Das Hütchen

Eine (erfundene)  Kurzgeschichte vom Jakobsweg:

Es war einmal ein Mann, der in der Mitte seines Lebens aufbrach, den Jakobsweg in Spanien zu gehen. Ungeübt, voller romantischer Illusionen brach er mit viel zu viel Gepäck klassisch auf der französischen Seite der Pyrenäen auf.

Das Wetter war ihm wohl gesonnen, aber der viel zu schwere Rucksack, die dauernden steilen Anstiege und seine geringe Bergerfahrung machten ihm das Leben zunächst zur Hölle.Er schlief nachts schlecht, er lief tags schlecht mit Schmerzen, Blasen und dem dennoch festen Willen, das gesteckte Ziel zu erreichen – trotz aller erster Zweifel, warum er sich auf solch ein Unterfangen eingelassen habe.

So hielt er eine ganze Zeit durch. Die Blasen heilten, der Rucksack wurde entrümpelt, die Schultern gewöhnten sich an die verbliebene Last.

Doch nun kam die heiße Sonne Spaniens.

Er wollte den Weg zwingen. Und lief von morgens bis abends. Die Sonne brannte über Mittag erbarmungslos – aber wer wird – wie die faulen Spanier – denn eine mehrstündige Siesta machen! Er trank zu wenig, die große Wasserflasche war ihm zu schwer, nachdem er doch sein Gepäck gerade so weit reduziert hatte! Und – wer weiß, ob man aus den spanischen Brunnen trinken kann.

An einem besonders heißen Tag, an dem er eine besonders lange Etappe bewältigen wollte, erreichte er mit Müh’ und Not noch eine Pilgerherberge am Nachmittag – weit vor seinem Ziel. Er setzte sich davor in den Schatten und fiel in einen deliriumsartig tiefen Schlaf – und wachte erst in der Nacht wieder auf: verzweifelt, geschwächt und mit der gereiften Überzeugung, diesen mörderischen Schwachsinn aufzugeben.

Doch als er die Augen aufschlug, blinzelte ihm ein großer heller Stern freundlich zu – genau aus der Himmelsrichtung, in die er gehen wollte, sollte? Es war ein Blinzeln wie: komm! Es war ein Zeichen der Ermutigung, der Freude, ja der Erleichterung für ihn. Und er fiel wieder in Schlaf.

Ihm träumte von einem fröhlich tanzenden Hut, der auf dem Weg vor ihm ging.

Mit den ersten Pilgern wachte er auf. Er nahm erneut und ermutigt seinen Rucksack auf und zog noch einmal los. Nach 2 Stunden in der kühlen Morgenluft tauchte vor ihm ein fröhliches Hütchen auf – träumte er?? Er ging ein wenig schneller, noch hatte er Kraft. Der Hut saß auf dem Kopf einer jungen, fröhlichen Pilgerin!

Er sprach sie an: wohin und woher? So entspann sich ein gutes Gespräch. Er merkte kaum, wie sie voran kamen! Doch plötzlich sagte sie: Lass’ uns eine lange Pause machen, es wird zu heiß. Er widersprach zunächst, wir, nein er zumindest müsse weiter – er dachte an Santiago, den Stern, aber auch an den Hut aus seinem Traum, wie fröhlich der war! Und so rasteten sie im Schatten an einem See. Er nahm ein Bad, sie tranken viel Wasser und noch einen kräftigen Kaffee im nächsten Ort und zogen am späten Nachmittag noch einmal los.

Wie wie leicht lief es sich! Die Luft wurde frischer und sie kamen gut voran. Diese Nacht träumte er von Santiago, dem Stern, der Sonne und dem Hut.


Dies ist eine der drei Pilger-Kurzgeschichten von Wolfgang Janowsky.

Die anderen beiden sind