Jakobsweg mit dem Fahrrad – Teil 3

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Dies ist der dritte Teil der dreiteiligen Bilderreise vom Jakobsweg mit dem Fahrrad.


28.09.11

Vega del Valcarce – Portomarin

85 km, 1650 Hm

Die letzte Provinz steht auf dem Plan. Hinter dem Pass O’Cebreiro im Kantabrischen Gebirge beginnt Galizien. Eine so ganz andere Region Spaniens, die eher an deutsches Hügelland erinnert als an Spanien. Schwarzbunte Kühe und viel Landwirtschaft sorgen für ein absolutes Kontrastprogramm zur heißen Meseta oder der weitläufigen Rioja. Der Camino führt nun oft durch tiefe Hohlwege, die einen viel Kraft und Geduld kosten.

© GPSies.com and OpenStreetMap contributors

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Heute stand der letzte große Pass der Reise an. Der O’Cebreiro auf 1300 m Höhe. Vega del Valcarce lag auf etwa 600 m. 10 Radfahrer machten sich morgens gegen 8 Uhr auf, um den Pass zu bezwingen. Ich startete etwas später und holte sie in der ersten Bar schnell wieder ein. Gestern abend wie auch heute morgen war der Pass großes Thema unter den Radfahrern. “Muy difficile!” warnten mich die Spanier. Aber die ersten Kilometer fuhren sich überraschend entspannt. Nun gut, ich war mittlerweile wieder gut in Übung. Erst später wurde der Weg zeitweise etwas steiler, aber machbar. Die Autobahn, die in Vega noch hoch über unseren Köpfen verlief, kam rasch immer näher. Irgendwann überholten mich die ersten Spanier, aber ich hielt auch immer wieder an, um Brombeeren zu naschen. Hier waren sie noch nicht vertrocknet, den ich war kurz davor Galizien zu erreichen. Galizien hat ein ganz anderes Klima als Kastillien-León. Hier ist es viel grüner, viel frischer und kälter und normalerweise regnet es hier auch viel mehr. Der Pass ist die Grenze und ich erreichte ihn zusammen mit 3 Spaniern. Mittlerweile kannten wir uns ganz gut und nutzen den Pass für ein paar Fotos. Aber es war nicht sehr warm. Nur 17°C und ein wolkenverhangener Himmel, der aber trocken blieb. Während die drei Spanier weiterfuhren, sah ich mir noch das alte keltische Dorf O’ Cebreiro an. Die Kelten, die hier einst lebten, wohnten in kleinen runden strohgedeckten Hütten, die keine Fenster und keinen Abzug hatten.

Berühmt ist der Ort für ein Hostienwunder aus dem Jahr 1300. Ein frommer Bauer kam im Sturm auf den Berg um an der Heiligen Messe teilzunehmen. Der Mönch der die Messe zelebrierte war jedoch nicht gottesgläubig und machte sich lustig über die Frömmigkeit des Bauern. Während der Eucharistie verwandelten sich Brot und Wein jedoch in den Körper Christi und der Mönch war fortan geheilt.

Es muss schon eine einsame verwunschene Gegend gewesen sein, hier oben auf dem nebeligen Gipfel des Passes. Heute kann man der kleinen Kirche einen Besuch abstatten und deren Reliqien bewundern. Neben mir waren noch einige der anderen Spanier hier oben und wir wechselten einige Worte. Nach dem Cebreiro-Pass folgte noch ein weiterer Pass, der Passo del Polo auf ebenfalls über 1300m Höhe. Danach folgte eine traumhafte Abfahrt auf einer breiten, gut ausgebauten Straße. Ab Triacastela fing es dann auch leider an zu regnen und ich holte zum ersten und einzigen Mal meine Regensachen aus der Tasche. Die Landschaft war überhaupt nicht mehr mit den vorherigen Tagen zu vergleichen. Mit überqueren des Passes war ich gefühlt wieder in Deutschland. Kalte Temperaturen, grüne Wiesen, schwarzbunte Kühe. Wie kann man so schnell von einem Klima ins andere wechseln? Nassgeschwitzt kam ich in Sarria an und machte meine Pause. Der Regen hörte zum Glück auch wieder auf und es wurde wieder etwas wärmer. Hinter Sarria bog der Camino wieder in einen kleinen Feldweg ab. Ich wollte unbedingt diese Strecke fahren, denn ich war kurz davor den Markierungsstein der letzten 100 km zu passieren. Der Weg war noch schlimmer als vorgestern. Aus einem breiten Feldweg wurde ein schmaler steiniger Pfad. Die Steine so groß, dass kein Fuhrwerk und auch kein Rad hier langfahren konnten. Es waren die für Galizien typischen Hohlwege zwischen den Feldern. Zwei weitere Radler quälten sich hier entlang und boten ihre Hilfe an. Aber ich schaffte es schon alleine und erreichte endlich den Markierungsstein. Er war so vollgeschrieben, das kein Platz mehr für weitere Worte war. Das besondere an diesem Stein ist, dass jeder Pilger, der eine Urkunde in Santiago erhalten möchte, mindestens die letzten 100 km zu Fuß gegangen sein muss. Für Radfahren und Reiter sind es die letzten 200 km. Und es wird tatsächlich voller seit diesem Stein. Immer mehr Pilger sah ich unterwegs. Auch eine Frau mit Esel oder einige zu Pferd. Aber durch diese Hohlwege quälte ich mich noch überwiegend alleine. Vorbei an Bauernhöfen, Feldern, und neben den runden Steinhäusern sah man viele Horreos, das sind auf Stelzen stehende Getreidespeicher. Als ich dann irgendwann wieder auf die Straße stieß, verließ ich diese nicht mehr. Genug der Tortur für heute. Gegen halb 6 erreichte ich Portomarin, mein Etappenziel und war mehr als enttäuscht, als ich auf die Dusche noch eine Stunde warten musste. Also vertrieb ich mir müde und verschwitzt die letzte Stunde in der kleinen Stadt, die einst auf dem Grunde des nebenliegenden Stausees lag und umgesiedelt werden musste. Die schlichte aber mächtige Kirche wurde komplett abgetragen und auf dem Marktplatz neu aufgebaut. Nachdem ich endlich duschen durfte, aß ich ein halbwegs gutes Menu del Dia und fiel danach wie tot in mein Bett. Die Beine taten weh und einschlafen konnte ich auch nicht, da einer ganz fürchterlich schnarchte. Was für ein anstrengender Tag, aber irgendwann schlief ich dann doch ein.

Aufbruch in Vega del Valcarce.

Irgendwann hat man die Höhe der Autobahn erreicht, ist aber noch lange nicht oben am Pass.

Am Cebreiro-Pass. Kühl ist es geworden mit 17°C.

Einige meiner spanischen Mitfahrer erreichten mit mir zusammen den Pass.

Das Dorf Cebreiro ist ein altes keltisches Dorf mit den typischen Rundhäusern mit Strohdach.

Dieses Dorf ist heute nur noch für den Tourismus und die Pilger erhalten. In der kleinen Kirche kann man die Reliquie, den heiligen Gral von Cebreiro bewundern.

Vielleicht erreicht hier den ein oder anderen die Erleuchtung Gottes.

Das Pilgermonument mit Blick auf Santiago vor dem Pass do Poio.

Auch hier war ich nicht alleine.

Und hier am nächsten und letzten Pass bevor es auf rasanter Abfahrt runter ging in das grüne Galizien.

Unterwegs sah man das Kloster von Samos, eines der ältesten Kloster Spaniens.

Und schon war man wieder zu Hause. Bedeckter Himmel, schwarzbunte Kühe, kühle Temperaturen. Wie in Norddeutschland und ein krasser Kontrast zu den Tagen zuvor.

Impressionen am Jakobsweg. Man ist nicht am Ende der Welt sondern voll in der Zivilisation und Coca Cola gibt es überall auf der Welt.

Galizien ist von Landwirtschaft geprägt.

Original Jakobspilgerweg, nur bedingt radtauglich. Teilweise erschwerten dicke Brocken die Weiterfahrt. Aber schön war es hier auf jeden Fall.

Der 100 km Stein. 100 km muss ein Pilger laufen, um die offizielle Urkunde in Santiago zu bekommen. 200 km mit Rad oder per Pferd zurücklegen.

Horreus, die typischen Getreidespeicher Galiciens. Sie bieten Schutz vor Nagern.

Portomarin hinter dem Belesarstausee. Ein Teil des Ortes fiel dem Stausee zum Opfer und musste umgesiedelt werden.

Die romanische Kirche von Portomarin ist groß und kompakt und schlicht in seinem inneren. So ganz untypisch für ein ansonsten sehr prunkvolles Inventar spanischer Kirchen.


29.09.2011

Portomarin – Monte Gozo

92 km, 1600 Hm

Santiago naht. Durch das landwirtschaftliche Galizien geht es zunächst noch ein paar Höhenmeter hinauf, dann aber überwiegend bergab Richtung Santiago. Die Strecke führt weiterhin durch das landwirtschaftlich geprägte Galicien mit dem ein oder anderen Hohlweg dazwischen. Aber die kleinen Anstiege können auch sehr giftig werden.

© GPSies.com and OpenStreetMap contributors

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Von den 10 gestarteten Radlern gestern erreichten 5 die Herberge in Portomarin. Die restlichen hatten sicher vorher eine Herberge gesucht, war die Strecke gestern doch recht lang. Galicien gefiel mir nicht mehr so gut, hatte es doch zu viel Ähnlichkeit mit Deutschland. Nicht das ich Deutschand nicht mag, im Gegenteil, aber Spanien ist für mich Wärme, Kargheit und Weite. Die heutige Tour sollte mich eigentlich bis Arca de Pino führen, und ich stellte sie mir recht einfach vor. Ganz so einfach wurde sie dann aber doch nicht. Zunächst begann der Tag mit Nebel. Zäh lag der Nebel in der Luft, aber die Strecke ging zunächst wieder berghoch und irgendwann fuhr man oben aus dem Nebel heraus in den strahlenden Sonnenschein. Um heute nicht zu viele böse Überraschungen zu erleben, blieb ich weitestgehend auf der Straße. Da sie nicht stark befahren waren, eine gute Alternative zum Camino, denn der Reiseführer sprach wieder von vielen Hohlwegen. Die kannte ich bereits gut genug.

Nach einer Weile sah ich zwei schiebende Spanier an einer Steigung. Der eine hatte mir am morgen noch an meinem Rad geholfen. Aber sie brauchten keine Hilfe, so dass ich sie hinter mir ließ. Kurz darauf traf ich die nächsten beiden. Alberto und Manuel hatten gerade an einem Bauernhof halt gemacht und unterhielten sich mit dem Viehbauern. Sie erklärten mir, dass die Getreidespeicher deshalb auf Stelzen stehen, damit sie Ratten abhalten. Wir fuhren eine Weile zusammen, trennten uns dann aber doch, da sie auf dem Camino weiter wollten und ich auf der Straße. Wir verabredeten uns aber zum Essen in Melide. Bis dahin genoß ich die Straße und die Landschaft. Es war weiter sehr ländlich. In den kleinen Dörfern roch es nach Stall, die Gärten waren voller Gemüse. Katzen und Hunde liefen auf den Straßen, alte Menschen saßen vor ihren Häusern oder verrichteten Feldarbeit. Auf den Feldern stand noch der Mais vor der Ernte. Nur die immer mehr aufkommenden Maronen- und Eukalyptusbäume zeigten, dass ich doch nicht in Deutschland unterwegs war.

Die Straße gefiel mir gut, allerdings ging es die ganze Zeit hoch und runter. Meine Beine wurden langsam müde, aber bald erreichte ich Melide und da die beiden Spanier noch nicht da waren, besichtigte ich die Kirche und kaufte im Supermarkt ein. Da trafen sie auch schon ein und sie zeigten mir ein einheimisches Restaurant. Lecker war das Essen in dem vollen Lokal und wir unterhielten uns immer besser. Alberto konnte etwas Englisch und so erfuhr ich, dass er aus Barcelona kam und Manuel aus San Sebastian. Manuel war arbeitsloser Ingenieur und sein Vater starb vor kurzer Zeit. Das war sein Grund auf dem Jakobsweg unterwegs zu sein, während Alberto einfach gerne Fahrrad fährt. Nach dem Essen wolten sie noch Siesta machen, ich wollte weiter. Wir verabredeten uns lose für die Herberge in Arca de Pino in 35 km. Um halb 3 sollten 35 km ja kein Problem sein, ernsthafte Steigungen sollten nicht mehr kommen. Aber es ging weiter fleißig hoch und runter und ich wagte mich dann doch nochmal auf den Camino, weil er auf der Karte einfach aussah. Nein, er war natürlich nicht einfach. Steil war er und führte über schmale Feldwege durch die schöne Landschaft. Nach einer halben Stunde wechselte ich dann aber doch wieder auf die Straße, wenn ich heute noch irgendwo ankommen wollte.

Gegen 6 erreichte ich dann auch Arca de Pino nur um festzustellen, dass die Herberge bereits voll war. Eine Engländerin sagte mir, dass die vorherige Herberge zu war und deshalb alle hier her kamen. Na toll. Also musste ich 15 weitere Kilometer fahren um bis Monte Gozo zu kommen. Lust hatte ich keine mehr. Natürlich ging es wieder hoch und runter und ich hatte keinen Bock mehr. Aber alles andere war auch ausgebucht und so half alles nichts. Es war ja noch etwas hell. Bergauf schob ich mein Rad und nach wenigen Kilometern traf ich auf ein kleines Hotel, welches sogar noch Zimmer frei hatte. Aber 45 Euro für ein Zimmer. So groß war die Not dann doch noch nicht. Auch das nächste Zimmer für 35 Euro schlug ich aus und so quälte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes hoch auf den Monte Gozo. Für die schöne Landschaft und die hübschen Dörfer hatte ich kein Auge mehr, ich wollte nur noch auf den Berg. Und tatsächlich.

Kurz nach 8 erreichte ich die Herberge und es hatte sich gelohnt. Richtig schön war es hier, leise, keine Autos. Ich legte mich ins Gras und freute mich über meine Leistung. 1300 Hm und über 90 km waren eine der längsten Strecken, die ich unterwegs war. Und ich war nun nah dran an Santiago. Man konnte die Stadt bereits von oben sehen und von dem großen Monument konnte man den Abendhimmel betrachten.

Aber ich hatte bei weitem nicht die längste Tour hinter mir. Gegen halb 10 kam der letzte Radler an. Er hatte stolze 145 km auf der Uhr. Respekt. Aber für mich reichte meine Strecke und nach dem Essen fiel ich müde und kaputt ins Bett. Was für ein anstrengender Tag.

Morgens im Nebel unterwegs.

Aber schnell war man oben aus dem Nebel rausgefahren.

Sonnig und angenehm auf dem Camino.

Ich traf Manuel und Alberto auf einem Bauernhof.

Viele Katzen und Hunde waren unterwegs zu sehen.

Wir fuhren ein Stück zusammen und trafen eine ältere Dame, die mit einem Esel unterwegs nach Santiago war.

Durch viel ländliche Gegend und Wald fuhren wir ein Stück zusammen.

Die galizischen Kirchen sind viel schlichter als die aus den vorherigen Provinzen.

Eukalyptuswälder zeigen, dass man nicht in Deutschland unterwegs ist.

Romanische Brücke am Jakobsweg.

Es war nicht mehr weit bis Santiago.

Auf und ab ging es durch grünes Hügelland.

Impressionen auf dem Jakobsweg.

Der Monte Gozo mit seinen künstlerischen Bildnissen.

Die Kapelle der Herberge, ebenfalls ganz schlicht.

Blick auf Santiago. Ganz nah war man bereits dem Ziel.

Die Herberge auf dem Monte Gozo ist riesig, aber die Zimmer sind überschaubar.


Monte Gozo – Santiago de Compostela

5 km

Jetzt verstand ich sie wirklich nicht mehr, die Pilger. Das frühe Aufstehen mochte ja seinen Sinn haben mitten auf dem Camino. Aber hier? Man musste doch nur den Berg runter gehen und schon war man da. Warum gingen die Menschen auch hier so früh los? Die Mittagshitze konnte es nicht mehr sein, das rechtzeitige Erreichen der nächsten Herberge auch nicht. Wahrscheinlich die Gewohnheit nach Wochen der Routine. Aber es ist das letzte Stück und danach folgt wieder ein anderes Leben. Vielleicht nicht für die, die weiter bis zum Ende der Welt laufen, bis Finisterre. Die hängen nochmal etwa 100 km ran. Auf jeden Fall war es noch stockdunkel als die meisten sich auf die letzten 5 km gemacht hatten. Ich ließ mir Zeit und war wieder eine der letzten. Doch bevor ich mich auf den Weg machte, sah ich mir das wunderbare Farbenspiel des Sonnenaufganges an. Das sorgte für eine passende Stimmung nun endlich ans Ziel zu gelangen.

Und dann war ich plötzlich da und stand etwas verloren vor der riesigen Kathedrale und wartete auf den täglichen Pilgergottesdienst. Das Grab des Jakobus hatte ich bereits besucht und im Pilgerbüro hatte ich mir meine Urkunde abgeholt. Welchen Grund ich den hatte fragte der Mensch am Schalter? Ja, welchen Grund hatte ich? Ich wusste es in dem Moment gar nicht so genau und antwortete etwas mit Neugier und Sport. Ob da nicht auch etwas Spirituelles dabei war oder was Religiöses? Ja, keine Ahnung. Ich sagte etwas von Spiritualität und schon unterschrieb der ältere Herr mit zufriedenen Blick meine Urkunde. Ja, so genau wusste ich es in dem Moment wirklich nicht. Und auch meine Gefühle waren eher zwiespältig: Eine Mischung aus Einsamkeit, den ich kannte hier niemanden, aber auch Freude über das Erreichte, Traurigkeit über das Ende und Ratlosigkeit die Gefühle nicht deuten zu können. Die Erwartungen waren so groß, die ganze Zeit hatte man Santiago im Kopf aber dann war man da und es war so ernüchternd. Aber wie sollte man sich hier verhalten? Ausflippen? Auf die Knie fallen? Göttliche Eingebung bekommen? Ich wusste es nicht, bei mir tat sich gar nichts, aber es fühlte sich trotzdem gut an endlich hier zu sein. Und dann traf ich doch noch Alberto und Manuel und die Freude des Wiedersehens war groß. Und endlich läutete die Kathedrale zum großen Gottesdienst. Das muss man sich mal vorstellen: Jeden Tag im Jahr Punkt 12 läuten die Glocken und jeden Tag findet ein großer Gottesdienst statt. Die Kathedrale war voller Pilger. Es waren hunderte, wenn nicht noch mehr. Mir gefiel der Gottesdienst gar nicht so sehr. Er war trocken und ernst. Ich verstand kein Wort. Es fühlte sich langweilig an. Mir kam die prunkvolle Gottesverehrung zu krass vor. Nur die Nonne, die gesungen hatte, hatte eine wunderschöne Stimme. Auch hier fand ich nicht das erhoffte Gefühl nach dem ich suchte.

Nach dem Gottesdienst fand auf dem Marktplatz eine große Feria statt. Ein Mittelaltermarkt, der nun in der Mittagszeit im vollen Gange war. Auf einem riesigen Grill wurde Fleisch gebraten, Tintenfische schwammen in Kochtöpfen, Musikanten und Tänzer wandelten durch den Markt. Ich gönnte mir ein teures Essen und traf noch einige Holländer, denen ich nie begegnet sind, die mich aber öfters auf dem Rad gesehen hatten. Auch traf ich vor dem Pilgerbüro, an dem sich nun eine lange Schlange gebildet hat, die anderen spanischen Radler. Nach einigen letzten Worten und Verabschiedungen verließ ich Santiago am frühen Nachmittag. Das sollte es jetzt gewesen sein? Aber was sollte ich machen, die Reise war für mich noch nicht ganz zu Ende. In drei Tagen musste ich in Porto sein. Dort ging mein Flug zurück nach Hause.

Soll das eine göttliche Eingebung sein am frühen Morgen kurz vor Santiago?

Die Einfahrt nach Santiago war sehr unspektakulär. Man fühlte sich auf den Einfahrtstraßen zwischen dem morgendlichen Berufsverkehr irgendwie fehl am Platz. Der Zauber des Camino verflog so kurz vor der Ankunft.

Aber die Zeichen waren immer noch da. Immer der Muschel nach.

Und dann war ich endlich da. Vor der großen Kathedrale in Santiago de Compostela.

Morgens war das Pilgerbüro noch recht leer. Hier bekommt man seine langersehnte Urkunde.

Jeden Tag um 12 Uhr findet der Pilgergottesdienst da. Das vierschiffige Kirchenschiff ist von allen Seiten sehr gut besucht. Der Gottesdienst auf spanisch und für mich viel zu pompös.

Draußen fand eine mittelalterliche Feria mit viel Essen, Musik und Tanz statt.


30.09 – 03.10.2011

Santiago – Porto

Ich verließ etwas betrübt Santiago. Nun gab es keine Pfeile und Zeichen mehr. Um schnell aus der Stadt zu kommen, nahm ich die Schnellstraße. Damit war der Spaß endgültig vorbei. Verkehr ohne Ende, Autos, LKWs, Gestank, Hitze, Lärm. Glücklicherweise eher bergab als bergauf. Berghoch hatte ich kaum noch Energie, überlegte ob der Zug nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre, aber der Ehrgeiz so viel wie möglich mit dem Rad zu fahren, war zu groß. Ich hielt mich halbwegs an die Strecke des Camino Portugese, dem Jakobsweg, der von Portugal nach Santiago verlief. Das hatte den Vorteil möglichwerweise günstig in Pilgerherbergen schlafen zu können, wenn ich den eine fand. Ich hatte über diesen Pilgerweg keine Informationen. Gegen 7 erreichte ich Pontevedra und erfuhr, das es direkt am Bahnhof eine Pilgerherberge gab. Das traf sich gut, den am nächsten Tag konnte ich somit ein Stück mit dem Zug überbrücken. Ich hatte keine detailierten Karten mehr und wollte mich nicht verfahren. Das Stück bis Vigo sah mir zu kompliziert aus. Also übernachtete ich in der kleinen Herberge.

Am nächsten Morgen fuhr ich für 3,50 € nach Vigo. Die kurze Bahnfahrt war sehr schön. Ich konnte das Meer sehen, sah Muschelfarmen und kleine Fischerboote. Nachdem ich die Stadt Vigo verlassen hatte, wurde die Strecke wieder richtig schön. Viele Rennradfahrer waren unterwegs und die überwiegend flache Straße ließ sich gut fahren. Auf der rechten Seite siah man immer wieder den Atlantik, blau war er, kaum Wellen und es war angenehm warm. Die 50 km bis A Guarda vergingen sehr schnell. Dort bestellte ich mir vor der Fähre über den breiten Rio Mino in einer Bar Churros und sah den kleinen grünen Papageien zu, die in den Bäumen schnatterten. Die Fähre stellte die Grenze zwischen Portugal und Spanien dar.

Portugal gefiel mir gar nicht. Die Strecke verlief nicht mehr am Meer, die Landschaft wurde langweiliger. Portugiesische Männer pfiffen mir hinterher oder bequatschten mich, Autos fuhren viel zu dicht und schnell an mir vorbei. 25 km hinter der Grenze sollte ein Campingplatz sein, doch ich konnte niemanden fragen, wo der Weg genau langging, den portugiesisch war für mich unverständlich. Als ich ihn endlich fand, war er geschlossen. Erst spät abends gegen halb 9 erreichte ich weitere 25 km später den nächsten Campingplatz und wollte einfach nur noch schlafen. Die Häßlichkeit des Campingplatzes erreichte mich nicht mehr. Ich war einfach nur noch froh im eigenen Bett zu schlafen.

Der nächste Tag wurde nicht besser. Dummer Sprüche, glotzende Menschen, keine Grüße. Warum war Portugal so anders? War es nur Einbildung weil meine Laune nicht so gut war? Keine Ahnung, aber es gefiel mit einfach nicht hier. Auf dem Camino waren die Leute viel freundlicher, alles war netter und schöner. Ich war so schlecht gelaunt, dass ich aus Wut sogar Rennradfahrer mit meinem schwerbepackten Rad überholte. Was für Schlaftabletten. Am späten Nachmittag erreichte ich den Flughafen von Porto und suchte mir eine kleine Pension nahe des Terminals. 37,50€ für eine Nacht. Was für ein Wucher. Portugal ist normalerweise deutlich günstiger als Spanien, aber nun gut.

Aber so unangenehm die letzten beiden Tage teilweise waren, so schön war der letzte Abend am Meer. Und hier am Ende der Reise hatte ich sie: meine Begegnung auf die ich die ganze Reise gewartet hatte. Eine Begegnung, die mir die Antwort darauf gab, das es richtig war, diesen Weg zu gehen. Ich hatte somit meine Mission beendet. Es muss nicht die Kirche sein und es muss nicht Santiago sein. Es kann auch woanders passieren. Und in diesem Augenblick fügte sich alles zusammen und ich konnte mit positiven Gedanken und mit vielen schönen Eindrücken und Erinnerungen die Heimreise antreten. Der Camino wird mir noch lange im Kopf bleiben und ich war froh, damals im Bad meines Freundes Stefan dieses Buch gefunden zu haben.

Ich kann jedem empfehlen sich zu überlegen ein Stück auf dem Camino zu wandern. Man muss nicht religiös sein, sollte vielleicht eine gewisse Offenheit zum Glauben und den Menschen haben. Der Weg kann einem viel geben und man kann viel sehen und erleben und neue Eindrücke und Sichtweisen sammeln. Die spanische Landschaft ist einzigartig und alleine die Tatsache, dass schon Millionen Menschen diesen Weg vor einem gegangen sind, lässt einen demütig werden.

Ich hoffe ihr hattet etwas Spaß mit mir auf dieser Reise und konntet euch ein paar Inspirationen holen. Ich werde sicher irgendwann wieder kommen, und wenn alles gut läuft werde ich die Zeit haben, den Weg eines Tages komplett gehen zu können.

Die Rückreise zum Flughafen in Porto verläuft direkt am Atlantik.

Die frische Seeluft eine angenehme Alternative zum heißen spanischen Inland.

Somit ging eine lange schöne Reise zu Ende.

Und auch ich bin ihm begegnet. Dem, was man sucht und was nicht greifbar ist. Dafür braucht man keine Kirche und keinen Glauben. Nur etwas Offenheit für die Magie des Pilgerns und wer weiß, vielleicht gibt es sie ja doch, diese höhere Macht……..


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Autorin:Ich heiße Karin, lebe in Delmenhorst bei Bremen und reise sehr gerne mit Rad und Gepäck, teils mit Partner aber auch immer wieder gerne alleine. Auf meinem Blog stelle ich meine gefahrenen Radstrecken in Deutschland und Europa vor. Vielleicht ist ja der ein oder andere Tipp für euch dabei.