Camino 2024

Eine (erfundene) Kurzgeschichte vom Jakobsweg:

Ein Pilger in der Mitte des Lebens hatte schon viele Kilometer auf dem Jakobsweg zurückgelegt. Über weite Strecken ging er allein oder in Gesellschaft einzelner Pilger oder Pilgerinnen und genoss Ruhe und Austausch, Suchen und Finden des Weges, Einsamkeit und überschaubare Gemeinsamkeit auf dem Weg und in den verschiedenen meist sehr persönlich und herzlich geführten Herbergen.

Er ging am späten Vormittag von Estella zum Kloster von Irache.

Ein kleiner Hinweis am Weg auf eine „Fuente del Vino“ ließ ihn kurz aufmerken, hing dann aber wieder in Gedanken seinen Erfahrungen nach: Dieser Weg – er war bisher meist eine der jüngsten unter den Pilgern – müßte doch auch eine wunderbare Erfahrung für junge Menschen am Anfang ihres eigenständigen Lebens sein. Vielleicht waren viele Ungewissheiten und Schwierigkeiten: Wie finde ich den Weg, wie eine gute Unterkunft? Halte ich es körperlich durch, wie versorge ich mich? – ein Hindernis für junge Menschen.

Als er erneut einen Wegweiser zur Fuente del Vino sah, suchte er sie und fand einen Wasserhahn und einen Hahn aus dem Wein floss! Beide im aufgestellten Boden eines alten Fasses verankert, ein wenig gammelig, eher unauffällig und wenig aufwändig – der Wein jedoch war ausgezeichnet und so trank er vielleicht den einen oder anderen Schluck mehr, als ihm gut tat.

Die Hitze des Mittagstags tat beim Weitergehen ein Übriges und so versank er beim Gehen erneut in Gedanken…

Der Weg weitete sich, war planiert und zog sich wie ein einladendes Band durch die hügelige Landschaft. Große Wegweiser in leuchtendem Blau mit deutlichen gelben Pfeilen wiesen ihm den Weg, ohne dass er ihnen große Aufmerksamkeit schenken musste. Laufend waren kleine, hübsch angelegte und schattige Oasen.

Es wurde lauter, als er zu einer der groß angekündigten Bars kam – ja eigentlich war’s mehr ein peppiger Rastplatz an der Autovia nach Santiago. Internet, Spiele, Trinken, Essen und aller touristischer Bedarf konnten gedeckt werden. Ja es gab sogar die Zusage, keinen Rucksack zu benötigen, da alle 4 km eine Raststation den Pilger pflegte. Selbst Massagen wurden immer wieder angeboten.

Erstaunt stellte der Pilger fest, dass hier auch viele junge Menschen fröhlich unterwegs waren: auf der Suche nach „Abenteuer“ und „Spaß“, ja sogar das Wort „Chillen“ fiel. Er fand auch einen Plan vieler neuer Recration-Center, called „Herberge“, für Hunderte von Pilgern in modern eingerichteten 2-3 Bett-Zimmern mit schalldichten Wänden. Man konnte sich direkt einloggen, per Mausklick auswählen und für die Nacht reservieren.

So kam er am frühen Abend mit einem lebendigen Strom von Pilgern zu „seiner Herberge“ – großer Empfang mit Cocktail und erster Poolparty – krass! Topzimmer und 1A-Sanitär samt Flyer für das Abend- und Nacht-Animationprogramm: Bitte am Zimmer TV über Intranet einloggen. Leider fand er kein geistlich-spirituelles Angebot. So beschloss er den Tag in Ruhe und besinnlich für sich ausklingen zu lassen.

Doch hier hatte er die Rechnung – apropos Rechnung: er fand die Unterkunft erstaunlich teuer – ohne die Animateure gemacht. Sie luden ihn permanent zu Sessions, Meetings, Fun und Party ein.

Er wollte kein Spielverderber sein und ließ sich darauf ein.

Die meisten Pilger waren nur ein, zwei Wochen – all inclusive – unterwegs, suchten Spaß mit den anderen und lächelten ein wenig über ihn, der schon so lange unterwegs war und auch regelmäßig betete.

Als es nachts um halb drei in die schalldichte Pilger-Disco gehen sollte, zum absoluten Chillout, stieg er aus und floh fast in sein Zimmer, wo er sich völlig entnervt und ganz anders erschöpft als all die Tage zuvor in sein automatisch frisch bezogenes Bett fallen ließ… und beim Aufprall auf die Matratze erschrocken gewahr wurde, dass er nun schon über 2 Stunde in praller Sonne ohne zu trinken – der Wein von Irache war das Letzte gewesen – gelaufen war. Er hatte wohl vor sich hin geträumt, hatte durch gnädige Führung seinen Weg nicht verloren und fand einen einsamen, aber herrlich Schatten spendenden Baum, um auszuruhen – und sein Herrgott schickte ihm einen kühlen Luftzug!

Nein, so hatte er sich das nicht gedacht. Sein Camino und seine Erfahrungen waren wohl auf die fehlende Perfektion und die Schwierigkeiten, die Umwege, das Suchen – und Finden!, das Beglückende und das Spirituelle der einfachen Art angewiesen. Er aß ein wenig aus seinem Rucksack und trank das Wasser aus dem letzten Brunnen, das inzwischen schon ein wenig warm geworden war. Er las in seinem Führer, dass die nächste Herberge, die sehr klein sei, noch rund 8 km weit ist, und beschloss, dort unter zu kommen.

Es wurde noch anstrengend, recht ermüdend und schweißtreibend; er fand auch nur ein altes Café mit ein paar Einheimischen, um sich zu stärken, aber er war glücklich, als er an der Herberge ankam. Er bekam auch hier sogleich etwas zu trinken, ein kühles, erfrischendes Wasser mit einem Minzblatt, und erfuhr, dass es eine gemeinsame Mahlzeit gibt. Er spürte sofort, dass diese Herberge eine ganz besondere Ausstrahlung und spirituell-geistliche Prägung hat. Er genoss die Dusche, noch mehr das gemeinsame Essen und die guten Gespräche im kleinen Kreis Gleichgesinnter.

So war er ganz zufrieden und erkannte, dass vielleicht nicht alle den Weg laufen konnten und sollten. Er genoss die Ruhe der Nacht – und weil’s so schön war, gönnte er sich in dieser Herberge einen Tag Pause, um sich ein wenig zu sammeln und seine Dinge in Ruhe zu ordnen.


Dies ist eine der drei Pilger-Kurzgeschichten von Wolfgang Janowsky.

Die anderen beiden sind