überdimensionalen Herbergsschild am Hoftor. Sie führte uns in einen Raum, in dem außer einem Schrank und einem großen Tisch mit Stühlen nur noch eine lange Couch stand. Für zwei Personen könnte die etwas eng werden. Sie machte aber keine Anzeichen, uns eine andere Alternative anzubieten und wegen der etwas seltsamen Begrüßung, wagte ich auch nicht danach zu fragen. Na wenigstens war eine gut ausgestattete Küche da und eine Badewanne. Für die Nachtruhe hatten wir ja unsere Luftmatratzen mit, die ich im Notfall aufblasen könnte. Nur bestand die Gefahr, dass diese auf dem recht wackeligen alten Holzfußboden Schaden nehmen könnten. Denn unsere Leichtluftmatratzen haben nur eine recht dünne Außenhaut.

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unser Nachtlager

Zum Glück entdeckte ich noch, dass sich eine Hälfte der Couch ausziehen lässt. So könnte ich diagonal auf der ausgezogenen Seite und Andrea auf der anderen Hälfte schlafen. So gut es ging richteten wir uns nach unseren Vorstellungen ein, denn die junge Frau war schnell wieder verschwunden, nicht ohne dass sie uns noch die Büchse für die Spende und den Stempel für den Pilgerausweis hingelegt hatte. Also ist man doch auf Pilger vorbereitet. Nach dem Bad gingen wir noch einmal in den Ort, denn am Ortseingang hatten wir im Regen einen Werbeaufsteller entdeckt, der uns auf „Ritas Lädchen“ aufmerksam machte.

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in „Ritas Lädchen“

Und richtig, hinter einem schmucken Eigenheim standen da in der Garagenauffahrt ein paar Tische und Stühle unter einem Partyzelt. Am hinteren der beiden Rolltore befand sich eine Klingel nebst einem Schild, welches dazu aufforderte diese zu betätigen, was ich promt tat. Wenig später rappelte das Tor und schob sich langsam nach oben. Dahinter tat sich ein Anblick auf, der uns sehr gefiel – ein richtiger „Tante-Emma-Laden“. Und plötzlich wussten wir gar nicht, was wir nehmen sollten. Es ist immer gar nicht so einfach auf so einer Pilgertour, leicht muss es sein, klein und haltbar. Doch zunächst erst mal Kaffee und etwas von dem selbst gebackene Kuchen waren das, was uns zuerst anstand und für mich noch ein Bier. So ein Bier gilt für mich wie eine Belohnung nach so einem langen Marsch. Etwas fröstelnd nahmen wir auf den Plastikstühlen platz. Der Kuchen war ausgezeichnet und nachdem wir noch einiges an Proviant und eine Flasche Rotwein für den Abend ausgewählt hatten, verabschiedete sich „Rita“ wieder. Denn sie hatte eigentlich das Haus voller Besuch. „Wenn sie noch einen Wunsch haben – einfach klingeln“. Danke, sagten wir und waren uns sicher, dass dies ein wertvoller Tipp ist für nachfolgende Pilger. Wünschen wir „Ritas Lädchen“ ein langes Leben. Hungrige und durstige Pilger werden es danken. Einen kurzen Abstecher machten wir noch zum Pfarrsee, an dem es eine Badestelle und einen Steg gibt.

 

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Wolkenstimmung am Pfarrsee

Es hatte zwar aufgehört zu regnen. Die Wolkenkulisse wirkte aber dramatisch über dem kleinen See. Zurück im Pfarrhaus staunten wir nicht schlecht, als es erneut klingelte und eine weitere Pilgerin vor der Tür stand. Nun wurde es ja richtig betriebsam hier. Und siehe da, plötzlich war da auch eine Schaumgummi Matratze. Die einsame Pilgerin war heute in Fürstenberg gestartet, lief also in die entgegen gesetzte Richtung und hieß Anne. Sie hatte nicht so viel Zeit eingeplant und wollte hinter Rödlin die Querverbinung der beiden Zweige über Usadel  nach Prillwitz nehmen, um von dort über Neustrelitz und Mirow zurück nach Fürstenberg zu laufen. Na da könnten wir uns vielleicht noch einmal begegnen. Lange unterhielten wir uns noch, bevor wir schlafen gingen. Morgen werden es nur 16 Kilometer bis Fürstenberg.

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interessante Eisenkreuze vor der Kirche

Und wenn wir uns nicht wieder verlaufen, müssten wir diesmal ziemlich zeitig dort sein. Recht gut, gibt es doch in einer etwas größeren Stadt meist mehr zu besichtigen, als in einem einsamen kleinen Dorf wie Wokuhl, dessen wichtigste Sehenswürdigkeiten sich auf die Kirche mit den interessanten Eisenkreuzen davor und eine aufwendig restaurierte Dorfschmiede beschränken. Selbst die hiesige Kneipe scheint geschlossen zu sein. Das Regenwetter und das damit verbundene trübe Licht ließen den Ort vielleicht auch zu unrecht etwas trist erscheinen. Wir hofften jedenfalls am morgigen Tag auf besseres Wetter. Zumindest aber, dass wir trocken nach Fürstenberg kommen.

5. Etappe, Wokuhl – Fürstenberg 16km

Die Nacht verlief so, wie man es vermuten durfte auf dieser Ottomane. Mitten in der Nacht war sie sogar mit lautem Getöse zusammengebrochen, nach dem ich von der Toilette wieder kam und mich wieder hinlegen wollte. Die Füße hingen in der Luft und mein aufblasbares Kissen flutschte auch laufend unterm Kopf hervor. Nee, eine ruhige erholsame Nacht war was anderes. Etwas zerknautscht war ich froh, endlich aufstehen zu können.

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Abschied auf Zeit? Man sieht sich immer zwei Mal im Leben

Nach dem ersten Blick aus dem Fenster erhellte sich aber schlagartig meine Stimmung. Die Wolken hatten sich über Nacht verzogen und es war ein klarer kühler Morgen. So kühl, dass die Fensterscheiben anliefen. Kurz was essen und einen Kaffee, die mittlerweile gummiartigen Semmeln aus Carpin hatte ich auf dem Toster wieder knusprig bekommen. Draußen vor der Türe verabschiedeten wir uns von Anne und unsere zwei Fotoapparate wurden getauscht, um von jedem ein Foto zu haben. Wir verließen daraufhin Wokuhl in entgegen gesetzter Richtung. Vielleicht sieht man sich noch einmal?

Wokuhl sah wie vermutet bei Sonnenschein viel besser aus. Am Ortsausgang besitzt der Ort einen sehr schönen Fußballplatz, auf dem schon jemand mit der Rasenpflege beschäftigt war.

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Sind wir hier richtig??

Auf der kaum befahrenen Landstraße gingen wir in Richtung Comthurey, bzw. einer kleinen Siedlung außerhalb des eigentlichen Ortes. Gleich man Ende der Siedlung sah ich einen Weg , der in Richtung Ortsmitte führte und mir als der richtige Weg erschien. Nur, es stand hier kein Wegweiser. Möglich, dass wir hätten auf der Straße weiter laufen müssen und so auch in den Ort gekommen wären. Wir nutzten aber den kleinen Weg, der über lange Treppenabsätze zunächst bergab und dann über eine Wiese zum Ortszentrum führte. Hier trafen wir wieder auf die Straße. Ein Blick auf die Karte zeigte, dass wir eine kleine Abkürzung gelaufen waren. Ob das der richtige war, wissen wir bis heute nicht.

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Hier sind wir ganz sicher richtig

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Idyllischer Schmetterlingsweg

Dass wir aber ab hier auf alle Fälle wieder richtig waren, zeigte uns ein kleines grünes Schild mit der Aufschrift „Schmetterlingsweg Dabelow“ und das Muschelzeichen. Die Wegbeschreibung versprach uns einen der schönsten Abschnitte des Pilgerweges und dass er hier dem Namen „Mecklenburgische Seenplatte“ alle Ehre machen würde. Und so war es dann auch. Ein schmaler feuchter Pfad führte zunächst durch einen sumpfigen Wald, um danach lange dem Ufer des Dabelowsees zu folgen. Einziger Wermutstropfen, der den Eindruck etwas trübte, war ein langer hässlicher Zaun, der eine Baumschule umschloss und an dem man entlang gehen muss. Angespitzte Baumstümpfe verrieten uns, dass hier Biber heimisch sind. Das war mir neu, dass Biber nicht nur an fließenden Gewässern ihre Burgen bauen und jede Menge Bäume abholzen, sondern auch an solch einem großen See. Doch eine Hinweistafel bestätigte dies auch offiziell.

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Badestelle am Dabelowsee

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Ein Rehbock, der sich nicht stören ließ

Eine kleine Rast legten wir an einer Badestelle ein, an der wir, nachdem wir eine Böschung hinunter gestiegen waren, eine Bank vorfanden und eine etwas provisorisch wirkendes Rohr-Geländer, welches schnurstracks ins Wasser führte. „Baden auf eigene Gefahr! Der Bürgermeister“ stand auf einem Schild. An Baden war aber gar nicht zu denken bei diesen Temperaturen. So saßen wir da und beobachteten allerlei Wasservögel und kleine Fische, die sich in Ufer-Nähe aufhielten. In der Ferne sahen wir sogar einen Seeadler, der sich auf die Wasserfläche stürzte und irgend etwas davon zu tragen schien. Wieder auf dem Weg bemerkte ich in etwa 100 Meter Entfernung einen Rehbock einsam äsen. Noch hatte er uns nicht bemerkt und so konnte ich einige Fotos und Videoaufnahmen machen. Erst als wir etwas Lärm machten und uns wieder bewegten, ergriff er die Flucht. Auf dem aufgeweichten Boden konnte man die Tiefe und die großen Anstände der Abdrücke des Paarhufers bemerken, die ein Anzeichen für Flucht sind. Na hoffentlich haben wir ihn nicht zu sehr erschreckt. Kurz vor Dabelow verloren sich die Spuren. Am Ortseingang überquert man eine Brücke und sieht schon die sehr interessante Dorfkirche. Sie wurde 1855 als Fachwerkbau errichtet.

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Sehr interessante Dorfkirche in Dabelow

Der obere Teil ist völlig aus Holz. Auch im Innenraum ist vorwiegend Holz verbaut. Außen fällt der reiche Formenschmuck auf. Das Fachwerk ist kunstvoll mit Backsteinen versetzt und auch die hölzernen Aufbauten sind kunstvoll verziert. Diese Kirche ist wohl in dieser Gegend einzigartig. Man sah der Kirche an, dass sie unlängst vollständig renoviert worden war. Und diese Renovierung ist ihr sehr gut bekommen, so mein Eindruck. Sie soll nun wieder so aussehen, wie es der Erbauer Landesbaumeister Friedlich Wilhelm Buttel einst erdacht und geplant hatte. Buttel war ein Schüler Schinkels und hatte auch die schöne Schlosskirche in Neustrelitz gebaut.

Der weitere Weg nach Fürstenberg bedarf eigentlich keiner weiteren Erwähnung. So schön der erste Teil der Etappe war, so langweilig war der Rest der Strecke. Von weitem sahen wir den Ort Altthymen, wo wir uns ein Weilchen in der Bushaltestelle ausruhten und mit einem älteren Herren schwatzten. Viel mehr schwatzte er und wir kennen nun seine gesamte Krankengeschichte. Dort zippte Andrea auch ihre langen Hosenbeine wieder an, da es trotz Sonne empfindlich kalt war und immer windiger wurde. Im Ort befindet sich eine recht große Kirche (ebenfalls ein Werk Buttels). Erst beim Nächerkommen fiel uns auf, dass das Kirchenschiff kein Dach mehr hat. Eine Granate der roten Armee durchschlug das Dach der ehemaligen Pfarrkirche in den letzten Kriegswochen und ließ sie zur Ruine werden. 2010 wurde wenigstens der Turm restauriert und die Wände des Langhauses gesichert. Die Kirche ist heute in kommunalem Besitz. Es finden aber noch gelegentlich Gottesdienste statt.

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Wahrsagerin?

Am Ortsausgang fiel uns eine kleine windschiefe Hütte auf. „Wahrsagen“ stand über der Tür und an der Klinke hing ein Schild „bitte im Haus läuten“. So weit her schien es also mit den Fähigkeiten der Wahrsagerin nicht zu sein, denn sonst würde sie ja wissen, wann jemand vor der Hütte steht. :)

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Die lange Straße nach Fürstenberg

Schon seit Dabelow gingen wir über Asphaltstraßen. Und nun folgte ein langer, langweiliger Abschnitt des Asphaltstreifens durch einen Wald. Bis kurz vor Fürstenberg zog sich dieser Weg hin. Zweifelhafte Abwechslung boten nur die im Tiefflug über unsere Köpfe donnernden Jagdflugzeuge. Ob das wirklich über einem Nationalpark sein muss? An vielen Stellen sahen wir deshalb auch Protestschilder mit einem durchgestrichenen Jagdflugzeug. 1,2 Kilometer vor Fürstenberg mündet die kleine wenig befahrene Asphaltstraße auf die sehr belebte Landstraße nach Lychen. Bei jedem entgegen kommenden Fahrzeug mussten wir auf den Randstreifen flüchten, was wir auch allen nachfolgenden Pilgern raten möchten. Kurz nach dem Ortseingangsschild weist ein Wegweiser nach links. „Ravensbrück“ – dieser Ortsname macht betroffen und zeugt von der dunkelsten Phase der Deutschen Geschichte. Hier befand sich seit 1939 das durch die SS errichtete größte Frauenkonzentrationslager Nazi – Deutschlands. Über 150 Tausend Frauen, Kinder und Männer aus 40 Nationen wurden hier gefangen gehalten und gepeinigt. Zehntausende starben, verhungerten oder wurden hier bis 1945 ermordet.  Heute gibt es hier eine eindrucksvolle aber bedrückende Gedenkstätte, erinnert an das Geschehene  und hält das Gedenken an die Opfer aufrecht.

In Fürstenberg angekommen, nutzten wir die erste Gelegenheit, um in einem kleinen Kaffee Rast zu machen. Hier standen neben dem, was so ein Kaffee üblicherweise anbietet auch verschiedene vegetarische Speisen auf der Tafel. Wir bestellten eine sehr schmackhafte arabische Linsensuppe. Es war gerade Mittagszeit, wir hatten es überhaupt nicht eilig und natürlich hagelte es Fragen nach unserem Vorhaben. Langsam schlenderten wir dann in Richtung Marktplatz, wo wir im Pfarrhaus feststellten, dass noch niemand zu Hause ist. Auch ein Telefonanruf bei der angeschlagenen Rufnummer brachte keinen Erfolg.

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Imposante Stadtkirche von Fürstenberg

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Stadtkirche von Innen

Wir hinterließen eine Nachricht und machten uns mit samt unseren Rucksäcken noch einmal auf, um uns die Stadt anzusehen. Zunächst betraten wir die offene Stadtkirche. Dieser im romantisch – neogotischen Stil errichtete gelbe Backsteinbau ist ebenfalls wie die heute schon gesehene Kirche in Dabelow ein Werk von Friedrich Wilhelm Buttel. Der Innenraum, den wir nun betraten, wirkt sehr groß und weiträumig. Das dunkle Holz des Gestühls und der Emporen bilden einen interessanten Kontrast zu weißen Putz. Der Raum wirkt  hell und freundlich. Der Batik – Teppich hinter dem Altar stellt die Auferstehung Christi dar,stammt aus dem Jahre 1963 und ist der größte seiner Art in Europa. Aus städtebaulichen Gründen steht die Kirche „verkehrt herum“. Das heißt, der Altar steht im Westen, wogegen die repräsentativere Fassade mit dem schlanken Turm im Osten steht. Die Stadtväter wollten es so, um dem Markt mehr Wirkung zu verleihen. Dieses Denken der derzeitigen Stadtväter hätte ich mir auch gewünscht, bei der Entscheidung, gegenüber der schönen Kirche den Bau eines tristen und einfallslosen Einkaufszentrums zu genehmigen. Schön ist was anderes und es verdirbt etwas den Gesamteindruck des Platzes.

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Fußgängerbrücke über die Havel

Über diesen  liefen wir nun in Richtung Baalensee, wo sich die Anlegestelle des Ausflugsschiffes befindet. Die Sonne hatte sich längst wieder verzogen und eine steife Briese blies über den See. Hier am Wasser wurde es uns dann doch zu ungemütlich und wir gingen zurück in die Stadt, nachdem wir uns noch eine interessante hölzerne Fußgängerbrücke über die Havel angesehen hatten. Die Havel und die drei umliegenden Seen bestimmen den Charakter der Stadt, die früher Luftkurort war, heute jedoch unter der Verkehrsbelastung der durch die Innenstadt verlaufenden Bundesstraße 96 leidet. Nicht umsonst sieht man im Stadtbild einige Transparente, die fordern, dass die Fernverkehrsstraße um den Ort herum verlegt wird. Die quasi Insellage der Stadt in mitten der drei großen Seen dürfte diese Forderung aber wohl in den Bereich der Utopie verlagern.

Ich versuchte es unterdessen noch mal auf der Handynummer des Pastors. Und dieser meldete sich und hatte unseren Zettel, den wir im Pfarrhaus hinterlassen hatten bereits gelesen. Seine Frau wartete bereits auf uns und so gingen wir zurück, um unsere heutige Unterkunft zu beziehen.

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unsere Unterkunft im Pfarrhaus

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das Rathaus von Fürstenberg

Diese ist im Dachgeschoss des Pfarrhauses untergebracht und wird wie in Rödlin für die Christenlehre genutzt. Küche, Dusche, WC und ein großer Raum, in dem man die vorhandenen Luftbetten aufblasen und ausbreiten konnte, sind für einen Pilger vollkomfort. Ich nahm also die zum Glück bereit liegende Luftpumpe und füllte zwei der Luftbetten. Meine Lungen wären wohl leicht überfordert gewesen damit. Heute gönnten wir uns mal ein richtiges Abendessen. Wie schon geschrieben, man muss die Gelegenheiten nutzen. Und die bestand hier aus einem Italiener. Und ich liebe Nudeln. Der Italiener sprach zwar mit Berliner Dialekt, wir befanden uns nun in Brandenburg, aber die Spagetti waren super. Noch eine kleine Runde vorbei am Hafen, an der Havelschleuse, der obligatorische Einkauf des Proviants für den Folgetag und schon war auch dieser Tag Geschichte. Vor der Stadtkirche trafen wir dann noch den Pastor, der einen Werbe – Aufsteller einräumte. Dieser gab uns in seinem Büro dann auch unseren heutigen Stempel und wir übergaben unsere Spende für die Unterkunft. Den Tag ließen wir wieder bei einer Flasche Rotwein (dieses mal Rioja) ausklingen. Morgen wartete die längste Etappe auf unserer Tour. Fast 35 Kilometer werden es sein bis nach Diemitz. Hier im südlichen Teil des Pilgerweges gibt es nur wenige Herbergen. Zudem soll die Beschilderung lückenhaft sein.

Na wir sind gespannt.

6. Etappe, Fürstenberg – Diemitz

Die Luft war raus –

aus den dicken Luftbetten, die für die Pilger im Pfarrhaus von Fürstenberg bereit gehalten werden. Die waren zwar etwas schaukelig aber man hat gut drauf gelegen.

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Luftmatratzen – Lager in Fürstenberg

Frühstück gab´s die Reste vom Vortag und Kaffee. Wir verließen an diesem Tag schon 7 Uhr das Haus. Denn heute war mit fast 36 km eine etwas längere Tour angesagt. Zudem eine Strecke, die nicht sonderlich gut beschildert sein soll. Also aufgepasst! und es kam wirklich so. Ich musste mich über weite Strecken auf mein Garmin verlassen und auf den nach der Beschreibung im Netz erstellten Track.

Heraus aus Fürstenberg gingen wir zunächst an der B96 entlang, bis nach der Havelbrücke ein Muschelzeichen nach rechts weist. Hinter der Eisenbahnbrücke beginnt die Röblin Siedlung, benannt nach dem See, an dem sie liegt. Zu diesem wollten wir nun laufen, gingen jedoch entgegen der Beschreibung den Uferweg – sicher ein kleiner Umweg aber auf diesem Weg sind Umwege ja eigentlich normal und meist auch gewollt.

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schöne Villen am Röblinsee

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Hinterlassenschaften der Sowjetarmee

Also nahmen wir (hier freiwillig) diesen kleinen Umweg in Kauf und folgten auf der Schokoladenseite der schönen Villen am See den Uferweg. Kein Zweifel, hier haben sich die wohlhabenderen Fürstenberger einst angesiedelt. Und es schien heute nun auch viele „Fremde“ mit Geld hier her zu ziehen. Mit großem Aufwand wurden und werden große Villen renoviert und viele erstrahlen wieder im alten Glanz. Doch schnell weicht die Bebauung einem dichten Wald mit geheimnisvollen Ruinen. Hier befand sich bis 1989 eine Garnison der Sowjetarmee. Einige eindeutige Zeichen sind noch zu erkennen. Kurze Zeit später mussten wir uns entscheiden, ob wir dem ausgeschilderten Radweg nach Steinförde weiter folgen würden oder lieber der Beschreibung vertrauen. Denn nach der Beschreibung sollten wir weiter dem Ufer des Röblinsees folgen. Nur gab es aber hier keinen Wegweiser. Wir hatten uns jedoch vorgenommen, so weit als möglich dem beschriebenen und beabsichtigten Weg zu folgen und liefen alsbald in den Wald ins Ungewisse. Der Weg war nur beschrieben. Auf den Karten im Garmin gab es ihn nicht. In einem großen Bogen nach Norden liefen wir nun durch einen herrlich urigen Wald voller Mücken bis zur Steinhavel und erreichten an ihr entlang nach einigen Kilometern Steinförde. Na geht doch! Hier begrüßte uns auch wieder eine Muschel. Nach der Beschreibung geht der Pilgerweg hinter der Havelbrücke gleich links auf einen Wiesenweg. Und auch hier gab es keinen Hinweis darauf am Wegesrand. Ich machte ein Foto und wir bogen voller Zuversicht ab.

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Wiesenweg hinter Steinförde

 

Über einen kaum sichtbaren Wiesenweg laufend, sahen wir dann bald hinter einem Hügel auftauchend, ein paar Häuser. Das musste Kleinmenow sein, wenn wir richtig sind. Und wir waren richtig. Kleinmenow ist auch wieder so ein Ort, der keine Durchfahrtsstraße besitzt und zu dem nur einebefestigte Straße führt. Wir verließen ihn über einen sandigen Feldweg. Auf solchem Untergrund fällt das Laufen besonders schwer. Wir hatten aber beide mit mehr dieser tiefen sandigen Wege gerechnet in dieser Gegend, waren aber ganz froh, dass es dann doch nicht so war und die Wege hier bisher meist recht fest und gut begehbar waren. Nach einer großen Pferdekoppel auf der rechten Seite betraten wir alsbald wieder den Wald und standen vor dem nächsten Problem, einer Gabelung mit drei Wegen und keinem Wegweiser.

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Ja welcher nun ??

Obwohl er eigentlich weg von Priepert führte, nahmen wir den rechten, da er am meisten ausgefahren war. Und damit sollten wir richtig liegen, wie sich später herausstellte. Denn nach einigen Kilometern erreichten wir auf einem breiten, mit festem Steinsand belegten Waldweg das Forsthaus von Priepert. Später erfuhren wir, dass es eigentlich vorgesehen war, das man den Weg hier nach halb links verlässt, um auf den Uferweg des Ellenbogensees zu gelangen. Doch wieder war kein Schild zu finden. Und so nahmen wir auch dieses mal die einfachere Variante und folgten bis nach Priepert dem Schnur gerade durch den Wald führenden breiten Weg. Der war sicher viel langweiliger als ein Uferweg und auf solchen breiten Wegen, die keine Höhe- und Bezugspunkte oder Abwechslungen haben, glaubt man überhaupt nicht voran zu kommen. Ich erinnere mich da an eine solche Passage auf dem Camino Frances in Spanien. Nach dem Aufstieg in die Oca Berge hinter Villa Franca de Oca schließt sich eine breite Feuerschutz – Schneise durch den Wald an, die sich wirklich ewig hin zog. Nur dort waren dann auch noch die Temperaturen auf einem Niveau, dass bald nicht mehr angenehm war. Wir jedoch liefen hier in Mecklenburg heute wieder bei schönstem Wanderwetter. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel und die Temperaturen blieben weit unter 20 Grad.

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Die Kirche in Priepert

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Schönes Bauernhaus in Priepert

Und bei diesem schönen Wetter liefen wir nun durch Priepert auf der Suche nach einem Bäcker, den uns Frau Rexer aus Diemitz (unsere heutige Unterkunft) empfohlen hatte. Am Gesicht von Andrea sah ich aber, dass sie keine Lust hatte, noch länger zu suchen. Und so bogen wir hinter der Kirche links ab zum Campingplatz. Denn dort gibt es einen Imbiss. Und der war richtig gut – mit selbst gemachten Buletten und selbst gebackenem Kuchen. So erhellte sich ganz schnell Andrea´s Mimik wieder und wir konnten uns an die zweite Teilstrecke des Tages machen. Dazu mussten wir zurück auf die Hauptstraße. Und dort angekommen stellte sich heraus, dass wir hätten nur 50 Meter weiter gehen müssen, um vor dem angepriesenen Bäcker zu stehen, der jeden Tag frischen Kuchen anbietet. Aber so ist das manchmal. Kurz vor dem Ziel gibt man resigniert auf, weil man glaubt dieses aus den Augen verloren zu haben. Aber einen Blick um die Ecke sollte man immer noch wagen. Frau Rexer hatte uns am Telefon sogar angeboten, uns hier in Priepert abzuholen, als sie gehört hatte, dass wir von Fürstenberg loslaufen würden. Dankend lehnte ich natürlich das nette Angebot ab. Wir haben noch nie geschummelt auf einem Pilgerweg und so würden wir damit auch in Mecklenburg nicht damit anfangen. Und noch lief es gut. Die Füße, mit denen ich bisher überhaupt keine Probleme hatte, waren blasen- und schmerzfrei und der Kopf drängte nach dem weiteren Weg. Nur der Rücken machte mir nun von Tag zu Tag größere Probleme, was daran lag, dass ich immer noch nicht die optimale Position des Rucksackes gefunden hatte. Los ging das immer bei etwa 20 Kilometern. Und die waren bald erreicht.

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Schöne alte Allee hinter Priepert

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Alte Scheune am Weg

Hinter Priepert, das man über die Havelbrücke auf einer  Asphaltstraße verlässt, biegt der Weg bald halb rechts auf einen Feldweg ab. Nach dem Feldweg, von dem wir noch einmal nach Priepert und dem Priepertsee zurück blickten, liefen wir nun durch eine herrliche alte Eichenallee bis in den Ort Hartenland. Auch hinter diesem winzigen Ort setzte sich die Allee fort. Hier schien es so, als wenn man vor nicht all zu langer Zeit den Straßenbelag entfernt hätte. Der Boden zwischen den Bäumen war zerwühlt, locker und ohne Vegetation. Diesen Weg hätte ich mir auch als alte Pflasterstraße vorstellen können, was er vielleicht auch früher einmal war. Die Pflastersteine liegen jetzt vielleicht dekorativ auf einem Marktplatz oder in einem privaten Anwesen. Egal, irgend jemand hat sie gebraucht und nun sieht diese Alle etwas merkwürdig aus. Sie endet dann auch recht unspektakulär im Nichts. Denn sie trifft auf einen kleinen Pfad, an dem wir uns wieder entscheiden mussten, ob wir nach rechts oder links gehen, denn ein Wegweiser war hier wieder nicht zu sehen. Und hier schien auch nie einer gewesen zu sein.

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Ahhh!

Bevor es jedoch weiter gehen konnte, musste ich was für meinen Rücken tun. Man glaubt gar nicht, wie entspannend es wirkt, wenn man sich mal flach auf eine Wiese legt. Und das tat ich nun und musste aufpassen, dass ich nicht einschlafe. Aber das fehlende Schild ging mir nicht aus dem Sinn. Und so musste ich wieder den Garmin bemühen. In meinen Tracks vermerkte ich später solche Stellen, an denen ich es für angebracht halten würde, einen Wegweiser aufzustellen. Auch die Stellen, wo man sah, dass es früher mal einen solchen gab, habe ich gekennzeichnet. Wir trafen hier auf dieser Etappe viele solche Wegweiser, die von Vandalen oder Souvenir-Jägern zerstört worden sind oder wegen der Witterungseinflüsse unkenntlich geworden waren. Berichtet wurde uns, dass Wegweiser auch von Anwohnern immer wieder zerstört werden, was ich auf Unkenntnis der Bedeutung des Pilgerns und des Weges zurückführte oder im schlimmsten Fall auf Dummheit und Böswilligkeit. Auf alle Fälle bedarf es hier einer umfassenderen Aufklärung durch die Landeskirche und die Landesregierung als Organisatoren des Weges. Wir als Pilger hatten nur die Möglichkeit durch offenes und freundliches Auftreten, das Image des Weges aufzubessern oder ihm überhaupt eins zu geben.

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Wustrow

Und so versuchten wir hier besonders freundlich zu lächeln und zu grüßen, wenn wir jemanden trafen. Während einer Rast in Wurstrow, dass wir nun erreicht hatten und in dem es einen kleinen Laden gibt, in dem wir etwas zu Essen und zu Trinken bekamen, halfen wir sogar bei der Entenjagd. Ein paar kleine Entenküken waren ausgebüchst und drohten nun auf der Straße überfahren zu werden. Es ging jedoch gerade noch mal gut aus. Denn sie verschwanden auf dem nächsten Gehöft. Aber auch in Wustrow fehlte es am entscheidenden Platz an einem Wegweiser. Fast am Ortsende muss man sich nämlich nach links halten.

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Panorama hinter Wustrow

Bergauf ging es durch tiefen Mecklenburger Sand auf den Klenzsee zu. Kurze Zeit später sahen wir wieder einen Pfahl, an dem früher mal eine Muschel den Weg wies. Dann wieder einer mit abgerissenem Schild. So langsam nahm es überhand. Der Attraktivität des Weges tat das glücklicherweise keinen Abbruch. Es war eine Lust hier zu wandern und das glückliche Händchen bei der Auswahl der Wege war wieder mal hervor zu heben.

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Steinzeitsiedlung oder Einsiedler am Klenzsee?

Am Klenzsee führt der Weg wieder einmal direkt an der Uferlinie entlang und dort sahen wir auch eine kleine Schilfhütte mit Feuerstelle, wie man sie vielleicht eher in der Steinzeit vermutet hätte. Die Nähe des Campingplatzes von Seewalde ist wohl der Grund für diese Hütte und einige Jogger, die wir auf dem Uferweg sahen. Bei Seewalde haben wir dann doch etwas geschummelt, denn wir sind nicht bis zum Campinplatz gegangen, sondern sind weiter auf der Straße bis Drosedow geblieben. In Drosedow (bevor sich die Straße teilt) dann wieder eine Stelle, die unbedingt ein Schild kennzeichnen muss. Mitten Im Ort geht es nach links zum Drowsedower Riek, einem Sumpfgebiet. Bevor man den Ort verlässt, wieder ein Holzstumpf, an dessen oberem Ende früher mal ein Muschelzeichen war. Es ist schade, wenn die Mühen anderer so wenig geachtet werden, denn man sah, dass dieses Schild gewaltsam entfernt wurde.

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Knüppeldamm durch das Sumpfgebiet bei Drisedow

Durch das Drosedower Riek führt ein schlammiger feuchter Pfad, den ich bei schlechtem Wetter nicht unbedingt gehen möchte. An der Stelle, wo es richtig sumpfig wird, gab es dann bis zu einer hoch gesetzten Brücke ein Knüppeldamm, der vor nicht all zu langer Zeit erneuert wurde. Denn die alten Knüppel lagen zu Haufen aufgestapelt im Sumpf und verrotteten vor sich hin. Nach der Holzbrücke, die uns sehr an den Spreewald erinnerte, kommt man an eine Weg-Kreuzung, an die einfach wieder ein Wegweiser gehört. Hier muss man nach links, denn beide anderen Alternativen enden als Sackgasse am Ufer des Rätzsees. Dem Weg folgten wir durch einen dichten, dunklen Hochwald. Nach etwa 2 Kilometern dann eine Weggabelung, an der man den linken Weg wählen muss, denn rechts geht es zur Flether Mühle.

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Heraus gerissener Pfahl mit Wegweiser

Wir wollten nun aber endlich nach Diemitz, dass nicht mehr weit sein konnte. Und so fotografierte ich noch schnell den aus dem Boden gerissenen unbrauchbaren Wegweiser und wir folgten dem Weg, den mir das GPS Gerät anzeigte. Etwas bergauf erreichten wir die Straßenkreuzung an der sich die Straßen von der Flether Mühle, von Canow und von Diemitz treffen. Der weitere Weg von hier ist zwar eindeutig, trotzdem bemerkter wir, dass unter einem Straßenschild wieder mal ein Platz leer war, an dem früher ein Muschelschild angeschraubt war. Man bekommt immer mehr einen Blick dafür, wo eigentlich ein Schild hin gehört. Nun bin ich kein Verfechter, den Wald mit Schilder zu zu pflastern, wie das kurz vor Santiago der Fall ist. Ein wenig Orientierungssinn und Nervenkitzel gehören zu solch einer Tour dazu und ein gesunder Menschenverstand, den ich aber den Leuten abspreche, die sich hier an den mühevoll aufgestellten Schildern vergreifen. Denn an neuralgischen Punkten sind diese Schilder sehr hilfreich und helfen dabei die innere Ruhe zu behalten. Die hatten wir nun auch wieder in der Gewissheit, kurz vor dem Tagesziel zu sein.

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Endlich ! nach fast 36 Kilometern

Der Weg sollte hinter der Havelbrücke eigentlich wieder zu einem Uferweg (zum Vilzsee) führen. In Ermangelung eines Wegweisers blieben wir jedoch auf der Straße bis nach Diemitz. Dort angekommen fanden wir sehr schnell das Haus von Frau Rexer, die noch nicht zu Hause war. Neugierig von den Nachbarn beobachtet, ließen wir uns kurzerhand auf dem Rasen vor ihrem Haus nieder, in das sie erst vor kurzem eingezogen war. Um so erstaunlicher, dass sie bereits Pilger aufnimmt, denn das Haus ist noch eine einzige Baustelle. Von Frau Rexer, die wenige später eintraf, erfuhren wir, dass sie vor hat, ein ehemaliges Taubenhaus zum Pilgerquartier umzubauen. Lange saßen wir noch im Wohnzimmer und schwatzten über alles Mögliche, vorwiegend natürlich über den Weg. Denn Frau Rexer kümmert sich als Wegpate um die nähere Umgebung und hatte nun wieder ihre Befürchtungen von uns bestätigt bekommen, dass viele Schilder aus den verschiedensten Gründen nicht mehr vorhanden waren. Sie bat um eine Rückmeldung nach der Auswertung meiner Daten und Fotos, was ich ihr natürlich versprach. Eigentlich war vereinbart, dass ich hier auf dem Grundstück unser Zelt aufbaue, weil  das Quartier ja wirklich noch nicht fertig ist. Doch es sollte in dieser Nacht mit den Temperaturen in den Keller gehen. Und so nahmen wir das Angebot von Frau Rexer dankend an, im Wohnzimmer zu schlafen. Ich blies also unsere Luftmatratzen auf und wir nächtigten im Haus. Wir möchten Frau Rexer hier nochmals recht herzlich danken für die Gastfreundschaft, die netten Gespräche und den Kartoffelsalat.

Entschuldigt, dass in diesem Post so oft das Wort „Wegweiser“ vorkommt. Das war auf dieser Etappe aber eben ein echtes Problem.

7. Etappe, Diemitz – Mirow 18 km

Ob es wirklich nur 18 Kilometer werden würden, die wir heute auf der letzten Etappe der Ostvariante des Pilgerweges Mecklenburgische Seenplatte laufen, hing davon ab, ob wir diesmal die richtigen Wege finden. Zunächst jedoch saßen wir mit Frau Rexer am Frühstückstisch. Sie nahm sich die Zeit für uns und wir waren sehr dankbar, dass sie einen Platz in ihrem Haus für uns gefunden hatte. Die Spende, die wir hinterließen, kommt der Diemitzer Kirche zu gute, sagte sie. Denn die wäre in einem Besorgnis erregenden Zustand, sagte sie. Wir bedankten uns nochmals, schnappten unsere Sachen und machten uns bei wieder herrlichem Wetter auf den Weg, nicht ohne nochmals zu versprechen, etwas von uns hören zu lassen.

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Kirche in Diemitz

Da sich Frau Rexer sehr um den Weg kümmert und sich in der Gegend gut auskennt, hege ich die Hoffnung, dass sie es schafft, dass auch im südlichen Teil die Beschilderung wieder besser wird und sich durch ihr gutes Beispiel vielleicht noch mehr Menschen bereit erklären, Pilgern eine Unterkunft anzubieten.

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Innenansicht Kirche Diemitz

Schnell erreichen wir in dem lang gestreckten Ort die kleine Kirche von Diemitz und sehen, was das Wasser am Mauerwerk unter der Traufe bereits angerichtet hat. Deutlich sah man die Bereiche, in die die Feuchtigkeit bereits eingezogen war. Hier musste dringend das Dach und die Regenrinne erneuert werden. Auch am Sockel unten war aufsteigende Nässe zu sehen. Im Innenraum überraschten uns die lebendigen Farben und die reiche Ausstattung der Kirche. Ein für meinen Geschmack und für diesen Raum etwas zu groß geratener Kanzelaltar beherrscht den Raum. Die Köpfe der Figuren stoßen bereits an die Decke, die bemalt ist mit pausbackigen Engeln und Trompeten, die scheinbar die Wolken fort blasen, die auf die Decke gemalt sind. Die Bemalung der Decke ist zweifellos das Schmuckstück der Kirche. Auch eine Orgel gibt es auf der Empore, die in einem recht guten Zustand zu sein scheint. Wollen wir hoffen, dass genügend Spenden zusammen kommen, um diese Kirche zu retten.

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auf dem Weg zum Großen Wummsee

In Richtung Wummsee verließen wir den Ort, ohne zu vergessen Fotos an den Stellen zu machen, wo einst Muschelschilder angebracht waren. Der folgende Abschnitt direkt am Ufer des Großen Wummsees entlang zählt zu den landschaftlich schönsten Stellen, die wir auf dem Weg gesehen haben. Der Gesang der vielen Vögel, der die morgendliche Stille durchbrach, begleitete uns auf diesem Weg. Hier und da kamen wir direkt ans Ufer und sahen das kristallklare Wasser. Und wäre es nicht so kalt gewesen, ich hätte meine Badehose doch nicht umsonst mit gehabt. Die tief über der Wasseroberfläche hängenden Äste mit ihrem frischen Laub glitzerten in den auf der leicht gekräuselten Wasseroberfläche sich widerspiegelnden Reflexionen des Sonnenlichtes. Hier und da lag ein umgekippter Baumriese vermodernd im Wasser. Der vom nahen Wasser durchtränkte Boden gab leicht nach unter den Füßen und fühlte sich an wie ein dicker Teppich. Der Klang der Schritte war dumpf. Alles war ein Fest für die Sinne. Ihr merkt schon, ich komme ins Schwärmen. Aber wie soll ich´s nur erklären? – Am besten mit Fotos:

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Hier machten wir öfter Pause als sonst und hofften, dass das noch lange so weiter geht. Doch auch dieser Wegabschnitt entlang des wirklich großen Wummsees war irgend wann zu Ende. Dieser Bogen auf dem Weg nach Mirow hatte sich wirklich gelohnt. Denn natürlich führte auch unsere heutige Etappe nicht auf dem kürzesten Weg zum Ziel.

Die Orientierung am Ufer entlang war bisher kein Problem. Doch nun waren sie wieder da, unsere Probleme mit der Beschilderung. Wir hatten die Wahl zwischen einem Weg nach links in ein Sumpfgebiet mit Knüppeldamm (sicher auch sehr interessant) und einem halb zugewachsenen geradeaus. Für den letzteren entschieden wir uns, da der andere uns noch weiter von Mirow weg gebracht hätte. Nur mittels des GPS Gerätes fanden wir die Richtung durch den sich anschließenden dichten Hochwald. Auf einem Hauptweg angekommen, stießen wir nach einigen hundert Metern dann auch wieder auf eine Muschel. Wie der Wegverlauf hier wirklich richtig gewesen wäre, konnten wir bisher nicht ergründen. Vielleicht gibt es als Reaktion auf meinen Blog irgend wann eine Berichtigung von jemandem, der es besser weiß.

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Und wieder zerstörte Wegweiser

Wir jedenfalls befanden uns nun auf einem langen Waldweg in Richtung des Ortes Schwarz. Der Waldweg ging nach einer gefühlten Ewigkeit in einen sandigen Feldweg am Rand eines Rapsfeldes über. Und dann tauchte hinter einem Hügel der Kirchturm von Schwarz auf. Der Weg in Schwarz folgt höchstwahrscheinlich der Hauptstraße. Wir bogen aber halb rechts in Richtung Ufer des Zethner Sees ab, auch in dem Wissen um eine Einkehrmöglichkeit für das zweite Frühstück. Der weitere Weg am Ufer entlang führte uns zu einem Feriencamp, wo sich gerade eine Jugendgruppe zu einer Paddeltour vorbereitete. Der Pfad, den mir mein Garmin anzeigte und der uns direkt wieder auf den Pilgerweg führen sollte, endete auf einem Privatgrundstück. Also mussten wir wieder in einem Bogen zur Hauptstraße hinauf.

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Finnhütten – Siedlung bei Schwarz

Trotzdem bereuten wir diesen keinen Abstecher nicht. Immer noch bei strahlendem Sonnenschein ging es auf ausgefahrenen Feldwegen weiter, vorbei an einer Siedlung mit Finnhütten, einer beliebten Bauform für Wochenendhäuser zu DDR Zeiten. Wer darauf kam, diese Hütten nach dem skandinavischen Land zu benennen, ist sicher nicht überliefert. Auf einer Reise nach Finnland Mitte der Neunziger konnte ich mich jedenfalls davon überzeugen, dass es in Finnland kein einziges solches Haus gibt (oder man hatte es gut versteckt). Einzig die Holzgestelle, auf denen die Fischer in der Finnmark ihren Fang aufhingen, um daraus Stockfisch zu machen, erinnerten an diese Bauform. Und darin will bei dem Gestank wirklich keiner wohnen. Diese Häuser waren hier in den neuen Bundesländern derart beliebt und so perfekt konstruiert, dass sie sogar exportiert wurden. Wir trafen diese Häuser nach der Wiedervereinigung im Ostseebad Damp wieder. Dort wurden zur Olympiade 1972 die Segelwettbewerbe ausgetragen und das olympische Dorf bestand zum Großteil eben aus diesen Häusern, die (so wurde mir dort berichtet) durch eine Firma aus der DDR errichtet wurden.

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Auf der Hohen Brücke vor Mirow

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Kleinstadt Mirow

 

Doch ich schweife ab. Wo war ich? „Olympiade“… Es bedurfte heute keiner olympischen Leistungen ans Ziel zu gelangen. Nur ungewöhnlich warm war es plötzlich geworden. Und so liefen wir ohne Pause durch bis Mirow und ließen uns auch nicht von zwei streunenden riesigen Hunden (wahrscheinlich weiße Pyrenäenberghunde) aufhalten. Weiß war an den beiden nicht mehr viel. Sie schienen gerade aus einem Sumpf gestiegen zu sein. Glücklicherweise hatten sie mehr Angst vor uns als wir vor ihnen.

Mirow empfing uns in einer Pflasterstraße, an der sich kleine ein- bis zweistöckige Reihenhäuser duckten. Auch sonst erschien uns die Stadt sehr kleinstädtisch, wenn ich das so sagen darf. Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt. Da wirkt das große Schloss und die riesige Johanniterkirche auf der Schlossinsel wie gar nicht dazu gehörend. Was aber großstädtisch erschien, war der Verkehr. Lange Autoschlangen bildeten sich an einer Baustellenampel, ohne diese ein überqueren der Straße als Fußgänger zum Wagnis geworden wäre. Auf die Schlossinsel, unserem ersten Ziel in Mirow, gelangt man durch das Torhaus.

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Schloss Mirow

Das Schloss Mirow erblickt man dann auf der rechten Seite. Das Schloss wird derzeit renoviert und wir hatten leider keinen Zutritt. Aber äußerlich wirkte es schon sehr prächtig. Unser Weg führte uns nun zur Johanniterkirche, die uns mit einem Aufsteller in den „Erlebniskirchturm“ einlud. Was kann man in einem Kirchturm schon erleben? Na gut, man kann ihn manchmal besteigen. An der Kasse fragten wir nach einem Pilgerstempel. Aber so richtig anzufangen wusste der Herr nichts mit uns. Bevor wir aber mit den Rucksäcken auf den Turm steigen würden, waren wir uns einig, suchen wir erst mal unser Quartier. Das war dieses Mal nicht im hiesigen Pfarrhaus (laut Webseite wird hier noch umgebaut), sondern bei einer Privatadresse.

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Pilgerunterkunft in Mirow

Ich hatte schon zwei mal Kontakt mit Frau Meyer und so wusst sie, dass wir im Anmarsch sind. Das Haus zu finden war nicht so schwer, obwohl hier auch kein Herbergsschild zu sehen war. Freundlich bat uns Frau Meyer auf´s Grundstück und zeigte uns das Quartier, welches sich in einem Nebengebäude im Garten befindet. Ein großer heller Raum mit einem Sofa, einem Tisch mit Stühlen und zwei dicken Matratzen empfing uns hier. Eine kleine Küche und die Dusche rundete den äußerst positiven Eindruck ab. Nach den doch sehr spartanisch eingerichteten Pfarrhäusern in Wokuhl und Fürstenberg war das hier der reine Luxus. Wir hatten zunächst große Wäsche und nachdem wir uns eingerichtet hatten, lud uns Frau Meyer zu Kaffee und Kuchen ein. Sie verriet uns, dass sie nach dem Tod ihres Mannes nur noch an Pilger die Unterkunft vergibt. Und dass sie, auch wenn sie noch nie auf einem Pilgerweg war, es so empfindet als ob sie selbst pilgert, wenn sie sich mit Pilgern unterhält und ihre spannenden Geschichten hört. Ich möchte mich hier nochmals bei dieser netten Frau bedanken für die herzliche Aufnahme. Wir haben uns wie zu Hause gefühlt. Es ist immer wieder schön solche Menschen zu treffen. Sie bereichern unsere Pilgerwege.

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Johanniterkirche Mirow

Nach dem Kaffee machten wir uns aber noch einmal auf den Weg, denn der Erlebniskirchturm wartete noch und hatte uns neugierig gemacht. Der Herr an der Kasse hatte sich wahrscheinlich inzwischen kundig gemacht. Denn ohne weitere Fragen drückte er uns zwei Stempel in den Pilgerpass. Sein Angebot, dass es oben im Turm Bücher zur freien Auswahl für je einen Euro gibt und wir uns welche aussuchen sollten, zeigte mir jedoch, dass er nicht wirklich wusste, auf welche Weise wir uns fort bewegten. Dankend lehnte ich das Angebot ab und verwies auf das Gepäck, dass wir auch am nächsten Tag auf dem Rücken tragen mussten.

Die Johanniterkirche befindet sich auf der Schlossinsel und ist ein einschiffiger gotischer Ziegelbau aus dem 14. Jahrhundert. Sie ist das älteste Gebäude von Mirow, musste aber zwei mal (nach einem Brand 1742 und nach einem Granatbeschuss 1945) wieder aufgebaut werden. Der Innenraum wurde im Stil des Barocks gestaltet. Seit 1993 besitzt die Kirche dank eines Fördervereins auch wieder einen Kirchturm.

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Blick vom Kirchturm auf den Mirowsee

In diesem stiegen wir nun die vielen Treppenstufen empor, nicht ohne uns die interessante Ausstellung zur Geschichte des Johanniterordens anzusehen, die in den einzelnen Etagen untergebracht ist. Oben angekommen hat man einen sehr schönen Ausblick auf die Stadt und die Umgebung. Der Mirowsee, der in der Abendsonne glitzerte und die kleinen wie eine Perlenkette aufgereihten Ferienhäuser an dessen Ufer wirkten sehr idyllisch. Fast lautlos tuckerten einige Freizeitkapitäne mit ihren Booten über den See und ließen ein Muster aus sich gegenseitig brechenden Heckwellen auf der Wasseroberfläche zurück. Auf der Stadt zugewandten Seite nervte lautes Krähen – Gekrächz. Hunderte von Saatkrähen sammelten sich in den großen Lindenbäumen um die Kirche und bauten hoch oben ihre unordentlichen Nester. Auf dem Kirchendach sahen wir die große Fotovoltaik – Anlage, ein Anblick, den man auf einem Kirchendach eher nicht vermutet. Hungrig geworden, stiegen wir vom Kirchturm wieder hinab und suchten nach einer Einkehr. Diese fanden wir in der „Blauen Maus“, einem Restaurant in der Schlosstraße, in dem wir sehr gut und preiswert gegessen haben. Fast hätten wir die Zeit vertrödelt, denn wir mussten noch etwas einkaufen für den Abend und den nächsten Tag. Na und der Supermarkt lag natürlich wieder mal recht weit außerhalb. Macht nichts. Wir sind´s laufen ja zum Glück gewohnt. Die Flasche Rotwein, die wir gerade noch vorm Schließen ergattern konnten, leerten wir zum Ärger des kleinen Nachbarhundes im Garten vor der Unterkunft. Lautstark und vom Herrchen / Frauchen immer wieder zurück gepfiffen, versuchte uns der Kläffer zu vertreiben. „Wir haben zu Hause auch so einen!“ versuchte ich die Nachbarn zu beruhigen, denen das schon etwas peinlich wurde. „Morgen sind wir wieder weg und da hast Du deine Ruhe wieder.“ sagte ich dem Hund, was ihn aber auch  nicht sonderlich beruhigte.

Hier war nun der Ostzweig des Pilgerweges zu Ende. Und irgendwie war ich froh, dass es morgen weiter ging, in die entgegen gesetzte Richtung nach Norden. Denn so richtig war meine Neugier und meine Lust am Laufen noch nicht gestillt.

8. Etappe, Mirow – Wesenberg, 14 km

So, ab nun ging es nun anders herum, soll heißen: In die entgegengesetzte Richtung.

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Frühstück in Mirow

Wir waren gespannt, wie das klappen würde mit den Wegweisern im Rücken. Und nach den Erfahrungen der letzten zwei Etappen, war ich wieder mal froh, den Garmin mit zu haben. Doch bis auf wenige Stellen, an denen wir etwas suchen mussten, ging es dann doch besser als erwartet. Doch nun war erst mal Frühstück bei Frau Meyer angesagt. Während wir unsere Sachen packten, deckte Frau Meyer den Tisch im Garten und wir ließen es uns bei bereits schon am Morgen wieder strahlendem Sonnenschein schmecken. Eigentlich hätten wir uns noch ewig unterhalten können. Aber irgendwann wurde es Zeit für den Aufbruch, auch wenn es heute mit 14 Kilometern wieder nicht sehr weit war. Wir verabschiedeten uns also mit einem großen Dankeschön von Frau Meyer und wünschten ihr, dass sie noch vielen Pilgern eine so schöne Unterkunft geben kann.

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Waldwege bei Mirow

Aus Mirow heraus fanden wir zunächst mittels des GPS Gerätes. Lange gingen wir an einem von Birken gesäumten breiten Entwässerungsgraben entlang. Und schon fanden wir den ersten Wegweiser. Während ich bisher Fotos meist in Geh – Richtung machte, fotografierte ich nun immer öfter nach hinten, also so wie man üblicherweise den Weg sehen würde, wenn man in die richtige Richtung läuft. Über idyllische Waldwege erreichten wir bald Leussow. Man muss immer mal nach hinten sehen, um die weitere Richtung zu erkennen, in die man gehen muss. Das klingt zuerst mal merkwürdig. Aber ist logisch, wenn man bemerkt hat, dass die Wegzeichen immer so angebracht sind, dass man sie trotz ihrer geringen Größe auch schon von Weitem sieht. Also stellten wir uns vor die Wegweiser, drehten uns um 180 Grad und wussten, wo lang es weiter geht. Hinter Leussow suchten wir aber etwas länger nach einem Schild. Hier zweigten mehrere Wege ab und Andrea hatte zum Glück den richtigen erwischt. Beim zeichnen des Tracks nach der Wegbeschreibung aus dem Internet, hatte ich mich hier tüchtig geirrt und der Garmin hätte uns deshhalb in Leussow in die falsche Richtung geschickt. Sicher wären wir auch so nach Wesenberg gekommen, aber eben nicht auf dem richtigen Weg.

 

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Heidelbeerwald

Und so folgten wir weiter der nach langem Suchen nun wieder gefundenen richtigen Richtung durch einen Kiefernwald mit einem leuchtend grünen Teppich aus Heidelbeersträuchern. Das Gebiet, durch das wir nun liefen, war vor 23 Jahren noch ein Übungsgelände der Sowjetarmee. Überall sah man deshalb noch tiefe Mulden von eingegrabenen Stellungen.

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Eingegraben

Am Rande eines kaum auszumachenden zugewachsenen Waldweges, in den (oder besser von dem) uns ein Muschelschild schickte, saß ich nun in einer ehemaligen Schützenmulde, machte Rast und dachte an den armen Soldaten, der dieses Loch mal graben musste. Denn ich selbst war mal in der gleichen Situation. Man hätte uns auch am Waldrand solche Löcher graben lassen können. Aber im Wald machte es den Ausbildern anscheinend viel mehr Freude uns zuzusehen, wie wir uns durch die dicken Wurzeln der Bäume stocherten. Lange her aber trotzdem noch in Erinnerung. Vieles verklärt sich nach langer Zeit und nur die schönen und lustigen Situationen aus der Armeezeit bleiben in Erinnerung. Aber diese schei… Schützenmulden blieben. Nun hatte sich die Natur um die Hinterlassenschaften zu kümmern. Und nur einige überwachsende aber noch sichtbare Vertiefungen im grünen Waldboden erinnerten noch an Früher. Der Weg durch den Wald zog sich wieder einmal in die Länge und es dauerte eine ganze Zeit, bis wir wieder die Geräusche von einer nahen Straße hörten. Das bedeutete bisher meist, das wir kurz vor dem Tagesziel sind. Denn die Organisatoren hatten (wie schon einmal geschrieben) sich auch auf dieser Etappe die Mühe gemacht, uns auf so manchen Umweg zu schicken, nur um uns der Ruhe des Waldes hemmungslos auszusetzen.

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Bahnübergang bei Wesenberg

Auf dem Radweg entlang einer Straße näherten wir uns nun Wesenberg und ich staunte an einer geschlossenen Schranke nicht schlecht, als sich ein alter weinroter Schienenbus näherte, auf dem noch die Zeichen der Deutschen Reichsbahn angebracht waren. Bereits 1890 erhielt die Kleinstadt Anschluss an die Neustrelitz-Wesenberg – Mirower Eisenbahngesellschaft. Und auch heute wird die Strecke also noch betrieben. Auf dem Weg in die Stadt bemerkt man sofort den homogenen Charakter der Bebauung dieser oval unterhalb einer Burg angelegten mittelalterlichen Stadt. Viele alte Fachwerkhäuser wurden liebevoll restauriert und alles passt irgendwie zueinander.

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Stadtkirche St. Marien und Pfarrhaus

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Marktplatz Wesenberg

In Mitten der Altstadt erhebt sich die gotische Stadtkirche St. Marien. Und hier ganz in der Nähe musste auch unsere heutige Unterkunft im Pfarrhaus sein. Und wirklich hatten wir das rote Backsteinhaus nach einer kleinen Ehrenrunde über den Marktplatz gefunden. Vom ehemaligen Pastor der Gemeinde, der bereits auf gepackten Koffern saß als ich ihn erstmals kontaktierte und der jetzt eine neue Stelle in Hamburg Altona angetreten hat, bekam ich die Telefonnummer von Herrn Lömpke aus Schwarz, der sich nun um die verwaiste Stelle hier in Wesenberg kümmerte. Und dieser teilte uns telefonisch nun wiederum mit, dass im Schaukasten vor dem Pfarrhaus eine Telefonnummer angeschlagen ist. Wenn wir dort anrufen würden, käme jemand aus dem Ort, der uns einlässt. Man sieht also, ein Telefon ist auf diesem Weg sehr wichtig, sonst bekommt man ernsthafte Probleme bei der Organisation der Unterkünfte. Und wirklich hielt wenig später ein Pickup mit dem Firmenkennzeichen einer Baufirma, aus dem ein Mann in Arbeitskleidung (wie sich herausstellte der Chef der Firma) ausstieg und uns begrüßte. Er wusste bereits Bescheid und zeigte uns nun das komplett rekonstruierte Pfarrhaus.

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recht spartanische Einrichtung der Unterkunft

So rustikal es von außen erschien, so modern war es im Inneren eingerichtet. Hochmoderne sanitäre Anlagen, eine voll ausgestattete Küche, neue Fenster und Türen und neues Mobiliar in den Gemeinschaftsräumen im Erdgeschoss ließen vermuten, dass hier viel Geld investiert wurde. Hier wurde geklotzt, nicht gekleckert. Nach meinem Empfinden war es aber an manchen Stellen bereits zu viel des Guten in Anbetracht des Zustandes einiger Immobilien, die wir bisher am Weg gesehen hatten. Bei der Ausstattung der Pilgerunterkunft im Obergeschoss hatte man dagegen bedauerlicher Weise etwas gespart. Ein wie es schien irgend wo übrig gebliebenes Sofa und eine altersschwache Liege neben einer alten Garderobe, die nicht an der Wand befestigt war, das war alles was wir vorfanden. Warum ich hier nicht unsere Luftmatratzen aufblies, weiß ich bis heute noch nicht. Denn die Nacht sollte zur Tortur werden. Ich hatte mich bereit erklärt, auf dem schmalen Sofa zu schlafen und Andrea hatte ihren Schlafsack auf der Liege ausgebreitet, die in der Nacht bei jeder Bewegung so heftig knarrte, dass wir beide munter wurden. Doch es steht uns nicht zu darüber weiter zu lamentieren. Wir hatten ein Dach über dem Kopf und als Pilger sollte man bereit sein, auch mit den einfachsten Verhältnissen zurecht zu kommen. Das macht ja unter anderem auch den Reiz aus, den diese Art der Fortbewegung bietet, sich für einige Zeit aus der Wohlstandsgesellschaft zu verabschieden, auf Zeit aus zu steigen, wie man so schön sagt. Doch für Aussteiger sollte uns niemand halten und deshalb nutzten wir ganz schnell die Segnungen der Neuzeit in Form einer futuristisch anmutenden Duschanlage.

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Uralte Linde vor der Kirche

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Burg Wesenberg

Vom Staub des Weges befreit, machten wir uns nun auf zu einem Stadtrundgang durch die wirklich hübsche Stadt. Vor der wuchtigen Kirche fällt sofort eine riesige Linde auf. Sie hat einen stattlichen Stammdurchmesser von immerhin acht Metern und erhielt deshalb den Status eines Naturdenkmals. Den schön restaurierten Marktplatz hatten wir ja schon gesehen. Und so folgten wir den Wegweisern zur Burg und zum Hafen. Die Burg ließen wir erst mal rechts liegen, zudem sie nicht sonderlich spektakulärwirkte. Das Areal ist seit 1992 renoviert wurden und sieht eigentlich nicht so aus, wie man sich eine mittelalterliche Burg vorstellt. Der Fangelturm ist ein etwas unförmiger Backsteinstumpf am Ende eines großen Langhauses.Während des dreißigjährigen Krieges wurde die Burganlage weitestgehend zerstört und es blieben nur noch die Toranlage, teile der Mauer und der Torso des Turmes übrig. Heute gehört die Anlage der Stadt Wesenberg und beherbergt einige Einrichtungen, wie das Fremdenverkehrsbüro oder eine Heimatstube, in der eine Ausstellung zu Fischerei und Forstwirtschaft der Region gezeigt wird und um die sich ein Burgverein kümmert.

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Der Hafen von Wesenberg

Das alles musste ich mir aber erlesen, denn auf dem Rückweg war das alles schon verschlossen. Denn wir kümmerten uns zunächst um etwas essbares, was wir in einem Biergarten am Hafen fanden. Apropos Hafen, der besitzt eine der Stadt entsprechende Größe und besteht deshalb nur aus einem langen hölzernen Steg, der sich um eine Ausbuchtung des Woblitzsees schmiegt. Einige Angler, die nicht sehr glücklich auf die Wasseroberfläche glotzten (Petri heil!), saßen in Klappstühlen auf dem Steg und ein Ausflugsboot hatte nahe einer Versorgungssäule daran fest gemacht. Die Besichtigung fiel also entsprechend kurz aus. Einmal auf dem Steg hin, ein paar Fotos vom See und wieder zurück und wir wendeten uns wieder dem Biergarten zu, dessen guter Besuch uns vermuten ließ, dass es sich lohnen könnte, hier etwas zu essen.

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Biergarten „am Hafen“

Das umfangreiche Angebot versprach auch, dass hier nichts aus der Konserve kommt, Mutti also noch selbst kocht. Und das kann ich hiermit bestätigen. Denn die bestellte Gulaschsuppe war der Hit des Tages. Der Besitzer des Imbisses werkelte vor sich hin grummelnd an einem Schirmständer und wirkte zunächst nicht sonderlich gesprächig. Ein paar zustimmende Bemerkungen und schon hellte sich sein Gesicht auf und er wurde sogar witzig. Er war wohl etwas angesäuert wegen der vielen Aufgaben, die im seine Frau, die hinter dem Tresen stand, aufgetragen hatte. Man stak in den Vorbereitungen zum anstehenden Pfingstfest. Und die riesige, frisch gemähte Wiese um die keine Bühne ließ mich erahnen, wie oft der Mann darauf heute bereits hin und her gehen musste, um diesen gepflegten Zustand herzustellen. Mein Interesse fand aber die kleine hölzerne Bühne mit der Tanzfläche am Freisitz. Vor allem wegen der Schwierigkeiten bei der Genehmigung einer Tanzfläche zu Hause in unserem Park. Ich schrieb bereits darüber in einem anderen Post. In mir wuchsen Ideen, die wir nun gemeinsam diskutierten. An der Bühne stand in buten Buchstaben „Wesenberger Kleinkunstbühne“. Vielleicht sollten wir unserem Vorhaben nur einen interessanten Namen geben und diesen jedes Jahr wechseln, um die halsstarrigen Behörden immer und immer wieder mit Anträgen zu bombardieren. So lange, bis sie es satt haben mit uns und sich wenigsten mal vor Ort blicken lassen. Denn bisher wurde nur vom grünen Tisch aus entschieden (natürlich negativ), was immerhin bereits 5 Jahre in Anspruch nahm. Und so sponnen wir uns etwas zusammen, ohne zu merken wie die Zeit vergangen war. Für eine Turmbesteigung war es nämlich inzwischen zu spät. Die schwere Eingangstür zum Turm war bereits verschlossen, schade eigentlich aber nicht zu ändern. Ändern mussten wir aber noch die Leere in unseren Rucksäcken in Sachen Proviant. Wie üblich lag der ortsansässige Supermarkt wieder einmal etwas außerhalb. Eine Einwohnerin, die wir nach einem Supermarkt fragten, schickte uns durch eine Neubausiedlung an der Stadtrand. Frage nie einen Autofahrer nach dem Weg durch eine Stadt! Wahrscheinlich war die gute Frau noch nie zu Fuß in die Kaufhalle gegangen. Warum auch, es sind doch schöne große Parkplätze davor. Und so bemerkten wir den Umweg erst auf dem Rückweg, als wir uns den Turm der Stadtkirche zur Orientierung nahmen.

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Am Abend

Der Abend war noch jung und sehr einladend waren das Zimmer und die Schlafgelegenheit ja nicht. Also räumten wir kurzerhand einen Tisch aus der Küche auf den Hof, um uns hier noch ein Fläschchen Rioja Wein schmecken zu lassen (seit dem Camino Frances unser Lieblingswein). Gerade rüber zog gerade ein Radlerpärchen in die Fahrradpension ein und als die beiden uns bemerkten, zogen sie alle Vorhänge zu. Also kein Fernsehen! Doch auf dem Handy hatte ich noch einige Filmchen mit Kurt Krömer, Reinald Grebe und H.P. Kerkeling, über die wir uns amysierten bis der Akku leer war. Nun mussten wir etwas widerwillig doch ins Bett und wir ahnten bereits, was das werden würde in dieser Nacht. Wie bereits erwähnt, konnte Andrea nicht schlafen, weil sie es kaum wagte sich zu bewegen, weil dann die Liege fürchterlich knarren würde und ich immer wieder aufwachte, wenn sich es dann doch mal tat. Ich konnte mich dagegen kaum bewegen, war ein liegen auf der Couch ja für mich nur hochkant (auf der Seite) möglich und die Füße lagen auf der Armlehne.

Warum habe ich nur die Luftmatratzen nicht aufgeblasen??

9. Etappe, Wesenberg – Neustrelitz, 20 km

Es ist die einzige Etappe bei der man auf dem gleichen Weg aus dem Ort geht, wie man in ihn hinein gegangen ist. Und so trotteten wir wieder gegen 8 Uhr durch Wesenberg. Die Nacht hatte das gehalten, was die provisorischen Nachlager versprochen hatten. Und so richtig wach waren wir heute noch nicht. Es hätte zwar die Möglichkeit gegeben, beim Bäcker, der gerade rüber vom Pfarrhaus sein Geschäft schon 7 Uhr offen hatte zu frühstücken. Aber im Rucksack hätten wir dann wieder viele alternde Lebensmittel mitgeschleppt, die dadurch ja auch nicht besser würden. Und so knabberten wir lieber unsere Semmeln vom Vortag und ich hatte noch zwei als Wegzehrung geschmiert. Spätestens in Neustrelitz gibt es ja genügend Möglichkeiten, den Vorrat an Proviant wieder aufzufüllen.

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Aufbruch am Morgen in Wesenberg

Mann war das heute warm! Das merkte man schon am Morgen, dass die kühlen Tage vorbei waren. Bereits gestern auf der Etappe nach Wesenberg war es deutlich wärmer als auf den bisherigen Etappen. Doch wollen wir uns mal nicht beschweren. Bisher hatten wir tüchtiges Glück mit dem Wetter. Und wir hatten nur ein mal die Regenjacken gebraucht. Am südwestlichen Ende der Altstadt mussten wir uns nun rechts halten und überquerten diesmal die Bahngleise über einen anderen Bahnübergang als wir das gestern getan hatten. Danach ging es durch eine Eigenheimsiedlung recht lange und stetig bergauf in nordwestlicher Richtung aus der Stadt. Nach dem Ortsausgang war es dann nicht mehr weit bis Kleinquassow, einem Ortsteil von Wesenberg. Hier gab es wieder an der richtigen Stelle einen Wegweiser, der uns endlich von der Asphaltstraße, die wir bisher gelaufen waren, weg führte.

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Betonweg durchs Naturschutzgebiet

Ein paar Spaziergänger, die ihre Hunde Gassi führten, begegneten uns und wir hörten schon vom Waldrand her Baumaschinen lärmen. Als wir näher kamen, entdeckten wir den nagelneuen mit Betonsteinen gepflasterten Weg, an dem sich noch einige Bauarbeiter mit einer großen Rüttelplatte zu schaffen machten. „Die werden doch nicht!“ Doch die haben! Mitten durchs Naturschutzgebiet (Ich glaube, es gehört sogar zum Nationalpark, der Weg heißt jedenfalls Nationalparkweg Müritz) führt nun ein Betonweg für Radfahrer. Dank an die Eurokraten in Brüssel, dass das nun möglich ist. Ein EU Paragraph schreibt nämlich vor, dass Radfernwege zu befestigen sind, wie wir von einem Anwohner erfuhren. Und da übersieht man schon mal gern den Status eines Naturschutzgebietes. Ob das die Radfahrer eigentlich wollen, hat sicher niemand gefragt. Wir als Fußgänger konnten diesem Weg jedenfalls nichts gutes abgewinnen. Wie ein Fremdkörper windet sich nun die Betonschlange durch den Wald – schrecklich!

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Storchennest von Groß Quassow

Nach einigen Kilometern war dann aber auch dieser Weg zu Ende und wir liefen nun wieder auf einer Asphaltstraße für Fahrzeuge dem Ortsteil Großquassow entgegen. Eine Brücke führte uns wieder mal über die Steinhavel, die bereits mehrfach unseren Weg kreuzte. Schon von Fern sahen wir auf einer großen Scheune ein bewohntes Storchennest. Hier nisten seit 1938 Störche und sie waren dabei 64 mal erfolgreich und zogen dabei 162 Junge auf. Damit ist dieses Nest das beständigste im gesamten Strelitzer Land, ein Fingerzeig da wirklich viele Störche hier in dieser Gegend ihre Jungen groß ziehen. Jedoch ist das nicht vergleichbar mit der Storchenpopulation am Camino Frances. Dort haben wir manchmal bis zu 6 Storchennester an einer Kirche gesehen. Passend zur Hauptattraktion des Ortes heißt die hiesige Gaststätte natürlich auch „Storchennest„.

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Rast im „Storchennest“

Und zum Glück hatte die auch bereits geöffnet. Also nutzten wir dies, um eine kleine Pause einzulegen. Der sehr nette Wirt bediente uns selbst und fragte uns nicht ohne Neugierde natürlich nach unserem Vorhaben. Wir erzählten wie immer alles über den bisherigen Weg und über das, was noch vor uns liegt. Mit großem Interesse hörte er uns zu. Und vielleicht haben wir auch einige Vorbehalte oder Vorurteile gegenüber Pilgern ausgeräumt. Pilger und vor allem Pilgerherbergen werden, wie wir öfter hörten, bei einigen die am Weg wohnen, als Konkurrenz zu ihrem Geschäft gesehen, was auch viele mutwillige Zerstörungen der Wegzeichen erklären würde. Man trifft auf die Meinung, das der Pilger nur eine billige Möglichkeit sucht, hier seinen Urlaub zu verbringen. Es ist sicher verständlich, dass ein Vermieter von Privatzimmern oder ein Betreiber einer Landpension wie diese hier in Groß Quassow, froh über jedes belegte Bett ist.

Und so klagte uns der hiesige Wirt auch sein Leid und schilderte uns seine Mühen, die Pension und das Restaurant am Leben zu erhalten. Wir erzählten ihm vom Sinn und Anliegen des Pilgerns und von unserem Unverständnis über die Kritiker und deren Kurzsichtigkeit. Denn jeder Pilger hat Bekannte oder Verwandte, denen er von der herrlichen Gegend und den Menschen erzählt und Fotos mitbringt. Oder er schreibt wir ich in so einem Blog, der vielen zugänglich ist. Und da nicht jeder dem Pilgern und allen damit verbundenen Entsagungen etwas abgewinnen kann, ist dies eine unbezahlbare Werbung für die Region aus erster Hand. Ja und bei den bisherigen Pilgerzahlen kann man wohl kaum von einer ernst zu nehmenden Konkurrenz sprechen. Unsere Erfahrungen in Spanien zeigen außerdem, dass gerade in strukturschwachen Regionen ein Pilgerweg ein wertvoller Wirtschaftsmotor sein kann. Viele Orte Kastiliens am Weg würden ohne den Camino längst verlassene Geisterdörfer sein.

Mecklenburg Vorpommern gilt in Deutschland ebenfalls als eine strukturschwache Region. Und dieser neue Pilgerweg ist eine Möglichkeit von vielen, den Tourismus hier weiter zu beleben. Das dies gelingt, ist dem Weg, der Region und den Menschen hier sehr zu wünschen. Besonders dort, wo es noch Lücken im Unterkunftsangebot gibt, sind auch die meisten Wegweiser zerstört. Ich denke, darin besteht ein Zusammenhang und es bedarf noch einiger Aufklärungsarbeit, um hier Vorurteile zu beseitigen.

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Backsteinkirche von Groß Quassow

In Groß Quassow hatten wir uns jedenfalls alle Mühe damit gegeben. Man wünschte uns einen guten Weg und wir schulterten wieder unsere Rucksäcke. Die Backsteinkirche des Ortes war leider verschlossen. Im Nachhinein kann ich, da sich das Ende meines Berichtes nähert aber schreiben, dass wir bei überraschend vielen Gotteshäusern offene Türen vorfanden. Natürlich hat man auch hier Angst vor Plünderungen oder Wandalismus. Aber dort wo sich jemand findet, der die Zeit und Möglichkeit hat, täglich auf- und zuzuschließen, wird dem Pilger eine offene Kirche präsentiert, was meiner Ansicht nach an einem Pilgerweg Normalität sein müsste.

Auf dem Weg aus dem Ort noch eine lustige Begebenheit. Wir begegneten einem „Dackelpferd“. Beide mussten wir lachen, da es aussah, als hätte jemand ein Pferd bis zu den Knien im Boden eingegraben. Bis nach Userin, dem nächsten Ort der heutigen Etappe, führt ein Weg mit gepflasterten Fahrspuren, auf denen uns auch des öfteren ein Fahrzeug begegnete. Über uns kreisten Störche und die eindringlichen Rufe von Kranichen hallten über die im grellen Sonnenlicht leuchtenden Felder. Einzig der Lärm eines Jagdflugzeuges nervte wieder beträchtlich und störte den friedlichen Gesamteindruck der Gegend.

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der Weg nach Userin

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Pferdekoppel vor Userin

Die Pferde auf einer Koppel vor Userin schienen an den Lärm bereits gewöhnt zu sein, zeigten sie doch keinerlei Scheu beim donnern der Strahltriebwerke im Steigflug des Militärjets. Geht man in der richtigen Richtung nach Groß Quassow aus Userin heraus, muss man gut aufpassen, denn der Wegweiser ist etwas ungünstig im Rücken des Wanderers angebracht und wird so leicht übersehen. Auch im Ort war es nicht ganz einfach, sich zu orientieren. Hält man sich aber an die Beschreibung auf der Internetseite, findet man den Weg ohne Probleme. Auch hier fanden wir wieder ein bewohntes Storchennest. Userin ist ein recht hübscher Ort mit einem großen Feriencamp am Useriner See. Etwas beschleunigt im Gehen verließen wir aber den Ort. Der Grund dafür war wieder mal ein ganz natürlicher. Ich war jedenfalls wieder mal froh, genügend Toilettenpapier mit dabei zu haben. Und weil wir schon mal beim Thema sind: Bitte nehmt Toilettenpapier mit und benutzt nur im Notfall Tempo Taschentücher. Denn diese liegen ewig in der Natur. Sie enthalten ölige Substanzen, die verhindern, dass das Papier schnell verwittert. Bei Benutzung in Toiletten führt das oft zu Verstopfung der Abflussleitungen und auch in den Klärwerken bereiten Taschentücher Probleme. Besonders an stark frequentierten Pilgerwegen stößt man an fast jeder für die Notdurft geeigneten Stelle auf diese vermeidbaren Hinterlassenschaften. So, nun aber genug zum anrüchigen Thema. Ich habe jetzt genug Aufklärungsarbeit in Sachen Naturschutz zu diesem Thema geleistet. Schön, dass wir drüber gesprochen haben!

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Rast an der Prälank Siedlung

Erleichtert ging es weiter in einen schattigen Wald hinein, der am heutigen sehr warmen Tag angenehme Kühle brachte aber auch Mücken. Wieder heraus aus dem Wald machten wir Rast bei der Prälank Siedlung, einer Ansammlung von ein paar wenigen Häusern, zu denen nicht mal eine befestigte Straße führt. „Die wohnen schön ruhig hier und idyllisch“ sagte Andrea. Fügte aber im gleichen Atemzug hinzu, dass es hier im Winter oder bei schlechtem Wetter schnell schwierig werden kann. Idylle ist das eine, was einem beim ersten Blick auffällt. Der Alltag sieht dann sicher schon ganz anders aus, wenn man sich zudem an die Umgebung gewöhnt hat. Also schnell weiter, bevor wir uns dran gewöhnen. Die am Morgen geschmierten Brötchen waren auch schnell aufgegessen und so erhoben wir uns wieder von der kleinen Bank.

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Mückenbrutstelle

Der nächsten Wald ließ nicht lange auf sich warten. Und wieder mal mussten wir ganz schnell das „Anti Brumm“ aus dem Rucksack holen, denn in der Nähe des Weges sah man viele sumpfige Stellen zwischen den Bäumen, die Brutstätte einer wahren Mückeninvasion. Ein paar von den Plagegeistern hatten es jedoch schon geschafft, ihr Mittagessen bei uns abzuholen. Selbst auf dem Kopf durch die Haare hatten sie zugeschlagen: Bloß nicht kratzen! Dann wird es nur noch schlimmer. Wieder in der Sonne hatten wir den Mückenschwarm endlich abgeschüttelt. Über eine kleine Asphaltstraße und einen Betonweg gehend, erreichten wir Torwitz und bogen am Ortseingang in einen von Weiden gesäumten Feldweg ein, der in einigem Abstand dem Ufer des Zierker Sees folgt.

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Kraniche am Ufer des Zierker Sees

Auf den Wiesen zwischen Weg und See tummelte sich allerhand Geflügel. Da waren Reiher, Wildgänse, Störche und natürlich auch Kraniche zu sehen. Und wir kamen ungewohnt dicht an sie heran. Die sonst sehr scheuen Vögel waren durch die Nähe zu Stadt sicher etwas zutraulicher geworden. Man konnte nämlich bereits Neustrelitz von hier aus sehen. Der markante Turm der Stadtkirche lugte zwischen den Bäumen hindurch. Einige Kilometer waren es trotzdem noch, denn noch lag der Zierker See zwischen uns und der Stadt. Den Ort Zierke, von dem der See seinen Namen hat, ließen wir links liegen. Hier waren wir vor zwei Jahren schon einmal. Hier hatten wir auch zum ersten Mal die Muschelschilder gesehen und waren unbewusst schon einmal auf diesem Pilgerweg gelaufen. Erst später erfuhren wir von dem Weg. Wie bereits geschrieben, hatten wir uns ja zuerst über die Verwendung der Muschel als Wegzeichen gewundert.

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Steg am Zierker See

Der hübsche überdachte Steg am Zierker See, den wir kurz vor Neustrelitz erreichten und von dem man einen schönen Blick auf den See hat, war uns deshalb auch bereits bekannt. Über das Gelände der Marina der Stadt folgten wir dem Weg nun im Zickzack Kurs und standen bald am kleinen Hafenbecken. Einige Ausflugsboote hatten fest gemacht. Die Freisitze des Kaffees und des Restaurants im alten restaurierten Speicher am Hafen waren schon wieder gut besucht. Wir gingen jedoch auf die Halbinsel Helgoland. Ja, in Neustrelitz ist Helgoland eine Halbinsel. Auf dieser befindet sich auch nur ein Haus. Und das ist eine traditionsreiche Gaststätte, die wir auch schon kannten. Und wo man sich auskennt und gute Erfahrungen gemacht hat, zieht es einen wieder hin. Da die angekündigte Ankunftszeit im Borwinheim noch fern war, hatten wir noch genügend Zeit für einen Kaffee bzw. ein Bier.

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wir treffen Anne wieder

Mehr aus den Augenwinkeln heraus sah ich plötzlich in einiger Entfernung einen grünen Rucksack mit Plastik Blümchen, der mir irgend wir bekannt vor kam. Ja richtig, es war die Pilgerin, die wir schon in Wokuhl trafen. Und die den Weg in uns entgegen gesetzter Richtung lief. So ein Zufall, dass wir uns nun wieder Begegnen, denn gerade in einer Stadt gibt es doch wirklich viele Wege, auf denen man aneinander vorbei gehen kann. Zur Verwunderung von Andrea und der Kellnerin, mit der wir uns gerade unterhielten, sprang ich auf, um Anne hinterher zu laufen, die sich gerade wieder der Stadt zu wandte. Sie war genau so überrascht uns wieder zu sehen wie wir. Ich lud sie zu einem Kaffee ein und wir plauderten natürlich über das zwischenzeitlich Erlebte. Dann trennten sich unsere Wege aber wieder. Wir wollten zur Unterkunft und sie hatte noch vor bis Mirow zu laufen. „Man sieht sich immer zwei Mal im Leben“ sagte ich zum Abschied, in dem Bewusstsein, dass dies ja schon unser zweites Mal war. Warum aber nicht auch drei mal? Schnell schrieb ich mir noch ihre E-Mail Adresse auf.

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Unser Nachtlager im Borwinheim

Im Borwinheim hatten wir auf Wunsch bereits einen Tag vor unserer Ankunft  angerufen und uns angemeldet. Ein weiterer Anruf wahrte uns in Sicherheit, dass man uns bereits erwartete. Ein netter Herr, dessen Name mir leider entfallen ist, empfing uns und zeigte uns unter ausschweifenden Erklärungen das riesige Haus, welches erst kürzlich nach einer aufwendigen millionenschweren Sanierung wieder eröffnet wurde. Besonders beeindruckte mich dabei der große Saal mit der eingebauten Orgel. „Vielleicht kommt auch noch unser Kantor zur Probe“ sagte uns der Herr. „Das würde mich sehr freuen“ meinte ich. Er kam leider nicht. Wir holten zwei Matratzen vom Speicher und machten es uns im kleinen Saal bequem. Hier gab es jede Menge Platz und wir breiteten unsere Sachen großzügig aus, um mal wieder Ordnung im Rucksack zu schaffen. Auch eine Wäsche in einer Waschmaschine wäre hier möglich gewesen. Wir hatten jedoch keinen Bedarf. Die Matratzen legten wir auf einen flauschigen Teppich, der in einer Ecke des großen Raumes lag. Und so hatten wir diesmal wieder ein sehr bequemes Nachtlager, jedenfalls kein Vergleich zur vergangenen Nacht!

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Panorama des Marktplatzes von Neustrelitz

Nach dem duschen wollten wir aber noch einmal eine Runde durch die Stadt drehen. Neustrelitzkannten wir bereits von unserem vorigen Besuch und so mussten wir keine große Besichtigungstour starten. Ich möchte aber trotzdem nicht unerwähnt lassen, dass Neustrelitz durchaus einen Besuch wert ist.

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Der Marktplatz von Neustrelitz

Der interessante Grundriss, in dessen Zentrum der Marktplatz mit der Stadtkirche und ihrem markanten Turm und mit dem Rathaus liegt, sucht seines Gleichen. Die barocke Residenzstadt ist am Reißbrett entstanden. Acht Kerzen gerade Straßen führen in den Haupt – und Nebenhimmelsrichtungen vom Marktplatz aus der Stadt, bzw. treffen sich in deren Zentrum. Im nahen Schlossbezirk sind neben dem sehr schön angelegten Park mit dem Hebetempel und vielen Skulpturen auch die Schlosskirche, die Orangerie, der Marstall, der Carolinenstift und das Carolinenpalais zu besichtigen. Das Schoss existiert seit 1945 leider nicht mehr. Eine Konstruktion aus Baugerüsten, die mit Stoffbahnen auf denen die Fassade aufgedruckt ist bespannt sind, lässt aber die Silhouette des einstigen Schlosses wieder erstehen. Die Schlosskirche ist ein Werk des Baumeisters Friedrich Wilhelm Büttel, dessen Bauten wir nun schon in vielen anderen Orten am Weg begegneten.

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die Metall – Strelizie

Wir gingen vorbei an der in der Sonne glänzenden Strelizie aus Edelstahl, die auf einer Verkehrsinsel in der Nähe des Hafens steht. Die Ähnlichkeit des Namens der Blume und der der Stadt Neustrelitz im Wortstamm ist kein Zufall. Indirekt ist Neustrelitz der Namensgeber der Pflanze. Denn ein englischer Naturforscher benannte 1773 seine in Südafrika entdeckte Schönheit zu Ehren der englischen Königin „Strelizia Reginae“. Die damalige englische Königin war eine geborene Prinzessin Sophie Charlotte von Mecklenburg – Strelitz. Tja Reisen bildet und das wusste ich vorher auch noch nicht, hatte mir darüber aber auch irgendwie keine Gedanken gemacht. Manche würden es auch als „unnützes Wissen“ bezeichnen. Unnütz könnte es nicht sein, nun noch etwas zu essen zu beschaffen. Am Hafen befindet sich eine Fischhalle. „zum Fischerhof“ heißt sie und es soll angeblich frischen Fisch hier geben und man kann eine Kleinigkeit essen. Großen Hunger hatten wir nämlich nicht.

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Aufziehendes Gewitter?

Und so genügte uns eine Fischsemmel in diesem Imbiss. Als mehr möchte ich die Einrichtung wirklich nicht bezeichnen. Der äußerliche Zustand des Etablissements entsprach in etwa der Erscheinung der Fischverkäuferin. Man hatte große Mühe, diesen Anblick beim Verzehr der Semmel aus dem Kopf zu bekommen. Der Herr, der uns im Borwinheim empfing, hatte uns eigentlich bereits gewarnt. Warum uns das nicht beim ersten Besuch hier bereits aufgefallen war? Damals hatten wir es uns in den aufgestellten Strandkörben bequem gemacht und wir fanden das recht gemütlich, darin zu sitzen, was zu trinken und auf den See zu starren. Das taten wir nun auch und sahen über einem auf dem See dahingleitenden Drachenboot einen Himmel, der immer dunkler wurde. Da zog was auf und wir mussten befürchten, heute noch nass zu werden auf dem Heimweg. Also zogen wir wieder von dannen. Das „Auf Wiedersehen“ meinten wir aber nicht ganz so ernst. Das Wetter mit seinen dunklen Wolken zog vorbei und so konnten wir noch ein Weilchen draußen auf dem Hof bei einer Flasche Wein sitzen.

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großer Saal des Borwinheimes

Vorher jedoch bekamen wir noch Besuch. Neben dem Pastor wurden wir auch dem ehemaligen Kantor des Borwinheimes am Nachmittag bereits vorgestellt. Ich weiß nicht, ob sein abendlicher Besuch ein Vorwand war, um uns, die wir die Schlüsselgewalt über das Haus hatten, zu überprüfen oder ob er wirklich Noten holen wollte wie er sagte. Bei der Schlüsselübergabe wurde uns nahe gelegt, immer gewissenhaft alles zu zu schließen, da sich bereits Einbrecher im Haus zu schaffen gemacht hatten oder Landstreicher, die sich einschließen ließen. Und so war seine Sorge um die Sicherheit des Hauses sicherlich berechtigt. Zumal er offenbar mit der Pilgerei nichts so rechtes anzufangen wusste.  Fragte er doch, wie groß denn unsere Gruppe wäre. Er hatte unsere ausgebreiteten Sachen im kleinen Saal gesehen und rätselte nun, wie viele Leute das alles mitgebracht hätten. Seine zweite Frage nach unseren Fahrrädern und unsere Antwort, dass wir nur zu zweit und zu Fuß wären, machte seine Verwirrung nur noch deutlicher. Er konnte sich das wohl einfach nicht vorstellen, dass man alles was man benötigt, auf dem Rücken tragen und damit auf Hunderten von Kilometern über mehrere Wochen zurecht kommen kann. Zu seiner Entlastung muss ich sagen, ich konnte mir das vor drei Jahren auch noch nicht vorstellen.

Im Bewusstsein ganz allein in diesem großen Haus zu sein und in Erinnerung der schaurigen Berichte unseres Gastgebers, verkrochen wir uns in unseren Schlafsäcken. Die Geschichte um die Einbrecher ließ Andrea wohl nicht ganz in Ruhe und so hörte sie seltsame Geräusche in der Nacht. Ich hatte gerade meine erste Tiefschlafphase, als sie mich weckte und so versuchte ich zu ihrer Beruhigung das Geräusch zu ergründen oder wenigstens zu orten. Sicher war ich mir auch nicht aber ich konnte Andrea überzeugen, dass die Geräusche von draußen kämen. Es war unterdessen etwas Wind aufgekommen und wer weiß, was da im nahe gelegenen Supermarkthinterhof so alles rum fliegt und nicht ganz niet- und nagelfest seltsame Geräusche in die Nacht entlässt.

Sicherheitshalber verschloss ich dann die Tür unseres Schlafraumes…..

….. man kann ja nie wissen!

10. Etappe, Neustrelitz – Zippelow 17 km

Die gestrigen dunklen Wolken sind davon gezogen und so starteten wir wieder in einen strahlend schönen Tag hinein. Nachdem unsere Sachen im Rucksack verstaut waren und die Matratzen wieder auf dem Speicher lagen, übergaben wir den Schlüssel und verließen das Borwinheim. Günstig fürs Frühstück war die unmittelbare Nähe des Supermarktes.

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Aufbruch am Borwinheim in Neustrelitz

Hier gibt es einen Bäcker und auch einen Metzger. Sehr eilig hatten wir es auch heute wieder nicht, denn es waren ja nur 17 Kilometer bis Zippelow. Mindestens eine Stunde unterhielten wir uns deshalb mit unseren Tischnachbarn, einem älteren Ehepaar, das uns ihre halbe Lebensgeschichte erzählte. Gegen 9 Uhr wurde es dann aber höchste Zeit los zu gehen, was sich am Ende des Tages dann auch bestätigen sollte, dass das gut so war.

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An der B97 entlang

Der Weg heraus aus Neustrelitz geht durch die Glambecker Straße. Nach einer großen Kreuzung führte er uns weiter einige Kilometer an der B97 entlang. Unsere Befürchtungen auf einer langweilige Strecke an der stark befahrenen Bundesstraße entlang gehen zu müssen, wurden zum Glück nicht bestätigt. Zwischen der Fahrbahn und dem asphaltierten Radweg befindet sich ein breiter mit Bäumen und Büschen bestandener Grünstreifen, der den Weg zu Fuß erträglich macht. Entgegen meiner im Voraus geplanten Wegführung, verließen wir auch viel eher die B97 nach links auf den Königin Louise Weg. Von Hohenzieritz, dem nächsten Ort auf den wir nun zu liefen, bis hier her kann man sich eigentlich auf die Beschilderung des Königin Louise Weges verlassen.

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Königin Louise Weg im Gebiet der Havelquellseen

Er entspricht zu 100% dem Verlauf des Pilgerweges. Ich habe auch deshalb auf die Dokumentation von fehlenden oder zerstörten Muschelzeichen verzichtet. Der sehr schöne Weg führt fast durchweg etwas hügelig durch einen dichten Laubwald. Hier und da gibt es einen kleinen See oder ein Rinnsal am Wegesrand. Kein Wunder, durchstreiften wir doch hier das Quellgebiet der Havel. Wir befanden uns in diesem Gebiet an einer Art Wasserscheide. Während fast alle Seen südlich von hier irgend wie auf natürlichem Weg oder durch einen Kanal mit der Havel verbunden waren, liegt der Tollensesee sozusagen hinter dem Berg. In ihm entspringt die Tollense, die später in die Peene mündet. Er hat also eine Verbindung zur Ostsee. Am Westufer des Tollensesees zieht sich eine Endmoränenlandschaft hin. Es gibt auf kurzer Strecke Höhenunterschiede von über 100 Metern. Und so geht es in Richtung Hohenzieritz nun auch fast ständig bergauf. Am Ortseingang beobachteten wir die Aktivitäten der örtlichen freiwilligen Feuerwehr. Während die „Alten“ neben ihrem Auto standen und uns erstaunt hinterher schauten, schleppten die Jugendfeuerwehrleute die Schläuche durch die Gegend. Ja die haben wenigstens Nachwuchs, dachte ich. Bei uns zu Hause stirbt die Feuerwehr langsam aus. Eine über 100 jährige Tradition geht zu Ende, eigentlich schade. Aber ich bin mit meinen 55 Jahren mit Abstand der jüngste Feuerwehrmann in unserem Ort. Und so dürfen wir aus Altersgründen nicht mehr aktiv eingreifen wenn es brennt. Unsere Löschaktivitäten beschränken sich nun also nur noch ein mal im Monat auf den Durst, zur Freude der hiesigen Gastronomie.

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Ortseingang Hohenzieritz

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zweites Frühstück

Doch zurück zum Weg: Durst hatten wir nach dem Aufstieg in der stechenden Sonne auch. „Das gibt noch was heute“ war mein Gedanke. Und ich hoffte, dass das erwartete Gewitter erst aufzieht, wenn wir Zippelow erreicht hatten. Die Gastronomie in Hohenzieritz bereitete sich offenbar in Ruhe auf das bevorstehende Pfingstfest vor, denn leider war alles geschlossen. Und so blieb uns nichts weiter übrig, uns auf eine etwas wackelige Bank vor dem Eingang zum Schlosspark zu setzen und unsere mitgebrachten Reserven, ein paar Minisalami und zwei gummiartige Semmeln aufzuessen. Doch ich mahnte zum Aufbruch. Hohenzieritz machte auch nicht den Eindruck, uns aufhalten zu wollen. Das Schloss betrachteten wir deshalb nur von Fern. Eine intensive Besichtigung hätte zu lange gedauert. Bevor es weiter geht aber noch ein wichtiger Hinweis: Entgegen der Veröffentlichung auf der Internetseite, gibt es im Pfarrhaus von Hohenzieritz keine Unterkunft. Dem entsprechend war die Reaktion des hiesigen Pastors, als ich ihn vor unserer Reise kontaktierte. Ich suchte hier in der Gegend eine Unterkunft, da die zunächst geplante Herberge in Prillwitz (übrigens auch im Widerspruch zur Aussage auf der Seite) auch noch nicht zur Verfügung stand.

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Schöne Aussicht zum Tollenses und nach Prillwitz

Wenn man Hohenzieritz verlässt, hat man eine schöne Aussicht zum Tollensesee und man sieht auch bereits den Ort Prillwitz, der am See Lieps liegt. Der Lieps ist durch eine Sumpfzohne mit dem Tollensesee verbunden. Die Verbindungsstraße nach Prillwitz führt recht steil bergab. Pilger auf dem Westzweig des Weges können also mit einem schweißtreibenden Aufstieg hinter Prillwitz rechnen und hoffen, dass es nicht so warm ist oder wenigstens das kleine Kaffee in Hohenzieritz geöffnet ist. In Prillwitz besuchten wir zuerst die sehr schöne Kapelle „zum guten Hirten“, die der neue Besitzer des Jagdschlosses gestiftet hat. Sie wurde 2011 aus über einhundert Jahre alten Klinkersteinen errichtet.

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Kapelle zum guten Hirten

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Kirche in Prillwitz

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Pfarrhaus Prillwitz

Die hiesige evangelische Kirchestammt aus dem Mittelalter und war ursprünglich eine Backstein – Kirche. 1730 wurde sie als Fachwerkbau umgestaltet und 1893 erhielt sie einen Turm im neugotischen Stil. Neben der sehr schönen Kanzel und dem geschnitzten Altar fällt hier die Patronatsloge mit den vielen Familienwappen ins Auge. Neben der Kirche konnten wir bereits die Fortschritte beim Umbau des Pfarrhauses bemerken. Hier soll ab dem Herbst Pilgern eine Unterkunft geboten werden. Wir wichen nun etwas vom Weg ab, um zur Bootsanlegestelle von Prillwitz zu gehen. Es besteht regelmäßiger Schiffsverkehr vom Lieps über den Tollensesee bis nach Neubrandenburg. Rechts am Weg dort hin schaut man in einen sehr schön gestalteten Landschaftspark, an dessen östlichem Ende das schon erwähnte Jagdschloss liegt. Das Jagdschloss hat eine bewegte Geschichte. Neben dem noch existierenden Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, 1890 vom Großherzog Friedrich Wilhelm des II. von Mecklenburg – Strelitz für seinen Sohn gebaut, wurde es nach 1945 geplündert und als Unterkunft für Flüchtlinge benutzt. 1955 übernahm das Energiekombinat Neubrandenburg das Haus als Ferienobjekt. Trotz einiger dem Zeitgeist angepasster Umbaumaßnahmen wurde so das Schloss wenigstens vor dem Verfall gerettet. Seit 1995 ist das Schloss ein Hotel mit Restaurant und seit 2006 befindet sich das Haus in Privatbesitz und wurde stilvoll restauriert. Die Umbaumaßnahmen dauern immer noch an. Die Parkanlagen blieben mit einigen Auflagen für die Bevölkerung zur Nutzung geöffnet. Und so sahen wir einige Leute durch den Park flanieren und viele Kinder im Park spielen.

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Schiffsanleger Prillwitz

Am Schiffsanleger trafen wir auf einige fröhliche Ausflügler, die mit dem Fahrrad unterwegs waren und hier mit ein paar Flaschen Bier, Kaffee und einem Imbiss Rast machten. Sofort wurden wir beim grüßen als Sachsen entlarvt. Etwas Smalltalk und wir gingen weiter zum Steg. Neben diesem befindet sich ein Badestrand und zwei recht beleibte Frauen hatten sich sogar in die kalten Fluten des Lieps gewagt. Von einer Insel im See drang das Geschrei hunderter Vögel herüber. Hunderte Kormorane hatten hier bereits die Herrschaft übernommen. Ihr Kot hatte die Bäume fast völlig entlaubt.

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Der Lieps

Der Lieps ist Bestandteil des 1049 Hektar großen Naturschutzgebietes Nonnenhof. Etwa 170 Vogelarten finden hier ihr Brutgebiet. Auch der Fischotter und verschiedene seltene Fledermausarten sind hier heimisch. Jährlich rasten hier während des Vogelzuges bis zu 17000 Bless- und Saatgänse, sowie verschiedene Entenarten. Im Gegensatz zum nahen Tollensesee ist hier jeglicher privater Bootsverkehr verboten. Selbst das Angeln ist untersagt. Nur die Fahrgastschiffe dürfen verkehren. Von einem solchen war aber weit und breit nichts zu sehen. Macht auch nichts, wir wollten ja sowieso die restliche Strecke bis Neubrandenburg erst morgen zu Fuß zurück legen. Auf dem gleichen Weg gingen wir nun zurück zum Ortszentrum von Prillwitz, um dieses in Richtung Zippelow, unserem heutigen Ziel zu verlassen. Die schmale Asphaltstraße wird von uralten Kopfweiden gesäumt und auf den Weiden standen Kühe einer beeindruckend massigen Rasse.

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Pilgerunterkunft in Zippelow

Nach nur kurzer Zeit erreichten wir die ersten Häuser von Zippelow. Ein heftiger Anstieg und schon war der Ort zu Ende, so glaubten wir zunächst. Doch auf der rechten Seite leuchtete an einem Briefkasten ein blau-gelbes Herbergsschild, dahinter die Nummer 6a (Straßennamen hat der winzige Ort nicht), ein mit viel Fleiß und Kreativität ausgebauter ehemaliger Stall. Drei junge Familien haben sich hier zusammen getan und ein kleines Wunder vollbracht. Ja und zwei davon öffnen ihr Haus auch für Pilger. Am Pfingstwochenende hatten wir einige Probleme, noch freie Unterkünfte zu finden. Und so war auch die Unterkunft bei Frau Falk eigentlich bereits belegt als ich telefonisch danach fragte. Macht nichts, denn ich hatte ja deshalb mein Zelt den gesamten Weg im Rucksack mit geschleppt. Fast ein wenig enttäuscht musste ich aber nun hören, dass die angekündigte Verwandschaft nun doch nicht gekommen ist und wir in die Unterkunft ins Hau könnten. Nur weil sich der Himmel bedrohlich verdunkelte und bald danach heftiger Regen einsetzte, gab ich nach und ließ das Zelt in der Hülle. Andrea stand die Erleichterung im Gesicht geschrieben. Zwei Etagen geht es nach oben in ein sehr schön ausgestattetes Zimmer unter dem Dach des alten Hauses. Selbst gemachter Apfelsaft stand zur Begrüßung auf dem Tisch.

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unser Zimmer

Eine bequeme Doppelliege wartete auf unsere Schlafsäcke. Na gut, das war alles sicher viel bequemer als im Zelt zu schlafen. Geärgert hat mich nur, dass Andrea nun recht hatte, da sie bereits vorher meinte, dass wir das Zelt eh nicht brauchen würden. Doch ich erinnerte mich wieder an die schöne Aussage von Krümel, unserem Freund in Neubrandenburg, der auch ein Zelt auf seinem Pilgerweg durch Spanien mit hatte: „Ich habe das Zelt zwar nie benutzt, es aber für den Kopf gebraucht.“ Und genau so geht es mir auch. Ich fühle mich entspannter, wenn ich weiß, wo und wie ich mein Haupt am Abend nieder lege. Vielleicht überwinde ich das mal. Aber derzeit muss ich mich damit abfinden und die Konsequenzen schleppen. So schön die Unterkunft war, hatten wir jedoch noch ein Problem – das Essen. Wir hatten vergeblich auf dem heutigen Weg nach Einkaufsmöglichkeiten gesucht und so könnte das heute ein magerer Abend werden. Frau Falk lud uns aber ein und wir aßen in ihrer urigen Küche eine Art Spinat – Kuchen (Es gibt sicher einen anderen Namen dafür, ich kenne mich da nicht so gut aus.), der sehr gut schmeckte. Uns war die Sache ja etwas peinlich. Wir wollten aber die Gastfreundschaft nicht ausschlagen, die uns die netten Leute hier anboten. Die nächste Einkaufsmöglichkeit gab es in Penzlin, das etwa 7 Kilometer entfernt ist von Zippelow. Zu Fuß ist das für den  späten Nachmittag viel zu weit. Also lieh ich mir ein Fahrrad aus, um nach dem Gewitterregen dort hin zu fahren und noch etwas einzukaufen. Hui und wie das auf und ab ging! Ja und dann noch der ungewohnte Drahtesel – es dauerte etwas, bis wir uns aneinander gewöhnt hatten. Doch eines wurde schnell deutlich, ohne Gangschaltung hätte ich an einigen Stellen schieben müssen. Diese Endmoränenlandschaft hat es in sich mit ihren kurzen knackigen Steigungen. Und ich bin gar kein guter Bergauffahrer, was sicher mit meinem Übergewicht zusammen hängt. In der Ferne sah ich die Türme der massigen Penzliner Kirche. Doch der Ort wollte einfach nicht näher kommen. Bei jeder Bergabfahrt dachte ich bereits an die Rückfahrt. Besonders in den Ort hinein ging es lange bergab. Zudem lag die einzig noch offene Kaufhalle am anderen Ende Penzlins.

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Blick aus dem Fenster unserer Unterkunft

Kurz vor Ladenschluss stand ich mit meinem Korb an der Kasse, mit ein paar Semmeln, einem Stück Käse, etwas Hartwurst, zwei Flaschen Bier (die hatte ich mir nach dieser Fahrt redlich verdient!) und einer Flasche Rotwein. Zusammen mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken fuhren wir nun noch mehr schnaufend die Berge hoch, sausten aber um so schneller von ihnen hinab. Etwas neidisch schaute ich einem Rennradler hinterher, der mich an einer Steigung förmlich stehen ließ. „Wenn ich hier mein Rennrad hätte! Na dann!!“ wollte ich ihm am liebsten nachrufen. So war ich aber froh, dass das Damenrad wenigstens einen Klettergang hatte. Nach etwa einer Stunde war ich wieder in Zippelow und ich blieb fast trocken. Kurz nach meinem Eintreffen begann es wieder heftiger zu regnen. Wir zogen uns deshalb unter ein Carport zurück, leerten unsere Flasche Rotwein und schauten auf das schöne Haus, das uns hier als Herberge diente.

Und ich war nun auch ganz froh, nicht im Zelt schlafen zu müssen.

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