Von der Schwierigkeit des Ankommens

Vor drei Monaten bin ich ziemlich spontan den Camino Frances gelaufen und war knappe zwei Monate unterwegs.

Ich hatte überhaupt keine Ahnung was auf mich zukommen würde. Aber ich wusste irgendwie, dass ich eine Auszeit von meinem Alltag brauchte.

Also besorgte ich mir einen Rucksack, Wanderschuhe und das nötige Equipment. Ich lies mein Handy zuhause und besorgte mir eine neue Nummer und lief los.

In den Pyrenäen dachte ich immer ein Schritt nach dem anderen. Irgendwann ist jeder Berg zu Ende.

Nach ein paar Tagen bin ich in meinen eigenen Rhythmus gekommen. Ich lernte auf dem Weg unglaublich tolle Menschen kennen.

Ich hatte anfangs große Angst alleine zu sein. Aber eigentlich passierte das nie. Es war immer jemand da und ich lernte aber gleichzeitig auch mal alleine zu sein. Ich denke ihr wisst was ich meine.

Die Tage gingen so schnell um.

An manchen Tagen wollte ich nicht einen Schritt gehen und dann gab es Momente die einfach unbeschreiblich waren. Tage an denen ich am ganzen Körper Gänsehaut von der Aussicht hatte oder etwas erlebt hatte, was eigentlich total unerwartet war.

Ich habe mich unglaublich gefreut, wenn ich Menschen wieder getroffen habe – mit denen ich mich vielleicht 5 Minuten unterhalten hatte. Und doch wirkte alles so vertraut. Man fiel sich in die Arme und war einfach glücklich.

Ein Tag nach dem anderen ging vorbei und ich erschreckte ziemlich, als es „nur“ noch 240km nach Santiago waren.

Ab dem Zeitpunkt habe ich an den Tagen kleinere Etappen gemacht.

Ich blieb mehrere Nächte in Monte de Gozo um ja nicht in Santiago anzukommen.

Und dann bin ich angekommen und konnte es nicht begreifen.

Ich glaube ich war zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht bereit.

Ich hatte nicht das Gefühl des Ankommens.

Also ging es weiter nach Fisterra. Dort schaute ich mir am Kap den Sonnenuntergang an und weiterhin hatte ich nicht das Gefühl, dass der Weg dort zu Ende ist.

Und so lief ich nach Muxia. Auch dort schaute ich mir abends den Sonnenuntergang an.

Und endlich war ich angekommen.

Es war ein unglaubliches Gefühl. Ich fühlte mich so frei wie noch nie in meinem Leben. Alles schien so einfach. Und ich dachte, es sei nun in Ordnung wieder nach Hause zu gehen.

Ich buchte mir einen Flug und es ging in die Heimat zurück.

Kaum angekommen brach ich zusammen. Alles schien mir so fremd. Alle hatten ihren Alltag und ich habe meinen Platz einfach nicht gefunden.

Es schien, als würde ich neben mir selbst herlaufen. Ich fühlte mich unglaublich alleine und das obwohl meine Familie doch um mich herum war.

Ich war unglaublich empfindlich und fühlte mich sehr zerbrechlich.

Einige Tage später fuhr ich ein paar 100km in meine eigene Wohnung und versuchte dort meinen eigenen Alltag wieder zu finden.

Mittlerweile habe ich das ein wenig im Griff bekommen (wenn man das so sagen kann) bzw. habe ich gelernt auf meinen Körper zu hören bzw. versuche es immer mehr. Aber dennoch fehlt mir etwas.

Zum einen jemand, der auch einen der Wege gelaufen ist und vielleicht verstehen kann, dass es einen einfach verändert und man aber gar nicht erklären kann was dort passiert ist.

Und zum anderen habe ich unglaubliches Fernweh und möchte eigentlich sofort wieder los.

Niemals hätte ich gedacht, dass es einen so verändern bzw. so langhaltig beschäftigen kann. Ich dachte vorher, dass ich den Weg „einfach“ mal laufe und ich war mir nicht bewusst was das für Folgen haben wird.. Plötzlich sehe ich die Welt mit anderen Augen und ich schenke ganze anderen Dingen/Situationen meine Aufmerksamkeit.

Vielleicht geht es hier jemanden ähnlich wie mir und möchte sich ein wenig austauschen.

Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen. Ihr könnt sie gerne als Kommentar unter diesen Artikel schreiben!

Ich habe das Gefühl, dass der Camino eigentlich nur der Anfang war und es erst danach richtig losgeht. Oder?

Heute Abend habe ich endlich meine Collage mit Erinnerungen vom Jakobsweg fertig gestellt. Eigentlich wollte ich die Collage nur kurz auf Facebook stellen, und dann kam alles so von alleine raus…

Viele Grüße!

Katharina Schmejkal


Und es gibt auch die anderen Erfahrungen. Pilger Jürgen Schwalbe hat uns auf diesen Artikel folgende Antwort geschickt:

Hallo Peter,

ich habe den Artikel über die Schwierigkeiten des Ankommens gelesen. Für mich gilt das nicht und ich kann es auch nicht nachvollziehen.

Noch bin ich nicht den gesamten Weg gelaufen, im nächsten Jahr soll er abgeschlossen werden. Bisher habe ich überwiegend so positive Erfahrungen gesammelt. die mich während meiner Wanderung stets begleitet haben. Hervorheben möchte ich, dass ich bei meiner Ankunft in Piet Port zwar meine Frau angerufen habe, um ihr mitzuteilen, dass ich gut angekommen bin. Danach konnte ich mir erst einmal nicht vorstellen, täglich mit ihr zu telefonieren. Aber gerade die täglichen Telefonate habe ich dann ersehnt und gewünscht. Und es war unglaublich beruhigend, dass dort in Deutschland jemand ist, der an mich denkt und im Zweifel mit mir leidet.

Eine von mehreren Eingebung sagte mir, dass ich die Wanderung vorzeitig abbrechen sollte, obwohl das nicht unbedingt erforderlich gewesen wäre. Dieser Eingebung bin ich gefolgt. Zuhause angekommen, brauchte ich keine Zeit der Eingewöhnung, warum auch? Selbst die Katze war irgendwie glücklich, dass ich wieder zurück war, obwohl man das von ihr nicht unbedingt erwarten konnte. Im Nachhinein hat sich ergeben, dass diese Eingebung der vorzeitigen Rückkehr genau richtig war. Insoweit werde ich meine Wanderung im Herbst fortsetzen.

Jeder hat seine eigenen Empfindungen, aber ich bin als glücklicher Mensch gestartet und wieder zuhause angekommen, mit vielen tollen Erlebnissen und Erfahrungen und um einige einigen Eingebungen bereichert, die ich unterwegs erfahren habe, aber trotzdem, glücklich diesen Weg gegangen und wieder zuhause zu sein.

Vielleicht kannst Du diesen Beitrag ja auch veröffentlichen, zeigt er doch ein völlig anderes Bild. Ich bin kein anderer Mensch geworden, weil ich einen Teil des Jakobswegs gewandert bin und diesen spätestens im nächsten Jahr vollenden möchte. Alles andere würde mich auch sehr nachdenklich machen.

Viele Grüße, Jürgen