Mein Camino Portugés

Natürlich hatte ich, wie jeder andere Mensch wohl auch, vom Pilgern gehört. Auch vom Jakobsweg, aber in meinem Kopf war ewig nicht, dass ich mich für einige Zeit auf den Weg begeben werde. Eher mit dem Rad durch die Natur, aber Wandern?

Nach einem etwas chaotischen Jahr kam es, dass ich noch einige Tage Resturlaub hatte und mir immer Sommer Gedanken machte, was ich damit anstellen soll. All-Inklusive-Urlaub? Couch-Potatoe? Irgendwie fühlte sich Beides nicht richtig an und da ich gerade auf humorvolle Art und Weise Achtsamkeit im Kopf hatte kam ich auf den Jakobsweg.

Als Nächstes habe ich Google befragt, welche Wege es denn so gibt und welche davon für Anfänger geeignet sind und auch in ca. 14 Tagen machbar. So kam ich auf den Camino Portugués und bevor ich es mir noch anders überlegte buchte ich den Hin- und den Rückflug. Und so gab es keine Ausreden mehr.

Start Ende Oktober und Rückreise Mitte November. Da es keine Ausreden mehr gab beschäftigte ich mich mehr und mehr mit dem Weg und natürlich auch mit dem Thema Ausrüstung. Die hatte ich dann auch bald zusammen und fing etwa einen Monat vor dem Start an ab und an mal ein bisschen zu laufen. Die Schuhe wollten ja eingelaufen werden. Ich gebe es zu in den 4 Wochen lief ich insgesamt vielleicht nur 40-45 Kilometer.

So richtig hatte mich das Laufen noch nicht gepackt und ich war echt kurz am Grübeln, ob ich das überhaupt packen kann. Dieses Grübeln ließ ich aber nicht laut werden, sondern dachte mir nur: starte einfach und Du siehst, was passieren wird. Und was passiert ist, versuche ich nun zu schildern, teilweise mit einer guten Woche Abstand und teilweise mit über zwei Monaten Abstand.

Bei Regen kam ich in Porto an und hatte einen schönen Nachmittag und Abend in der Stadt, welche ich sehr schön fand. Der Regen war nicht störend, zumindest machte er mir wesentlich weniger aus, als in der Heimat. Schon sehr komisch.

Am ersten Lauftag bin ich dann an der Kathedrale gestartet, hinunter zum Fluss und dann mit den Öffentlichen bis zum Atlantik. Das Wetter klarte auf und ich hatte wunderbare Bedingungen: Sonne, leichte Brise. War beeindruckt und glücklich. In Porto waren mir zwei Graffitis begegnet mit einem meiner Lieblingslieder („Enjoy the silence“), welches zu meinem Motto wurde.

Ach ja, ich hatte mich entschieden auf dem Da Costa anzufangen und dann auf den Central zu wechseln.

Etappe 1: Porto – Vila Cha

Kein bisschen zu weit und nicht zu kurz. Ideal für den Einstieg. Bis auf eine kurze Zeit lief ich alleine. Es waren wenige Pilger zu sehen und ich genoss die Natur und das Laufen. Den Atlantik links, die schöne Natur rechts. Herrlich. Die Ruhe, die in mir war ist schwer zu beschreiben. Ich war einfach mit mir alleine und es tat sehr gut.

Etappe 2: Vila Cha – Rates

Hier startete ich früh, es sollte Regen geben und ich wollte bis Vila do Conde laufen, um dann auf den Central zu wechseln. An diesem Tag war es trüb und ab und an kam etwas Regen herunter, was aber dank Poncho nicht schlimm war. Aber irgendwie gönnte ich mir zu wenige Pausen und war schon mittags in Rates. Mein Weg war von Einsamkeit und Ruhe begleitet. Die Landschaft empfand ich als immer schöner werdend, auch wenn ich die Bilder des Atlantiks sehr mochte. Noch war ich aber mit meinem Lauf nicht eins, wenn man das so sagen kann.

Etappe 3: Rates – Barcelos

Wieder war es ein Tag mit mir selbst, was für mich absolut in Ordnung war. Sozusagen mein Weg und mein Ankommen auf dem Camino. Und wieder hatte ich zu wenige Pausen gemacht und war gegen Mittag am Ziel. Mein Körper quittierte es mit leichtem Schüttelfrost. Trotzdem ging ich abends etwas Essen und traf die ersten deutschen Pilger in einem Restaurant. Eine schöne Abwechslung und es war klar, dass wir uns am nächsten Abend bei Fernanda wiedersehen werden.

Hier beschloss ich auch, dass ich das Buchen der Unterkünfte dann doch spontaner handhaben werde, um so zu Laufen und zu Pausieren, wie es mir gerade danach ist.

Etappe 4: Barcelos – Vitorino des Piaes

Aus den Fehlern gelernt startete ich meine vierte Etappe, die wieder schöne Landschaften bereithielt und mir noch einen Tag für mich alleine schenkte. Mit genügend Pausen und vor allem genügend Wasser kam ich am Nachmittag in Vitorino des Piaes an. Dort waren schon die beiden Pilger vom Vortag und noch eine Deutsche, zwei Finninnen, ein Amerikaner und später noch zwei Holländerinnen. Es wurde ein unglaublich schöner Abend und ich kann nur empfehlen das Erlebnis dieser Kultherberge in Vitorino des Piaes mitzunehmen.

Etappe 5: Vitorino des Piaes – Labruja

Ich startete ich mit drei Personen vom Vorabend und kurz vor Ponte de Lima waren wir dann zu sechst. Die Stille meines Weges hatte ein angenehmes Ende und man tauschte sich immer mal wieder aus. Ponte de Lima erreichten wir am Mittag und gingen gemeinsam Essen. Zu dritt machten wir uns dann noch auf den Weg nach Labruja, landschaftlich tolle Wege und ich freute mich immer mehr, dass ich meinen Weg hatte. Nun war ich so richtig bei mir. Die Tage der Ruhe hatten mir gutgetan, ebenso aus Fehlern zu lernen und nun eben mit anderen Menschen zu laufen, zu reden und auch zu schweigen.

Etappe 6: Labruja – Valenca

Nach einem guten Frühstück sind meine beiden Mitstreiter und ich los. An dieser Stelle sei angemerkt, dass direkt ab Labruja heftige Steigungen kommen und sich der Weg bis Valenca echt zieht, auch wenn die Landschaft einen immer wieder reichlich beschenkt. Kurz vor Valenca zweifelten wir, ob es eine gute Idee war diese Tour mit vielen Steigungen so zu machen. Doch wir packten es und trotz schmerzender Füße und Muskeln. Diese Etappe zeigte mir auch deutlich, dass jeder Mensch sein eigenes Tempo gehen sollte. Für uns war klar, dass es die letzte gemeinsame Etappe war, was aber nicht traurig machte, sondern dankbar für die gemeinsame Zeit.

Etappe 7: Valenca – O Porrino

Alleine startete ich meinen Weg, schaute mir die Altstadt von Valenca und die Festung an und dann wollte ich endlich über die Brücke nach Spanien. Irgendwie ein besonderer Moment, wenn man ein anderes Land zu Fuß betritt. Und das Wetter war ab der 3. Etappe einfach nur traumhaft schön. Sonne pur, 18-20°C. Diese Etappe hatte neben schönen Landschaften dann auch mehrere Begegnungen mit anderen Pilgern für mich bereitgehalten. Unter Anderem traf ich zwei Pilgerinnen aus Deutschland und Estland, die ich noch häufiger sehen sollte. Bis Mittag lief ich alleine und dann für ein paar Stunden mit den Beiden. Sie wollten noch weiter, ich blieb in O Porrino und machte mir einen schönen Abend. Wir dachten alle Drei eigentlich, dass wir uns wohl nicht wiedersehen werden.

Etappe 8: O Porrino – Ponte Sampaio

Geplant hatte ich bis Redondela zu laufen. Kurz nach dem ersten Stein mit einer zweistelligen KM-Zahl traf ich zwei Spanier und wir liefen ein paar Kilometer. In Mos lud mich der Platz an der Herberge einfach zum Verweilen ein und dort lernte ich eine deutsche Pilgerin kennen und wir beschlossen ein wenig zusammen zu laufen. Kurz danach trafen wir auf einen Kanadier, den ich am Vortag schon getroffen hatte und wir liefen als Trio weiter. Irgendwie hatten wir viel zu erzählen und dann schwiegen wir auch alle mal wieder. Es wurde ein toller Tag mit guten Gesprächen und tollen Orten und Landschaften.

In Redondela machten wir eine Pause und entschieden noch weiter zu laufen. Das Gefühl zu Verweilen kam dann in Ponte Sampaio und ich war begeistert von der Natur. Wir saßen eine Weile in einem Park, der mal eine Festung war und genossen die Aussicht. Ein absoluter Highlight-Tag für mich. Hier sei auch zu erwähnen, dass die Albergue geschlossen hatte und wir in einem Hotel mit tollem Ausblick unterkamen.

Etappe 9: Ponte Sampaio – Caldas de Reis

Aufgrund der guten Füße, die wir trotz Schmerzen hatten und der eher wenigen Orte vor Caldas de Reis war der neue Plan es eben bis Caldas de Reis zu schaffen. Immerhin gut 33 Kilometer. Frohen Mutes ging es los und die Landschaft war, wie auch das Wetter, ein Traum. Unterwegs trafen wir auf eine deutsche Pilgerin, die ich schon mal getroffen hatte (vor O Porrino) und die gerade Pause machte. Als wir so als Trio ankamen bekam sie neue Energie und lief mit uns. Die letzten Kilometer wurden dann echt anstrengend und wir wollten alle nur noch in ein Café, doch die hatten irgendwie zu. Also setzten wir uns an einen Brunnen, verzehrten die Reste, die wir so hatten und da es Trinkwasser am Brunnen gab, konnten wir auch den Flüssigkeitshaushalt auffrischen und gestärkt nach Caldas de Reis laufen. Dort trafen wir abends noch auf die Pilgerin aus Estland uns aßen gemeinsam. Der erste von mehreren gemeinsamen Abenden. Stolz und zufrieden konnte ich gut schlafen.

Etappe 10: Caldas de Reis – Padron

Jeder von uns startete alleine. Nach kurzer Zeit traf ich den Kanadier und wir liefen zusammen, trafen einige andere Pilger und die Landschaft faszinierte mich mal wieder. Unglaublich schön, wenn man zu Fuß viel mehr wahrnimmt. An einer Grundschule gab ein Lehrer jedem Pilger eine Muschel und einen Zettel mit dem Namen eines Kindes. Ziel: man mache ein Bild mit der Muschel in der Heimat oder irgendwo auf der Welt, schicke es ihm und so lernen die Kinder die Welt kennen. Eine echt tolle Idee. Der Tag verging wie im Flug und wir kamen zufrieden bei bestem Wetter in Padron an. Dort setzten wir uns in die Sonne mit einigen anderen Pilgern und irgendwie wechselten ständig die Pilger am Tisch und am Ende saß das Quintett vom Vorabend zusammen. So gingen wir auch abends wieder gemeinsam Essen und beschlossen, dass die letzte Etappe so beginnt, wie der Camino: alleine.

Etappe 11: Padron – Santiago

Unfassbar, aber wahr. Zwei Tage früher würde ich Santiago erreichen, mein Körper spielt mit und meine Füße und Muskeln fragen mich zwar, ob ich spinne, aber sie verweigern ihren Dienst nicht. Ich laufe bei Sonnenaufgang los und ich glaube man sieht mein Strahlen im Gesicht. Die Kilometzahlen auf den Steinen entlocken mir ein Lächeln, über 25 sind es und sie scheinen zu verfliegen. Ich genieße die Etappe in absoluter Stille für mich. Hier und da mal ein Gespräch mit Pilgern, aber ich kann in Ruhe meinen Gedanken freien Raum geben. Die Landschaft genieße ich, genauso wie die Tatsache, dass die Kilometer immer weniger werden. Die letzten Kilometer zur Kathedrale laufe ich mal schneller, mal langsamer. Ich weiß jetzt, dass ich ankommen werde. Als ich auf dem Vorplatz ankomme sehe ich zwei meiner Mitstreiter, jeder für sich den Moment genießend und so mache ich es auch. Eine Mischung aus so vielen Emotionen überschüttet mich und ich bin ergriffen von dem Moment. Nach und nach gesellen wir uns zueinander, trinken und essen etwas zusammen, bis wir wieder zu fünft sind. Stolz, zufrieden. Den Abend nutzen wir für ein weiteres gemeinsames Abendessen.

Dadurch, dass ich schneller als geplant war, kann ich noch zum Cap Finisterre fahren, leider nicht laufen. Immerhin laufe ich aber von Fisterra aus zu diesem beeindruckenden Platz Erde.
Dort, am Ende der Welt, konnte ich meinen persönlichen Camino noch einmal Revue passieren lassen in aller Stille und spürte die Worte des Anfangs (Enjoy the silence).

Ich bin dankbar für alle Tipps, die ich im Vorfeld bekommen habe, ob ich sie umgesetzt habe oder nicht. Aus welchem Grund man den Camino läuft ist, aus meiner Sicht, nicht wichtig, sondern diese Zeit für sich zu nutzen. Und das macht ein Jeder anders. Sein eigenes Tempo finden, eine Balance aus Stille und Austausch.

Für mich war die Entschleunigung genau richtig, die Zeit alleine, aber auch die Gespräche mit den anderen Pilgern. Und am Ende wollte ich einfach weiterlaufen und weiß nun, dass es nicht der letzte Camino für mich war. Ich habe es geschafft eine gewisse innere Ruhe zu finden und zu behalten.

Dafür bin ich absolut dankbar.

Olaf Wehrheim, 05.01.2022

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